Eine Pflegekraft aus Polen hilft bei der Bewältigung der Krankheit

Nur eine Stunde am Tag gönnt Bernhard Weller sich für sich. Er legt Anne in ihr Krankenbett zum Mittagsschlaf. Sie soll schlafen. Er will im Garten auf andere Gedanken kommen.

Doch dies gelingt ihm nicht. Das russische Buch bleibt ungelesen, den Kaffee lässt er vor sich hin dampfen.

«Hat sie nach mir gerufen?»

«Ist sie aufgestanden?»

«Fühlt sie sich allein?», fragt sich Bernhard Weller, anstatt dass er in seiner Gartenoase zur Ruhe kommt.

Die Töchter, welche weit weg wohnen, kommen zu Besuch. Sehen eine Mutter, die so pflegebedürftig wie ein Baby ist. Sie sehen einen Vater, der noch in der körperlichen Verfassung wäre, seine letzten Lebensjahre zu geniessen. Sich stattdessen aber aufopfert. Alle drei recherchieren im Internet. Die Lösung lautet: Ein ortsansässiger Pflegedienst soll die Morgentoilette übernehmen. Ausserdem soll eine polnische Pflegekraft in Zukunft mit ihm Haus wohnen.

Die Zeit, in der Bernhard Weller angespannt und allein auf der weissen Gartenbank Platz gefunden hat, ist längst vorbei. Seine aktuelle Pflegekraft heisst Aleksandra, ebenfalls eine studierte Lehrerin. Sie kümmert sich die nächsten drei Monate um Anne Weller. Dann wird das Heimweh zu gross, sie wird wieder nach Polen zurückkehren. Ihr Dienst beginnt um neun Uhr. Aleksandra weckt die kranke Frau. Macht Frühstück, setzt sich mit der alten Dame in den Garten, kocht das Mittagessen und wechselt mehrmals am Tag die Windeln. Alexandra und Bernhard sind ein eingespieltes Team. Was vorher auf zwei Schultern lastete, stemmen nun zwei Menschen. Bernhard Weller wird nachts weiterhin von seiner Frau geweckt, muss sie trösten und beruhigen. «Aber das kann ich aushalten, am Tag kann ich mich ja nun Dank Aleksandra erholen», sagt der grauhaarige Mann. In den Männerchor ist er auch wieder eingetreten. «Eine Pflegekraft, welche legal vermittelt wird, kostet natürlich viel Geld. Aber ich kann wieder leben. Und habe auch mehr Zeit und Geduld, auf meine Frau einzugehen», erzählt Weller.

Er gibt sich und seiner Frau noch zwei Jahre in den eigenen vier Wänden: «Dann werden wir gemeinsam in das betreute Wohnen ziehen.» Weller hat sich mit der Krankheit arrangiert, ihr seine Lebensumstände angepasst. Dennoch bleibt eine grosse Traurigkeit in ihm zurück: «Diese traurige, depressive Frau ist nicht mehr meine Anne. Die Frau von früher wurde von der Krankheit verschluckt.»

Hier finden Sie mehr Informationen zu der Krankheit Parkinson

parkinson.ch: Parkinson Schweiz ist eine gesamtschweizerisch tätige, gemeinnützige Organisation im Dienste Parkinsonbetroffener. Sie ist die Anlaufstelle in allen Fragen rund um die Krankheit.

Text: Natascha Mahle

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