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Qualitätslabel für die Kita: «Die Frage ist, was braucht das Kind?»

Ob von «Schlechten Krippen» oder «Billigkrippen» die Rede ist, die frühkindliche Fremdbetreuung in Kindertagesstätten erhitzt derzeit die Gemüter. Warum es jetzt Zeit ist, eine Qualitätsdebatte über Fremdbetreuung zu führen und ein Qualitätslabel für Kitas zu entwickeln, erklären Talin Stoffel (KiTaS) und Sandro Guiliani (Jacobs Foundation) im Gespräch.

Gerade kleine Kinder brauchen gute Qualität in der Betreuung

Die ersten Jahre prägen die Entwicklung eines Kindes. Foto: iStock, omgimages, Thinkstock

Nicht alle Kindertagesstätten sind schlecht, aber viele «sind nicht so gut, wie sie sein könnten» titelte der Tages-Anzeiger anlässlich einer Studie zur Qualitätsentwicklung in Kinderkrippen – und hat damit den Finger offenbar in die Wunde gelegt. Insbesondere aktuelle Studien zur frühkindlichen Bildung weisen einstimmig darauf hin, wie entscheidend die ersten Lebensjahre eines Kindes für seine spätere Entwicklung sind. In der Schule sind die Chancen meist schon verteilt.

Um so wichtiger ist es, dass Kindern schon früh, egal ob in Krippe, Hort oder Kita, eine gute Betreuungsqualität geboten wird. Doch hier mangelt es schweizweit noch vielfach an überzeugenden pädagogischen Konzepten. Auch für den Verband Schweizer Kindertagsstätten (KiTaS) und die Kinder- und Jugendstiftung Jacobs Foundation steht fest, dass sich die Anforderungen an den Betreuungsauftrag verändert haben: Pädagogische Qualität müsse früher wirken – und angesichts der veränderten gesellschaftlichen Herausforderungen heute neu definiert werden. Kitas müssten weg von einem reinen Hütedienst hin zu einer pädagogisch hochwertigen frühkindlichen Erziehungs- und Bildungsinstitution. Helfen soll auf diesem Weg das Qualitätslabel.

Qualitätlabel für gute Kitas

KiTaS und die Jacobs Foundation haben sich zusammengetan, um national einheitliche Qualitätsstandards für die frühkindliche Kinderbetreuung in Kindertagesstätten zu entwickeln. Die Qualitätsstandards werden derzeit im universitären Zentrum für frühkindliche Bildung Fribourg um Prof. Dr. Margit Stamm erarbeitet. Ziel ist es, die Qualitätsstandards in einem freiwillig zu erwerbenden Qualitätslabel für Kitas transparent auszuweisen. In einer von KiTaS und der Jacobs Foundation gemeinsam getragenen Zertifizierungsstelle soll das Qualitätslabel in verschiedenen Qualitätsstufen ab 2013 vergeben werden.

 

In den letzten Wochen durften wir in den Medien unter anderem von einer Studie von Jay Belsky lesen, die belegt haben will, dass Kinder, die schon in frühen Jahren in eine Kita kommen, zu problematischem Sozialverhalten neigen. Zudem gelangte eine Schweizer Studie zum Ergebnis, dass Deutschschweizer Krippen hinsichtlich ihrer Qualität maximal mittelmässig seien. Höchste Zeit für ein Qualitätslabel?

Talin Stoffel: Höchste Zeit, ja. Nachdem man den Fokus lange Zeit ganz stark auf die Quantität gerichtet hat, gehört nun die Qualität der Bereuung an sich in den Mittelpunkt.

Sandro Giuliani: Aber auch höchste Zeit, dass wissenschaftliche Studien in den Medien nicht mehr verkürzt dargestellt werden. Aber ja, der Zeitpunkt für die Lancierung eines privaten Qualitätslabel ist jetzt richtig. Die Debatte um die Qualität frühkindlicher Fremdbetreuung ist in der Schweiz noch sehr jung und politisch noch nicht breit abgestützt. Wären wir mit dieser Idee vor fünf Jahren an die Öffentlichkeit gegangen, wäre sie vermutlich falsch aufgenommen worden. Heute haben wir einen Diskussionsstand erreicht, indem es nicht mehr um das Ob von ausserfamiliärer Kinderbetreuung geht, sondern um die Frage, was wird an Betreuung angeboten und wie wird es angeboten, also die Frage nach der Qualität rückt mehr ins Zentrum. Die Frage ist, was braucht das Kind.

Was haben die Medien versäumt darzustellen?

Sandro Giuliani: Die Quintessenz jeder mir bekannten Studie ist, dass Fremdbetreuung nicht per se schlecht oder gut ist. Das hängt von vielen Faktoren ab: Wie werden die Kinder sonst zuhause gefördert? Welchen sozialen und kulturellen Hintergrund haben sie? Und vor allem, von welcher Qualität ist die Betreuung? Das wird in fast jeder Studie bestätigt: Eine qualitativ hochstehende Fremdbetreuung hat für die Entwicklung von Kindern, die zuhause nicht gut gefördert werden können, einen positiv ausgleichenden Effekt. Auch das Problemverhalten verschwindet nach wenigen Jahren. Zudem liegt die diagnostizierte mittelmässige Qualität Schweizer Kindertagesstätten im internationalen Vergleich absolut im Durchschnitt. Es besteht Handlungsbedarf, aber kein Grund zur Beunruhigung.

Viele Eltern dürften durch die aktuelle Diskussion verunsichert sein. Wie können sie wissen, welche Kita eine gute Qualität bietet?

Talin Stoffel: Ich kann immer nur sagen, schauen Sie hin, fragen Sie nach. Wie freundlich sind die Betreuer zu den Kindern? Wie sieht die Interaktion aus? Gibt es ein pädagogisches Konzept? Wird die Erziehung reflektiert? Welche Qualifikationen besitzt das Personal? Wie sind die Gruppenstrukturen?

Sandro Giuliani: Es ist Fakt, dass es zwischen den Kitas grosse Qualitätsunterschiede gibt. Deshalb ist es wichtig, dass Eltern stark auf die Qualität achten. Neben allen wissenschaftlich belegten Qualitätsindikatoren ist aber oft auch das Bauchgefühl kein schlechter Ratgeber. Wenn das Konzept der Kita für die Familie im Ganzen stimmig ist, muss auch nicht immer alles so streng gesehen werden.

In Sachen Qualität, wo sehen Sie den grössten Nachholbedarf?

Talin Stoffel: Die Herausforderung liegt in der pädagogischen Qualität, in der Interaktion zwischen Betreuerin und Kind. Hier müssen wir sicherlich noch die Ausbildung des Personals verbessern, denn das Personal bildet letztendlich die Schlüsselstelle. Bislang gibt es seit 2005 eine dreijährige Ausbildung, die mit dem eidgenössischen Fähigkeitszeugnis für Erziehung abschliesst. Das sind gute Leute, die haben ein gutes Fachwissen. Es braucht aber noch zusätzlich studierte Pädagoginnen, damit diese anspruchsvollen Aufgaben überhaupt gelöst werden können. Die Kita-Leitung spielt dabei eine sehr wichtige Rolle: Man hat gesehen, dass eine gute Leitung sehr viel auffangen kann. Dort liegt noch ein grosses Entwicklungspotential.

Warum hat es so lange gebraucht bis das Ausbildungsdefizit erkannt wurde?

Talin Stoffel: Früher waren Kitas in der Schweiz vor allem um Sauberkeit und Pflege besorgt. Dass die Kita auch ein Ort der Bildung ist, stellt einen recht jungen Gedanken dar. Mit dem Wandel der gesellschaftlichen Erwartungen, haben sich auch die Erwartungen an das Kita-Personal geändert. Es werden jetzt andere Fähigkeiten, Ressourcen und Konzepte gefordert, um diesen höheren pädagogischen Ansprüchen gerecht zu werden. Um sich den veränderten Bedürfnissen anzupassen, braucht es aber natürlich Zeit. Seit wenigen Jahren gibt es nun höhere Fachschulen für Kindererziehung. Vorher war Kinderbetreuung übrigens eine vollkommen privat organisierte Ausbildung. Es hat also schon eine enorme Entwicklung statt gefunden.

Durch das Qualitätslabel geben Sie dem privaten Wettbewerb sicherlich noch mehr Feuer. Müssen sich Kitas, die das freiwillige Labeling nicht wollen oder haben, bald warm anziehen?

Talin Stoffel: Es ist durchaus Ziel aufzuzeigen, dass es Unterschiede zwischen den Kitas gibt. Wir erhoffen uns, dass Kitas, die das Label nicht oder nur auf einer niedrigeren Stufe haben, motiviert werden, sich zu verbessern.

Sandro Giuliani: Ich denke Ängste sind bei einem Teil schon da. Deshalb soll das Label auch so entwickelt werden, dass es grösstmögliche Transparenz für Kita-Betreiber und Eltern bietet. Das Qualitätslabel wird mit verschiedenen Abstufungen arbeiten. Beispielsweise kann eine Kita mitten in der Stadt unmöglich so viel Qualität im Bereich Natur bieten wie eine Kita am Waldrand. Machen wir das aber transparent, können Eltern auf dieser Grundlage besser entscheiden: Ist es mir wichtiger, dass die Kita nah an den Wohnort grenzt oder ist es mir wichtiger, dass die Kita einen guten Zugang zur Natur hat. Doch bei der pädagogischen Qualität der Kita machen wir keine Abstriche.

Die Initiatoren des Qualitätslables

KiTaS - Verband der Kindertagesstätten der Schweiz: Der Branchenverband KiTaS beschäftigt sich seit den 1990er Jahren verstärkt mit der Qualitätsfrage von familienergänzender Kinderbetreuung. Erste Mindeststandards wurden in den Betriebsrichtlinien für Mitglieder festgehalten. Die Weiterentwicklung der Qualitätsstandards zu einem Qualitätslabel, das vor allem Aussagen über den pädagogischen Anspruch trifft, ist ein  anspruchsvolles Projekt, weshalb die KITAS nach einem Partner Ausschau gehalten hat, erzählt KiTaS-Geschäftsführerin Talin Stoffel.

Jacobs Foundation: Den passenden Partner  für das Qualitätslabel fand die KiTaS in der Jacobs Foundation. Seit mehreren Jahren ist die frühkindliche Förderung eines der Hauptanliegen der Stiftung für Kinder- und Jugendentwicklung. Denn hier könne man am meisten für die spätere Entwicklung des Kindes bewirken, erklärt der für die Projektumsetzung in der Schweiz zuständige Programm Officer Sandro Giuliani. «Normalerweise fördern wir Projekte, diesmal sind wir aber Mitträger, weil wir glauben, dass das Qualitätslabel ein so zentraler Ansatzpunkt ist, das wir gerne Verantwortung übernehmen wollen».

 

 

Müssen Sie dann nicht befürchten, dass das Label gar nicht getragen wird?

Talin Stoffel: Der Kita-Markt ist sehr gefragt. Die Kitas haben den Anspruch, sich nach aussen darzustellen und zu zeigen, dass sie gute Arbeit leisten. Der Wunsch nach einem Qualitätsnachweis kam auch in diesem Fall nicht von oben, sondern von unseren Mitgliedern selbst. Das gibt uns die Sicherheit, dass das Label am Ende auch getragen wird.

Wettbewerb muss nicht immer nur zu positiven Effekten führen. Wie sagt man so schön, Qualität hat seinen Preis. Können sich am Ende nur die Besserverdienenden eine gute Kita leisten?

Talin Stoffel: Bereits heute haben wir schon enorme Preisunterschiede, dennoch ist ein teurer Kita-Platz keine Garantie für Qualität. Im Gegenteil, wir haben sehr viele Beispiele von kostspieligen Kitas, die sich mit wahnsinnig viel Marketingaufwand als qualitativ bessere Alternative verkaufen, aber am Ende ihr Versprechen nicht einlösen können. Dagegen finden sie beispielsweise in den von den Kantonen und Kommunen subventionierten Kitas meist sehr engagierte Leute, die sehr gute pädagogische Konzepte haben. Der Kurzschluss teuer gleich besser, stimmt gerade in der Kita-Landschaft nicht.

Wenn Sie vermehrt auf besser ausgebildetes Personal setzten, steigen doch die Personalkosten?

Talin Stoffel: Wenn man genauso wie jetzt weiterarbeitet, ist das sicherlich die Folge. Jedoch hat eine Studie vom Bundesamt für Sozialversicherung gezeigt, dass die Endkosten über einen anderen Personaleinsatz nicht erheblich steigen müssen. In der Romandie arbeitet man schon heute ausschliesslich mit höher qualifiziertem Personal, dennoch gibt es nicht die zu erwartenden massiven Preisunterschiede zu anderen Kantonen, die diese Ausbildungsstandards noch nicht haben. Das liegt beispielsweise daran, dass sie mit besser qualifiziertem Personal gezielter arbeiten können. Aber die höheren Lohnkosten sind sicherlich ein Problem, auf das wir unser Augenmerk legen müssen, damit die Entwicklung hin zu besser geschultem Personal auch tragbar ist.

Wenn das Qualitätslabel sich so entwickelt, wie sie sich das vorstellen. Über was können sich Kinder, Eltern, Kitas und die Gesellschaft freuen?

Sandro Giuliani: Aus Kindersicht erzielt die Kombination aus einer guten familiären und familienergänzenden Betreuung die beste Wirkung. Und zwar ist die Kombination beider Elemente besser, als jedes für sich allein genommen. Aus Perspektive der Bindungstheorie ist im ersten Lebensjahr des Kindes eine enge Beziehung zur Bezugsperson besonders wichtig. Auch eine noch so gute Kita, kann eine intakte Eltern-Kind-Beziehung nicht ersetzen. Sie kann ergänzen, unterstützen und Sorge tragen, dass aus der frühen Fremdbetreuung keine negativen Folgen erwachsen. Die Gesellschaft und die Familie brauchen aber etwas anderes. In der Schweiz brauchen wir nach 4 Monaten eine Fremdbetreuung, weil viele Mütter einfach danach schon wieder arbeiten müssen.

Talin Stoffel: Ich möchte ein wenig widersprechen. In der Säuglingsbetreuung ist die Fremdbetreuung sicherlich zu allererst eine Ergänzung. Aber es gibt auch sehr gute Säuglingskonzepte in den Kitas. Ein einfaches Beispiel: Wenn ein Kind laufen lernt, dann ist es heute längst nicht mehr üblich, das man das Kind an den Händen nimmt und so quasi zum Laufen hinzuführen, sondern dem Kind werden Gelegenheiten geboten, wo es sich zum Laufen selbst aufziehen kann. Und es wird sich aufziehen, wenn es findet, ich gehe jetzt. Das sind Sachen, die in einer Kita sehr reflektiert ablaufen. Das Kind soll auch lernen etwas selber auszuprobieren und selber Erfolg zu haben. Die Fremdbetreuung wirkt ausgleichend zum Zuhause, indem sie sich gezielt zurückhält, wo es Eltern schwer fällt. Deshalb kann eine Kita auch schon unter einem Jahr förderlich für die Entwicklung eines Kindes sein.

Braucht es mehr Mutterschaftsurlaub oder besser Elternschaftsurlaub?

Talin Stoffel: Ein verlängerter Mutterschafts- oder Elternschaftsurlaub würde uns in den Krippen natürlich ganz viele schwierige Momente und Fragen ersparen. Die politische Ebene darf man nicht ganz ausblenden. Wir müssen mit dem umgehen was wir haben, aber ich glaube, dass ein verlängerter Mutterschaftsurlaub für sehr viele eine grosse Entlastung brächte.

Sandro Giuliani: Die politische Frage ist eine Frage des Konservativismus. Der überwiegend noch in den Köpfen sitzt, und der Meinung ist, Frauen müssten in den ersten Elternjahren zuhause sein und ihrer Mutterrolle nachkommen. Nach dieser Logik sollten Mütter überhaupt nicht arbeiten, insofern brauchen sie auch keinen Mutterschaftsurlaub.

Sie sprechen es an. Sie müssen mit dem umgehen, was Sie haben. Welche Probleme der frühkindlichen Kinderbetreuung, kann das Label nicht lösen?

Sandro Giuliani: Wir wissen, dass frühkindliche familienergänzende Betreuung gerade für Kinder aus bildungsfernen Familien von besonders hohem Nutzen ist. Dennoch finden sich gerade diese Kinder heute noch weniger in den Krippen ein. Hier müssen sozial- und familenpolitische Lösungen gesucht werden. Aber wenn wir diese Probleme weiter in den Fokus der gesellschaftlichen und politischen Diskussion rücken und den Qualitätsgedanken fester in den Köpfen verankern, ist schon sehr viel erreicht.

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