Richtig Streiten lässt sich lernen

In Familien geht es selten harmonisch zu, stattdessen gehört Streiten zum Alltag. Wie sich grosse und kleine Konflikte lösen und Streithähne beruhigen lassen, erklärt Stephanie Schneider, Autorin des Buches «Der kleine Streitberater».

Richtig streiten will gelernt sein

Ihre Kinder streiten oft und laut? Keine Sorge, denn Streiten kann auch hilfreich sein. Foto: iStockphoto, Thinkstock

In Ihrem Buch «Der kleine Streitberater» erklären Sie, wie sich Familienkonflikte mit Herz und Verstand lösen lassen. Wie viel Erfahrung haben Sie selbst mit dem Streiten?

Stephanie Schneider: Mein Mann, meine Töchter und ich geraten uns seit Jahren in schönster Regelmässigkeit in die Haare. Und die ersten pubertären Anwandlungen meiner Töchter lassen nicht darauf schliessen, dass es in den nächsten Jahren ruhiger bei uns wird.

Gibt es Familien, in denen nicht gestritten wird?

Angeblich lebt irgendwo in München eine Familie, in der noch nie ein böses Wort gefallen ist (lacht). Nein, im Ernst: In allen Familien gibt es Konflikte. Streiten ist also völlig normal. Wer nicht streitet, steht still. Streiten ist wichtig und richtig, um sich als Familie weiter zu entwickeln.

Streiten ist wichtig?

Genau. Schliesslich ist Randale ein gutes Zeichen! Sie ist das Gegenteil von Resignation, Schwäche und Gleichgültigkeit. Wer sich darüber ärgert, dass der Partner den Hochzeitstag vergessen hat und deshalb laut klagend in Tränen ausbricht, befindet sich nicht in der Krise. Die Krise beginnt dort, wo nicht mehr gestritten wird. Es gibt doch nichts Schlimmeres als Familien, in denen eisiges Schweigen herrscht und jeder Konflikt unter den Teppich gekehrt wird, oder?

Streiten macht aber wenig Spass.

Zum Glück gibt es einige Tipps und Tricks, die dazu beitragen, auch im Eifer des Gefechts zu einer guten Lösung zu finden.

Oft beginnen andere den Streit. Zum Beispiel die kleine Tochter, weil sie nicht ins Bett will. Oder die Partnerin, weil sie abends nicht allein mit den Kindern zu Hause bleiben möchte. Oder der Mann, der den Urlaub nicht in den Bergen, sondern an der See verbringen will. Wie reagiert man so geschickt, dass der Streit nicht eskaliert?

Sinnvoll ist zu überlegen, warum jemand Streit sucht. Streitlustig wird, wer sich ungerecht behandelt fühlt, enttäuscht oder nicht zufrieden ist, Angst davor hat, nicht mehr geliebt zu werden. Meistens will jemand, der Streit sucht, dass andere nett zu ihm sind und ihm Wertschätzung entgegenbringen.

Gibt es Schlüsselsätze, die dem Gegenüber den Wind aus den Segeln nehmen?

Ja. Ein Zaubersatz ist: «Sag mal, was kann ich tun, damit es Dir besser geht?» Dieser Satz bewirkt in vielen Situationen wahre Wunder. Manchmal aber ist ein Konflikt so komplex, dass er sich nicht so schnell lösen lässt. Dann hilft eine andere Formel mit nur vier Worten: «Lass mich darüber nachdenken.» So wird die Pause-Taste gedrückt. Dann gilt es, Yoga oder die Betten zu machen, einen Kaffee zu trinken oder das Auto zu reparieren, um das Thema später entspannt wieder aufzugreifen.

Was sollte man beim Streiten unbedingt vermeiden?

Wenn mehr Verletzungen als Lösungsschritte hervorgerufen werden. Vorsicht bei Respektlosigkeiten! Jeder hat eine persönliche Grenze, bei der er sagt: «Das hier geht mir zu weit!» Hilfreich ist der Leitgedanke: Streite ich mich, um eine Lösung zu erreichen, oder geht es hier nur noch darum, Recht zu behalten?

Wann lohnt sich Streiten nicht?

Oft entzündet sich der Streit an einer Lappalie – wenn zum Beispiel einer der Partner im Supermarkt ein grosses Stück Käse in den Einkaufswagen legt, obwohl zu Hause vier Käsepackungen angebrochen sind. Dann wird ihm oft eine böse Absicht unterstellt. «Nie denkt er mit», könnte sie in diesem Fall heissen. Statt sich zu ärgern, ist es besser, schlicht zu sagen: «Käse brauchen wir nicht!» Kostbare Nerven dürfen für wichtigere Themen gespart werden. Denn wegen solchem «Käse» sollte man überhaupt nicht streiten. Vergammelte Lebensmittel wiegen weniger schwer als eine angeknackste Beziehung!

In ihrem Buch plädieren sie dafür, Versöhnung zu zelebrieren.

Die Versöhnung ist eine schöne Belohnung für harte Beziehungsarbeit und darf sich ebenso viel Zeit nehmen wie der vorangegangene Streit. Wenn mein Mann und ich auf der Heimfahrt einen zwanzigminütigen Disput über seine Fahrkünste haben, dann ist das genau die Zeitspanne, die wir für eine milchschäumende «Versöhnung to go» an der Tankstelle brauchen. Gerade Kinder lieben Versöhnungs-Rituale wie beispielsweise ein Versöhnungspicknick auf dem Wohnzimmerteppich. Je verrückter die Aktion, umso schneller kapiert das Unterbewusstsein: «Gott sei Dank, das Gewitter ist vorüber. Jetzt ist alles wieder leicht und gut.»

Zur Person

Stephanie SchneiderStephanie Schneider (41) lebt mit in ihrem nervenstarken Mann, zwei diskutierfreudigen Töchtern und drei Wüstenrennmäusen in Hannover. Seit 2004 veröffentlicht die Autorin des Bestsellers «Warum Mama eine rosa Handtasche braucht» regelmässig Tipps und Wohlfühl-Erste-Hilfe für Mütter und Familien. Ihr Motto: „Schreibe nur über Dinge, mit denen du dich auskennst.“

Buchtipp: Der kleine Streitberater: Familienkonflikte mit lösen mit Herz und Verstand: www.randomhouse.de

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