Geschwisterneid: «Eltern müssen ihre Kinder nicht gleich behandeln»

Streiten sich Ihre Kinder häufig und lautstark? Keine Sorge: Das ist bei Geschwistern ganz normal. Genauso normal ist, dass Eltern ein Lieblingskind haben. Weshalb das so ist und wie sich Streitereien positiv auf die Entwicklung von Kindern auswirken können, erklärt die Psychologin und Psychotherapeutin Maria Haag Turner.

Geschwisterneid ist ganz normal

Geschwisterneid und -streit sind ganz normal. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Eltern kommt es manchmal so vor, als würden ihre Kinder den lieben langen Tag streiten. Ist es denn normal, dass Geschwister so oft aneinandergeraten?

Maria Haag Turner: Das ist nicht nur normal, sondern auch gesund. Bei Streits mit ihren Geschwistern lernen Kinder, sich durchzusetzen und Konflikte auf eine gute Art und Weise auszutragen. Geschwister sind nicht nur die frühesten, sondern auch die besten Streitpartner, da sie nach einer Auseinandersetzung nie für lange Zeit getrennte Wege gehen. Auch nach schlimmen Streits finden sie in der Regel schnell wieder zueinander und müssen keine Angst davor haben, sich als Bezugspersonen zu verlieren.

Das müssen Kinder auch bei Streits mit den Eltern nicht.

Bei diesen unterscheidet sich aber das Machtgefälle. Eltern stehen hierarchisch immer höher und haben das letzte Wort in einem Streit. Geschwister hingegen befinden sich auf der gleichen Ebene – auch wenn der Bruder oder die Schwester vielleicht älter ist.

Wie ist es denn bei Einzelkindern, die keine Geschwister als erste Konfliktpartner haben?

Sie haben es in Bezug auf Ihre Konfliktfähigkeit sicher schwerer. Oft gibt es einen Geschwister-Ersatz wie einen Cousin oder Nachbarn. Als Erwachsene sind Einzelkinder oft stärker harmoniebedürftig und fühlen sich in disharmonischen Situationen schneller unwohl. Deshalb fällt es ihnen als Eltern auch schwerer einzuschätzen, wie viel Geschwisterstreitereien normal sind.

Wie kommt es zu Konflikten zwischen Geschwistern?

Oft  führen Eifersucht oder Neid und ein Ringen um die Zuwendung der Eltern zu Streit. Jüngere Geschwister sind frustriert, weil sie sich im Vergleich zum grösseren Bruder oder zur älteren Schwester ständig unterlegen fühlen, ältere Geschwister sind genervt, weil ihnen die jüngeren beispielsweise Bauwerke zerstören und trotzdem mehr Verständnis und Aufmerksamkeit von den Eltern  bekommen.

Besonders schlimm muss der Neid sein, wenn ein Baby das erstgeborene Kind von seinem Platz verdrängt.

Das hängt entscheidend vom Altersabstand der Kinder ab. Aus der Resilienzforschung wissen wir, dass ein Abstand von zwei Jahren oder mehr hilfreich ist. Ist ein Kind bei der Geburt seines Geschwisterchens noch jünger, hatte es zu wenig Zeit das «Nesthäkchen» zu sein. Das kann zu starker Rivalität und auffälligen Verhaltensweisen führen.

Dann kommt es zu Wutanfällen und Gewaltausbrüchen.

Ich rate Eltern, sich grundsätzlich für ein gewaltfreies Zusammenleben auszusprechen. Kinder sollten lernen, sich  verbal durchzusetzen und zu verteidigen.

Sollten Eltern bei Streitereien dazwischen gehen?

Bei Gewalt schon. Wenn Kinder miteinander schimpfen, hört man besser erst einmal zu und spricht den Streit später noch einmal an, wenn sich die Situation beruhigt hat. Manchmal ist es für Eltern schwer, Streits zu schlichten, da sie oft involviert sind und es daher kaum möglich ist, objektiv zu sein.

Wann sollten Eltern mit ihren Kindern in die Therapie gehen?

Wenn das Kind Symptome entwickelt, die sie als ungewöhnlich, störend oder einschränkend erleben. Ein Kind brachten die Eltern beispielsweise zu mir, als es starke Schlafstörungen hatte und tagsüber sehr müde, abgelenkt und unkonzentriert war. In der Therapie zeigte sich, dass dies durch Schuldgefühle des Kindes ausgelöst wurde: Es war so eifersüchtig auf das jüngere Geschwister, dass es diesem den Tod wünschte. Gleichzeitig befürchtete der Junge, dadurch die Liebe seiner Eltern zu verlieren.

Wie konnten Sie dem Jungen helfen?

Kinder zwischen zwei und fünf Jahren befinden sich in der «magischen Phase», in welcher sie nur ungenau zwischen Phantasie und Wirklichkeit unterscheiden können. Der Junge musste lernen, dass auch seine schlimmsten Gedanken dem Bruder nichts anhaben, wenn daraus nicht Taten werden. Aufgrund seiner Gewissensbisse fühlte er sich für jedes Malheur verantwortlich. In seinen Therapiestunden bastelte er eine grosse Stoffpuppe, die er symbolisch und real in den Mülleimer warf. Dann nahm er die Puppe nach Hause und übergab ihr eine magische Schutzfunktion, die ihn davon entlastete, ständig vor sich selber auf der Hut zu sein, so dass er wieder ruhig schlafen konnte.

Müssen Eltern ihre Kinder alle gleich behandeln um Geschwisterneid zu vermeiden?

Kinder haben ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden. Wenn sie sich ungerecht behandelt fühlen, rebellieren sie. Der Mythos, man habe alle Kinder gleich gern und behandle sie alle gleich, sollte möglichst gar nicht etabliert werden. Geschwisterkinder sind in der Regel sehr unterschiedlich und brauchen deshalb Eltern, die auf ihr Verschiedensein auch unterschiedlich reagieren. Kinder verstehen das, wenn Ihnen die Eltern die unterschiedliche Behandlung erklären.

Haben Eltern denn alle Kinder gleich lieb?

Nein. Sie haben zwar nicht grundsätzlich ein Kind lieber, bevorzugen bei jedem ihrer Kinder aber gewisse Wesenszüge und Fähigkeiten. Es kann auch vorkommen, dass das jüngste Kind für eine Zeit zum Lieblingskind wird, weil es die Eltern am meisten braucht.

Manchmal gibt es auch Streit, weil Eltern nicht die gleichen Erziehungsmethoden haben.

Das darf auch so sein, schliesslich sind Mama und Papa verschiedene Menschen. In den wichtigsten Dingen sollten sich Eltern allerdings einig sein und am gleichen Strick ziehen.

Trotz der vielen Streitereien verstehen sich Geschwistern oft erstaunlich gut, wenn sie älter sind.

Studien haben ergeben, dass Menschen, die schon als Kind Konfliktfähigkeit und Durchsetzungsvermögen erlernen, später viel teamfähiger sind. Das sind Eigenschaften, die in Geschwisterbeziehungen eingeübt und erlernt werden. Geschwister kennen sich lange, haben viel zusammen durchgestanden, gestritten, sich wieder versöhnt und können sich aufeinander verlassen.

Maria Haag TurnerDie diplomierte Psychologin und Psychotherapeutin Maria Haag Turner hat sich auf psychoanalytische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen spezialisiert. Mit Geschwisterneid und –streitereien kennt sie sich durch Fälle in der Praxis, aber auch aus der eigenen Kindheit mit fünf Geschwistern bestens aus.

 

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