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Leben > Partnerschaft

Von wegen Krise der Familie: Schweizer setzen Hoffnung in Familienleben – was das Hoffnungsbarometer zeigt

Hohe Scheidungsquoten, Kinder, die kaum Grenzen kennen, Eltern, die sich anschweigen – der Familie wird seit Langem eine Krise nachgesagt. Das Hoffnungsbarometer 2013 sagte etwas anderes: 89 Prozent nannten die glückliche Ehe, Familie oder Partnerschaft als sehr wichtige persönliche Hoffnung, noch vor der Gesundheit.[1] Die Umfrage läuft bis heute weiter. Familie und Partnerschaft stehen dort weiterhin ganz oben.[2] Das folgende Interview mit dem Initiator Dr. Andreas M. Walker stammt vom Januar 2013.

Eltern und zwei Kinder sitzen lachend eng beieinander auf einem Sofa
Familie und Partnerschaft stehen im Hoffnungsbarometer seit Jahren zuoberst. Bild: Goodshot/Thinkstock

Das Hoffnungsbarometer heute: Gesundheit knapp vor der Familie

Das Hoffnungsbarometer gibt es weiterhin. Seit 2009 erhebt es jeden November, worauf die Menschen in der Schweiz für das kommende Jahr hoffen. Getragen wird die Umfrage von swissfuture und der Universität St. Gallen. Die Studienleitung liegt heute bei Andreas M. Krafft. Für die Ausgabe 2026 wurden 5197 Fragebögen ausgewertet, erhoben zwischen dem 1. November und dem 10. Dezember 2025.[3]

Eine Verschiebung gibt es trotzdem. 2013 lag die glückliche Ehe, Familie oder Partnerschaft mit 89 Prozent vor der persönlichen Gesundheit, die 82 Prozent nannten.[1] Heute steht die Gesundheit auf Platz eins. Ehe, Familie und Partnerschaft folgen direkt dahinter, vor Harmonie im Leben und guten Beziehungen zu anderen Menschen. Bei den 18- bis 29-Jährigen ist die Reihenfolge fast dieselbe.[2]

An der Grundaussage ändert das wenig. Die Rangordnung der Hoffnungen bleibt über die Jahre erstaunlich stabil. Und auf die Frage, woraus Menschen ihre Hoffnung ziehen, stehen schöne Erlebnisse in der Natur sowie die Unterstützung von Familie und Freunden zuoberst.[2]

Das Interview von 2013 mit Andreas M. Walker

Warum Menschen ihre Hoffnung in die Familie setzen

Herr Dr. Walker, 89 Prozent der Schweizer setzen ihre grösste persönliche Hoffnung in eine glückliche Ehe/Familie/Partnerschaft – so lautet eines der erstaunlichen Ergebnisse Ihrer empirischen Umfrage, dem Hoffnungsbarometer 2013. Welche Hoffnungen sind es, die konkret mit Familienleben verbunden werden?

Dr. Andreas M. Walker: Was benötigen Menschen, um Hoffnung zu schöpfen? Sie brauchen Trost und Ermutigung. Deshalb wünschen sie sich sichere Beziehungen, die ihnen Halt bieten und die sie aufbauen.

Kann Familie diese Hoffnung erfüllen?

Ich stelle die Frage mal anders: Wer, wenn nicht Familie, soll sie erfüllen? Sicher nicht die Hortleiterin, auch nicht der Pfarrer. Auf die Frage «Wer ist Ihr grösster persönlicher Hoffnungsträger?», die wir im Rahmen unserer Umfrage gestellt haben, würde kaum jemand «Mein Arbeitskollege!» antworten. Nein, es ist die Familie, bei der wir immer wieder landen. Familie hat archetypische Bedeutung!

Freunde oder Familie – wer gibt langfristig Halt?

Können nicht auch Freunde Trost spenden und Sicherheit bieten?

Für die 15- bis 25-Jährigen, die sich innerlich von der Familie wegbewegen, um ihren eigenen Weg zu finden, sind Freunde von entscheidender Bedeutung. Doch Freunde geben nicht den langfristigen Halt, den Familie bieten kann. Denken Sie an die Kibbuz-Bewegung in Israel und an Kommunen wie in den 70ern – sie spielen kaum noch eine Rolle.

Patchwork ist eine Variante von Familie, kein Zerfall

Auch in der Familie wurde lange Zeit ein Auslaufmodell gesehen.

Familien brechen auseinander und formieren sich neu zu Patchwork-Familien. Viele sehen das kritisch. Doch Patchwork-Familien sind eine Variante von Familie; Patchwork hat es schon immer gegeben. Wenn Männer aus dem Krieg nicht zurückkamen oder der Jagd oder auf Baustellen ums Leben kamen, heirateten die jungen Witwen neu. Bedroht ist nicht die Familie an sich, sondern unsere Vorstellung der bürgerlichen Kleinstfamilie.

Warum die Kleinstfamilie unter Druck gerät

Mit welchen Problemen muss sich die Kleinstfamilie plagen?

In einer Kleinstfamilie werden Erwartungen und Wünsche auf zu wenigen Schultern verteilt. Das heisst konkret: Die Mutter oder der Vater läuft Gefahr, in den Partner und in das Kind mehr Hoffnung zu projizieren, als die erfüllen können. Solch übertriebene Hoffnungen können leicht zum Familienzerbruch führen. 2010 erlebten wir mit einer zusammengefassten Scheidungsziffer von 54 Prozent einen Scheidungsboom in der Schweiz. Die Vorstellung «Mutter, Vater und ein Kind» ist eine kleinbürgerliche Vorstellung, die schlecht funktioniert. Zur Familie gehören auch Halbkinder, Grosseltern und nicht verheiratete Tanten.

Anmerkung der Redaktion: Diese Zahl bezieht sich auf das Jahr 2010. Für 2025 weist das Bundesamt für Statistik eine zusammengefasste Scheidungsziffer von 39,1 Prozent aus. Geschieden wurden in jenem Jahr 15 765 Ehen, nach durchschnittlich rund 16 Jahren Ehedauer.[4] Wie eine Scheidung in der Schweiz abläuft, steht in einem eigenen Artikel.

Was Familien stabiler machen würde

Wie lässt sich Familie stabilisieren?

Heute wird viel Geld in staatliche Lösungen investiert wie zum Beispiel in den Hort und in die Ausbildung von Erziehern. Eine Förderung der Familientauglichkeit gibt es dagegen nicht. Das ist sehr bedauerlich. Während es in jeder Firma Rhetorik-Kurse für Mitarbeiter gibt, zerbrechen Ehen, weil Ehepartner nicht streiten können. Viele Eltern brauchen mehr Kompetenzen.

Vater, Mutter und zwei Kinder stehen im Herbst warm angezogen dicht beieinander im Freien
Das Modell Familie hat noch nicht ausgedient. Bild: Monkey Business/Thinkstock

Sehnsucht nach Familie – und trotzdem wenige Kinder

Hat die Sehnsucht nach einem harmonischen Familienleben zugenommen?

Dr. Andreas M. Walker: Wir haben die Umfrage seit 2009 zum vierten Mal durchgeführt – mit 7.575 Teilnehmenden aus der Schweiz und 11.339 Teilnehmenden aus Deutschland. Werte verändern und entwickeln sich allerdings nicht in wenigen Jahren, sondern innerhalb von Jahrzehnten. Deshalb lässt sich nicht von einem Trend sprechen. Allerdings kann ich der Behauptung, das Modell «Familie» habe ausgedient, aufgrund der Umfrage-Ergebnisse klar «Contra» bieten.

Trotz der Sehnsucht nach Familienleben ist die Geburtenrate niedrig.

In einigen Jahren sagen wir vielleicht: «Damals haben wir Hoffnungen in die Familie gesetzt - heute haben wir die Kinder!» (lacht). Beispielsweise in der Stadt Zürich kommen wieder mehr Kinder zur Welt als in den 80er- und 90er-Jahren. 2011 gab es bereits zum achten Mal hintereinander einen Geburtenüberschuss. Die Gesellschaft hat wieder ein grosses Interesse am Thema «Kinder kriegen» und «Kinder haben». Dass Medien ausgiebig über den Nachwuchs von Filmstars und aus Königshäusern berichten, belegt den emotionalen Reiz dieses Themas.

Welche Hoffnung setzen Sie in das Modell «Familie»?

Ich hoffe auf eine breite Diskussion über die Zuständigkeiten der Familie. Die Erziehung von Kindern und die Versorgung von Alten waren über Jahrhunderte hinweg Kernaufgaben der Familie. Heute ist Trend, diese Kernaufgaben dem Staat abzugeben. Wir müssen uns fragen: Wollen wir wirklich, dass der Staat diese Aufgaben übernimmt? Soll primär der Staat Werte definieren und vermitteln? Sind Kinder eine Restmenge, die versorgt werden muss?

Zur Person: Andreas M. Walker

Dr. Andreas M. Walker begründete 2009 das swissfuture Hoffnungsbarometer. Seit 2002 berät er mit seiner Firma weiterdenken.ch Politik, Verwaltung und Wirtschaft zu Chancen und Risiken mittel- und langfristiger Veränderungen. Ein Jahrzehnt lang war er Co-Präsident von swissfuture, der Schweizerischen Vereinigung für Zukunftsforschung; 2020 ernannte ihn der Verein zum Ehrenmitglied. Studiert hat er Geographie und Geschichte, danach arbeitete er in der Finanzbranche. Zum Zeitpunkt des Interviews war er Vater von vier Kindern und lebte in Basel. Die Studienleitung des Hoffnungsbarometers liegt heute bei Andreas M. Krafft von der Universität St. Gallen.[3]

Weiterführende Links:

Quellen

  1. weiterdenken.ch: Hoffnungsbarometer 2013 Schweiz: Die wichtigsten Resultate, 28.12.2012 (abgerufen am 21.08.2026)
  2. IMP-HSG / swissfuture: Hoffnungsbarometer 2025 – Ergebnisse für die Schweiz (PDF), Januar 2025 (abgerufen am 21.08.2026)
  3. IMP-HSG / swissfuture: Hoffnungsbarometer 2026 – Hoffnung zwischen Sicherheit und Transformation (PDF), Januar 2026 (abgerufen am 21.08.2026)
  4. Bundesamt für Statistik: Eheschliessungen, eingetragene Partnerschaften und Scheidungen (abgerufen am 21.08.2026)

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