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Plazenta essen: Ein fragwürdiger Trend

Hollywood macht's vor: Frauen, die ihre Plazenta essen – in Smoothies, Lasagne oder Kapselform. Die ursprünglich aus der Traditionellen Chinesischen Medizin kommende Idee soll Wochenbett-Depressionen vorbeugen, Schmerzen lindern und die Milchproduktion fördern. Wissenschaftlich beglegt ist dies allerdings nicht.

Plazenta essen: Manche Frauen verarbeiten die Plazenta roh zu einem Smoothie.

Der Mutterkuchen als Superfood? Manche Frauen verarbeiten die Planzenta zu einem Smoothie, andere lassen Pillen daraus anfertigen. Bild: Jacek_sopotnicki, Getty Images

Die wichtigsten Infos im Überblick

  • Über das Internet verbreitet sich in den letzten Jahren der Mythos vom Superfood Plazenta. Mehr dazu hier. 
  • Die Wissenschaft rät Frauen davon ab, ihre Plazenta zu essen, da eine gesunde Wirkung nicht belegt ist.
  • Die Plazenta versorgt das Kind mit Nährstoffen und hält Schadstoffe zurück, die nach der Geburt noch im Organ sind und Mutter und Baby schaden können. Lesen Sie hier mehr zum Thema.

Die Plazenta, auch Mutterkuchen genannt, ist ein einzigartiges Organ. Sie ist gleichzeitig Verbindung und Trennung von Mutter und Kind. Ihre Entwicklung beginnt mit der Einnistung des Eis. Zum Zeitpunkt der Geburt ist sie ein scheibenförmiges, rundes Organ, von rund 18 Zentimeter Durchmesser, zwei Zentimeter Dicke und 500 Gramm Gewicht. Man kann sie sich wie eine Pizza – oder eben einen flachen Kuchen – vorstellen.

Während der Schwangerschaft ist die Plazenta quasi die Schaltzentrale im Mutterleib. Sie produziert Schwangerschafts- und Bindungshormone. Sie versorgt das Kind über die Nabelschnur mit Sauerstoff und Nährstoffen, sie sorgt für Wärmeaustausch und einen Immunschutz des Embryos und Fetus. Gleichzeitig fungiert sie als sehr feiner Filter, um das Baby zum Beispiel vor Medikamenten, die die Mutter einnimmt zu schützen.

Nach der Geburt, wenn der Blutfluss der Nabelschnur gestoppt wird, hat der Mutterkuchen seine Aufgabe erledigt und wird vom Körper abgestossen. Das nennt man Nachgeburt.

Warum die Plazenta essen?

Die Idee, den Mutterkuchen zu verwerten, ist schon alt. Beispielsweise wird bei einer Lotusgeburt die Nabelschnur nicht durchtrennt, sondern der Mutterkuchen  mit einer Kräutertinktur einbalsamiert und zum Kind gelegt, bis sie nach einigen Tagen von alleine abfällt. Das soll weniger traumatisch für das Kind sein, als das Durchschneiden der Nabelschnur. Laut Baby und Familie wurden bis zum Aufkommen von AIDS in den 1980er Jahren auch Kosmetikprodukte aus der Plazenta hergestellt.

Manche Frauen schwören auf die gesunde Wirkung des Verspeisens der eigenen Plazenta, medizinisch Plazentophagie genannt. Die angeblichen Vorteile: Der Verzehr des Superfoods soll postnatale Depressionen verhindern, Schmerzen nach der Geburt lindern und die Milchproduktion steigern. 

Was ist ein Plazenta-Smoothie?

Es gibt verschiedene Formen der Einnahme. Ob roh als Smoothie, zubereitet als Hackfleisch oder in getrockneter Form als Pillen. Im Internet finden sich zahlreiche Rezepte. Brigitte.de hat ein paar Instagram-Ideen zusammengefasst.  

Ist es gefährlich, die Plazenta zu essen?

Einen Teil seines eigenen Körpers verspeisen? Zunächst empfinden wir Ekel bei dem Gedanken. Das ist eine natürliche und gesunde Reaktion. Denn genetisch betrachet ist die Plazenta ein Teil des Kindes. Sie zu essen, sagt der Gynäkologe Alexander Farr, grenze an Kannibalismus. Er rät Frauen davon ab, ihre Plazenta zu essen. 

Anhängerinnen der Placentophagie begründen die Idee häufig damit, dass Tiere ebenfalls ihre Nachgeburt essen. In tierischen Plazenten wurden beispielsweise direkt nach der Geburt schmerzstillende Bestandteile nachgewiesen. Allerdings ist die Plazenta bei Tieren ganz anders aufgebaut als bei Frauen; man kann die Ergebnisse also nicht vergleichen.

Welche Stoffe nach der Geburt noch in der menschlichen Plazenta sind hat ein Forschungsteam um Sophia Johnson an der Universität Jena herausgefunden. Sie untersuchten Plazenten auf die darin enthaltenen Hormone.  Östrogene oder auch Plazentaloktogen, das für das Stillen verantwortlich ist, sind in roher Plazenta zwar vorhanden, ihre Konzentration nimmt beim Verarbeitungsprozess aber stark ab.

Die Funktion des Organs ist neben der Versorgung das einer Schranke. Es wirkt wie ein Sieb, das nützliche Hormone und Stoffe zum Kind durchlässt und unnütze, wie zum Beispiel Krankheitserreger, aufhält. Diese befinden sich nach der Geburt noch im Organ und werden bei der Verarbeitung zu Kapseln – dabei wird die Plazenta getrocknet – nicht getötet. Für ein Baby und sein noch schwaches Immunsystem kann das gefährlich werden, wenn nicht sogar lebensbedrohlich. 2016 starb ein Säugling an einer Infektion mit B-Streptokokken, nachdem seine Mutter Plazenta-Pillen gegessen hatte.

Es gibt keine wissenschaftlichen Beweise

Der Gynäkologe Alex Farr von der Universität Wien sagt im Deutschlandfunk, dass es keine wissenschaftlichen Daten gibt, die die Wirksamkeit der Massnahme belegen. Einerseits sind die Untersuchungen meist alt und basieren auf Umfragen, an denen dann Mütter teilnahmen, die von sich aus zur Einnahme geneigt waren. Andererseits konnte eine Studie der Universität Nevada, die Mütter, die Plazenta-Kapseln zu sich nahmen, mit einer Kontrollgruppe, die Placebos bekam, verglich, wenige bis keine Vorteile aufzeigen.