«Ich hatte ständig Angst, dass Mama sich etwas antun könnte»

In der Schweiz haben Schätzungen zufolge 20'000 bis 300'000 Kinder in der Schweiz einen Elternteil, der psychisch erkrankt ist. Sie leben in ständiger Angst um ihre Eltern und haben oft Schuldgefühle. Cristina Trentini ist eines dieser Kinder. Sie erzählt, wie sie es schaffte, diese Krise zu überwinden.

Cristina Trentini im Dokumentarfilm «Kinder zwischen Risiko und Chance»

Verfasste einen Ratgeber für Jugendliche, deren Eltern psychisch krank sind: Cristina Trentini. Im Film «Kinder zwischen Risiko und Chance» spricht sie über ihre eigenen Erfahrungen. (Bild: ffg-video)

Cristina Trentini, Sie waren 17, als Ihre Mutter von einem Tag auf den anderen zusammenbrach. Diagnose: Depression. Wann haben Sie gemerkt, dass mit Ihrer Mutter etwas nicht stimmt?

Das war etwa ein Jahr vor ihrem Tiefpunkt. Sie war oft gereizt, Kleinigkeiten - wie Sachen im Haus herumliegen lassen - haben gereicht, dass sie laut wurde und die Türe zuschlug. Hinzu kam ihr Perfektionismus, es müsse alles immer tipptopp sauber sein. Kurz vor dem Zusammenbruch kamen vermehrt Müdigkeitsanzeichen. Da merkte ich, etwas stimmt nicht mit ihr.

Wie wurden Sie über ihre Depression aufgeklärt?

Meine Mutter ging zum Hausarzt. Die Diagnose wurde ihr plötzlich an den Kopf geworfen. Danach kam der totale Zusammenbruch. Was Depression mit einer Person machen kann, hat mir mein Vater erklärt.

Mit wem haben Sie über Ihre Situation gesprochen?

Mit meinen engsten Freunden. Sie waren in dieser schweren Zeit eine grosse Hilfe und mit diesen Personen habe ich heute noch Kontakt. Ich weiss von anderen Fällen, wo sich das Umfeld zurückgezogen hat. Wir haben aber nie eine negative Reaktion erhalten. Das liegt sicher auch daran, dass wir aus der Krankheit kein Tabu gemacht haben.

Wie sah es mit Ihrer Klasse aus, wusste die Bescheid?

Nur meine engsten Schulfreunde wussten Bescheid.

Was hat die schwere Zeit gefühlsmässig in Ihnen ausgelöst, wenn Sie beispielsweise in der Schule waren?

Auf meine schulischen Leistungen hatte die Krankheit keinen grossen Einfluss, meine Noten wurden nur ein bisschen schlechter. Das grössere Problem war, dass meine Gedanken ständig bei Mami waren. Wenn sie alleine zu Hause war, fragte ich mich, was passiert gerade. Vor dem Tiefpunkt war ich oft wütend, und fragte mich, was los ist. Als ich wusste, was Depression heisst, hatte ich mehr Verständnis für meine Mutter.

Was war für Sie der schwierigste Moment?

Das Schlimmste war, zu sehen, dass meine Mutter zuvor normal funktionierte, einen geregelten Tagesablauf hatte und den Haushalt und die Familie managte. Und von einem Moment auf den anderen war sie antriebslos, sass tagsüber auf dem Sofa und schaute ins Leere.

Hatten Sie nie Angst um Ihre Mutter?

Doch! Ich hatte grosse Angst, dass sie sich vielleicht etwas antun könnte. Mein Vater bat mich, gut hinzuhören, ob sie Suizidgedanken äussert. Ich hatte auch Angst, dass die Krankheit nicht mehr weggeht und dass sie in eine Klinik muss, weg von uns.

Hatten oder haben Sie Angst, selbst psychisch krank zu werden?

Ja. Aber weil ich weiss, wie eine Depression entstehen kann, habe ich gelernt, auf mich selbst zu achten. Man ist zwar anfälliger als andere ohne psychisch kranken Elternteil, aber ob die Krankheit genetisch vererbbar ist, ist umstritten. Tatsache ist, dass sehr viele Kinder aufgrund der schwierigen familiären Situation selbst psychische Verhaltensauffälligkeiten entwickeln. Dies wirkt sich oft bis ins Erwachsenenalter aus. Wenn ich wegen der Schule gestresst bin oder nicht richtig schlafen kann, dann schalte ich einen Gang zurück. Trotzdem, auch sechs Jahre nachher, glaube ich nicht, dass diese Erfahrung negativen Einfluss auf mich hatte.

Sie haben sich sehr um Ihre Mutter gekümmert. Was haben Sie unternommen, neben dem Reden, damit Sie sich selbst nicht vergessen?

Ich lernte, mich abzugrenzen. Das war ein schwerer Prozess. Aber ich musste mir ins Bewusstsein rufen, ich kann ihr helfen, aber sie nicht heilen. Damit es mir gut ging, versuchte ich, wenn ich nicht zu Hause war, mich abzulenken.

Sie wirken auf mich wie eine starke Persönlichkeit. Woher haben Sie die Kraft damals geholt?

Die Situation mit meiner Mutter war sehr belastend und ich habe manchmal geweint. Ich blieb stark, weil ich mich mit dem Thema beschäftigt habe und wir als Familie fest zusammengehalten haben. Es wurde mir von Anfang an als etwas Normales kommuniziert und ich habe mich nie für meine Mutter geschämt. Sie hat rasch psychologische Hilfe in Anspruch genommen, dies hat uns sehr entlastet. Mir hat es auch geholfen, viel in der Familie darüber zu reden, was wir heute noch tun. Damals schrieb ich meine Maturaarbeit über das Thema, was mir zusätzlich beim Verarbeiten half.

Ihr jüngerer Bruder war damals 13. Wie war die Beziehung zwischen Ihnen?

Vor dem Zusammenbruch meiner Mutter bin ich manchmal zu ihm ins Zimmer gegangen und habe ihm gesagt, mach jetzt keinen Quatsch, mach deine Hausaufgaben, damit sich Mami nicht aufregt. Wir haben im Zimmer wie eine Konferenz abgehalten (lacht).

Ihr Vater hat Sie über Depression aufgeklärt. Was für eine Rolle hat Ihr Vater sonst für Sie gespielt?

Er war für mich die wichtigste Bezugsperson. Am meisten half es mir, mit ihm über meine Gefühle und Gedanken zu sprechen. Seine Fürsorge für Mami und uns Kinder ermöglichte es, uns mit der schwierigen Situation bestmöglich umzugehen. Er konnte ab und zu von der Arbeit freinehmen oder früher nach Hause kommen, um den Haushalt zu machen. Er erklärte mir auch, was in der Therapie besprochen wurde. Er hat uns Kindern immer gut zugesprochen: «Ihr seid nicht schuld» und «Mami wird wieder gesund». Er hat natürlich auch gelitten. Berichte von Betroffenen, die ihre Depression überwunden hatten, machten ihm Mut. Er merkte schnell, dass er nun den Hauptteil der Verantwortung übernehmen muss. Von da an hat er einfach funktioniert.

Hat Ihre Familie auch eine Art Ritual gefunden, um Ihrer Mutter während der Therapie zu unterstützen?

Ja, als es meiner Mutter etwa drei Monate nach der extremen Phase etwas besser ging, haben wir manchmal zusammen eingekauft und am Abend gekocht. Zum Ritual gehörte auch, dass wir auf ihren iPod Musik geladen haben, die sie später hören konnte oder haben zusammen alte Ferienfotos angeschaut.

Ist Ihre Mutter seit damals wieder rückfällig geworden?

Nein. Nach ungefähr einem Jahr war sie wieder ganz gesund. Sie fand mit der Therapie wieder zurück ins Leben und ist nicht mehr rückfällig geworden.

Was möchten Sie anderen Jugendlichen mit auf den Weg geben, die im Moment das gleiche durchmachen?

Je nach Familienkonstellation und Alter der Kinder ist die Situation unterschiedlich. Es gibt Fälle, wo den Kindern gesagt wird, erzählt niemandem davon. Das ist falsch. Sie sollen wissen, dass sie nicht schuld sind und sich nicht verstecken müssen. Sie können Hilfe holen bei einer Vertrauensperson oder einer Anlaufstelle, damit sie die notwendige Unterstützung erhalten. Sie sollen auf sich selbst achten, ohne schlechtes Gewissen, Hobbys nachzugehen und wissen, es ist okay, auch mal wütend zu sein.

Zur Person

Cristina Trentini aus Dübendorf ist 23 Jahre alt und studiert Logopädie. Sie hält an Schulen Vorträge zum Thema Depression und erzählt über ihre Erfahrungen. Für ihre Maturaarbeit schrieb sie den Ratgeber «Wenn Mama nicht mehr funktioniert», der sich an Jugendliche zwischen 13 und 18 Jahren richtet, die mit der Depression eines Elternteils konfrontiert sind. In der 36-seitigen Broschüre beschreibt sie verschiedene Situationen und zeigt auf, wo Unterstützung geboten wird. Ihre Arbeit wurde 2012 veröffentlicht und als eine der fünf besten im Kanton Zürich ausgezeichnet.

Film «Kinder zwischen Risiko und Chance»

2016 spielten Cristina Trentini und ihre Familie als Protagonisten im Film «Kinder zwischen Risiko und Chance» mit. Der halbstündige Schweizer Dokumentarfilm der Regisseurin Annemarie Friedli zeigt Porträts von Eltern und Kindern, die über ihre Erfahrung mit einer psychischen Krankheit sprechen. Experten kommen zu Wort und geben Tipps zum Umgang mit der Krankheit und wie Kinder in das Thema involviert werden können.

Als Familienleben-Leser haben Sie die Möglichkeit, die DVD zum Vorteilspreis von 25 statt 36 Franken zu kaufen. Geben Sie bei der Bestellung den Vermerk «Familienleben» an.

 

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