Das erste Mal: So öffnen Eltern die Tür für Fragen ihres Teenagers

«Das erste Mal» ist für Jugendliche ein besonderes Erlebnis, an das sie sich ihr ganzes Leben erinnern werden. Wie Eltern mit ihrem Teenager darüber sprechen können, weiss Sexualpädagogin Lilo Gander von der Fachstelle «Lust und Frust» der Stadt Zürich.

Jugendliebe: Wenn Teenager das erste Mal intim werden, sollten sie aufgeklärt sein

Jugendliebe: Eltern sollten mit ihren Teenagern möglichst unverkrampft über das erste Mal sprechen. (Bild: jacoblund/iStock, Thinkstock)

Frau Gander, Eltern schauen dem ersten Geschlechtsverkehr ihres Kindes mit gemischten Gefühlen entgegen. Wieso?

Eltern wollen, dass ihr Kind «das erste Mal» möglichst schön erlebt und gute Erfahrungen macht. Daraus können sich Sorgen ergeben. Eltern dürfen sich Sorgen machen.

Welche Sorge beschäftigt Eltern besonders?

Erst vor wenigen Tagen hat mich eine Mutter angerufen, die sich um ihre 14- oder 15jährige Tochter sorgte. Sie befürchtete, ihre Tochter würde Freundschaft über Sexualität suchen, also ihren Körper hergeben, um Zuneigung und Liebe zu finden. Diese Angst gehört zu den typischen Sorgen von Eltern, wenn es um «das erste Mal» geht.

Ist die Sorge Ihrer Meinung nach berechtigt?

Es gibt gute Gegenargumente. Diese ergeben sich aus den Untersuchungsergebnissen einer 2015 von der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung durchgeführten Studie, in deren Rahmen 3.568 Jugendliche befragt wurden. Demnach haben nur sieben Prozent der 14-jährigen Mädchen bereits Geschlechtsverkehr. Und nur sechs Prozent der 14- bis 25-jährigen jungen Frauen findet, dass «das erste Mal» viel zu früh stattfand. Das sind Zahlen, die Eltern Druck nehmen können.

«Das erste Mal» beschäftigt auch Eltern von Jungen.

Hier drehen sich die Gedanken eher um den Konsum von Pornographie. Eltern fürchten, dass das Bild, das ihr Sohn von Geschlechtsverkehr entwickelt, zu sehr von Medien geprägt ist. Sie glauben, ihr Sohn schätze die Bilder vielleicht nicht richtig ein und habe eine unrealistische Erwartungshaltung an Sexualität. Doch aus meiner beruflichen Erfahrung weiss ich, dass sich Jungen für pornographische Bilder meist deshalb interessieren, weil sie sie lustig oder absurd finden, und nicht glauben, sie kopieren zu müssen. Wichtig ist aber, über das Thema zu sprechen.

Jugendliche reagieren oft abweisend, wenn Eltern ein Gespräch über Sexualität suchen. Wie können Eltern das Thema geschickt ansprechen?

Ich glaube, Jugendliche warten auf Signale ihrer Eltern. Eltern können zum Beispiel sagen: «Ich weiss, dass in Deinem Alter Sexualität ein Thema wird. Ich möchte, dass Du sie schön erlebst. Komm zu mir, wenn Du Fragen oder Sorgen hast.» So signalisieren Eltern: «Die Tür zu mir ist offen.» Wenn dann Jugendliche ein solches Gesprächsangebot aufgreifen, tun sie es freiwillig. Das Gespräch wird ihnen nicht aufgezwungen. Das schafft eine gute Atmosphäre.

Es gibt sicher auch Eltern, die Schwierigkeiten haben, über Sexualität zu sprechen.

Immerhin 59 Prozent der jungen Frauen sprechen mit der Mutter über «das erste Mal», 64 Prozent mit der besten Freundin. Jungen reden eher ungern mit ihren Eltern über Sexualität. Jugendliche sollten deshalb wissen, dass sie sich auch an Beratungsstellen wenden können. Eltern, denen das Reden schwer fällt, können Bücher und Broschüren besorgen, die sie diskret auslegen. Ihr Kind wird sie finden, wenn es sie braucht.

Was sollten Jugendliche über Verhütung wissen?

Wichtig ist, dass sie sich damit auseinander setzen, was die besten Verhütungsmittel sind. Sie sollten wissen, dass ein Kondom nicht nur vor Schwangerschaft schützt, sondern auch vor Infektionen. Bei Beratungen mache ich immer darauf aufmerksam, dass nach einem ungeschützten Geschlechtsverkehr die Möglichkeit der Notfallverhütung besteht. Schweizer Apotheken und Beratungsstellen der sexuellen Gesundheit geben sie nach einem Beratungsgespräch auch Jugendlichen unter 16 Jahren aus. Eltern sollten ihrer Tochter signalisieren, dass sie sie zum Frauenarzt begleiten, wenn sie ein anderes Verhütungsmittel als das Kondom benutzen will.

Welche weiteren Aspekte sollten Eltern ansprechen?

Es ist schön, wenn Eltern ihr Kind wissen lassen: «Beim ersten Mal klappt vielleicht noch nicht alles. Vielleicht seid Ihr zu aufgeregt, vielleicht verlässt Dich der Mut. Dann darfst du sagen: Heute möchte ich doch lieber nicht.» Für beide, Jungen und Mädchen, ist es wichtig zu wissen, dass sie aus einem «Ja» ein «Nein» machen dürfen und dass ein «Nein» ein «Nein» ist.

Finden Jugendliche einen geschützten Raum für «das erste Mal»?

Jugendliche planen in der Regel «das erste Mal», wenn die Eltern sicher nicht da sind. Mädchen und Jungs, die rigide aufwachsen, organisieren sich manchmal bei Freunden eine Gelegenheit für «das erste Mal». Von Jugendlichen habe ich auch schon gehört, dass sie ein Hotelzimmer gemietet haben, um in aller Ruhe «das erste Mal» auszuprobieren.

 

Lilo Gander

(Bild: zVg)

Zur Person:

Sexualpädagogin Lilo Gander leitet den Fachbereich Sexualpädagogik und Beratung bei der Fachstelle «Lust und Frust» www.lustundfrust.ch der Schulgesundheitsdienste der Stadt Zürich. Die Fachstelle bietet sexualpädagogischen Unterricht als Ergänzung zur schulischen Sexualaufklärung an. Darüber hinaus können Jugendliche zwischen zehn und 21 Jahren das kostenlose, anonyme Beratungsangebot der Fachstelle in Anspruch nehmen. Ziel der sexualpädagogischen Arbeit ist, dass Kinder und Jugendliche mit ihren Rechten auf eine selbstbestimmte Sexualität, mit ihren Gefühle, Bedürfnissen und Wünschen wie auch Grenzen vertraut werden. Zudem thematisiert die Fachstelle Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Krankheiten oder ungeplante Schwangerschaften.

Weiterführende Links

Studie «Jugendsexualität 2015» der deutschen Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA)

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