Leben > Krisen & Hilfe«Ich hatte ständig Angst, dass Mama sich etwas antun könnte» Melina Maerten In der Schweiz haben Schätzungen zufolge 20'000 bis 300'000 Kinder in der Schweiz einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist. Sie leben in ständiger Angst um ihre Eltern und haben oft Schuldgefühle. Cristina Trentini ist eines dieser Kinder. Sie erzählt, wie sie es schaffte, diese Krise zu überwinden. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Das Wichtigste in Kürze Wenn ein Elternteil psychisch erkrankt, spüren Kinder die Veränderung meist früh. Für sie ist besonders belastend, wenn niemand erklärt, was los ist – oder wenn sie «geheim halten» sollen. Sprich mit deinem Kind altersgerecht und entlastend: «Du bist nicht schuld. Erwachsene kümmern sich um Hilfe. Du darfst Kind sein.» Bei Suizidgedanken oder akuter Gefahr gilt: Sicherheit geht vor. Hole sofort Unterstützung (Notruf, psychiatrische Notfallhilfe, Vertrauensstellen). Frühe Hilfe wirkt: Je schneller du Abklärung und Behandlung organisierst, desto besser kann sich der Familienalltag stabilisieren – auch für die Kinder. Akutplan bei Suizidgedanken/akuter Krise Wenn du befürchtest, dass ein Elternteil sich etwas antun könnte, oder wenn konkrete Suizidgedanken/Pläne im Raum stehen: Bleib nicht allein damit. Hol sofort Hilfe dazu (Nachbar:in, Familie, Freund:in) – auch wenn es sich «übertrieben» anfühlt. Schaffe Sicherheit für die Kinder. Bringe sie – wenn möglich – zu einer vertrauten erwachsenen Person. Kinder sollen in akuten Krisen nicht die Rolle von Beobachter:innen oder «Aufpasser:innen» übernehmen. Hole professionelle Hilfe: Bei unmittelbarer Gefahr Notruf 144 (Sanität) oder 112; bei Eskalation/Sicherheitslage Polizei 117. Nutze 24h-Anlaufstellen: Dargebotene Hand 143 (für Erwachsene) und Pro Juventute 147 (für Kinder/Jugendliche und Bezugspersonen). Sprich offen und direkt an, was du wahrnimmst. Das Nachfragen nach Suizidgedanken kann entlasten und ist ein wichtiger Schritt, damit Hilfe möglich wird. Wenn möglich: Vereinbart, dass der betroffene Elternteil nicht alleine bleibt, bis professionelle Hilfe übernimmt, und dass risikoreiche Mittel (z.B. Medikamente) gesichert werden. Wichtig: Eine Krise ist kein Familiengeheimnis. Hilfe holen ist Fürsorge – und Kinderschutz. Warnzeichen bei Eltern und Kindern Warnzeichen beim Elternteil Äusserungen wie «Ich kann nicht mehr», «Ihr wärt ohne mich besser dran», «Ich will nicht mehr leben» Rückzug, starke Hoffnungslosigkeit, ausgeprägte innere Unruhe oder plötzliche «untypische Ruhe» nach einer sehr belasteten Phase Deutlich verändertes Schlaf- und Essverhalten, starke Antriebslosigkeit, Vernachlässigung von Alltag und Selbstfürsorge Vermehrter Alkohol-/Substanzkonsum oder deutlich riskanteres Verhalten als sonst Konkrete Vorbereitungen (Abschied, Verschenken wichtiger Dinge, «Ordnen» von Angelegenheiten, Recherchen zu Suizidmethoden) Warnzeichen beim Kind Anhaltende Angst, ständiges «Kontrollieren» (z.B. wiederholt anrufen, nicht mehr zur Schule wollen) Schlafprobleme, Bauch-/Kopfschmerzen ohne klare körperliche Ursache Starke Schuldgefühle, übertriebene Verantwortungsübernahme («Parentifizierung»), Leistungsdruck Rückzug, Traurigkeit, Reizbarkeit, häufige Wutausbrüche oder auffällige Anpassung («Ich mache keine Probleme») Plötzliche Verschlechterung in Schule/Lehre oder sozialer Rückzug Wenn du unsicher bist: Lieber einmal zu früh Hilfe holen als einmal zu spät. Gerade Kinder psychisch erkrankter Eltern brauchen früh verlässliche Erwachsene, Entlastung und klare Absprachen – nicht zusätzliche Verantwortung. Mit Kindern sprechen – altersgerecht Kinder brauchen keine medizinischen Details, aber sie brauchen verlässliche Orientierung. Hilfreich sind kurze, ehrliche Sätze, die Sicherheit geben und Schuld nehmen: «Mama/Papa ist krank. Das heisst nicht, dass du etwas falsch gemacht hast.» «Erwachsene kümmern sich jetzt um Hilfe. Du musst das nicht lösen.» «Du darfst spielen, Freund:innen treffen und fröhlich sein – auch wenn es zuhause schwierig ist.» «Wenn du Angst hast oder Fragen hast, komm zu mir/zu … (Name der Bezugsperson).» Wichtig: Mach dein Kind nicht zum Geheimnisträger. Wenn Kinder lernen «Wir reden nicht darüber», verstärkt das oft Angst, Scham und Einsamkeit. Besser ist, gemeinsam zu entscheiden, wer Bescheid weiss (z.B. Klassenlehrer:in, Schulsozialarbeit, Grosseltern, Trainer:in) – und was gesagt wird. Stabilität im Alltag hilft. Kleine Rituale (Essen, Bettgehzeiten, Wochenplan) entlasten. Wenn der erkrankte Elternteil gerade wenig kann, darfst du pragmatisch vereinfachen: «gut genug» ist in Krisen oft das Beste. Hilfe in der Schweiz organisieren Erste Anlaufstelle: Hausärzt:in (für den betroffenen Elternteil) oder Kinderärzt:in (wenn du Sorgen um das Kind hast). Dort kann abgeklärt werden, wie dringend es ist und welche Behandlung passt. Fachliche Abklärung und Behandlung: Je nach Situation Psychotherapie, psychiatrische Behandlung und bei Bedarf Krisenintervention. Bei schweren Depressionen kann – je nach ärztlicher Beurteilung – eine Kombination aus Psychotherapie und medikamentöser Behandlung angezeigt sein. Entlastung für die Kinder organisieren: Kläre früh, wer zuverlässig einspringen kann (Familie, Pat:innen, Freundeskreis). Ein einfacher «Notfall-Zettel» für Kinder kann helfen: Telefonnummern, wer abholt, wo sie hingehen können. Schule/Betreuung einbeziehen: Informiere eine zentrale Bezugsperson (z.B. Klassenlehrer:in). Ziel ist nicht Mitleid, sondern praktische Unterstützung (z.B. Verständnis bei Konzentrationsproblemen, klare Kontaktperson, ruhiger Rückzugsort). Eigene Grenzen schützen: Wenn du als Partner:in oder Bezugsperson dauerhaft überlastet bist, steigt das Risiko, dass der Alltag für alle kippt. Nimm auch für dich Unterstützung an (Beratung, Coaching, Angehörigengruppe). Eine familienorientierte Perspektive ist entscheidend: Nicht nur die Symptome einer Person zählen, sondern auch, wie Kinder informiert, geschützt und entlastet werden. Wenn du Unterstützung holst, ist das kein «Scheitern», sondern aktive Verantwortung. Mit Cristina Trentini sprach Melina Maerten Verfasste einen Ratgeber für Jugendliche, deren Eltern psychisch krank sind: Cristina Trentini. Im Film «Kinder zwischen Risiko und Chance» spricht sie über ihre eigenen Erfahrungen. (Bild: ffg-video) Cristina Trentini, Sie waren 17, als Ihre Mutter von einem Tag auf den anderen zusammenbrach. Diagnose: Depression. Wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrer Mutter etwas nicht stimmt? Das war etwa ein Jahr vor ihrem Tiefpunkt. Sie war oft gereizt, Kleinigkeiten - wie Sachen im Haus herumliegen lassen - haben gereicht, dass sie laut wurde und die Türe zuschlug. Hinzu kam ihr Perfektionismus, es müsse alles immer tipptopp sauber sein. Kurz vor dem Zusammenbruch kamen vermehrt Müdigkeitsanzeichen. Da merkte ich, etwas stimmt nicht mit ihr. Wie wurden Sie über ihre Depression aufgeklärt? Meine Mutter ging zum Hausarzt. Die Diagnose wurde ihr plötzlich an den Kopf geworfen. Danach kam der totale Zusammenbruch. Was Depression mit einer Person machen kann, hat mir mein Vater erklärt. Mit wem haben Sie über Ihre Situation gesprochen? Mit meinen engsten Freunden. Sie waren in dieser schweren Zeit eine grosse Hilfe und mit diesen Personen habe ich heute noch Kontakt. Ich weiss von anderen Fällen, wo sich das Umfeld zurückgezogen hat. Wir haben aber nie eine negative Reaktion erhalten. Das liegt sicher auch daran, dass wir aus der Krankheit kein Tabu gemacht haben. Wie sah es mit Ihrer Klasse aus, wusste die Bescheid? Nur meine engsten Schulfreunde wussten Bescheid. Was hat die schwere Zeit gefühlsmässig in Ihnen ausgelöst, wenn Sie beispielsweise in der Schule waren? Auf meine schulischen Leistungen hatte die Krankheit keinen grossen Einfluss, meine Noten wurden nur ein bisschen schlechter. Das grössere Problem war, dass meine Gedanken ständig bei Mami waren. Wenn sie alleine zu Hause war, fragte ich mich, was passiert gerade. Vor dem Tiefpunkt war ich oft wütend, und fragte mich, was los ist. Als ich wusste, was Depression heisst, hatte ich mehr Verständnis für meine Mutter. Was war für Sie der schwierigste Moment? Das Schlimmste war, zu sehen, dass meine Mutter zuvor normal funktionierte, einen geregelten Tagesablauf hatte und den Haushalt und die Familie managte. Und von einem Moment auf den anderen war sie antriebslos, sass tagsüber auf dem Sofa und schaute ins Leere. Hatten Sie nie Angst um Ihre Mutter? Doch! Ich hatte grosse Angst, dass sie sich vielleicht etwas antun könnte. Mein Vater bat mich, gut hinzuhören, ob sie Suizidgedanken äussert. Ich hatte auch Angst, dass die Krankheit nicht mehr weggeht und dass sie in eine Klinik muss, weg von uns. Hatten oder haben Sie Angst, selbst psychisch krank zu werden? Ja. Aber weil ich weiss, wie eine Depression entstehen kann, habe ich gelernt, auf mich selbst zu achten. Man ist zwar anfälliger als andere ohne psychisch kranken Elternteil, aber ob die Krankheit genetisch vererbbar ist, ist umstritten. Tatsache ist, dass sehr viele Kinder aufgrund der schwierigen familiären Situation selbst psychische Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Dies wirkt sich oft bis ins Erwachsenenalter aus. Wenn ich wegen der Schule gestresst bin oder nicht richtig schlafen kann, dann schalte ich einen Gang zurück. Trotzdem, auch sechs Jahre nachher, glaube ich nicht, dass diese Erfahrung negativen Einfluss auf mich hatte. Sie haben sich sehr um Ihre Mutter gekümmert. Was haben Sie unternommen, neben dem Reden, damit Sie sich selbst nicht vergessen? Ich lernte, mich abzugrenzen. Das war ein schwerer Prozess. Aber ich musste mir ins Bewusstsein rufen, ich kann ihr helfen, aber sie nicht heilen. Damit es mir gut ging, versuchte ich, wenn ich nicht zu Hause war, mich abzulenken. Sie wirken auf mich wie eine starke Persönlichkeit. Woher haben Sie die Kraft damals geholt? Die Situation mit meiner Mutter war sehr belastend und ich habe manchmal geweint. Ich blieb stark, weil ich mich mit dem Thema beschäftigt habe und wir als Familie fest zusammengehalten haben. Es wurde mir von Anfang an als etwas Normales kommuniziert und ich habe mich nie für meine Mutter geschämt. Sie hat rasch psychologische Hilfe in Anspruch genommen, dies hat uns sehr entlastet. Mir hat es auch geholfen, viel in der Familie darüber zu reden, was wir heute noch tun. Damals schrieb ich meine Maturaarbeit über das Thema, was mir zusätzlich beim Verarbeiten half. Ihr jüngerer Bruder war damals 13. Wie war die Beziehung zwischen Ihnen? Vor dem Zusammenbruch meiner Mutter bin ich manchmal zu ihm ins Zimmer gegangen und habe ihm gesagt, mach jetzt keinen Quatsch, mach deine Hausaufgaben, damit sich Mami nicht aufregt. Wir haben im Zimmer wie eine Konferenz abgehalten (lacht). Ihr Vater hat Sie über Depression aufgeklärt. Was für eine Rolle hat Ihr Vater sonst für Sie gespielt? Er war für mich die wichtigste Bezugsperson. Am meisten half es mir, mit ihm über meine Gefühle und Gedanken zu sprechen. Seine Fürsorge für Mami und uns Kinder ermöglichte es, uns mit der schwierigen Situation bestmöglich umzugehen. Er konnte ab und zu von der Arbeit freinehmen oder früher nach Hause kommen, um den Haushalt zu machen. Er erklärte mir auch, was in der Therapie besprochen wurde. Er hat uns Kindern immer gut zugesprochen: «Ihr seid nicht schuld» und «Mami wird wieder gesund». Er hat natürlich auch gelitten. Berichte von Betroffenen, die ihre Depression überwunden hatten, machten ihm Mut. Er merkte schnell, dass er nun den Hauptteil der Verantwortung übernehmen muss. Von da an hat er einfach funktioniert. Hat Ihre Familie auch eine Art Ritual gefunden, um Ihrer Mutter während der Therapie zu unterstützen? Ja, als es meiner Mutter etwa drei Monate nach der extremen Phase etwas besser ging, haben wir manchmal zusammen eingekauft und am Abend gekocht. Zum Ritual gehörte auch, dass wir auf ihren iPod Musik geladen haben, die sie später hören konnte oder haben zusammen alte Ferienfotos angeschaut. Ist Ihre Mutter seit damals wieder rückfällig geworden? Nein. Nach ungefähr einem Jahr war sie wieder ganz gesund. Sie fand mit der Therapie wieder zurück ins Leben und ist nicht mehr rückfällig geworden. Was möchten Sie anderen Jugendlichen mit auf den Weg geben, die im Moment das gleiche durchmachen? Je nach Familienkonstellation und Alter der Kinder ist die Situation unterschiedlich. Es gibt Fälle, wo den Kindern gesagt wird, erzählt niemandem davon. Das ist falsch. Sie sollen wissen, dass sie nicht schuld sind und sich nicht verstecken müssen. Sie können Hilfe holen bei einer Vertrauensperson oder einer Anlaufstelle, damit sie die notwendige Unterstützung erhalten. Sie sollen auf sich selbst achten, ohne schlechtes Gewissen, Hobbys nachzugehen und wissen, es ist okay, auch mal wütend zu sein. Zur Person Cristina Trentini aus Dübendorf ist 23 Jahre alt und studiert Logopädie. Sie hält an Schulen Vorträge zum Thema Depression und erzählt über ihre Erfahrungen. Für ihre Maturaarbeit schrieb sie den Ratgeber «Wenn Mama nicht mehr funktioniert», der sich an Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren richtet, die mit der Depression eines Elternteils konfrontiert sind. In der 36-seitigen Broschüre beschreibt sie verschiedene Situationen und zeigt auf, wo Unterstützung geboten wird. Ihre Arbeit wurde veröffentlicht und als eine der fünf besten im Kanton Zürich ausgezeichnet. Film «Kinder zwischen Risiko und Chance» spielten Cristina Trentini und ihre Familie als Protagonisten im Film «Kinder zwischen Risiko und Chance» mit. Der halbstündige Schweizer Dokumentarfilm der Regisseurin Annemarie Friedli zeigt Porträts von Eltern und Kindern, die über ihre Erfahrung mit einer psychischen Krankheit sprechen. Experten kommen zu Wort und geben Tipps zum Umgang mit der Krankheit und wie Kinder in das Thema involviert werden können. Wenn du als Elternteil betroffen bist: Was deinem Kind am meisten hilft Früh sagen, was los ist – in einfachen Worten. Kinder merken Veränderung. Eine kurze Erklärung ist meist weniger beängstigend als Schweigen. Einen «Plan B» festlegen. Wer kocht? Wer bringt zur Schule? Wer ist erreichbar, wenn du ausfällst? Das gibt Kindern Sicherheit. Behandlung ernst nehmen und Dranbleiben erleichtern. Depression ist behandelbar. Je konsequenter du Unterstützung annimmst, desto eher stabilisiert sich der Familienalltag. Schuldgefühle der Kinder aktiv korrigieren. Wiederhole es: «Du bist nicht verantwortlich. Du darfst Kind sein.» Schutz vor Überforderung. Kinder dürfen helfen (z.B. Tisch decken), sollen aber nicht die Rolle einer erwachsenen Bezugsperson übernehmen. Service: Hilfe und Beratung in der Schweiz (rund um die Uhr, wenn angegeben) Notruf: 112 (allgemein) / 144 (Sanität) / 117 (Polizei) Dargebotene Hand: 143 (Telefonseelsorge, 24h) Pro Juventute Beratung + Hilfe: 147 (für Kinder und Jugendliche, 24h; auch für Bezugspersonen bei Sorgen um ein Kind) Für längerfristige Unterstützung eignen sich je nach Kanton auch kinder- und jugendpsychiatrische Dienste (KJPD), Familienberatungen oder Angebote für Angehörige. Den passenden Weg kannst du über Hausärzt:in, Kinderärzt:in oder die kantonalen Versorgungsstrukturen klären.