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Suizidalität bei Jugendlichen: Wenn sich das eigene Kind das Leben nehmen will

Familiäre Probleme, Stress in der Schule oder Liebeskummer: Solche Krisensituationen können bei Jugendlichen Auslöser für Suizidgedanken oder sogar Selbstmord sein. Für Eltern gibt es kaum etwas Schlimmeres, als wenn sich das eigene Kind das Leben nehmen will. Leider ist Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen bei Schweizer Jugendlichen. Was Sie tun können, damit es nicht soweit kommt.

Trauriges Mädchen

Wenn sich Jugendliche plötzlich von allem und allen zurückziehen, ist das ein Alarmzeichen. Bild: Tero Vesalainen iStock, Getty Images. 

Suizid ist nach dem Unfalltod die zweithäufigste Todesursache bei Jugendlichen im Alter von 16 bis 25 Jahren. In der Schweiz haben sich 2019 im Durchschnitt jede Woche zwei Jugendliche im Alter von 19 bis 25 Jahren das Leben genommen. Die Zahl der Suizidversuche ist sogar um zehn- bis zwanzigmal höher. Doch warum kommt es in einem Land, wo junge Menschen scheinbar alles haben, überhaupt soweit?

Welttag der Suizidprävention

Der 10. September ist der Welttag der Suizidprävention. Er wurde 2003 erstmals von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der International Association for Suicide Prevention (IASP) ausgerufen. Der Gedenktag soll die Bevölkerung dafür sensibilisieren, dass Suizid ein grosses Problem in der modernen Welt darstellt. So sollen Berührungsängste mit dem Thema reduziert und Warnsignale früher erkannt werden.

Dagmar Pauli, Chefärztin und stellvertretende Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich, erklärt: «Auslöser für Suizidgedanken und suizidales Verhalten sind häufig vermeintlich normale Lebenskrisen, die immer mal wieder im Leben von Jugendlichen vorkommen. Jugendliche werden in solchen Situationen suizidal, wenn sie keinen Weg sehen, die Krise zu bewältigen.» Zu diesen schwierigen Situationen gehören schulische oder familiäre Probleme, Liebeskummer, Mobbing oder auch sexuelle Identitätskrisen. 

Höheres Risiko bei LGBT-Jugendlichen

Was auffällt: Jugendliche, die lesbisch, schwul, bisexuell oder trans sind, weisen gegenüber heterosexuellen Jugendlichen ein erhöhtes Risiko für Suizidversuche auf. Eine Studie der Hochschule Luzern zeigt, dass die Suizidversuchsrate von LGBT-Teenagern fünf Mal höher ist als die von heterosexuellen Jugendlichen. «Bei einer sexuellen Identitätskrise kommen die Jugendlichen mit ihrer sexuellen Orientierung nicht klar, sei es wegen Ablehnung durch ihr Umfeld oder weil sie selbst ein Problem damit haben», so Pauli. Akzeptanz der LGBT-Orientierung durch das familiäre und schulische Umfeld sei wichtig und schütze die Jugendlichen vor suizidalen Krisen.

Alarmzeichen: Rückzug von Umfeld und Hobbys

Kann man als Eltern merken, ob das eigene Kind suizidal ist? «Ja», sagt Pauli. Ein deutliches Alarmzeichen für suizidale Absichten sei, wenn sich Jugendliche von ihrer Familie, den Freunden sowie ihren Hobbys zurückziehen. «Häufig sitzen die Betroffenen zurückgezogen in ihrem Zimmer und kommunizieren nur noch online.» Weitere Anzeichen für Suizidalität sind Depressionen, erhöhter Alkohol- oder Drogenkonsum, das Verschenken oder gar Wegwerfen von persönlichen Gegenständen, häufiges Ansprechen der Themen Sterben und Suizid sowie gereiztes, aggressives Verhalten und extreme Stimmungsschwankungen. 

Zahlen und Fakten

Bei Kindern und Jugendlichen unter 15 Jahren ist der vollendete Suizid mit wenigen Fällen pro Jahr äusserst selten. Bei den 15- bis 18-Jährigen kommt es im Durchschnitt zu etwa 30 Suiziden pro Jahr. Von den 19- bis 25-Jährigen nehmen sich durchschnittlich zwei Personen pro Woche das Leben. Die Zahl der Suizidversuche ist aber bis zu zwanzigmal höher. Rund acht von zehn jungen Menschen, die sich das Leben nehmen, sind männlich. Dies liegt unter anderem daran, dass junge Männer oft härtere Methoden wählen, wie etwa von der Brücke springen oder den Gebrauch einer Schusswaffe. Mädchen probieren es oft mit weicheren Methoden wie einer Überdosis Tabletten oder sie schneiden sich die Pulsadern auf, weswegen sie die Versuche häufiger überleben als die Jungen. Weitere Zahlen des Bundesamts für Statistik finden Sie hier. 

 Bei Mädchen seien die Alarmzeichen häufig auffälliger, erklärt Pauli. «Bei ihnen handelt es sich meist um eine nach innen gerichtete Aggression, die sich in Selbstverletzungen und einem deutlichen Rückzug vom Umfeld äussert.» Männliche Jugendliche würden ihre inneren Krisen eher durch nach aussen gerichtetes Aggressionsverhalten zeigen. «Aber durch dieses aggressive Verhalten merkt das Umfeld häufig nicht, dass es sich eigentlich um eine depressive Krise handelt.» 

Nachfragen und zuhören

«Alarmstufe Rot» herrscht laut Dagmar Pauli bei Äusserungen wie «Bald seid ihr mich eh alle los!»oder «Ich will mir etwas antun!». Wenn Jugendliche sogar andeuten, was sie sich genau antun wollen, muss man sofort handeln und nachfragen. Es kommt nämlich auch vor, dass Jugendliche solche Aussagen einfach aus Wut oder massivem Frust von sich geben, ohne zu meinen, was sie sagen. «Erwachsene sollen solche Aussagen ernst nehmen und dem Jugendlichen sagen, dass sie sich sorgen.» Fragen wie «Meinst du es ernst, dass du nicht mehr leben willst?» seien hier notwendig, um herauszufinden, was wirklich in dem Jugendlichen vorgeht. Denn handelt es sich nur um einen Wutausbruch, so wird der oder die Betroffene sich von der Aussage distanzieren.

Die Betroffenen sind laut der stellvertretenden Klinikdirektorin auch häufig ambivalent: «Einerseits wollen sie gar nicht sterben, andererseits kommen sie mit ihren Problemen überhaupt nicht mehr klar und sehen keine Möglichkeit mehr, so weiterzuleben. Wegen dieser Ambivalenz machen sie dann auch meist Andeutungen über ihre Suizidabsichten, da sie sich Hilfe erhoffen.» Das Umfeld sollte auf diese Bemerkungen also unbedingt eingehen und nachfragen. «Die Eltern müssen auch keine Angst haben, dass sie die suizidalen Absichten durch ihr Nachfragen verstärken. Meistens sind die Jugendlichen erleichtert und dankbar, wenn sie mit jemandem darüber sprechen können.» 

Beratungsangebote für Jugendliche

Kinder und Jugendliche können sich kostenlos und vertraulich an Pro Juventute wenden. Entweder per Telefon an unter 147 oder auch per Chat, SMS oder E-Mail.

So reagieren Eltern richtig

Wenn Eltern den Verdacht hegen, dass ihr Kind suizidale Gedanken haben könnte, sei es wichtig, ruhig zu bleiben und nicht in Panik zu verfallen, sagt Beatrix Böhm, Beraterin bei Pro Juventute. Wenn Kinder Suizidgedanken hegen, bedeutet das noch nicht, dass sie schon suizidale Absichten haben. Eltern sollten aber Warnzeichen immer ernstnehmen und – wie bereits erwähnt –  nachfragen, was genau los ist und dem Kind sagen, dass sie sich Sorgen machen. «Zudem sollten sie präsent sein, Zeit mit dem Kind verbringen und Situationen schaffen, in denen das Kind über seine Emotionen und sein Leben sprechen kann.» Wie bereits Dagmar Pauli betont auch Böhm, es sei ein Mythos, «dass man durch ein offenes Gespräch über das Thema das Kind noch weiter in die Suizidalität hineintreibt».

Wenn das Kind suizidale Absichten äussert, sollten Eltern sogenannte Skalierungsfragen stellen, um die Ernsthaftigkeit der Absicht zu prüfen. Auf einer Skala von 1 bis 10 (1 steht für «Ich würde am liebsten jetzt gleich sterben» und 10 für «Ich will gar nicht sterben»): Wo stuft sich das Kind gerade ein? «In einer solchen Situation dürfen die Eltern auf keinen Fall die Augen verschliessen oder die Probleme des Jugendlichen verharmlosen», so die Beraterin. Wichtig: Wenn alle Stricke reissen, sollte der Notarzt gerufen werden. 

Und wie können sich Eltern in dieser Ausnahmesituation selber Sorge tragen? Beatrix Böhm rät diesbezüglich: «Eltern sollten auch auf ihre eigenen Gefühle achten und sich fragen, wie es ihnen gerade mit der Situation geht.» Der Austausch mit Vertrauenspersonen kann ebenfalls helfen. Ansonsten sollten sich Eltern professionelle Unterstützung beim Hausarzt, einem psychiatrischen Ambulatorium in ihrer Gemeinde oder bei einer Familien- oder Elternberatungsstelle holen.

Beratungsstellen für Eltern

Wenn Ihre Gedanken nur noch um die Situation Ihres Kindes kreisen, Sie sich niedergeschlagen und verzweifelt fühlen oder Sie nicht mehr schlafen können, holen Sie sich hier Unterstützung von einer Fachperson. 

Die Elternberatung Pro Juventute bietet Unterstützung via Chat, E-Mail oder unter 058 261 61 61. Weitere Fachstellen für Ihre Region finden Sie hier. Mehr Informationen zum Thema Suizidalität bei Jugendlichen finden Sie in diesem Dokument