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Der Traum von Muskeln: Immer mehr Jugendliche nehmen Anabolika

Stark sein und stark aussehen – das ist der Traum von immer mehr Jugendlichen. Um ihm näher zu kommen, schrecken sie vor Anabolika nicht zurück. Auch Mädchen folgen dem Trend. Doch die Jugendlichen unterschätzen, welche grossen Gefahren das Dopingmittel mit sich bringt. 

Anabolika: Junger Mann trainiert im Schlafzimmer mit Hantel

Der Traum von harten Muskeln: Immer mehr Jugendliche trainieren dafür nicht nur regelmässig, sondern greifen auch zu Muskelaufbaupräparaten. Bild: GettyImages Plus, SolStock

Was wünschen sich Jugendliche? Die Zahl der Jugendlichen, die besonders gern ein Sixpack hätten, steigt – und zwar nicht nur bei Jungs, sondern auch bei Mädchen. Suchtberater warnen. Denn ein Sixpack und grosse Muskeln bedeuten harte Arbeit. Es sei denn, man hilft nach. Und das machen offenbar immer mehr junge Menschen in der Schweiz. Es sei leicht für Jugendliche, über «Dealer» in Fitnesstudios oder über das Internet Anabolika zu erwerben, so die Experten.

Was sind Anabolika?

Anabolika sind Substanzen, die zu einer verstärkten Bildung von Proteinen führen und damit eine Zunahme der Muskelmasse bewirken. Dabei handelt es sich meistens um sogenannte anabole Steroide, also Testosteron oder künstlich hergestellte Steroide, die wie Testeron wirken. «Anabolika gelten als Dopingmittel und sind illegal. Privatpersonen dürfen keine Dopingmittel mit sich führen beziehungsweise sich zusenden lassen», warnen die regionalen suchtmedizinischen Netzwerke, Träger der «Praxis Suchtmedizin».

«In den letzten Jahren nahm die Zahl der am Zoll beschlagnahmten illegalen Heilmittel, vor allem Muskelaufbaupräparaten, massiv zu. Anabolika sind gegenwärtig nach den Potenzmitteln die am zweithäufigsten illegal importierten Substanzen in die Schweiz», so die Suchtprävention Schweiz. «Dies deutet auf einen Anstieg der Einnahme von Anabolika hin.» Diesen Eindruck bestätigt Sportmediziner Roman Gähwiler, Arzt am Kantonsspital Aarau. Seiner Doktorarbeit zufolge, die sich mit diesem Thema befasst, konsumieren auch immer mehr junge Frauen Anabolika, um mehr Muskelmasse aufzubauen.

Anabolika haben es in sich

Doch Anabolika haben ein grosses Gefahrenpotenzial in sich. Was die Suchtprävention Kanton Zürich erklärt, rüttelt auf: «Beim Konsum von Anabolika wird der natürliche Hormonhaushalt gestört und teilweise ausgeschaltet.» Eine Vermännlichung mit tiefer Stimme, verstärkte Körperbehaarung, Vergrösserung der Klitoris, Rückbildung der Brüste und Störung der Menstruation könne bei Frauen eine Folge sein. «Bei den Männern kommt es zu einer Verweiblichung mit Brustwachstum, Schrumpfung der Hoden und einer Störung der Spermienproduktion.»

Körperwahn wird zur Sucht

Viele Jugendliche dürften um die Gefahren wissen. Doch der Wunsch nach einem muskulösen Körper, ist oft stärker als der Verstand. Fitness-Influencer und der Körperkult auf Social Media verstärken den Druck, ein bestimmes Aussehen haben zu müssen. So nimmt das Thema Muskelaufbau im Alltag eine immer stärkere Rolle ein. Unabhängig davon, ob es um Ernährung, Freizeitgestaltung oder halt eben Anabolika geht – alles wird auf das Ziel des perfekten Körpers abgestimmt.  Als «süchtig» würden sich wohl aber die wenigsten Jugendlichen bezeichnen. Gefahren werden verdrängt. Sich einzureden, man hätte alles im Griff, ist typisch für eine Sucht. Auch die Tatsache, dass man bereit ist, Anabolika zu kaufen, obwohl dies nur illegal möglich ist, lässt den Druck der Sucht erkennen. 

Was zu einer Störung des Selbstbilds führt

Studien zeigen: Betroffen von diesem Körperwahn sind vor allem Jugendlichen mit geringem Selbstwertgefühl, die mit ihrem Körper hadern. «Heute weiss man, dass Hänseleien in der Kindheit, Kritik von Erwachsenen gegenüber dem Körperbild der Kinder, aber auch Druck von Gleichaltrigen zu einer starken Körperunzufriedenheit führen können», heisst es bei der Zürcher Fachstelle zur Prävention des Suchtmittelmissbrauchs ZFPS. Selbst Jugendliche, die schon mit beträchtlichen Muckis glänzen, nehmen ihren Körper als zu dünn und schmächtig wahr, wie die Experten wissen. Genug ist nie genug. In seiner Doktorarbeit spricht Roman Gähwiler daher von einer «Störung des Selbstbildes». 

Was Eltern tun können

Sport an sich ist positiv belegt. Viele Eltern unterstützen ihr Kind gern, wenn es seinen Körper trainieren möchte. Es dauert, bis Zweifel daran aufkommen, ob das Ausmass des Trainings noch gesund ist. Dass Anabolika im Spiel sind, bekommen Eltern oft nicht mit. Eltern, die sich fragen, ob ihr Kind illegale und schädliche Dopingmittel einnimmt, sollten das Gespräch suchen. Wenn sich ihre Sorgen im Dialog nicht zerstreuen, sind das nationale Kompetenzzentrum für Prävention, Forschung und Wissensvermittlung im Suchtbereich «Sucht Schweiz» und regionale Suchtberatungsstellen gute Ansprechpartner. 

Vorbeugend ist es wichtig, das Kind ganz nach dem Motto «Wir lieben dich so wie du bist» zu stärken. Denn Kinder dürfen sein, was sie sind und wer sie sind. Eltern sollten keine Zweifel aufkommen lassen, dass das Kind gut ausschaut. Kinder sind niemals zu klein oder zu dünn oder zu schmächtig. Sie sind allenfalls wendig oder besonders beweglich. Wer es schafft, seinem Kind das Gefühl zu geben, dass es sowohl mit seinem Wesen als auch mit seinem Körper liebenswert ist, macht ihm ein ganz besonderes Geschenk.