Baby > Gesundheit & PflegeKinderwagen oder Tragetuch: Hüfte, Rücken, Sicherheit – was ist besser? Sigrid Schulze Seit dem 19. Jahrhundert gehört der Kinderwagen zu unseren Alltagsgegenständen. Doch getragen wird immer noch. In vielen Regionen der Welt ist die Trage die Regel, und auch hier gewinnt sie zurück: Das moderne Tragetuch und die praktische Babytrage haben viele Vorteile. Entscheidend ist am Ende weniger, was du kaufst, sondern ob dein Baby darin sicher liegt. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Kinderwagen oder Tragetuch? Beide haben ihre Vor- und Nachteile. Foto: iStock, Thinkstock Tragetuch: Geborgenheit und Urvertrauen Gerade ist das Baby so schön auf dem Arm eingenickt. Wenn es jetzt im Bettchen weiter schliefe, dann, ach ja, dann wäre die ersehnte Atempause im gestressten Familienalltag endlich da. Doch kaum liegt das Baby, beginnt es zu schreien. Die Humanethologin Evelin Kirkilionis hat dieses Verhalten untersucht und 1999 in ihrem Buch «Ein Baby will getragen sein» zusammengefasst. Ganz nah bei Mama oder Papa, da fühlt sich ein Baby sicher. «Es findet am Körper vieles von dem wieder, was ihm im Bauch vertraut war: zum Beispiel Geräusche von Herzschlag und Atmung», erklärte Sarah Lindenmann, damals Präsidentin des Vereins Trageberaterinnen Schweiz, gegenüber Familienleben. Mehr zum Thema Baby-Erstausstattung: die Liste samt Kosten und Sicherheitscheck Diese 7 Funktionen hat jeder gute Kinderwagen Der intensive und regelmässige Körperkontakt schenkt Urvertrauen. Wie stark er wirkt, zeigt eine randomisierte Studie mit 99 Mutter-Kind-Paaren, die Urs A. Hunziker und Ronald G. Barr am Montreal Children's Hospital der McGill University durchführten. Im Alter von sechs Wochen, dem Höhepunkt der Schreiphase, schrien und quengelten zusätzlich getragene Babys 43 Prozent weniger als die Kinder der Kontrollgruppe. Die Studie erschien 1986 in der Fachzeitschrift «Pediatrics» [1]. Die Babys wirkten in den Wachphasen zufriedener, schliefen aber nicht länger [1]. Ein Punkt gehört dazu, damit die Zahl nicht in die Irre führt: Sie stammt von gesunden Babys mit normaler Schreikurve. Dieselbe Forschungsgruppe prüfte fünf Jahre später, ob mehr Tragen auch bei Säuglingen mit Koliken hilft. In dieser Studie mit 66 Mutter-Kind-Paaren zeigte sich kein Unterschied, obwohl die Mütter ihre Kinder gut zwei Stunden pro Tag länger trugen [2]. Wenn dein Baby also viel schreit und die Trage nichts ändert, liegt das nicht an dir. Der Verein Schreibabyhilfe betreibt für solche Situationen den Telefondienst Mami4Mami. Ein Baby häufig auf dem Arm zu tragen, ist allerdings mühsam. Fachgeschäfte und Anbieter wie Didymos und Manduca bieten dafür vielfältige Hilfsmittel. So lässt sich mit einem Tragetuch, der ältesten Form der Tragehilfe, ein Kind vor die Brust, auf die Hüfte und auf den Rücken binden. Keine andere Tragehilfe ist so vielseitig. Ein Babytragesitz hat dank verstellbarer Tragegurte einen anderen Vorteil: Er muss nur umgeschnallt werden. Mit einer Babytrage haben Eltern die Hände immer frei. Foto: Babybjörn Tragetuch und Babytrage – weitere Vorteile im Überblick Gut für die Hüften: Die angehockte und gespreizte Haltung mit leicht gerundetem Rücken unterstützt die Ausreifung des Hüftgelenks. Umgekehrt gilt: Hängen die Beine gestreckt herunter, wird die Hüftpfanne an ihrer schwächsten Stelle belastet, und der Hüftkopf tritt teilweise aus der Pfanne [3][4]. Die Knie gehören deshalb angewinkelt auf Nabelhöhe [4]. Praktisch heisst das: Der Sitzsteg der Trage muss von Kniekehle zu Kniekehle reichen, die Knie liegen höher als der Po, und dein Baby ist dir zugewandt. Bei Neugeborenen ist das Gegenteil ebenfalls möglich: Einzelne Tragen spreizen die kurzen Beine zu weit. Mehr dazu im Beitrag Tragetücher können zu Hüftschäden führen. Starke Muskeln: Die dauernden Bewegungen stärken die Rücken- und die Halsmuskulatur deines Kindes. Ruhigere Nächte: «Getragene Kinder fallen während des Tragens nicht in den Tiefschlaf – dafür schlafen sie nachts fester», erklärte Tragetuchberaterin Sarah Lindenmann. Die Studiendaten stützen das nur teilweise: Auf die Schlafdauer wirkte sich das zusätzliche Tragen nicht aus [1]. Hohe Mobilität: Ob im Haus, im Geschäft, auf der Strasse oder in öffentlichen Verkehrsmitteln: Mit einem Baby huckepack lässt sich leichter ein Weg bahnen als mit einem Kinderwagen oder Buggy. Hände frei: Wer sein Kind am Körper trägt, hat die Hände frei. So kann der Alltag trotz Nachwuchses wie gewohnt weitergehen. Tragetuch und Babytrage: Nachteile Komplexe Bindetechnik: Ein Tragetuch will gebunden sein, und das braucht Übung. Wie lang das Tuch sein muss, hängt von der Bindeweise und von deiner Körpergrösse ab. Für die verbreitete Wickelkreuztrage sind es meist rund 4,7 bis 5,2 Meter, für einfachere Varianten deutlich weniger. Vier bebilderte Anleitungen findest du unter Tragetuch binden: 4 Anleitungen für verschiedene Tragepositionen, eine Videoanleitung im Clip Tragetuch binden: Wickel-Kreuz-Tragetechnik. Eingeschränkte Beweglichkeit: Klar, mit dem Baby am Körper fällt es schwerer, sich zu bücken und zu beugen. Rückenschmerzen: Wird das Baby schwerer, können Rückenschmerzen die Folge sein. Mut macht der Verein Schreibabyhilfe: «Wichtig ist, früh mit dem Tragen zu beginnen.» Deine Rückenmuskulatur kann sich dann dem schwerer werdenden Baby anpassen. Der Kinderwagen schont im Gegensatz zum Tragetuch den Rücken der Eltern. Foto: ©iStockphoto.com/kzenon Wem das häufige Tragen des Babys zu anstrengend ist, der kommt ums Schieben nicht herum. Wenn dein Baby fröhlich im Kinderwagen spielt, brabbelt oder schläft, kannst du unbelastet durch die Strassen spazieren. Kinderwagen – weitere Vorteile im Überblick Lange im Dienst: Bewährt hat sich der klassische Kombi-Kinderwagen. Er lässt sich zum Buggy umbauen, sobald dein Baby sitzen kann. Packesel: Praktisch, dass sich unter dem Fahrgestell Einkäufe unterbringen lassen! Auch die Tasche am Lenker bietet Platz für vieles, was mit auf den Ausflug kommen soll. Sport treiben: Sich fit halten, trotz Nachwuchs im Schlepptau: Das ermöglichen Kinderwagen dann, wenn sie geländegängig sind. Die dreirädrigen Jogger mit hohem Griff sind so konstruiert, dass du beim Joggen dein Kind im Wagen vor dir her schieben kannst. Noch nie waren Kinderwagen so alltagstauglich: schmal und leicht, gut gefedert. Darüber hinaus bieten moderne Modelle jede Menge Komfort. Höhenverstellbare Schieber passen sich der Körpergrösse an, schwenkbare Vorderräder erlauben jederzeit einen Fahrtrichtungswechsel. (Beispiele unter maxi-cosi.com) Kinderwagen: Nachteile Sperrig: Lange Treppen erweisen sich oft als unüberwindliche Hindernisse. Beim Einsteigen in Bus und Bahn bist du mit Kinderwagen und Buggy oft auf Hilfe angewiesen. Platzraubend: Nicht jeder Kinderwagen lässt sich zusammengeklappt ohne Mühe in den Kofferraum deines Autos zwängen. Und zu Hause braucht der Kinderwagen einen eigenen Parkplatz. Sicherheit: worauf du bei beiden achten musst Beide Transportmittel sind sicher, wenn du sie richtig benutzt. Die Punkte unterscheiden sich allerdings deutlich, und beim Kauf lohnt es sich, genau hinzuschauen. In Tragetuch und Babytrage geht es vor allem um die Atemwege. Säuglinge können ihren Kopf in den ersten Monaten noch nicht kontrolliert halten. Rutscht das Kind ab und presst sich der Stoff gegen Nase und Mund, kann es sich nicht selbst befreien und auch nicht durch Schreien bemerkbar machen. Gefährlich ist zudem eine stark gekrümmte Haltung, bei der das Kinn auf die Brust gedrückt wird [5]. Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte empfiehlt deshalb: aufrechte Position, Gesicht der tragenden Person zugewandt, Gesicht immer unbedeckt und sichtbar [5]. Kontrolliere das unterwegs regelmässig. Besonders aufmerksam sein solltest du bei Frühgeborenen, bei Kindern mit geringem Geburtsgewicht und bei einem Atemwegsinfekt [5]. Beim Kinderwagen geht es dagegen ums Anschnallen und ums Bremsen. Die Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU rät, das Kind korrekt anzugurten und die Gurte so fest anzuziehen, dass es nicht hinausschlüpfen kann. Und: «Im Stillstand sowie im Tram oder Bus immer Bremse betätigen» [6]. Gerade der zweite Punkt geht im Alltag schnell vergessen. Beim Preis liegen die beiden Varianten weit auseinander. Ein Tragetuch oder eine Babytrage kostet einen Bruchteil eines Kombi-Kinderwagens, der bei den grösseren Anschaffungen der Erstausstattung ganz oben steht. Wie viel du heute wofür einrechnen musst, steht in unserer Checkliste für die Baby-Erstausstattung. Gebraucht gekauft wird beides deutlich günstiger. Lässt sich der Kinderwagen zum Buggy umbauen, kann das Kind bis weit ins Kleinkindalter durch die Gegend geschoben werden. Ein Tragetuch und ein Tragesitz lassen sich, je nach Gewicht und Grösse des Kindes, ebenfalls mehrere Jahre nutzen. Fazit «Sicher, es ist sehr gut, sein Baby zu tragen. Denn: Körperkontakt ist wichtig für jedes Baby», sagte Liliane Maury Pasquier, damals Zentralpräsidentin des Schweizerischen Hebammenverbandes. Doch sie betonte auch: «Alle sollen sich wohl fühlen - Kinder und Erwachsene.» Wer lieber schiebt, müsse kein schlechtes Gewissen haben. «Wichtig ist, das Leben zu geniessen. Fröhliche Eltern tun auch dem Baby gut.» Die Vorteile von Kinderwagen und Babytrage lassen sich wunderbar ergänzen. Oft ist ein Tragetuch oder eine Babytrage für kurze Wege mit dem Baby gut geeignet. Bei längeren Unternehmungen freut sich der Rücken, wenn der Kinderwagen oder Sportwagen ihn entlastet. Wem die Doppel-Investition zu teuer ist, dem bietet sich folgende Alternative an: auf den Kinderwagen verzichten und sich stattdessen ein Untergestell für die Auto-Babyschale besorgen. Sobald das Baby sicher sitzt, lässt sich dann direkt auf den Buggy umsteigen, der deutlich günstiger als ein Kombi-Kinderwagen ist. Quellen Hunziker UA, Barr RG: Increased carrying reduces infant crying: a randomized controlled trial. Pediatrics 1986;77(5):641–648. Abgerufen am 18.08.2026. Barr RG et al.: Carrying as colic «therapy»: a randomized controlled trial. Pediatrics 1991;87(5):623–630. Abgerufen am 18.08.2026. Universitätsklinik Balgrist, Kinder-Orthopädie: Hüftgelenkdysplasie (Broschüre, PDF). Abgerufen am 18.08.2026. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie: Anhock-Spreizstellung beim Tragen fördert gesunde Entwicklung der Babyhüfte, 2018. Abgerufen am 18.08.2026. Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte: Babytragebeutel sind nicht immer risikofrei. Abgerufen am 18.08.2026. Beratungsstelle für Unfallverhütung BFU: Mit Kindern unterwegs – Unfälle verhindern. Abgerufen am 18.08.2026.