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Hotel Mama: Machs dir bitte nicht allzu bequem!

Sie bekommen die Hosen gewaschen, das Essen gekocht und das Zimmer bezahlt: Junge Erwachsene, die mit Mitte 20 noch im Hotel Mama wohnen. Familientherapeut Jürgen Feigel aus Brittnau erklärt, warum Eltern sich nicht alles gefallen lassen sollten.

Junge Erwachsene müssen lernen, dass sie ihre Wäsche selbst aufräumen müssen.

Wäsche waschen oder aufräumen: Nicht alle Eltern haben Lust, ihren erwachsenen Kindern im Hotel Mama Full-Service zu bieten. (Bild: dstaerk/iStock, Thinkstock)

Ihre Tochter ist zwar erst sieben Jahre alt. Aber stellen Sie sich vor, sie würde mit 25 Jahren noch bei Ihnen zu Hause wohnen. Würden Sie ihr ein Ultimatum setzen?

Jürgen Feigel: Ja, wenn sie eine Lehre hätte oder arbeiten würde und finanziell mit 4‘000 bis 6‘000 Franken auf eigenen Beinen stehen könnte. Wäre sie aber im Studium, hätte ich Mühe sie rauszuschmeissen.

Wie würden Sie ihr das erklären?

Ich würde sie fragen: «Wie hast du dir das vorgestellt? Willst du zu deinem Freund ziehen? Willst du mit Kolleginnen zusammenziehen?» Und ich würde es ihr schmackhaft machen: «Es ist gut für dich auszuziehen. Du kannst machen, was du willst. Du musst dich nicht immer rechtfertigen, wann du heim kommst.»

Stellen Sie sich vor, sie sagt darauf: «Ach nein, mir gefällt es gut bei euch. Ich schätze das sehr mit euch zusammen zu wohnen.»

Ich würde sagen: «Es ist schön und wir schätzen es, dass du gerne bei uns Eltern leben möchtest. Wir haben 25 Jahre für dich gesorgt, dich versorgt und umsorgt. Nun wollen wir auch wieder unsere Freiheit geniessen. Wir wollen, dass du selbstständig wirst und auf eigenen Beinen stehst. Du kannst das und wir glauben, dass du das kannst.»

So etwas zu sagen, fällt aber nicht allen Eltern leicht. Sie tun sich schwer mit einem Rauswurf aus dem Hotel Mama.

Das liegt an der emotionalen Abhängigkeit. Sie waren für das Kind da, als es krank war, sie haben es bei schlechten Noten getröstet und miteinander gelacht. Diese Bindung hat 25 Jahre gehalten und hält immer noch an.

Das Buch Die Nesthocker ist ein Ratgeber zum Thema Hotel Mama.

Buchtipp: «Die Nesthocker»

Das Buch «Die Nesthocker» von Journalistin Marianne Siegenthaler und Familientherapeut Jürgen Feigel liefert praktische Hinweise für das Zusammenleben mit erwachsenen Kindern. Ein Fragebogen für Eltern und ein Überblick über wichtige Gesetzesartikel ergänzen den Ratgeber. Das Buch ist 2015 im Knapp Verlag erschienen.

Laut Generationenbericht lebte 1980 nur ein Fünftel der unter 25-Jährigen im Hotel Mama, 20 Jahre später waren es fast die Hälfte. Woran liegt das?

Unsere Gesellschaft hat sich gewandelt. Ich bin noch sehr autoritär erzogen worden und wollte früher raus. Heute sind sich Eltern und Kinder einig: Man spricht über ähnliche Sachen, hört ähnliche Musik. Ausserdem sagen mir viele Eltern, dass es finanzielle Gründe gibt.

Bei manchen liegt es aber vielleicht an den Eltern, die nicht loslassen können, weil sich bislang alles um das Kind gedreht hat.

Ja, das ist auch ein Grund. Wenn sich die Eltern als Paar auseinandergelebt haben oder getrennt leben, haben Mutter oder Vater durch das Kind noch eine Aufgabe. Würde das Kind ausziehen, müssten sich die Eltern ihrem Problem stellen. Das Kind übernimmt das unbewusst. Das macht die Ablösung schwieriger. Manchmal spielen auch finanzielle Gründe eine Rolle: Wenn die Mutter getrennt von ihrem Mann lebt, wenig verdient und das Kind einen Beitrag an die Wohnungskosten leistet, hat sie kein grosses Interesse daran, dass es auszieht.

Wie können Eltern loslassen lernen?

Sie können das von Anfang an trainieren. Die erste symbolische Ablösung fängt schon bei der Geburt an, wenn die Nabelschnur durchtrennt wird. Wenn das Kind in den Kindergarten und später in die Schule kommt, geht es in kleinen Schritten weiter. Eine Trennung der Eltern kann das verhindern. Als Paar gelingt das leichter, weil man sich als Ausgleich um die Partnerschaft kümmern kann.

Ist es für die Selbstständigkeit entscheidend in welchem Alter junge Erwachsene ausziehen?

Nein, es kommt darauf an wie selbstständig sie als Kinder sind und wie viel Verantwortung sie als Jugendliche übernehmen. Was trauen Eltern ihren Kindern in jungen Jahren zu? Haben sie das Kind überbehütet?

Für das Zusammenleben im Hotel Mama gibt es unterschiedliche Formen. Im WG-Modell macht jedes Familienmitglied seins, hält sich aber an wenige gemeinsame Regeln. Im Familienmodell kümmern sich die Eltern um die Grundbedürfnisse.

Das Familienmodell funktioniert besser. Kinder, die zu Hause wohnen, bleiben Kinder. Die Eltern sorgen für sie und diese halten sich an kleinere Regeln: Zimmer aufräumen, vom Ausgang anständig heimkommen, Musik leise hören, Geld abgeben.

Was passiert, wenn sich die Kinder nicht daran halten?

Dann müssen Eltern mit den Kindern zusammensitzen. Sie kennen das Sprichwort: «Solange du die Füsse unter meinen Tisch stellst, habe ich das Sagen?» Wenn es den Kindern nicht passt, dürfen die Eltern sagen: «Dann suchst du dir eine Wohnung und darfst gehen.»

Wie bringen Eltern die unterschiedlichen Auffassungen von Sauberkeit und Ordnung zusammen?

Eltern und Kinder bringen Ordnung und Sauberkeit kaum auf den gleichen Nenner. Es gibt jedoch einen Unterschied zwischen den Privat- und Gemeinschaftsräumen. Beim Kinderzimmer darf der Sohn oder die Tochter eher entscheiden, wie ordentlich es sein soll. Käfer sollten natürlich nicht aus dem Zimmer herauslaufen. Zudem sollte  das Zimmer schon ab und zu einen Staubsauger sehen und hören. In den anderen Räumen sollte jeder für Ordnung sorgen.

Dürfen Eltern von ihren erwachsenen Kindern Geld verlangen, wenn sie noch zu Hause wohnen?

Ich finde es angemessen, wenn ein Lehrling, der 600 Franken verdient, rund 100 Franken abgibt. Das Kind soll sehen, dass das Leben etwas kostet, auch wenn es zu Hause wohnt. Diejenigen, die mehr verdienen, also etwa ab 4‘000 Franken, können auch Beiträge für die Krankenkasse, das Zimmer und für das Essen zahlen. Wer ein Studium macht, kann etwas dazu verdienen und einen Teil an seinen Lebensunterhalt beitragen.

Familientherapeut Jürgen Feigel sprach mit uns über das Thema Hotel Mama.

Zur Person: Jürgen Feigel

Der Sozialpädagoge und Familientherapeut Jürgen Feigel ist Leiter der Jugend- und Familienberatung in Emmen bei Luzern. Zudem berät der 42-Jährige in seiner eigenen Praxis «SinnForm» in Brittnau Eltern zu Themen wie Erziehung, Mobbing, Trennung und Scheidung. Für diese hat er, selbst Vater einer siebenjährigen Tochter, die erste ErziehungsApp entwickelt: www.family-app.com

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