Auswendig lernen: besser als sein Ruf

Früher war es Usus an Schulen, viele Texte auswendig zu lernen, so erinnern sich Grosseltern. Heute verlangen Lehrer nur selten von Schülern, sich Wort für Wort Texte und Gedichte einzuprägen. Doch die alte Kunst ist durchaus effektiv, belegt eine aktuelle Studie.

Auswendig lernen kann eine gute Lernstrategie sein

Auswendig lernen kann auch effektiv, nicht nur anstrengend sein. Bild: iStockphoto, Thinkstock.

«Herr von Ribbeck auf Ribbeck im Havelland», beginnt Oma das gleichnamige Gedicht von Theodor Fontane zu zitieren, «Ein Birnbaum in seinem Garten stand. Und kam die goldene Herbsteszeit, und die Birnen leuchteten weit und breit, da stopfte, wenn's Mittag vom Turme scholl, der von Ribbeck sich beide Taschen voll». Enkelin Anna staunt, wie ihre Oma ohne zu stocken Strophe um Strophe des Gedichts aufsagt. «Das habe ich in der Schule gelernt, als ich ungefähr so alt wie du war», erzählt die Oma. Jetzt staunt Anna noch mehr. Gedichte und Texte muss sie in der Schule nur selten auswendig lernen. Denn stures Pauken gilt heute als wenig sinnvoll, wenn es gilt, Kindern langfristig nützliches Wissen zu vermitteln.

Auswendig zu lernen, ist effektiv

Auswendig zu lernen ist besser als sein Ruf, zeigt eine Studie am Psychologischen Institut der Purdue Universität in Indiana. Im Rahmen der wissenschaftlichen Untersuchung verglichen die Wissenschaftler die Ergebnisse zweier Lerngruppen miteinander. Die eine Lerngruppe hatte den Auftrag, Kernpassagen eines Textes zu lesen und auswendig zu lernen. Die andere Lerngruppe erarbeite sich den Inhalt des Textes anhand von selbstentwickelten Skizzen, in die Zusammenhänge und Hintergründe einflossen. Das überraschende Ergebnis: Die Studenten, die Textpassagen auswendig gelernt hatten, konnten eine Woche später den Inhalt des gelesenen Textes besser referieren und besser Schlussfolgerungen ziehen als die Vergleichsgruppe.

«Zusammenhänge und Sachverhalte auswendig zu lernen, ist ein wichtiger Bestandteil des schulischen Lernens», sagt die Lerntherapeutin Uta Reimann-Höhn, Leiterin des Instituts für Pädagogik und Lernen in Niedernhausen bei Wiesbaden und Autorin mehrerer pädagogischer Fachbücher. Wer geschichtliche Daten, Grammatikregeln, Rechenschritte und Fachausdrücke auswendig lernt, behält sie langfristig im Kopf – vorausgesetzt, das Gelernte wird anfangs häufig wiederholt. So wandert das Wissen vom Kurzzeitgedächtnis ins Langzeitgedächtnis, wo es langfristig abrufbar bleibt.

Wirksame Methoden für das Supergedächtnis

Wie sich leicht auswendig lernen lässt, erklärt die Lerntherapeutin Uta Reimann-Höhn so:

  • Kernaussagen markieren

«Lassen Sie Ihr Kind die Kerninformationen eines Textes markieren und dann einige Male wiederholen, sowohl schriftlich als auch im Gespräch. So finden auch schwierige Vokabeln oder komplizierte Fachausdrücke wie «Moleküle», «Chromosom» oder «Doppel-Helix» den Weg ins Langzeitgedächtnis. Das Kind sollte sich dabei in jeder Lerneinheit nur auf wenige Ausdrücke konzentrieren, damit das Gedächtnis nicht überfordert wird. Bei ganz schwierigen Wörtern reicht auch eines pro Tag.»

  • Bildhafte Geschichten erfinden

«Namen wichtiger Persönlichkeiten lassen sich am besten mit Hilfe einer Visualisierung merken. Je verrückter die Assoziation ist, desto leichter ist sie zu merken. Wichtig ist, dass das Kind eigene Einfälle hat – sonst funktioniert die Methode nicht.»

 

Auswendig zu lernen, reicht nicht

Gleichgültig, wie effektiv Auswendiglernen sein kann – stupides Pauken reicht nicht, um die Welt zu erfassen. Wer Begriffe lernt, muss auch verstehen, was sie bedeuten. «Wenn Schüler im Geografie-Unterricht die Hauptstädte aller europäischen Länder auswendig lernen sollen, dann ist das eine sinnvolle Aufgabe. Allerdings nur dann, wenn die Schüler überhaupt einen Begriff davon haben, was Europa ist», so Elsbeth Stern, Professorin für Lern- und Lehrforschung an der Universität in Zürich in einem Interview mit der Tageszeitung «Welt».

Wichtig ist auch, das neue Wissen mit bereits vorhandenem Wissen sinnvoll zu verknüpfen. Kinder, die Getreidesorten lernen sollen, tun gut daran, sich die Ähren nicht nur im Buch, sondern auch auf dem Feld anzusehen. Wie fühlen sich die Grannen an? Welche Ähren gefallen mir besonders gut? Wie sieht es aus, wenn der Wind über das Getreidefeld weht? Aus welchem Mehl ist mein Lieblingsbrot gebacken? Beim Lernen mit allen Sinnen entsteht ein breites und detailliertes Wissensnetz im Kopf. Am leichtesten behält das Gedächtnis all die Informationen, die mit Emotionen verbunden sind.

Weiterführende Links:

Weitere Tricks zum Auswendig lernen finden Sie hier

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