«Einzelkinder sind viel besser als ihr Ruf»

Einzelkindern gegenüber existieren viele Vorurteile: Altklug, überbehütet und verwöhnt sollen sie sein. Doch stimmt das? Wissenschaftsjournalistin Brigitte Blöchlinger hat die Forschungen der letzten Jahrzehnte zusammengefasst und kommt zu einem überraschenden Ergebnis.

Sind Einzelkinder verwöhnt? Zwei Eltern küssen ihr Kind

Einzelkinder sind verwöhnt und egozentrisch? Von wegen, sagt Brigitte Blöchlinger. (Bild: Nick Thompson/iStock, Thinkstock)

Frau Blöchlinger, Sie haben sich intensiv mit der Entwicklung von Einzelkindern auseinandergesetzt und sogar ein Buch darüber geschrieben. Warum interessiert Sie das Thema «Einzelkind» so sehr?

Brigitte Blöchlinger: In meinem Leben sind viele wichtige Menschen Einzelkinder. Meine Mutter war ein Einzelkind, geboren kurz vor der Weltwirtschaftskrise 1929, als Einzelkinder aus wirtschaftlichen Gründen verbreitet waren. Auch die Mutter meines Ehepartners ist ein Einzelkind, ihr Vater starb wie viele andere im Spanischen Bürgerkrieg. Ich selbst habe ebenfalls ein Einzelkind, das nach der Jahrtausendwende auf die Welt gekommen ist. All diese Menschen haben sehr verschiedene Persönlichkeiten – und doch werden sie alle mit denselben Vorurteilen konfrontiert.

Welche sind das?

Einzelkindern sagt man nach, sie seien egozentrisch, einsam, verschlossen, schüchtern, verwöhnt und sozial wenig kompetent.

Sie haben die Forschungsergebnisse der letzten 120 Jahre akribisch zusammengetragen und ausgewertet. Sind Einzelkinder wirklich so?

Nein! Die gängigen Vorurteile wurden längst widerlegt. Einzelkinder sind viel besser als ihr Ruf! Sie sind in keinem dieser Punkte verschieden von Geschwisterkindern.

Angesichts dieser Forschungsergebnisse fragt man sich, woher all die Vorurteile gegenüber Einzelkindern stammen.

Die Vorstellung vom armen, einsamen Einzelkind, das bei Schuleintritt zum ersten Mal einer grösseren Gruppe Gleichaltriger gegenübersteht und wegen seiner dürftig ausgebildeten sozialen Kompetenzen überall aneckt, stammt noch aus dem 19. Jahrhundert, als Einzelkinder rar gesät waren. Um 1900 hatte gerade mal jedes 13. Paar nur ein Kind. Die «richtigen» Familien, die der Norm entsprachen, brachten es auf durchschnittlich sechs Kinder!

Haben Einzelkinder genauso viele gute Freunde wie andere Kinder auch?

Ja. Einzelkinder haben im Durchschnitt gleich viele gute Freunde wie Geschwisterkinder, nämlich vier, wie eine neuere deutsche Studie ergab. Einzelkinder sind in der Regel sehr aufgeschlossen und interessiert an zwischenmenschlichen Beziehungen.

Heisst das, Eltern müssen sich nicht vor negativen Auswirkungen des Einzelkind-Daseins fürchten?

Einen Nachteil hat man gefunden: Einzelkinder haben weniger Übung im Streiten als Geschwisterkinder und sind deshalb weniger konfliktfreudig.

Wie macht sich das bemerkbar?

Einzelkinder können mit eigenen und fremden Aggressionen schlechter umgehen. Entweder reagieren sie zu harsch oder sie ziehen sich zurück. Die mangelhafte Konfliktfähigkeit ist wohl jene Schwäche, die Einzelkindern am meisten Probleme im sozialen Umgang macht. Doch insgesamt hat die Forschung mehr positive Aspekte des Einzelkind-Dasein gefunden als Nachteile.

Zur Person

Brigitte BlöchlingerBrigitte Blöchlinger, 1962 im Rheintal geboren, arbeitet als Wissenschaftsjournalistin für das Internetmagazin «UZH News» der Universität Zürich. Sie lebt mit ihrer Familie in Zürich in einer Familiensiedlung mit vielen Einzelkindern – ein grosser Gewinn für alle.

Wie bewerten Einzelkinder selbst ihr geschwisterloses Leben? Sind sie zufrieden oder wünschen sie sich einen Bruder oder eine Schwester?

Ihr alltägliches Leben als Geschwisterlose finden die meisten Einzelkinder angenehm und stimmig. Nur wenn man sie allgemein fragt, was sie von Einzelkindern halten, finden sie den Status nicht so gut – wie die meisten Menschen.

Warum gibt es gerade heute so viele Familien mit Einzelkindern?

Die Stellung der Frau in der Gesellschaft hat sich stark verändert. Die meisten Frauen wollen auch als Mutter erwerbstätig sein. Wo es als Mutter schwierig ist, mit Kindern weiterhin zu arbeiten, findet man besonders geringe Geburtenraten, zum Beispiel in Norditalien und Spanien.

Sicher gibt es neben wirtschaftlichen Gründen auch persönliche Motive, ein Einzelkind gross zu ziehen.

Ja, zum Beispiel trägt auch die hohe Scheidungsrate dazu bei, dass ab und zu nach dem ersten Kind kein weiteres folgt. Darüber hinaus haben heute viele Frauen erst mit 35 bis 40 Jahren ihr erstes Kind, und oft bleibt es – manchmal auch ungewollt – dabei. Und gelegentlich ist das erste Kind krank oder ein Elternteil stirbt, so dass die Familie auch nicht weiter wächst.

Wachsen Einzelkinder heute anders auf als damals?

Die Zeit hat für die Einzelkinder gearbeitet. Die Kindheit sieht heute ganz anders aus als vor 120 Jahren, als die Vorurteile gegenüber Einzelkindern das erste Mal festgehalten wurden. Heute streifen die Kinder in ihrer Freizeit nicht mehr mit Geschwistern und Freunden durch Wiesen und Wälder, sondern verabreden sich gezielt und treffen sich zu gemeinsamen Aktivitäten ganz unterschiedlicher Art. Das ist eine günstige Situation für Einzelkinder. Darüber hinaus werden Einzelkinder überdurchschnittlich oft schon in jungen Jahren fremdbetreut, sie haben auch sehr häufig ganz enge Freundschaften, so dass sie viel Austausch ausserhalb ihrer Kernfamilie haben.

Buchtipp

Lob des Einzelkindes, Buchcover


«Lob des Einzelkindes. Das Ende aller Vorurteile»,  Brigitte Blöchlinger, Verlag Fischer Krüger, 2008, ISBN 978-3-8105-0262-9


Interview: Sigrid Schulze, im Juni 2012

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