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Wilde Blattern: Warum die Windpocken-Impfung dein Kind gleich doppelt schützt

Viele Eltern halten die wilden Blattern für harmlos. Eine Impfung ziehen sie darum gar nicht erst in Betracht. Auch weil sie nicht wissen, dass es bei der Windpocken-Impfung nicht nur um den Schutz vor den juckenden Bläschen auf der Haut geht. Viel wichtiger ist, dass diese vor einer weitaus schlimmeren Krankheit schützt, die erst Jahre später auftreten kann: Herpes Zoster (Gürtelrose). Dies ist einer der Gründe, warum die Varizellenimpfung in der Schweiz voraussichtlich ab 2023 in den Impfplan aufgenommen wird. Kinder werden dann im ersten Lebensjahr gegen Windpocken geimpft. Das musst du wissen. 

Kleiner Junge ist an Windpocken erkrankt, seine Mama umarmt ihn
Die wilden Blattern muss man einfach durchmachen? Nein, es gibt eine Impfung gegen die Kinderkrankheit. © GettyImages Plus, Petko Ninov

Das Wichtigste zur Windpocken-Impfung bei Kindern

  • Wer will, kann sein Kind ab neun Monaten gegen wilde Blattern impfen lassen. Empfohlen wird die Impfung vom Bundesamt für Gesundheit bisher aber nur Kindern ab elf Jahren, die die Krankheit noch nicht hatten. Zur aktuellen Empfehlung.
  • Die Schweiz hinkt damit ihren Nachbarländern hinterher: In den meisten europäischen Ländern wird die Impfung schon seit Jahren bereits für Kleinkinder empfohlen. 2023 könnte sich dies ändern. Derzeit wird die Aufnahme der Windpockenimpfung in den Impfplan diskutiert.
  • Eine Impfung macht Sinn. Denn eine durchgemachte Windpockeninfektion kann später Gürtelrose auslösen. Der sogenannte Herpes Zoster kann schwerwiegende Folgen haben. Die Impfung schützt nicht nur vor den wilden Blattern, sondern auch vor Herpes Zoster. Was die Infektionen miteinander zu tun haben.
  • Der Lebendimpfstoff wird in zwei Dosen verabreicht. Im Normalfall im 9. und 12. Lebensmonat. Empfohlen wird eine Kombination mit der Masern, Mumps, Röteln Impfung, die zu diesem Zeitpunkt gemacht wird. Die Impfung kann aber auch problemlos zu einem späteren Zeitpunkt nachgeholt werden. Nebenwirkungen sind selten. Mehr dazu.

Wollen Sie Ihr Kind auch gleich gegen wilden Blattern impfen?», fragte uns die Kinderärztin als wir den Termin für die empfohlene Masern, Mumps, Röteln Impfung besprechen. Wir schauten sie erstaunt an. Wir hatten zuvor noch nie von der Möglichkeit gehört. Wie wir später herausfanden, geht es auch vielen anderen Eltern so. Für viele käme es aber auch gar nicht infrage, ihre Kinder gegen eine Kinderkrankheit wie Windpocken zu impfen. Zumal diese bisher nicht im Schweizer Impfplan enthalten ist. «Wilde Blattern muss man doch einfach mal durchmachen...», so das Credo.

Wer die wilden Blattern für harmlos hält, weiss nicht, welche Folgen sie haben können.

Sandra Burri, Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin und Vorstand Kinderärzte Schweiz

Kinderärztin Sandra Burri schüttelt bei solchen Aussagen nur den Kopf. «Wer so denkt, hat die Impfung nicht verstanden», sagt das Vorstandsmitglied von Kinderärzte Schweiz. «Eine Varizellen-Infektion bedeutet mehr als einfach ein paar rote Punkte auf der Haut!» Wer die wilden Blattern hatte, kann nämlich später plötzlich an einer weitaus gefährlicheren Krankheit leiden. Und genau davor soll die Impfung schützen. 

Sandra Burri

Sandra Burri ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin (Pädiatrie). Sie hat mehrere Jahre in verschiedenen Spitälern und Kliniken gearbeitet. Heute hat sie ihre eigene Praxis in Bern. Daneben ist sie im Vorstand von Kinderärzte Schweiz tätig sowie im Verein der Berner-Haus- und Kinderärzte (VBHK).

Soll man sein Kind gegen Windpocken impfen?

«Ja, impfen Sie Ihr Kind gegen Windpocken», empfiehlt Burri darum den Eltern, die sie in ihrer Praxis behandelt. Die Impfung, die im Normalfall im ersten Lebensjahr mit neun und zwölf Monaten gemacht wird, schützt nämlich nicht nur vor Windpocken und möglichen Komplikationen der Erkrankung, sondern auch vor Herpes Zoster. Genau darum sei die Windpockenimpfung im Babyalter sinnvoll. Und darum wird sie auch in den meisten europäischen Ländern bereits seit Jahren empfohlen.

In der Schweiz fehlte eine solche Empfehlung bisher. Das Bundesamt für Gesundheit (BAG) stuft – anders als viele unserer Nachbarländer – eine Windpockeninfektion als harmlos ein. «Schwere Komplikationen wie Lungen-, Hirnhaut- oder Hirnentzündungen sind im Kindesalter eher selten», bestätig Burri. Das Risiko steigt jedoch im Alter. Das Amt empfiehlt die Varizellenimpfung darum erst Personen ab elf Jahren, die die Krankheit noch nicht durchgemacht haben.

Dies könnte sich nun ändern: Voraussichtlich wird die Varizellenimpfung ab 2023 in den Schweizer Impfplan aufgenommen. 

Windpocken-Impfung: Herpes Zoster nach wilden Blattern

Was haben die wilden Blattern nun aber mit Herpes Zoster zu tun? Ganz einfach: Die wilden Blattern werden durch das Varizella-Zoster-Virus ausgelöst. «Dieses bleibt nach einer Infektion im Körper, in den Zellen unseres Nervensystems», erklärt Sandra Burri. Das Virus kann dort sehr viele Jahre überleben – und zu einem späteren Zeitpunkt wieder aktiv werden. Bei Personen mit einem geschwächten Immunsystem, bei Stress und auch im Alter können die Viren dann Gürtelrose (Herpes Zoster) auslösen.

Windpocken-Impfung bietet Schutz vor Gürtelrose

Herpes Zoster kann unter Umständen gefährlich und sehr schmerzhaft werden. «Gürtelrose kann schwerwiegende Folgen haben», sagt Burri und warnt vor dauerhaften Schäden an den Augen oder im Ohrenbereich und lange anhaltenden Nervenschmerzen. Wer gegen wilde Blattern geimpft wurde, hat das Virus zwar auch durchgemacht. Aber: «Im Gegensatz zur Infektion mit dem Wildvirus verbleiben beim Impfvirus die Varizellen-Viren nicht in den Zellen.»

Wer die wilden Blattern hatte, soll sich gegen Herpes Zoster impfen

Das BAG empfiehlt seit 2022 allen gesunden Personen ab 65 Jahren, die nicht gegen wilde Blattern geimpft wurden, sich gegen Herpes Zoster zu impfen. Personen mit Immundefizienz sollen sich bereits ab 50 Jahren, mit schwerer Immundefizienz bereits ab 18 Jahren impfen lassen. Zur Empfehlung.

Windpocken-Impfung: Das gilt in der Schweiz

Bisher empfiehlt das Bundesamt für Gesundheit die Varizellenimpfung nur für 11- bis 39-Jährige ohne bisherige Windpockenerkrankung. Dies aus dem Grund, dass das Risiko für schwerwiegende Komplikationen grösser sei bei einer Infektion in höherem Alter. «Bestimmten Risikogruppen wird die Impfung schon früher empfohlen», fügt Burri an. So können Kinder mit Neurodermitis oder mit geschwächtem Immunsystem schon im ersten Lebensjahr (mit neun und zwölf Monaten) geimpft werden.

Impfplan Schweiz
Impfplan Schweiz © Bundesamt für Gesundheit (BAG)

Windpocken-Impfung ab 2023 im Schweizer Impfplan?

Ab 2023 könnte diese Empfehlung laut Kinderärzten angepasst werden. Derzeit wird die Aufnahme in den Schweizer Impfplan verhandelt. Dies würde bedeuten, dass in der Schweiz schon im ersten Lebensjahr gegen wilde Blattern geimpft wird. Die Kosten dafür würden dann auch von der Krankenkasse übernommen. 

Ab wann du dein Kind gegen Windpocken impfen kannst

Wer will, kann sein Kind aber bereits jetzt im ersten Lebensjahr gegen wilde Blattern impfen lassen. Der Lebendimpfstoff wird in zwei Dosen verabreicht. Die Varizellenimpfung wird in den meisten Fällen im 9. und 12. Lebensmonat zusammen mit der Impfung gegen Masern, Mumps und Röteln gemacht.

Ihr habt diesen Termin verpasst, wollt euer Kind aber gerne impfen? Kein Problem! «Die Varizellenimpfung kann bei älteren Kindern problemlos nachgeholt werden», sagt Burri. In diesem Fall werden die beiden Dosen einfach im Abstand von vier Wochen verabreicht. 

Das kostet die Windpockenimpfung in der Schweiz

Da die Impfung gegen wilde Blattern bei Kindern unter elf Jahren nicht Teil des Schweizer Impfplan ist, müssen die Kosten von den Eltern selbst getragen werden. Die beiden Impfdosen kosten total 66.50 Franken. Wird die Windpockenimpfung vom BAG empfohlen, erfolgt die Kostenübernahme durch die Krankenkasse. 

Die häufigsten Nebenwirkungen der Windpocken-Impfung

Laut Infovac sind Nebenwirkungen bei einer Windpocken-Impfung selten. Die Impfung wird in der Regel gut vertragen, schreibt auch das BAG. Dein Kind kann an Rötungen oder Schmerzen an der Einstichstelle leiden. Bei etwa 15% der Patienten trat 7 bis 21 Tage nach der Impfung kurzzeitig Fieber auf und bei etwa 4% entwickelten sich ein leichter windpockenartiger Ausschlag mit weniger als zehn Bläschen.