Baby > EntwicklungFremdeln ist normal: So hilfst du deinem Baby Julia Wohlgemuth Bis vor Kurzem hat dein Baby noch jeden angelächelt. Jetzt will es kaum mehr von deinem Arm, sobald fremde Menschen auftauchen. Dann steckt es in der Fremdelphase. Dieser Entwicklungsschritt beginnt meist zwischen sechs und neun Monaten und geht wieder vorbei. Wir zeigen dir, wie du dein Kleines dabei begleitest – und wann ein Gespräch in der Kinderarztpraxis sinnvoll ist. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken In der Fremdelphase suchen Babys bei Besuch zuerst Schutz bei einer vertrauten Person. Foto: iStockphoto, Thinkstock Vielen Eltern ist es ein bisschen peinlich: Das Grosi kommt zu Besuch, und dein Baby will nicht auf den Arm, sondern vergräbt sich in deinem Pullover. Oder dein Kleines schreit lauthals los, wenn die Nachbarin in den Kinderwagen schaut und es anlächelt. Die meisten Babys beginnen im zweiten Lebenshalbjahr zu fremdeln. Wenn du verstehst, warum sich dein Kind so verhält, fällt dir der Umgang damit leichter. Denn Fremdeln ist normal: keine Laune und kein Erziehungsfehler, sondern eine wichtige Phase in der Entwicklung deines Babys [3]. Woher kommt das Fremdeln? In den ersten Lebensmonaten lächelt dein Baby jeden an, wenn es in der richtigen Stimmung ist. Etwa ab dem siebten Lebensmonat ändert sich das. Dein Kind hat nun eine Vorstellung davon, wie die vertrauten Menschen aussehen, und erkennt sie zuverlässig wieder. Alles, was von diesem Bild abweicht, fällt ihm auf [4]. Bei den meisten Kindern setzt das Fremdeln zwischen sechs und neun Monaten ein, manchmal auch schon früher [2][3]. Weil es häufig um den achten Monat beginnt, spricht die Fachliteratur von der Acht-Monats-Angst. Wie lange die Phase dauert, ist sehr unterschiedlich. Bei vielen Kindern lässt sie im Lauf des zweiten Lebensjahres nach [2]. Andere tun sich länger mit Fremden schwer, bis das Verhalten etwa mit drei Jahren deutlich abnimmt [3]. Wie stark dein Baby fremdelt, hängt auch von seinem Wesen ab. Manche Kinder reagieren nur kurz ängstlich. Andere verstecken sich bis weit ins Kleinkindalter hinter dir, sobald ein fremdes Gesicht auftaucht. Beides ist normal. Auch unter uns Erwachsenen gibt es Menschen, die leicht auf andere zugehen, und solche, die zurückhaltender sind. Eine Rolle spielt ausserdem, welche Erfahrungen dein Kind bisher mit fremden Menschen gemacht hat und wie es ihm gerade geht [3]. Ein Baby, das oft Besuch erlebt, tut sich mit Unbekannten häufig etwas leichter. Ein Garant ist das nicht. Müde oder hungrig fremdelt fast jedes Kind stärker. Warum Fremdeln ein gutes Zeichen ist Angenehm ist es nicht, wenn der Onkel zu Besuch ist und dein Baby aus vollem Hals schreit. Trotzdem lohnt es sich, das Fremdeln als Fortschritt zu lesen. Es zeigt, dass dein Kind vertraute von unvertrauten Menschen unterscheiden kann und Bindungen zu seinen Bezugspersonen aufgebaut hat [3]. Häufig heisst es, Fremdeln beweise eine «sichere Bindung». Das greift zu kurz. Die sichere Bindung ist nur eines von mehreren Bindungsmustern, neben der unsicher-vermeidenden, der unsicher-ambivalenten und der unsicher-desorganisierten Form [1]. Fremdeln zeigt, dass eine Bindung entstanden ist – nicht, welche Qualität sie hat. Woran du eine sichere Bindung tatsächlich erkennst, liest du in unserem Beitrag zur Bindungstheorie. Fremdeln wirkt sozusagen wie eine Kindersicherung der Natur. Genau dann, wenn dein Baby in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres mobiler wird, sorgt die neue Vorsicht dafür, dass es sich nicht zu weit von vertrauten Menschen entfernt. Und dein Baby lernt etwas Bedeutsames fürs spätere Leben. Bei einem Kindergarten- oder Schulkind findest du eine gesunde Portion Zurückhaltung gegenüber Fremden schliesslich selbstverständlich. Wenn dein Baby gar nicht oder sehr stark fremdelt Nicht jedes Kind fremdelt sichtbar. Manche Babys durchlaufen die Phase so leise, dass sie kaum auffällt. Das gehört zur normalen Bandbreite [3]. Ein Baby, das wenig fremdelt, hat also nicht automatisch ein Problem. Aufmerksam werden solltest du erst, wenn mehrere Beobachtungen zusammenkommen: wenn dein Kind wahllos mit jeder fremden Person mitgeht und keinen Unterschied zwischen dir und Unbekannten macht, wenn es kaum Blickkontakt sucht oder wenn es sich von dir nicht trösten lässt. Solche Muster sind selten. Sie gehören aber in fachliche Hände. Auch der umgekehrte Fall verdient ein Gespräch. Fremdeln, das sehr heftig ausfällt und lange anhält, kann ein Hinweis auf eine allgemeine Ängstlichkeit sein [2]. Sprich in beiden Fällen deine Kinderärztin an, zum Beispiel bei der nächsten Vorsorgeuntersuchung. Niederschwellig berät dich auch die Mütter- und Väterberatung in deiner Gemeinde. So hilfst du deinem Baby durch die Fremdelphase Dein Baby braucht dich jetzt als sicheren Hafen. Nimm seine Ängste ernst und zwinge es nie, auf den Arm des Besuchs zu gehen [3]. Gib ihm stattdessen Gelegenheit, die fremde Person aus sicherer Entfernung kennenzulernen. Meist dauert es gar nicht lange, bis es mit dem Besuch Spässe macht. Diese Punkte helfen im Alltag [3]: Nimm dein Baby auf den Arm, sobald dir eine Person unheimlich vorkommt, und geh ein paar Schritte zurück. Erkläre dem Besuch, was gerade passiert, und bitte um etwas Abstand, wenn sich jemand zu schnell oder zu laut nähert. Lass deinem Kind Zeit. Die meisten Babys nähern sich von selbst, sobald sie sich geborgen fühlen. Achte auf dein eigenes Verhalten. Reagierst du entspannt auf die andere Person, fällt es deinem Kind leichter. Bemitleide dein Baby nicht und mach das Fremdeln nicht zum grossen Thema. Für eine Mutter oder einen Vater kann es erdrückend sein, wenn das Baby plötzlich nur noch an einer Person hängt. Halte durch. Die Phase geht vorüber, und dein Kind wird bald wieder gelassener auf Fremde reagieren. Steht ein Start in der Kita an, plant ihr die Eingewöhnung am besten mit etwas mehr Zeit ein. Eine vertraute Bezugsperson, die anfangs dabeibleibt, nimmt dem Fremdeln viel von seiner Schärfe. Ähnlich, aber nicht das Gleiche: Trennungsangst Etwa zeitgleich mit dem Fremdeln zeigt sich oft auch die Trennungsangst. Beide Phasen ähneln sich, und umgangssprachlich wird beides gern unter «Fremdeln» zusammengefasst. Der Unterschied liegt im Auslöser. Beim Fremdeln reagiert dein Kind zurückhaltend auf unbekannte Menschen. Bei der Trennungsangst fürchtet es die Trennung von der vertrauten Bezugsperson, auch wenn niemand Fremdes im Raum ist. Die Trennungsangst beginnt typischerweise um den achten Monat, ist zwischen 10 und 18 Monaten am stärksten und verliert sich meist bis zum zweiten Geburtstag [2]. Mit Gugus-Dada-Spielen kannst du die Trennung auf Zeit spielerisch üben. Wie Kindern das Loslassen sonst noch leichter fällt, liest du in unserem Beitrag zur Trennungsangst. Quellen Pro Juventute: Bindung – das A und O in der Erziehung, 09.10.2024. Abgerufen am 18.08.2026. MSD Manual, Profi-Ausgabe (international, ersatzweise herangezogen): Trennungsangst und Fremdeln, Stand April 2025. Abgerufen am 18.08.2026. Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (BIÖG, Deutschland, ersatzweise herangezogen): Der Beginn des «Fremdelns», 21.04.2026. Abgerufen am 18.08.2026. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ, Deutschland, ersatzweise herangezogen): Kleinkinder: Das Fremdeln, 08.07.2021. Abgerufen am 18.08.2026.