Leben > PartnerschaftBeziehungstipps: «Wenn es den Eltern gut geht, geht es dem Kind gut» – was Paaren nach der Geburt hilft Angela Zimmerling Neben Windeln wechseln und Baby trösten kommt die Liebe zwischen Frau und Mann zu kurz. Die Psychologin Christelle Benz-Fragnière wollte mit der Studie «Paare werden Eltern» herausfinden, wie werdende Eltern ihre Partnerschaft stärken können. Im Interview von 2014 gibt sie Beziehungstipps. Wo sich Recht oder Forschungsstand seither geändert haben, ordnen wir das im Text ein. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Die erste Zeit mit dem Baby stellt viele Paare auf eine harte Probe. Foto: pojoslaw, iStock, Thinkstock «Elternschaft ist für viele Paare das Ende ihrer Ehe», sagt der US-Psychologe und Liebesforscher John Gottman. Stimmen Sie ihm zu, Frau Benz-Fragnière? Nein. Aber der Übergang zur Elternschaft ist eine der grössten Herausforderungen im Leben. Paare brauchen Zeit, sich daran anzupassen. Denn im Leben gibt es wenige Erfahrungen, die in ihrer Intensität an die Veränderungen herankommen, die ein Baby verursacht. Die erste Zeit mit dem Baby stellt Paare auf eine harte Probe. Deshalb ist es wichtig, sich schon vor der Schwangerschaft Gedanken darüber zu machen. Warum Paare nach der Geburt in alte Rollenbilder rutschen In Beziehungstipps empfehlen Experten, bereits vor der Geburt zu klären, wer zu Hause bleibt und wer Karriere macht. Nach der Geburt findet meistens eine Traditionalisierung der Geschlechterrollen statt. Die Frau bleibt zu Hause, kümmert sich um Haushalt und Baby. Manche Männer fühlen sich ausgeschlossen, wenn die Mutter stillt. Sie denken, sie können zu Hause nicht viel helfen, deshalb machen sie Überstunden, um die Familie finanziell zu unterstützen. Die Frauen aber verstehen das nicht. Sie wollen nicht alles alleine machen. Deshalb ist es wichtig, dass ein Paar miteinander redet, um die Bedürfnisse des anderen zu kennen. Häufig erwarten die Paare, dass der andere merkt, was er oder sie braucht. Doch weil viele Eltern unter Schlafmangel leiden und erst herausfinden müssen, was das Kind will, funktioniert das nicht. Wie kommt es, dass selbst modern aufgestellte Paare in alte Rollenbilder verfallen? Der Mutterschaftsurlaub könnte hier eine Rolle spielen. Einen Vaterschaftsurlaub bekommen nur wenige Männer. Die Frau hat Mutterschaftsurlaub, ist den ganzen Tag mit dem Kind zu Hause und der Haushalt fällt wie automatisch in ihren Aufgabenbereich. Ausserdem gibt sie möglicherweise eine bereits bestehende Karriere auf. Dies wird von den Frauen als sehr enttäuschend erlebt, sie werden unzufrieden. Hinweis der Redaktion: Diese Antwort stammt aus dem Jahr 2014. Seither hat sich die Rechtslage geändert. Seit dem 1. Januar 2021 haben erwerbstätige Väter in der Schweiz Anspruch auf zwei Wochen bezahlten Urlaub nach der Geburt. Seit 2024 heisst die Leistung «Entschädigung des andern Elternteils». Entschädigt werden 14 Taggelder zu 80 Prozent des vorherigen Erwerbseinkommens, höchstens 220 Franken pro Tag, beziehbar innerhalb von sechs Monaten nach der Geburt.[1] Wie du den Urlaub beantragst und einteilst, steht im Artikel Urlaub des andern Elternteils. Was werdende Eltern trotz aller Vorbereitung überrascht Viele Eltern bereiten sich bewusst auf das Kind vor, weil es ein Wunschkind ist. Sie lesen Ratgeber, richten das Kinderzimmer ein und besuchen Geburtsvorbereitungskurse. Was überrascht sie trotzdem, wenn das Kind da ist? Viele Tipps fokussieren auf die Geburt und das Kind. Aber wie stark das Baby die Partnerschaft verändern kann, daran denken die wenigsten. Es ist wichtig, den Eltern zu vermitteln, dass die beste Voraussetzung für eine gute Entwicklung des Kindes ein gutes Verhältnis der Eltern ist. Wenn es den Eltern gut geht, geht es auch dem Kind gut! Denn dann sind sie entspannter und können feinfühliger auf das Kind reagieren. Die Teilnehmenden Ihrer Studie «Paare werden Eltern» erhalten Beziehungstipps und ein Training zur Partnerschaftspflege. Brauchen sie das wirklich? Nein, sie können sich auch selbst Fragen stellen, wie das Elternsein ihre Partnerschaft verändern wird. Viele werdende Eltern haben aber keine realistischen Erwartungen. In unserer Gesellschaft ist es für frisch gebackene Mütter und Väter ein Tabu, auch mal zu sagen: Es geht mir nicht so gut. Denn du hast ein Kind bekommen und sollst jetzt der glücklichste Mensch auf Erden sein. Wir wollen den Eltern den Mut machen, sagen zu können, es ist doch nicht immer so toll, das habe ich mir anders vorgestellt. Hinweis der Redaktion: Eine Teilnahme ist nicht mehr möglich. Das Forschungsprojekt «Strengthening couples during the transition to parenthood» der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, an dem Christelle Benz-Fragnière mitgearbeitet hat, läuft seit Ende 2016 nicht mehr.[2] Ergebnisse daraus erschienen 2020 in der Fachzeitschrift PLOS ONE. Wird die gemeinsame Stressbewältigung eines Paares beim Übergang zur Elternschaft ungleich, geht das bei Ersteltern mit mehr depressiven Symptomen einher.[3] Es ist schwer, einzugestehen, dass die eigenen Kinder nerven können. Über bestimmte Themen wie postnatale Depression und Kinder, die ein schwieriges Temperament haben, sprechen einige schon. Es muss den Eltern bewusst sein, dass es unterschiedliche Kinder gibt. Wir haben einfach noch viel zu oft das Gefühl, dass wir Schuld sind, wenn etwas schlecht läuft. Wenn es dir nicht gut geht: Eine psychische Krise rund um die Geburt ist nicht selten, und du musst damit nicht allein bleiben. Hilfsangebote und Notfallnummern für die Schweiz führt Periparto, die Fachorganisation für psychische Gesundheit rund um die Geburt.[4] Das gilt auch für Väter. Reden lernen: worüber Paare nach der Geburt schweigen Wie funktioniert Ihr Training? Es geht unter anderem um Kommunikation in der Partnerschaft. Die Paare lernen, sich dem anderen zu öffnen und zuzuhören und besser mit Stress umzugehen. Wir erklären, was man aus der Forschung weiss und die Paare werden dazu ermutigt, miteinander über persönliche Probleme zu sprechen. Die meisten Paare sprechen beispielsweise nicht über das Geburtserlebnis. Warum nicht? Der Alltag nach der Geburt ist vollgestopft mit neuen Aufgaben, sodass die Paare nicht dazu kommen, sich auszutauschen. Aber der hauptsächliche Grund ist oft der, dass sie davon ausgehen, dass die Partnerin oder der Partner weiss, wie der andere sich fühlt. Leider ist dies oft nicht der Fall. Beispielsweise die Sexualität verändert sich. Darüber sollten Paare reden. Tun sie es nicht, beeinflusst das die Partnerschaft negativ. Zeit zu zweit – und die Sache mit dem Sex Ist es Paaren bewusst, dass es am Anfang eine Phase ohne Sex geben wird? Ja, aber vielen ist nicht bewusst, dass die Zweisamkeit allgemein verloren geht. Die Zeit zusammen ohne Kind ist knapp. Deshalb sollten sich Eltern bewusst Inseln schaffen, wo sie nur zu zweit sind. Wie schaffen sie sich Zeit? Wenn das Kind schläft, können Eltern zusammensitzen und miteinander reden, Handy und Computer sind ausgeschaltet. Ideal ist es natürlich, wenn zum Beispiel das Grossmami aufs Kind schauen kann. So können die Eltern eine Stunde spazieren gehen. Eine Partnerschaft muss gepflegt werden. Denn zufriedene Eltern und zufriedene Paare nehmen sich Zeit für die Beziehung. Nur so kann sich das Paar wieder als Mann und Frau und nicht nur als Papi und Mami erleben. Die Zeit zu zweit sollten Paare planen. Auch den Sex? Ja, vielleicht ist das die Lösung. Für manche Paare führt das aber eher zu einer Blockade. Eigentlich gibt es für den Sex nach der Geburt des Kindes zwei Möglichkeiten: Entweder Paare planen ihn oder sie werden spontaner als je zuvor und nutzen jede Gelegenheit, die sich im Alltag mit einem Kind ergeben kann. Die Beziehungstipps aus dem Interview auf einen Blick Redet miteinander, statt darauf zu warten, dass der andere merkt, was ihr braucht. Sprecht über das Geburtserlebnis. Viele Paare tun das nie. Schafft euch bewusst Inseln zu zweit, auch wenn das Kind nur eine Stunde schläft. Legt Handy und Computer weg, wenn ihr diese Zeit habt. Fragt Grosseltern oder Freunde an, damit ihr zusammen aus dem Haus kommt. Plant die Zeit zu zweit – und wenn es euch hilft, auch den Sex. Die Liste fasst zusammen, was Christelle Benz-Fragnière im Interview empfiehlt. Christelle Benz-Fragnière hat in Zürich Psychologie studiert und in Fribourg über mütterliche Feinfühligkeit promoviert. Zum Zeitpunkt des Interviews im Jahr 2014 arbeitete die Wissenschaftlerin am Institut Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule für Soziale Arbeit FHNW in Olten und betreute dort die Studie «Paare werden Eltern». Damals war sie Mutter einer zweijährigen Tochter. Bild: zVg Quellen Informationsstelle AHV/IV: «Entschädigung des andern Elternteils». ahv-iv.ch (abgerufen am 23.08.2026) Hochschule für Soziale Arbeit FHNW, Institut Soziale Arbeit und Gesundheit: Projekt «Strengthening couples during the transition to parenthood: A randomized controlled study» (Laufzeit 1.4.2013 bis 31.12.2016, Status: abgeschlossen). irf.fhnw.ch (abgerufen am 23.08.2026) Meier F., Milek A., Rauch-Anderegg V., Benz-Fragnière C., Nieuwenboom J. W., Schmid H., Halford W. K., Bodenmann G.: «Fair enough? Decreased equity of dyadic coping across the transition to parenthood associated with depression of first-time parents». PLOS ONE 15(2), 19.2.2020. journals.plos.org (abgerufen am 23.08.2026) Periparto – Psychische Gesundheit rund um die Geburt: Hilfsangebote für Betroffene. periparto.ch (abgerufen am 23.08.2026)