Kind > Erziehung«Mama hat’s erlaubt!» Wenn Eltern unterschiedliche Erziehungsstile haben Sigrid Schulze Die Mutter findet, Kinder dürfen auch mal Schoggipops zum Frühstück essen. Der Vater sagt, so ungesundes Zeug kommt ihm nicht auf den Tisch. Geht das zusammen? Warum unterschiedliche Erziehungsstile Kindern nicht schaden müssen – und wann sie zum Problem werden. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Schoggi ja, Schoggi nein. Einigt euch doch mal! Bild: iStock Das Familienleben hattet ihr euch harmonischer vorgestellt. Seit das Kind auf der Welt ist, lauert der Streit hinter jeder Ecke. Beim Essen, auf dem Spielplatz, zu Besuch bei den Grosseltern, beim Zähneputzen, beim Schlafen gehen. Beide Eltern möchten nur das Beste für das Kind. Doch: Was ist das Beste? Soll das Baby möglichst häufig am Körper getragen werden? Oder im Kinderwagen lernen, sich auch ohne Körperkontakt sicher zu fühlen? Darf ein 1-jähriges Kind schon Süssigkeiten essen? Oder muss es erst alles Gemüse probieren, auch wenn es nicht will? Auf viele Erziehungsfragen lässt sich nicht immer eine gemeinsame Antwort finden. Denn was ihr in der Erziehung gut und richtig findet, hängt davon ab, welche Erfahrungen, Haltungen und Persönlichkeiten ihr mitbringt – und welcher Erziehungsstil sich daraus entwickelt hat. Unterschiedliche Stile sind normal – problematisch ist nur «Dauerstreit» Dass ihr nicht alles gleich macht, ist in den meisten Familien normal. Kinder können sehr gut lernen: «Bei Mama gilt das, bei Papa gilt jenes.» Auch bei den Grosseltern, in der Kita oder in der Schule gelten andere Regeln. Unterschiedliche Stile sind deshalb nicht automatisch ein Risiko. Was Kinder aushalten: Unterschiedliche Regeln je Elternteil (zum Beispiel beim Frühstück, beim Einschlafritual oder bei Süssigkeiten) sind oft gut verkraftbar, wenn die Beziehung verlässlich bleibt und ihr euch gegenseitig nicht ausspielt. Dein Kind erlebt dann: Erwachsene sind unterschiedlich, aber grundsätzlich sicher. Was Kinder belastet: Gegensätzliche Botschaften und Abwertung. Das passiert vor allem dann, wenn ihr vor dem Kind über den anderen lästert («Mama ist halt übertrieben streng», «Papa ist viel zu weich»), Regeln demonstrativ kippt («Bei mir gilt das nicht!») oder euch ständig korrigiert. Dann gerät dein Kind zwischen die Fronten und muss Loyalität statt Orientierung lernen. Wenn du merkst, dass es nicht mehr um Spinat oder Schoggi geht, sondern um Recht haben, Kontrolle oder «Wer gewinnt?», lohnt es sich, den Fokus zu verschieben: weg von einzelnen Szenen, hin zu einer gemeinsamen Linie, die euren Alltag beruhigt. 6 Schritte zur gemeinsamen Linie (Elternteam) 1) Werte klären Streit entzündet sich oft am Detail, dahinter steht aber ein Wert. Frag dich: Was ist mir daran wichtig? Gesundheit, Respekt, Selbständigkeit, Ruhe im Alltag, Fairness zwischen Geschwistern? Und frag den anderen genauso: «Was ist deine Sorge dabei?» Ein Satz, der Druck rausnimmt: «Ich möchte verstehen, was dir daran wichtig ist.» So wird aus «Du machst es falsch» eher «Wir wollen beide etwas Gutes, aber auf unterschiedliche Art». 2) Drei Nicht-verhandelbare Regeln definieren Viele Familien haben nicht zu wenige Regeln, sondern zu viele. Ein praktikabler Kompromiss: Legt gemeinsam drei nicht-verhandelbare Regeln fest, die euch beiden wirklich wichtig sind und die ihr beide vertreten könnt. Beispiele: «Wir hauen nicht», «Wir sprechen respektvoll», «Zähneputzen ist fix». Wichtig: Nicht-verhandelbar heisst auch, dass ihr euch damit nicht vor dem Kind in den Rücken fallt. Wenn eine Regel bei einem von euch starken Widerstand auslöst, gehört sie (noch) nicht in diese Liste. 3) «Spielraum»-Zonen festlegen Neben den Fixpunkten braucht es bewusst Spielraum. Definiert zwei bis drei «Spielraum»-Zonen, in denen jede:r den eigenen Stil leben darf, ohne Kommentare oder Nachkorrigieren. Typische Spielraum-Zonen: Frühstück am Wochenende, Kleiderwahl, wie streng du am Spielplatz bist, wie lang das Abendritual dauert. Ein Satz, der hilft: «Das ist deine Zone, ich lasse dir den Raum.» So vermeidet ihr, dass aus jeder Kleinigkeit eine Grundsatzdiskussion wird. 4) Konflikte nicht vor dem Kind austragen Wenn ein Konflikt hochkocht, hilft ein vereinbartes Stoppsignal: «Stopp, wir besprechen das später.» Dann klärt ihr das Thema ohne Publikum. Kinder müssen nicht erleben, dass Erwachsene nie streiten – aber sie sollen sich nicht verantwortlich fühlen oder Angst bekommen. Und wenn es doch passiert ist? Reparieren ist stärker als Perfektion. Sag vor dem Kind kurz: «Wir waren vorhin zu laut. Das tut mir leid. Wir klären das jetzt in Ruhe.» Damit bekommt dein Kind Orientierung: Konflikte sind lösbar. 5) Grosseltern & Betreuung einbeziehen Viele Reibungen entstehen, weil zusätzliche Bezugspersonen andere Regeln haben oder eure Regeln unterschiedlich interpretieren. Ein kurzer Abgleich kann viel verhindern: ein Satz pro Thema genügt oft («Süsses nach dem Essen», «Zähneputzen immer», «Keine Gewalt»). Praktisch ist ein einseitiges Blatt für Grosseltern, Kita, Tagesfamilie oder Babysitter:in: eure drei nicht-verhandelbaren Regeln plus wichtige Infos (Allergien, Schlaf, Medikamente). Das schafft Klarheit, ohne dass ihr jedes Mal neu diskutieren müsst. 6) Wenn Trennung/Patchwork: Co-Parenting-Minimum statt Perfektion In getrennten oder Patchwork-Familien ist «alles gleich» häufig unrealistisch. Dann hilft ein Co-Parenting-Minimum: wenige gemeinsame Eckpunkte (Sicherheit, Gesundheit, Umgangston, Übergaben), und sonst akzeptiert ihr, dass es in den Haushalten Unterschiede gibt. Wenn Gespräche immer wieder eskalieren oder ihr euch im Kreis dreht, kann Unterstützung entlasten. In der Schweiz sind kantonale Familien- und Erziehungsberatungsstellen, Paarberatung sowie der Elternnotruf typische Anlaufstellen, um wieder zu einer tragfähigen Kommunikation zu kommen. Mini-Vorlage: «Unsere Familien-Regeln in 10 Minuten» Mini-Vorlage für euer Elternteam 1-Seiter «Familienregeln» 1) Unsere 3 Nicht-verhandelbaren Regeln: __ / __ / __ 2) Unsere 2 Spielraum-Zonen (jede:r darf’s anders machen): __ / __ 3) Unser Stopp-Satz bei Streit (vor dem Kind): «Stopp – wir klären das später.» 4) Unser Reparatur-Satz (wenn’s vor dem Kind doch laut wurde): «Es tut uns leid. Wir klären das jetzt in Ruhe.» «Wenn-dann»-Konsequenzen Wenn __ passiert, dann __. Wichtig: kurz, logisch, umsetzbar und ohne Drohungen. Beispiel: «Wenn du beim Zähneputzen wegrennst, dann putzen wir zusammen im Bad, und danach gibt es heute keine zweite Geschichte.» Kommunikationsregeln (damit ihr ein Team bleibt) – Wir kritisieren einander nicht vor dem Kind. – Wir sprechen über Werte statt nur über einzelne Situationen. – Wir suchen eine Lösung, die im Alltag machbar ist (nicht die perfekte). – Wir prüfen nach einer Woche: Funktioniert es für unser Kind und für uns? Unterschiedliche Erziehungsstile müssen dem Kind nicht schaden Während ein Elternteil eher streng ist und auf die Einhaltung von Regeln besteht, möchte der andere dem Kind möglichst viel Freiraum gewähren. «Lass das Kind doch! Die Kindheit ist doch kurz genug», sagt sie. «Du verwöhnst das Kind viel zu sehr. So wird es später nicht durchs Leben kommen», sagt er. Doch müsst ihr immer einer Meinung sein? Und müsst ihr denselben Erziehungsstil haben? «Nein», sagen viele Erziehungs-Expert:innen. «Normalerweise kommen Kinder gut damit zurecht, dass unterschiedliche Bezugspersonen sie unterschiedlich behandeln», erklärt der Fribourger Psychologe Fabian Grolimund. «Sie wissen, was sie jeweils bei der Mutter und dem Vater, den Grosseltern oder der Lehrerin dürfen, und was nicht.» Ähnlich sieht das auch der dänische Familientherapeut Jesper Juul. «Dass Kinder Eltern brauchen, die sich in allem einig sind, ist veraltet», sagt er im Interview mit dem «Standard». Schliesslich sei es eine Tatsache, dass Menschen verschieden sind. Auch Eltern hätten unterschiedliche Geschichten, eigene Persönlichkeiten und in den meisten Fällen ein unterschiedliches Geschlecht. «Sie können sich grundsätzlich einig sein. Doch im täglichen Umgang miteinander zeigen sich ihre Eigenheiten. Das sollte auch so sein.» Eltern müssen also nicht grundsätzlich am selben Zügel ziehen. Ihr seid unterschiedlich, und deshalb dürfen auch unterschiedliche Erziehungsstile Platz haben. Es ist in Ordnung, wenn der Vater das Baby am Körper trägt, die Mutter es aber lieber im Wagen schiebt. Es ist kein Problem, wenn das Kind beim Vater mehr Süssigkeiten bekommt als von der Mutter. Aber wenn der Vater meint, das Kind muss den Spinat probieren, muss er das Thema mit dem Kind ausfechten – die Mutter nicht. Für Kinder ist es gut zu sehen, dass nicht jede Person gleich reagiert. So lernen sie, wie das Leben in Gemeinschaft funktioniert. Verschiedene Erziehungsstile schaden, wenn sich daraus ein Machtkampf entwickelt Schwierig wird es, wenn ein Elternteil dem anderen Elternteil seinen Erziehungsstil überstülpen möchte – mit einer vorwurfsvollen Sprache und mit Druck. Denn Druck erzeugt immer Gegendruck. Im schlimmsten Fall entwickelt sich daraus ein Machtkampf, der das Wohl der Kinder völlig aus den Augen verliert. Die Mutter will dann mit noch mehr Freiheiten für die Kinder die Strenge des Vaters ausgleichen. Der Vater dagegen wird immer strenger, um das Kind vor dem laissez-fairen Erziehungsstil der Mutter zu retten. Der Streit verselbstständigt sich, die Fronten verhärten sich. Jedes Elternteil entwickelt eine Theorie über den anderen: «Du erlaubst ja alles! Bei dir können die Kinder alles machen, was sie wollen!», findet er. Und sie: «Du erlaubst den Kindern ja nichts. Du interessierst dich gar nicht für sie und willst nur deine Ruhe haben.» Die grössten Gefahren bestehen darin, dass sich ein Elternteil ganz aus der Erziehung zurückzieht oder sich die Eltern gegenseitig in den Rücken fallen. Dabei wäre das gar nicht nötig. Der Psychologe Fabian Grolimund sagt: «In der Regel kann das Kind besser mit den unterschiedlichen Erziehungsstilen umgehen als mit dem Streit der Eltern.» Kinder beobachten genau, wie Eltern mit ihren Konflikten umgehen. Streit mit lauten Worten und Vorwürfen ängstigt Kinder. Jesper Juul rät deshalb dazu, das Ziel nicht aus den Augen zu verlieren: «Bei Gesprächen über Erziehungsfragen sollte es nicht darum gehen, wer letztlich gewinnt, sondern welche Bedingungen die besten für die Kinder sind.» Kinder profitierten davon, eine Mutter und einen Vater zu haben, die sich gegenseitig – und ihre Unterschiede – wertschätzen. Eltern, die sich konstruktiv an den Konflikt über Erziehungsstile heranwagen, sind dem Kind ein grossartiges Vorbild. Denn Konflikte sind normal. Es gibt kein Leben ohne Konflikte. Ein Konflikt ist immer eine Chance, miteinander ins Gespräch zu kommen. «Sinnvoll kann es auch sein, den Partner zu fragen, wie er sich in seiner Rolle fühlt», erklärt Fabian Grolimund. «Vielleicht möchte er gar nicht immer nur auf Regeln bestehen, sondern auch mal Spass mit dem Kind haben – vorausgesetzt, er weiss, dass der andere Elternteil auch auf die Einhaltung bestimmter Regeln achtet.» Richtig streiten lässt sich lernen Dabei geht es vor allem darum, sich vorwurfsfrei zu begegnen und die Perspektive des Partners einzunehmen. «Mir ist wichtig zu verstehen, wie du die Sache siehst.» So kann sich eine Einladung fürs Gespräch über die unterschiedlichen Vorstellungen von Erziehungsstilen anhören. Dann ist es hilfreich, sich erst einmal zurückzulehnen und dem anderen wirklich interessiert und aufgeschlossen zuzuhören: Was erfahre ich Neues? Welche positiven Aspekte kann ich dieser Sichtweise abgewinnen? Und warum glaube ich, dass meine Sichtweise gut ist? Hat meine Sichtweise auch Nachteile? Können wir uns annähern? Oder können wir immerhin unsere unterschiedlichen Sichtweisen akzeptieren? von Sigrid Schulze