Schwangerschaft > GeburtLotusgeburt oder auspulsieren lassen: Wann die Nabelschnur durchtrennt wird Fatima Di Pane Sofort abnabeln, ein paar Minuten warten oder die Nabelschnur gar nicht durchtrennen? Bei einer Lotusgeburt bleibt dein Baby tagelang mit der Plazenta verbunden. Einen Nutzen hat das nicht gezeigt, wohl aber das späte Abnabeln in den ersten Minuten nach der Geburt. Hier erfährst du, was hinter beidem steckt und was in der Schweiz gilt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Bei einer Lotusgeburt bleibt das Neugeborene nach der Geburt mit der Plazenta verbunden, bis diese von selbst abfällt. © Andriy Bandurenko, iStock, Thinkstock Die Lotusgeburt: Das Wichtigste in Kürze Bei einer Lotusgeburt wird die Nabelschnur nicht durchtrennt. Das Baby bleibt mit der Plazenta verbunden, bis die Schnur nach einigen Tagen abfällt. Ein Nutzen der tagelangen Verbindung ist nicht belegt. Ist die Plazenta geboren, wird sie zu totem Gewebe, in dem sich Keime vermehren können. Einen Vorteil zeigt nur das späte Abnabeln. Ein bis zwei Minuten Warten füllen die Eisenspeicher deines Babys besser. In der Schweiz ist das verzögerte Abnabeln bei gesunden Neugeborenen heute Standard. Das gilt auch nach einem Kaiserschnitt. Lange lief es so: Das Baby ist da, die Nabelschnur wird abgeklemmt und durchgeschnitten, oft vom stolzen Vater. Heute lassen sich Hebammen und Ärztinnen damit mehr Zeit, weil in den ersten Minuten noch Blut aus der Plazenta zum Kind fliesst. Die Lotusgeburt geht viel weiter. Sie verzichtet ganz aufs Abnabeln. Was ist eine Lotusgeburt? Bei einer Lotusgeburt bleibt das Baby über die Nabelschnur mit der Plazenta verbunden, bis die Schnur eintrocknet und von selbst vom Nabel abfällt. Das dauert meist drei bis zehn Tage. So lange reist der Mutterkuchen mit. Er liegt in einer Schale oder einer Plazentatasche und wird mit Salz, getrockneten Kräutern und oft ätherischen Ölen behandelt. Das Salz soll ihn austrocknen, die Kräuter und Öle überdecken den Geruch des zerfallenden Gewebes.[1] Beim Wickeln, Stillen und Baden muss die Plazenta immer dabei sein. Woher kommt die Lotusgeburt? Der Name geht auf die Kalifornierin Clair Lotus Day zurück. Sie stellte in den 1970er-Jahren das routinemässige Durchtrennen der Nabelschnur infrage, fand ärztliche Unterstützung und nahm ihren Sohn mit intakter Nabelschnur aus dem Spital nach Hause. Seit 1974 hat sich die Praxis verbreitet, in Spitälern ist sie aber bis heute selten.[1] Was sich Befürworterinnen versprechen und was davon belegt ist Wer sich für eine Lotusgeburt entscheidet, erhofft sich für das Baby einen sanfteren Start. Genannt werden eine bessere Versorgung mit Eisen und Sauerstoff, ein stärkeres Immunsystem, ein ruhigeres Gemüt und sogar ein höherer IQ. Manche halten das Abnabeln für ein Trauma, das Kind solle im eigenen Tempo «loslassen». Dass die tagelange Verbindung zur Plazenta einen dieser Vorteile bringt, ist nicht belegt. Zur Lotusgeburt selbst ist kaum geforscht worden, weder zum Nutzen noch zur Sicherheit.[1] Und der Teil, der tatsächlich wirkt, spielt sich in den ersten Minuten nach der Geburt ab. Dann fliesst noch Blut aus der Plazenta ins Kind. Davon profitieren Babys, deren Nabelschnur spät abgeklemmt wird, auch ohne Lotusgeburt. Die Risiken einer Lotusgeburt Ist die Plazenta geboren, wird sie nicht mehr durchblutet. Sie ist dann totes Gewebe, das Blut enthält und deshalb anfällig für Keime ist. Eine Infektion der Plazenta kann über die Nabelschnur auf das Baby übergehen.[1] Wie oft das passiert, weiss niemand, dafür ist die Lotusgeburt zu selten.[1] Dokumentiert sind Einzelfälle, etwa ein Neugeborenes, das nach einer Lotusgeburt schon am ersten Lebenstag eine Blutvergiftung mit Entzündung der Herzinnenhaut bekam. Ob die Lotusgeburt die Ursache war, liess sich nicht sicher klären.[2] Dazu kommt ein ganz praktisches Risiko: Wird beim Tragen, Stillen oder Wickeln versehentlich an der Nabelschnur gezogen, kann das den Nabel verletzen. Hat ein Neugeborenes Fieber, trinkt es schlecht oder wirkt es ungewöhnlich schlapp, braucht es sofort ärztliche Hilfe. Dasselbe gilt, wenn die Haut rund um den Nabel rot wird oder anschwillt oder Eiter austritt. Nabelschnur auspulsieren lassen: Was spätes Abnabeln deinem Baby bringt Auspulsieren lassen heisst: Die Nabelschnur wird erst abgeklemmt, wenn sie nicht mehr pulsiert. Im Spitalalltag ist damit meist das verzögerte Abnabeln nach ein bis zwei Minuten gemeint. Nach der Geburt steckt nämlich noch ein Teil des kindlichen Blutes in der Plazenta. Wird die Nabelschnur nicht sofort abgeklemmt, fliesst davon einiges zum Baby zurück. Spät abgenabelte Babys wogen bei der Geburt im Schnitt 101 Gramm mehr, und in den ersten beiden Lebenstagen war ihr Blutfarbstoff höher. Dieser Vorsprung glich sich danach aus. Mit drei bis sechs Monaten hatten früh abgenabelte Babys aber mehr als doppelt so häufig einen Eisenmangel. Für die Mutter machte der Zeitpunkt keinen Unterschied: Stärkere Blutungen nach der Geburt traten nicht häufiger auf.[3] Leere Eisenspeicher sind allerdings noch keine Blutarmut. Ob spät abgenabelte Babys in den ersten Lebensmonaten seltener blutarm werden, ist unsicherer als lange angenommen. Bei der Blutarmut und bei den Blutwerten direkt nach der Geburt gilt die Beleglage als schwach.[4] Einen Nachteil gibt es. Nach spätem Abnabeln brauchten gut 4 von 100 Babys eine Lichttherapie wegen Gelbsucht, nach frühem Abnabeln knapp 3 von 100. Das spätere Abnabeln lohnt sich trotzdem, solange eine Lichttherapie verfügbar ist.[3] Im Spital ist das der Fall. Wie lange fliesst Blut durch die Nabelschnur? Blut fliesst länger durch die Nabelschnur, als oft angenommen wird. Bei gesunden, reif geborenen Babys fliesst meist noch mehrere Minuten lang Blut durch die Nabelvene. Bei gut der Hälfte versiegt der Fluss nach rund viereinhalb Minuten, manchmal schon nach drei, manchmal erst nach über sieben. Bei jedem dritten Baby floss noch Blut, als die Nabelschnur abgeklemmt wurde, bei jedem zehnten war gar kein Fluss messbar. Das Pulsieren taugt dabei nicht als Zeichen: Die Nabelschnur kann noch pulsieren, wenn schon kein Blut mehr fliesst.[5] Viel wichtiger ist die Atmung. Erst wenn sich die Lunge mit Luft füllt, wird sie richtig durchblutet, und der Kreislauf des Babys stellt sich um. Wird vorher abgenabelt, bekommt die linke Herzkammer für einen Moment zu wenig Blut. Deshalb gilt das Abnabeln nach den ersten Atemzügen als das schonendere.[6] Wann in der Schweiz abgenabelt wird In der Schweiz gilt heute eine klare Regel: Atmet dein Baby gut und schlägt sein Herz schnell genug, also mehr als 100-mal pro Minute, wird die Nabelschnur frühestens 60 Sekunden und spätestens zwei Minuten nach der Geburt durchtrennt. Das gilt für eine vaginale Geburt genauso wie für einen Kaiserschnitt. Nach einer vaginalen Geburt darf dein Baby in dieser Zeit schon auf deinem Bauch oder deiner Brust liegen, es wird abgetrocknet und zum Atmen angeregt. Der Blutfluss aus der Plazenta funktioniert trotzdem, und das Bonding muss nicht warten.[6] Wie das Warten beim Kaiserschnitt im Operationssaal abläuft, besprichst du am besten vorher mit dem Spital. Es gibt Ausnahmen. Viele Babys beginnen erst innerhalb der ersten 30 bis 60 Sekunden zu atmen, oft nach dem Abtrocknen. Das ist normal. Braucht dein Baby danach noch Hilfe beim Atmen oder ist es schon bei der Geburt deutlich geschwächt, wird es abgenabelt, damit das Team sofort handeln kann. Auch bei einer Plazentalösung, einem Nabelschnurvorfall, einem Riss der Nabelschnur oder einer starken Blutung der Mutter wird nicht gewartet. Bei Babys ab etwa der 34. Schwangerschaftswoche kann die Nabelschnur dann drei- bis fünfmal in Richtung Kind ausgestrichen werden, bevor sie durchtrennt wird.[6] Kommt dein Baby nur wenige Wochen zu früh, gilt die Regel wie bei reif geborenen Babys: Braucht es keine Hilfe beim Atmen, wird mindestens eine Minute und höchstens zwei Minuten gewartet.[6] Bei einer deutlich früheren Frühgeburt legt das Team der Neugeborenenmedizin das Vorgehen fest. Frag danach, sobald eine Frühgeburt droht. So besprichst du deinen Wunsch vor der Geburt Möchtest du, dass mit dem Abnabeln gewartet wird, schreib es in deinen Geburtsplan und sprich es beim Anmeldegespräch im Spital oder mit deiner Hebamme an. Ein bis zwei Minuten sind heute ohnehin üblich. Soll die Nabelschnur ganz auspulsieren, kann das deutlich länger dauern. Dass dein Baby davon zusätzlich profitiert, hat sich bisher nicht gezeigt, zumindest nicht bei schweren Erkrankungen des Neugeborenen.[4] Ob dein Spital oder Geburtshaus so lange wartet, klärst du am besten vorher. Dein Partner kann die Nabelschnur trotzdem durchschneiden, nur eben etwas später. Hältst du trotz der Risiken an einer Lotusgeburt fest, sprich das lange vor dem Termin an. Kläre, ob dein Spital oder Geburtshaus dabei mitmacht, wie die Plazenta versorgt wird und wer dein Baby in den ersten Tagen danach betreut. Denkst du darüber nach, das Nabelschnurblut zu spenden oder einlagern zu lassen, kläre das früh. Gewonnen wird es aus dem Blut, das nach dem Abnabeln in Nabelschnur und Plazenta zurückbleibt. Je länger mit dem Abnabeln gewartet wird, desto mehr Blut ist schon zu deinem Baby geflossen und desto weniger bleibt für die Spende. Wie sich beides verbinden lässt, besprichst du am besten vor der Geburt mit dem Spital. Quellen Senapathy K: Lotus Birth. Skeptical Inquirer, 13.04.2018 (mit der Stellungnahme des Royal College of Obstetricians and Gynaecologists von 2008; abgerufen am 28.09.2026) Ittleman BR, Szabo JS: Staphylococcus lugdunensis sepsis and endocarditis in a newborn following lotus birth. Cardiology in the Young, 2018 (abgerufen am 28.09.2026) McDonald SJ et al.: Effect of timing of umbilical cord clamping of term infants on maternal and neonatal outcomes. Cochrane Database of Systematic Reviews, 2013 (abgerufen am 28.09.2026) Gomersall J et al.: Umbilical Cord Management at Term and Late Preterm Birth: A Meta-analysis. Pediatrics, 2021 (Auswertung für das International Liaison Committee on Resuscitation; abgerufen am 28.09.2026) Boere I et al.: Umbilical blood flow patterns directly after birth before delayed cord clamping. Archives of Disease in Childhood, Fetal and Neonatal Edition, 2015 (abgerufen am 28.09.2026) Schweizerische Gesellschaft für Neonatologie und Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe: Die Unterstützung der Adaptation und Reanimation des Neugeborenen. Paediatrica, 2023 (PDF, Kapitel «Abnabeln»; abgerufen am 28.09.2026)