Ein Vater kämpft um sein Kind

In der Schweiz gibt es Väter, die ihr Kind noch nie gesehen haben. Urs Brechbühl zum Beispiel. Der 40-Jährige kämpft seit viereinhalb Jahren um das Besuchsrecht für seinen Sohn. Bisher vergebens. Über die Benachteiligung der geschiedenen Väter sprach er mit familienleben.

Ein Vater kämpft um sein Kind

Besuchsrechtverweigerung: Manche Väter haben ihr Kind noch nie gesehen. Foto: Stockbyte, Jupiterimages, Thinkstock

Urs Brechbühl trennte sich 2006 von seiner Frau als sie gerade schwanger war. Seit dem hat er sie nur drei Mal an den Scheidungsverhandlungen gesehen. Seine Frau verweigerte jeglichen Kontakt, auch zu seinem Sohn.

In seiner Scheidungsurkunde steht, dass ihm einstweilen kein Besuchsrecht eingeräumt werde. Seit der Geburt seines Kindes versucht er bei den Behörden Druck zu machen und stellt fest, dass das Schweizer Recht nicht vaterfreundlich ist. Der Scheidungskampf und die Sorge, nicht zu wissen, wie es seinem Sohn geht, haben ihn krank gemacht. Er kann nicht mehr arbeiten und lebt von Sozialhilfe.

Sie haben Ihren vierjährigen Sohn noch nie gesehen. Sicher haben Sie trotzdem schon oft an ihn gedacht. Was stellen Sie sich vor, wird er gerade machen?

Urs Brechbühl: Das kann ich mir nicht vorstellen. Mir wurde nicht einmal ein Foto zugesendet. Ich habe ja praktisch gar keine Informationen in den viereinhalb Jahren über meinen Sohn bekommen. Ich weiss nicht, wo er ist. Ich weiss nicht, wie es ihm geht. Ich weiss nichts. Das belastet mich sehr und es macht auch krank. Meine jährlichen ärztlichen Kosten von etwa 30.000 Franken muss letztlich der Steuerzahler zahlen.

In welchen Momenten fehlt Ihnen Ihr Sohn besonders?

Er fehlt mir immer. In den ganzen vier Jahren. Es ist erschreckend, was die Behörden mit einem Vater machen. In meiner Scheidungsurkunde steht: Dem Beklagten wird einstweilen kein Besuchsrecht eingeräumt. Punkt. Fertig. Ein Vater mehr wurde entsorgt.

Warum haben Sie kein Besuchsrecht bekommen?

Es gibt keinen Grund. Meine Ex-Frau beschuldigte mich mit Vorwürfen. Erst später stellten sich diese als falsch heraus. Aus diesem Grund habe ich ein Jahr nach der Scheidung einen neuen Versuch bei der Vormundschaftsbehörde gestartet. Als Vater habe ich ein Recht, mein Kind zu sehen. Und natürlich hat auch ein Kind das Recht, seine Eltern zu kennen. Darum habe ich einen neuen Antrag gegenüber der Vormundschaftbehörde gestellt. Die Behörde hat mir den aber rechtswidrig zurückgeschickt. Erst als ich sie darauf hingewiesen hatte, dass sie nicht das Recht dazu haben, haben sie das Gesuch weitergeleitet und sich für die Verzögerung entschuldigt.

Seit dem ist nichts passiert?

Seit über fünf Monaten ist nichts gegangen. Michael Handel, ein Vater, der mich unterstützt, stellte Antrag auf Akteneinsicht. Auch das wird abgeblockt. Sie bitten uns zu warten, bis sich eine andere Verwaltungsbehörde mit uns in Verbindung setzt. Das ist die einzige Antwort, die man bekommt. Sie sagen immer, sie seien nicht zuständig, sie hätten es weitergeleitet. Ein Vater, der sein Kind seit viereinhalb Jahren nicht gesehen hat, wird verschaukelt und boykottiert. Und man kann nichts machen. Man bekommt als Vater kein Recht, sein Kind zu sehen.

Die Behörden halten Sie hin.

Ja, sie halten mich hin. Sie machen nichts. Sie werden als Vater diskriminiert und Sie haben als Vater keine Chance. Mich erstaunt es nicht, wenn ich davon höre, dass sich Väter völlig verzweifelt das Leben nehmen.

War das vor Ihrem Scheidungsurteil auch schon so?

Ja, ich habe nicht mal den Vornamen meines Kindes mitbestimmen können. Ich habe die Behörden gefragt, ob das rechtmässig sei. Ja, meinten sie, auch eine verheiratete Frau könne den Namen allein bestimmen. Man nehme an, der Mann sei automatisch einverstanden. Als Vater hat man schon nach der Geburt keine Rechte mehr. Mein Fall ist sicherlich speziell. Ich kenne andere Väter, die ein Besuchsrecht bekommen haben, aber das Kind trotzdem nicht sehen. Es wird ihnen verweigert. Eine Frau kann das Besuchsrecht verweigern, ohne bestraft zu werden. Wenn ein Mann die Alimentenzahlungen verweigert, wird er bestraft. Das ist eine Diskriminierung.

Gibt es für die Väter keinen Ansprechpartner, der das Besuchsrecht durchsetzen kann?

Gute Frage. Das habe ich mich in den viereinhalb Jahren auch gefragt. Es gibt niemanden, der einem hilft. Man steht alleine da. Es ist ja eine rechtliche Angelegenheit und ein Rechtsanwalt arbeitet nicht gratis. Die einzige Möglichkeit ist, sich in einer Nervenheilanstalt helfen zu lassen. Da bekommt man etwas Trost. Die kostet natürlich viel Geld. Für vier Monate sind das 40.000 Franken, die letztlich der Steuerzahler bezahlen muss. Wenn das alle Väter machen, würden die Missstände der Gesellschaft mehr bewusst werden. Es muss aktenkundig werden, denn sonst weiss niemand, wie viele Väter es betrifft.

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter