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Von wegen Krise der Familie: Schweizer setzen Hoffnung in Familienleben

Hohe Scheidungsquoten, Kinder, die kaum Grenzen kennen, Eltern, die sich anschweigen – der Familie wird schon lange eine Krise nachgesagt. Dennoch stehen im Hoffnungsbarometer 2013 die glückliche Ehe, Familie und Partnerschaft an oberster Stelle. Dr. Andreas M. Walker, der Initiator der Umfrage, erläutert die spannenden Zusammenhänge.

Das Familienleben ist immer noch erwünscht

Von wegen Bünzli. Das traditionelle Familienbild steht wieder hoch im Kurs. Bild: Goodshot-Thinkstock

Herr Dr. Walker, 89 Prozent der Schweizer setzen ihre grösste persönliche Hoffnung in eine glückliche Ehe/Familie/Partnerschaft – so lautet eines der erstaunlichen Ergebnisse Ihrer empirischen Umfrage, dem Hoffnungsbarometer 2013. Welche Hoffnungen sind es, die konkret mit Familienleben verbunden werden?

Dr. Andreas M. Walker: Was benötigen Menschen, um Hoffnung zu schöpfen? Sie brauchen Trost und Ermutigung. Deshalb wünschen sie sich sichere Beziehungen, die ihnen Halt bieten und die sie aufbauen.

Kann Familie diese Hoffnung erfüllen?

Ich stelle die Frage mal anders: Wer, wenn nicht Familie, soll sie erfüllen? Sicher nicht die Hortleiterin, auch nicht der Pfarrer. Auf die Frage «Wer ist Ihr grösster persönlicher Hoffnungsträger?», die wir im Rahmen unserer Umfrage gestellt haben, würde kaum jemand «Mein Arbeitskollege!» antworten. Nein, es ist die Familie, bei der wir immer wieder landen. Familie hat archetypische Bedeutung!

Können nicht auch Freunde Trost spenden und Sicherheit bieten?

Für die 15- bis 25-Jährigen, die sich innerlich von der Familie wegbewegen, um ihren eigenen Weg zu finden, sind Freunde von entscheidender Bedeutung. Doch Freunde geben nicht den langfristigen Halt, den Familie bieten kann. Denken Sie an den Kibbuz-Bewegung in Israel und an Kommunen wie in den 70ern – sie spielen kaum noch eine Rolle.

Auch in der Familie wurde lange Zeit ein Auslaufmodell gesehen.

Familien brechen auseinander und formieren sich neu zu Patchwork-Familien. Viele sehen das kritisch. Doch Patchwork-Familien sind eine Variante von Familie; Patchwork hat es schon immer gegeben. Wenn Männer aus dem Krieg nicht zurückkamen oder der Jagd oder auf Baustellen ums Leben kamen, heirateten die jungen Witwen neu. Bedroht ist nicht die Familie an sich, sondern unsere Vorstellung der bürgerlichen Kleinstfamilie.

Mit welchen Problemen muss sich die Kleinstfamilie plagen?

In einer Kleinstfamilie werden Erwartungen und Wünsche auf zu wenigen Schultern verteilt. Das heisst konkret: Die Mutter oder der Vater läuft Gefahr, in den Partner und in das Kind mehr Hoffnung zu projizieren, als die erfüllen können. Solch übertriebene Hoffnungen können leicht zum Familienzerbruch führen. 2010 erlebten wir mit einer zusammengefassten Scheidungsziffer von 54 Prozent einen Scheidungsboom in der Schweiz. Die Vorstellung «Mutter, Vater und ein Kind» ist eine kleinbürgerliche Vorstellung, die schlecht funktioniert. Zur Familie gehören auch Halbkinder, Grosseltern und nicht verheiratete Tanten.

Wie lässt sich Familie stabilisieren?

Heute wird viel Geld in staatliche Lösungen investiert wie zum Beispiel in den Hort und in die Ausbildung von Erziehern. Eine Förderung der Familientauglichkeit gibt es dagegen nicht. Das ist sehr bedauerlich. Während es in jeder Firma Rhetorik-Kurse für Mitarbeiter gibt, zerbrechen Ehen, weil Ehepartner nicht streiten können. Viele Eltern brauchen mehr Kompetenzen.

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