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Babys verstehen: Auf Feinfühligkeit kommt es an – so deutest du die Signale

Dein Baby kann noch nicht sprechen. Trotzdem sagt es dir ziemlich genau, wie es ihm geht: über Blicke, Laute, Körperspannung und Schreien. Wer diese Signale liest und prompt darauf antwortet, zeigt Feinfühligkeit. Sie prägt die frühe Bindung. Was die Forschung dazu weiss und wo belastete Familien in der Schweiz Hilfe bekommen, trug eine Fachtagung an der Universität Freiburg zusammen.

Mutter hält ihr Baby im Arm und beobachtet seine Signale
Wenn sich ein Baby wohl fühlt, zeigt es das seinen Eltern. Foto: iStock, Thinkstock

Wenn ein Baby sich wohl fühlt, zeigt es das: Es schmiegt sich an Mutter oder Vater an, lächelt oder findet selbst in den Schlaf. Empfindet ein Baby Stress oder gar Angst, zeigt es das ebenso: Es spannt sich an, ballt seine Fäuste oder schreit. Eltern reagieren in der Regel intuitiv richtig auf diese Signale des Babys.

Lächelt das Baby, lächeln sie zurück, sprechen mit dem Kind und halten dabei einen kurzen Abstand ein, damit das Baby die Worte hören kann. Wenn ein Säugling beispielsweise schreit, reagieren Eltern prompt und nehmen ihn in den Arm, beruhigen ihn. Fachleute nennen das elterliche Feinfühligkeit oder Sensitivität.

Feinfühligkeit hat Einfluss auf die Entwicklung

Wie wichtig es ist, dass Eltern feinfühlig auf die Signale ihres Babys reagieren, machten Fachleute an der Tagung «Babys besser verstehen lernen» am 7. Oktober 2011 in Freiburg deutlich. Professor Manfred Laucht vom deutschen Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim sagte während seines Referates: «Es kommt auf die Eltern-Kind-Interaktion an, wie sich die psychische Gesundheit des Kindes bis zum Beginn des Erwachsenenalters entwickelt.»

Der Forscher hat in einer Langzeitstudie, der «Mannheimer Risikokinderstudie», rund 400 Kinder von der Geburt bis ins Erwachsenenalter beobachtet. Dafür untersuchten er und sein Team die Entwicklungen der Kinder und das familiäre Umfeld in regelmässigen Abständen. Die Teilnehmenden waren Risikokinder. Es waren beispielsweise Frühgeburten, Kinder, deren Mutter an einer Depression litt, oder Kinder, die in schwierigen sozialen Verhältnissen aufwuchsen. Das erstaunliche Ergebnis der Forscher: Eine positive frühe Eltern-Kind-Beziehung kann Risikokinder vor gesundheitsschädlichen Folgen bis ins Erwachsenenalter schützen.

Das deckt sich mit dem, was die Bindungstheorie seit Jahrzehnten beschreibt: Verlässliche Antworten in den ersten Monaten geben dem Kind eine sichere Basis. Perfekt muss dabei niemand sein. Es geht nicht darum, jedes Signal auf Anhieb richtig zu deuten, sondern darum, immer wieder hinzuschauen und zu antworten.

Wenn Babys nicht verstanden werden

Manchmal gelingt das nicht, und dafür gibt es gute Gründe. Rund 15 Prozent aller Frauen erkranken in der Schwangerschaft oder nach der Geburt psychisch. Keine andere Diagnose tritt bei Schwangeren und Wöchnerinnen so häufig auf.[1] Leidet eine Mutter an einer postnatalen Depression, reagiert sie meist nicht feinfühlig auf ihr Baby. Sie blickt ihr Kind wenig an und spricht kaum mit ihm.

Das beeinflusst die Reaktion des Säuglings. Er zieht sich zurück, vermeidet ebenso den Blickkontakt, lächelt weniger oder quengelt und schreit häufiger. Das wiederum ärgert die Mutter, die sich oft hilflos fühlt. Bleibt dieser Kreislauf bestehen, kann er die kognitive und emotionale Entwicklung des Kindes beeinträchtigen. Fachleute sehen dann ein erhöhtes Risiko für Verhaltensstörungen und Depressionen im späteren Leben.[1]

Der wichtigste Satz dazu lautet aber: Eine psychische Krise rund um die Geburt lässt sich gut behandeln.[1] Gelingt es der Mutter, trotz ihrer Depression feinfühlig auf das Baby zu reagieren, zeigt ihr Kind später deutlich weniger psychische Auffälligkeiten. Denn die emotionale Sicherheit und Verlässlichkeit, die ein Baby in den ersten Monaten von den Eltern erhält, ist die Grundlage dafür, im späteren Leben belastende Situationen zu meistern.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam auch Jörg Bock, Privatdozent an der deutschen Universität Magdeburg. Der Biologe untersuchte bei jungen Tieren den Einfluss ungünstiger Bedingungen wie Stress auf die Entwicklung des Gehirns. Er fand heraus, dass negative emotionale Erfahrungen im Babyalter eine Fehlentwicklung im Gehirn zur Folge haben können, was später Verhaltensstörungen oder andere Erkrankungen auslösen kann. «Für eine optimale Entwicklung der Hirnfunktion, ist eine optimale Interaktion notwendig», sagte Bock. Seine Befunde stammen aus dem Tierversuch und lassen sich nicht eins zu eins auf Kinder übertragen.

Da es nicht allen Eltern leichtfällt, feinfühlig auf das eigene Baby zu reagieren, schlug Manfred Laucht vor, die Erziehungskompetenz früh zu fördern. Besonders Risikogruppen sollten schon früh begleitet werden. Dieser Meinung waren auch andere Fachleute an der Tagung, die ihre Angebote für Eltern vorstellten.

Das Freiburger Feinfühligkeitstraining

Yves Hänggi vom Institut für Familienforschung und -beratung an der Universität Freiburg stellte das Freiburger Feinfühligkeitstraining vor. Das kurze Training richtet sich an Eltern mit Babys im Alter von rund sechs Monaten. Es umfasst vier Sitzungen zu je anderthalb Stunden, in denen die Eltern lernen, die Signale des Kindes richtig zu deuten. Wichtiger Bestandteil ist ein Videofeedback: Die Eltern werden in der Interaktion mit ihrem Baby gefilmt, anschliessend wird die Aufnahme gemeinsam besprochen.

In einer ersten Studie konnte der Forscher zeigen, dass das Training kurz- und langfristig kleine, positive Effekte hatte. Profitiert haben vor allem Mütter, die eine konservative Einstellung zur Kindererziehung hatten, weniger gut mit Stress umgehen konnten und sich als Mutter weniger zutrauten. Hänggi sagte: «Meine Vision ist, dass solche Feinfühligkeitstrainings so selbstverständlich werden, wie ein Geburtsvorbereitungskurs.» Dazu fehle derzeit aber noch das Grundverständnis sowie das nötige Geld. Hier sei die Politik gefragt.

Wie das Prinzip in der Praxis aussieht, zeigt unser Bericht über den Babykurs zum Freiburger Feinfühligkeitstraining. Auch Videos zur Babysprache arbeiten mit demselben Ansatz. Das Institut für Familienforschung und -beratung berät heute Eltern, Paare, Kinder und Jugendliche psychologisch und juristisch.

Schreiendes Baby, dessen Signale Eltern deuten müssen
Bei anhaltenden Schrei- und Schlafproblemen berät am UKBB eine spezialisierte Sprechstunde. Die Anmeldung läuft über die Kinderärztin.

Die Sprechstunde für Schreibabys in Basel

Eltern, deren Babys exzessiv schreien oder Schlaf- und Essprobleme haben, finden in Basel eine interdisziplinäre Sprechstunde. Die Säuglings- und Kleinkindpsychosomatik ist ein gemeinsames Angebot der Kinder- und Jugendpsychiatrie Basel-Stadt und der Entwicklungspädiatrie des Universitäts-Kinderspitals beider Basel (UKBB). Untersucht werden Säuglinge und Kleinkinder mit Regulations- und Schlafschwierigkeiten bis zum Alter von zwei Jahren; die Eltern werden beraten und begleitet.[2] An der Tagung von 2011 stellten Kinderarzt René Glanzmann und Psychologin Margarete Bolten das Angebot vor.

In der Sprechstunde finden medizinische Untersuchungen statt. Zudem erhalten Eltern einen Fragebogen und werden ermuntert, ein Schlaf- oder Schreitagebuch zu führen. Auch ein Videofeedback kann einbezogen werden. Wichtig zu wissen: Die Anmeldung erfolgt ausschliesslich über eine ärztliche Zuweisung.[2] Der erste Weg führt also zur Kinderärztin oder zum Kinderarzt. Woran du erkennst, ob dein Kind ein Schreibaby ist, liest du in unserem Babykalender.

Das Modellprojekt «Keiner fällt durchs Netz»

In Deutschland lief unter dem Titel «Keiner fällt durchs Netz» ein Modellprojekt, das Psychologin Marisa Benz an der Tagung vorstellte. In einem Elternkurs lernten Eltern, die Signale ihres Babys zu verstehen. Anschliessend begleitete eine Familienhebamme die Familie während des ersten Lebensjahres. Das hatte den Vorteil, dass auch Eltern erreicht wurden, die von sich aus keinen Kurs besucht hätten.

Der zugrunde liegende Elternkurs «Das Baby verstehen» entstand am Universitätsklinikum Heidelberg. Das Nationale Zentrum Frühe Hilfen begleitete das Projekt wissenschaftlich und legte nach dessen Abschluss eine Wirkungsevaluation vor.[4] Das Modellprojekt selbst läuft nicht mehr; in Deutschland sind daraus die regionalen Angebote der «Frühen Hilfen» hervorgegangen.

Wo du in der Schweiz Hilfe bekommst

Auch in der Schweiz musst du mit einem Baby, das du nicht zu beruhigen weisst, nicht allein bleiben. Diese Stellen sind kostenlos oder niederschwellig erreichbar:

  • Mütter- und Väterberatung: die erste Adresse für Fragen zu Schlafen, Schreien, Stillen und Entwicklung. Wie das Angebot funktioniert, erklärt unser Artikel zur Mütter- und Väterberatung.
  • Kinderärztin oder Hebamme: Ansprechpersonen für körperliche Ursachen und die Zuweisung an eine spezialisierte Sprechstunde.
  • Elternnotruf: berät rund um die Uhr, kostenlos, vertraulich und auf Wunsch anonym, auch bei Überforderung und Gewalt. Telefon 0848 35 45 55 oder per Chat und Mail.[3]
  • Periparto Schweiz: Informationen und Adressen zur psychischen Gesundheit rund um die Geburt.

Wer früh Hilfe holt, schützt nicht nur sich selbst, sondern auch die Beziehung zum Kind. Genau das war die Botschaft der Tagung.

Quellen

  1. Schweizerische Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (SGGG), Schweizerische Arbeitsgruppe für Psychosomatik in Gynäkologie und Geburtshilfe: Positionspapier zur medizinischen und psychosozialen Versorgung von Frauen mit psychiatrischen Erkrankungen in der Schwangerschaft und im Wochenbett in der Schweiz (PDF, Januar 2024). Abgerufen am 23.08.2026.
  2. Universitäts-Kinderspital beider Basel: Säuglings- und Kleinkindpsychosomatik | Sprechstunde. Abgerufen am 23.08.2026.
  3. Elternnotruf: Beratung. Abgerufen am 23.08.2026.
  4. Nationales Zentrum Frühe Hilfen: Wirkungsevaluation «Keiner fällt durchs Netz». Ein Modellprojekt des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (PDF). Abgerufen am 23.08.2026.

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