Trennungsangst: So fällt Kindern das Loslassen leichter

Trennungsangst hat viele Gesichter. Viele Kinder wehren sich schluchzend, wenn sie allein im Kindergarten, beim Babysitter oder auf dem Kindergeburtstag bleiben sollen. Verständnis und Geduld ihrer Eltern helfen am meisten.

Trennungsangst: Kind klammert sich schluchzend an Mutter

Was tun, wenn dem Kind das Loslassen so schwer fällt? Bild: Stuart Jenner, iStock, Thinkstock.

Viele Kinder klammern sich schluchzend an Papa, wenn sie im Kindergarten bleiben sollen. Andere Kinder wollen Mama nicht alleine duschen und sich partout nicht von Oma abholen lassen, nicht ohne Mama auf den Kindergeburtstag gehen und auf keinen Fall den Abend mit dem Babysitter verbringen. Sie alle haben etwas gemeinsam – sie haben Trennungsangst. Ohne die Eltern fühlen sie sich verloren.

Trennungsangst löst Gefühlstaumel der Eltern aus

Was tun, wenn dem Kind das Loslassen so schwer fällt? Schliesslich muss Mama mal zum Arzt – allein! Die Trennungsangst des Kindes stürzt Eltern oft in ein Gefühlschaos. Einerseits wollen sie ihr Kind nicht verzweifelt zurücklassen, andererseits gibt es Situationen, in denen es notwendig ist, dass sich das Kind fremd betreuen lässt. Hin- und hergerissen von unterschiedlichen Gedanken fällt es schwer zu entscheiden, wie sich sinnvoll reagieren lässt.

Es beginnt mit dem Fremdeln

Nach der Geburt wandert das Baby noch von Arm zu Arm, ohne sich zu beschweren. Doch mit dem Fremdeln in der zweiten Hälfte des ersten Lebensjahres beginnt die Trennungsangst. Zu Opa auf den Arm? Egal, wie schön Opa in den vergangenen Monaten mit dem Baby gespielt hat, das Baby reagiert mit Schreien und Weinen. Seine geistige Entwicklung hat einen Schub gemacht. Nun kann es Gesichter erkennen und unterscheiden. Diese Fähigkeit hilft ihm beim Robben und Krabbeln, die Eltern immer wieder zu finden.

Verständnis und Geduld bei Trennungsangst

Vielen Eltern hilft es bereits zu wissen, dass Trennungsangst normal ist. Sie zeigt, dass ihr Kind ihnen vertraut. Auf die Eltern, ihren Anker im Leben, verzichten zu müssen, macht ihm Angst. Kinder klammern nicht, um ihre Eltern zu ärgern. Sie leiden selbst unter der Trennungsangst, aber sie wissen nicht, wie sie damit umgehen können. Es ist, als stünden sie im Schwimmbad auf einem Brett, ohne den Mut, ins kalte Wasser zu springen. Worte wie «Dir passiert schon nichts», helfen kaum weiter. Herunterstossen? Die Gefahr, Vertrauen zu verspielen, ist gross.

Politik der kleinen Schritte

Verständnis für die Trennungsangst ist wichtig. Dennoch gilt es, das Kind zu unterstützen, die Welt zunehmend eigenständig zu entdecken. Patentlösungen, mit deren Hilfe sich Trennungsangst überwinden lassen, gibt es allerdings nicht. Kein Kind ist wie das andere. Bei manchen Kindern liegt etwas mehr Vorsicht in ihrem Naturell – sie haben mehr oder öfter verzweifelte Trennungsangst als andere. Oder sie befinden sich in einer schwierigen Entwicklungsphase. Fingerspitzengefühl ist deshalb notwendig. Oft ist es die Politik der kleinen Schritte, die Kinder nach vorne bringt. «Lassen Sie Ihrem Kind die Zeit, in seinem eigenen Tempo und auf seine Art selbstständig zu werden», schreibt Erziehungsexpertin Elizabeth Pantley in ihrem Buch «Fremdeln, Klammern, Trennungsangst» (Trias).

Zwölf Tipps für leichtere Trennungen

1. Eigene Trennungsangst reflektieren:
Sinnvoll ist es, über die eigene Trennungsangst nachzudenken. Fällt es auch den Eltern schwer, ihr Kind allein zu lassen? Trauen sie den Grosseltern oder den Erziehern vielleicht gar nicht zu, mit dem Kind angemessen umzugehen? Ist die Sorge gerechtfertigt? Was lässt sich tun, damit das Kind beruhigt zurück gelassen werden kann? Nur wenn Eltern sich sicher sind, dass gut für das Kind gesorgt wird, erlischt die Angst, die sie sonst leicht auf das Kind übertragen.

2. Auf den eigenen Bauch hören:
«Das Kind muss doch mal selbstständig werden!», «Das Kind ist ein Jahr alt – da wird es ja wohl mal beim Babysitter bleiben können!» Freund und Verwandte halten sich nicht immer mit solchen Kommentaren zurück. Doch Eltern sollten sich von anderen nicht unter Druck setzen lassen. Etwas innere Stärke gehört dazu, dem eigenen Bauchgefühl zu vertrauen und den eigenen Weg zu gehen.

3. Trennung ankündigen:
Wegschleichen gilt nicht! Wegschleichen verunsichert das Kind und führt zu stärkerem Klammern. Wichtig ist stattdessen, dass das Kind weiss, was geschehen wird. «Heute Nachmittag gehe ich zum Friseur. Oma spielt dann mit dir», sollte einige Stunden zuvor sachlich und ohne Dramatisierung angekündigt werden. Die Verabschiedung erfolgt dann liebevoll, aber kurz.

4. Bilderbücher lesen:
Wenn ein Kind an den Eltern klammert, hat es oft keine Vorstellung von der Situation, die auf es zukommt. Bilderbücher können vorbereiten und einen Eindruck davon vermitteln, wie die Stunden ohne Mama und Papa verlaufen werden. Die «Bobo Siebenschläfer»-Reihen und die «Conny»-Bücher bereiten auf viele Situationen des Kinderlebens vor.

5. Pünktlich abholen:
Für das Kind ist es wichtig, eine Vorstellung davon zu haben, wann es abgeholt wird. «Wir holen Dich nach dem Abendessen ab», ist eine Ankündigung, die es besser verstehen kann. Einem Vorschulkind hilft eine Spieluhr, wenn die Zeiger auf die Abholzeit gestellt sind. Während die Eltern weg sind, kann es diese Uhr jederzeit mit der echten analogen Uhr vergleichen. Eine solche Uhr lässt sich leicht aus Pappe selbst basteln. Die Zeiger werden mit Flachkopfklammern befestigt.

6. Brücken bauen:
«Allein auf dem Kindergeburtstag bleiben? Nein, das will ich nicht!» Der Mut wird grösser, wenn Mama oder Papa noch eine Weile bleibt. «Ich bin hier, bis ihr Euch an den Tisch zum Kuchen essen setzt», ist dann die Ankündigung.

7. Kuscheltier mitnehmen:
Ohne das Kuscheltier geht nichts. Das Kuscheltier ist der beste Freund. Es gibt Halt, wenn Mama oder Papa nicht da sind. Bei einer Übernachtung schenkt auch ein Talismann der Eltern Mut.

8. Trennungen hinnehmen:
Es gibt Situationen, da muss die Trennung sein. Dann gilt es, eigene Gefühle zurückzufahren und sich auf den klaren Sachverhalt zu besinnen. «Die Nachbarin passt auf Dich auf. Ich muss jetzt Oma helfen, sie ist krank. Papa holt Dich nach dem Mittagsschlaf ab.»

9. Selbstverständliche Rückkehr:
Mama ist wieder da! Wiedersehensfreude soll ihren Platz haben, aber er sollte nicht zu viel Raum einnehmen. Schliesslich soll dem Kind signalisiert werden, dass Trennungen ganz normal sind – und das Wiedersehen selbstverständlich ist.

10. Kind retten:
Das Kind wollte beim Freund übernachten, doch dann, auf der fremden Matratze, wurden die Ängste doch sehr gross … Eltern sollten es dann abholen – und Mut machen: «Vielleicht klappt es ja beim nächsten Mal.» Die Gewissheit, im Zweifelsfall abgeholt zu werden, gibt dem Kind Kraft, sich immer wieder aufs Neue auszuprobieren.

11. Keine Trennungen, wenn das Kind belastet ist:
Wenn ein Kind körperlich oder psychisch angeschlagen ist, verkraftet es Trennungen schlechter als zu anderen Zeiten. Ist es zum Beispiel durch Familienstreitigkeiten oder eine Krankheit besonders belastet, sollten Eltern ihm keine Trennung zumuten, von der sie ahnen, dass sie schwer fällt.

12. Zuversichtlich bleiben:
Jedes Kind wird gross, das eine früher, das andere später. «Du willst schon wieder weg? Du bist ja fast gar nicht mehr zu Hause!», beklagen sich alle Eltern irgendwann einmal. Elizabeth Pantley: « Im Laufe der Zeit wird Ihr Kind verstehen, dass es auch ohne Sie sein kann, dass Sie zurückkommen und dass in der Zwischenzeit alles gut ist.»
 

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