Gesundheit > Therapien & HilfeAllergien vorbeugen: Eine Portion Dreck, bitte! Gabriela Neuhaus Immer mehr Kinder und Erwachsene reagieren allergisch – zum Beispiel mit Heuschnupfen oder Nahrungsmittelallergien. Ein Forschungsteam aus Genf ist den Ursachen mit einem Maus-Experiment nachgegangen. Was bedeutet das heute für dich und dein Kind – und was ist bei der Prävention wirklich gesichert? Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Spielen im Dreck macht nicht nur Spass, sondern kann gemäss einer neuen Studie auch Allergien vorbeugen. (Bild: ChristinLola / iStock, Thinkstock) Allergieprävention heute: Was ist gesichert – und was ist zu kurz gedacht? Was im Volksmund schon lange als Weisheit gilt, wird durch viele Beobachtungen gestützt: Zu viel steriles Umfeld ist nicht ideal. Denn die zunehmende Verbesserung der Hygiene in der industrialisierten Welt hat zwar zum Rückgang von Infektionskrankheiten beigetragen, sie geht aber auch mit einer vermehrten Allergieanfälligkeit einher. Wenn das Immunsystem im Alltag weniger vielfältige Reize bekommt, können Überreaktionen auf eigentlich harmlose Auslöser leichter entstehen. Wichtig ist aber die Einordnung: «Mehr Dreck» ist keine Therapie und auch kein Freipass, Hygiene zu vernachlässigen. Moderne Allergieprävention bedeutet vor allem, das Immunsystem sinnvoll zu trainieren (zum Beispiel über vielfältige Ernährung und natürliche Umweltkontakte), ohne vermeidbare Risiken (Infektionen, Unfälle, Zahngesundheit) zu erhöhen. Es gilt: Du musst nicht übertrieben desinfizieren – aber Händewaschen in den richtigen Momenten bleibt zentral. Der «Bauernhof-Effekt»: Was das Genfer Team bei Mäusen fand Der sogenannte «Bauernhof-Effekt» wurde von einem Forscherteam vom Universitätsspital Genf untersucht: Laut der Studie treten bei Kindern, die auf dem Bauernhof aufwachsen, seltener allergische Reaktionen auf. «Wir können das Immunsystem von Kindern nur anhand von oberflächlichen Messwerten untersuchen», erläutert der Studienleiter Philippe Eigenmann in einer vom Schweizerischen Nationalfonds veröffentlichten Medienmitteilung. Deshalb untersuchte Eigenmanns Forschungsgruppe allergische Reaktionen von Mäusen, die in einem Kuhstall aufwachsen. Wie der Mensch, so das Tier Für das Experiment wurde den Mäusen ein künstliches Allergen verabreicht. Diejenigen Tiere, die im Kuhstall in Vollèges bei Martigny (VS) geboren wurden, wiesen weniger Symptome auf als ihre Artgenossen aus der Labor-Tierhaltung. Die allergische Reaktion wurde anhand der Schwellung am Ohr gemessen. Gemäss Eigenmann stimmen diese Testergebnisse mit früheren Studien mit Menschen überein: «Die Kinder von Bäuerinnen, die auch während der Schwangerschaft im Stall arbeiteten, haben entsprechend noch weniger Probleme mit Allergenen.» Auch auf der mikrobiologischen Ebene schnitten die Mäuse im Stall besser ab. Das Immunsystem der Bauernhofmäuse war durch die vermehrten Keime in ihrer Umgebung aktiver und dadurch stärker reguliert im Vergleich mit den Labormäusen. Gleichermassen unterschied sich der Verdauungstrakt der Tiere: Die Bauernhofmäuse besassen eine grössere Vielfalt an Bakterien sowie eine erhöhte Menge Mastadenoviren in der Darmflora. Für dich als Elternteil heisst das vor allem: Naturnahe Umweltreize scheinen das Immunsystem in einer sensiblen Phase zu beeinflussen. Gleichzeitig sind Mausmodelle nicht 1:1 auf den Familienalltag übertragbar. Entscheidend ist, was kontrollierte Empfehlungen für Kinder heute konkret raten. Beikost und Ernährung: Ein zentraler Hebel für die Allergieprävention Neben Umweltkontakten spielt Ernährung eine grosse Rolle. Heute gilt als gut belegt: Allergene Lebensmittel sollen in der Beikost nicht unnötig lange gemieden werden. Eine frühe, altersgerechte Einführung kann das Allergierisiko senken – vorausgesetzt, dein Kind ist entwicklungsbereit für Beikost und du bietest die Lebensmittel sicher an (zum Beispiel Nussmus statt ganze Nüsse wegen Erstickungsgefahr). Es wird empfohlen, mit Beikost nicht aus Angst vor Allergien zu warten und potenziell allergene Lebensmittel (z.B. Ei, Milchprodukte in geeigneter Form, Erdnuss in sicherer Darreichung) im Rahmen der normalen Beikosteinführung zu integrieren – statt sie pauschal zu meiden. Das Ziel ist nicht «möglichst viel auf einmal», sondern regelmässige, gut verträgliche Vielfalt. Bei erhöhtem Allergierisiko: So gehst du besonders sicher vor Ein erhöhtes Risiko kann vorliegen, wenn dein Kind bereits ein Ekzem hat oder enge Familienmitglieder Allergien/Atopie haben. Dann ist der beste Weg nicht Vermeidung, sondern ein geplanter, sicherer Einstieg: Sprich früh mit der Kinderärzt:in, besonders wenn schon Hautreaktionen, wiederkehrendes pfeifendes Atmen oder frühere Reaktionen auf Lebensmittel aufgefallen sind. Die Einführung von Erdnuss und Hühnerei in der Beikost (in geeigneter Form) kann ein Baustein der Prävention sein, während ein generelles Meiden ohne medizinischen Grund nicht empfohlen wird. Hygiene: sinnvoll statt übertrieben Der Satz «Zu viel Sauberkeit schadet» wird im Alltag oft falsch verstanden. Sinnvoll ist eine «smarte» Hygiene: Hände waschen nach dem WC, vor dem Essen, nach Kontakt mit Körperflüssigkeiten, bei Krankheit in der Familie und nach dem Heimkommen, wenn ihr viel angefasst habt (ÖV, Spielplätze). Das schützt vor Infekten, ohne das Immunsystem «zu schwächen». Was du hingegen nicht brauchst: routinemässige Desinfektion von Spielzeug und Oberflächen im gesunden Familienalltag. Normale Haushaltshygiene ist ausreichend; wichtig ist, dass Hygiene gezielt in Risikosituationen eingesetzt wird. Umwelt & Lebensstil: Was deinem Kind ohne Risiko hilft Wenn du «Immunsystem-Training» alltagstauglich suchst, sind diese Punkte besonders hilfreich: Rausgehen und spielen lassen: Regelmässige Zeit draussen (Wiese, Wald, Spielplatz) bringt natürliche Mikrobenkontakte – ohne dass du «Dreck bewusst einsetzen» musst. Rauchfrei aufwachsen: Tabakrauch erhöht das Risiko für Atemwegsprobleme und verschlechtert die Ausgangslage bei allergischen Erkrankungen. Vielfalt statt Perfektion: Eine abwechslungsreiche Ernährung (gemüsebetont, ausreichend Eiweissquellen, altersgerecht) unterstützt Darmmikrobiom und Immunsystem. Haustiere: Ob ein Haustier Allergien vorbeugt, hängt stark vom Kontext ab. Wichtig: Schaff kein Tier nur «zur Prävention» an, aber wenn ein Tier bereits zur Familie gehört, ist das nicht automatisch ein Problem. Wenn dein Kind schon Symptome hat: früh abklären lohnt sich Wenn du den Eindruck hast, dein Kind reagiert wiederholt auf bestimmte Auslöser, lohnt sich eine frühe Abklärung. Dazu gehören zum Beispiel: wiederkehrende, stark juckende Ekzeme (Neurodermitis) Atemgeräusche, pfeifendes Atmen, häufige nächtliche Hustenepisoden Nesselausschlag, Erbrechen oder Schwellungen nach bestimmten Lebensmitteln Je früher klar ist, was dahintersteckt, desto gezielter kann deine Kinderärzt:in dich begleiten (z.B. Hautpflege bei Ekzem, sichere Diagnostik, Ernährungsberatung, Notfallplan bei schweren Reaktionen). Wann sofort handeln Ruf umgehend den Notruf (144), wenn nach einem Insektenstich oder Essen plötzlich Atemnot, Schwellungen im Gesicht/Hals, starke Kreislaufprobleme, Benommenheit oder eine rasch zunehmende Reaktion am ganzen Körper auftreten. Das kann eine schwere allergische Reaktion (Anaphylaxie) sein und ist ein medizinischer Notfall. Mythencheck: Was du besser nicht machst «Ein bisschen Dreck heilt Allergien.» Natürliche Kontakte können vorbeugen helfen, aber bestehende Allergien heilst du damit nicht. Bei Symptomen zählt Diagnostik und ein sicherer Plan. «Allergene besser lange meiden.» Das ist veraltet. Beikost soll nicht aus Allergieangst verzögert werden; Vielfalt ist erwünscht. «Speichelkontakt ist gut fürs Immunsystem» Dafür gibt es keine gesicherte Empfehlung, im Gegenteil: So können Kariesbakterien und Infekte übertragen werden. Wenn etwas auf den Boden fällt: mit Wasser reinigen oder ersetzen, statt «ablecken». Ein Hoch auf den Schmutz – aber mit gesundem Mass Gemäss der Studie vom Universitätsspital Genf sind die Darmflora und unsere Abwehr komplizierte und vielschichtige Systeme. Das erklärt, weshalb gewisse Präventionsmassnahmen wie beispielsweise das Einnehmen von Bakterienstämmen aus probiotischen Nahrungsmitteln nicht zuverlässig wirken. Ein zugefügtes Bakterium kann die Vielfalt der Erreger, die auf einem Bauernhof existieren, nicht ersetzen. Deshalb das Fazit von Eigenmann: «Wir sollten die Faktoren so global wie möglich betrachten und unser Konzept der Sauberkeit überdenken.» Für deinen Familienalltag lässt sich das gut übersetzen: Lass dein Kind draussen spielen, ermögliche vielfältige Beikost ohne unnötige Verbote, und setze Hygiene gezielt dort ein, wo sie schützt. Wenn du unsicher bist – besonders bei Ekzem oder früheren Reaktionen – ist die Kinderärzt:in in der Schweiz die beste erste Anlaufstelle.