Was Kinder im Kindergarten lernen

In mehr als der Hälfte der Schweizer Kantone ist der Besuch eines Kindergartens bereits obligatorisch. Zwar lernen Kinder dort noch keine Kulturtechniken wie Lesen und Schreiben. Doch auch der Kindergarten folgt in der Schweiz einem Lehrplan.

Der Kindergarten ist noch nicht in jedem Kanton obligatorisch.

Im obligatorischen Kindergarten werden die Kinder nach Lehrplan unterrichtet und gefördert. Foto: © Warrengoldswain | Dreamstime.com

Die Kinder sitzen im Kreis. In der Mitte stehen verschiedenfarbige Dosen. «Jetzt bin ich dran!» freut sich Emma. Sie wählt die blaue Dose und schnuppert an der kleinen Öffnung. Gut riecht es – den Geruch kennt sie doch, oder? «Da ist eine Erdbeere drin! » ruft sie und greift nach der nächsten Dose.

Emma ist im Obligatorischen Kindergarten – wie es ihn bereits in mehr als der Hälfte der Schweizer Kantone gibt. Mit Hilfe dieses Geruch-Spieles wird ihre Wahrnehmung gefördert, so wie es die Vorschullehrpläne vieler Kantone fordern, die Ende der 1990er Jahre eingeführt wurden. Sie machen deutlich: Nicht nur die Schule, auch der Kindergarten folgt in der Schweiz systematisch erklärten Lernzielen.

Der Lehrplan des Kantons Luzern zum Beispiel folgt drei Leitzielen:

Leitziel: Selbstkompetenz

Selbstkompetenz bedeutet:

  • Bewegungsmöglichkeiten weiterentwickeln
  • Wahrnehmung differenzieren
  • Ausdrucksfähigkeit weiterentwickeln
  • Selbstständiges Handeln und Selbstvertrauen weiterentwickeln
  • Mit Erfolg und Misserfolg umgehen
  • Ausdauer und Konzentrationsfähigkeit erweitern

Ein Beispiel für den Punkt «Wahrnehmung differenzieren»:
Die Kinder betrachten mit Lupe, Mikroskop, Drachenauge, Kaleidoskop, Feldstecher, Spiegel und Taschenlampe die Umwelt. Emma staunt, wie sehr sich durch diese Instrumente scheinbar die Umwelt verändert! Danach malt sie auf, wie sie eine Blume sieht - mit blossem Auge, durch die Lupe, durch das Kaleidoskop.

Leitziel: Sozialkompetenz

Sozialkompetenz bedeutet:

  • An Freud und Leid der anderen Anteil nehmen
  • Andere Meinungen anhören und respektieren lernen
  • Sich immer besser in die Lage des Gegenübers versetzen können
  • Körperliche und psychische Grenzen respektieren lernen

Ein Beispiel für den Punkt «An Freund und Leid der anderen Anteil nehmen»:
Die Erzieher haben ein Ritual eingeführt, mit dessen Hilfe Kinder sich gegenseitig trösten können. Verletzt sich ein Kind und weint, singen alle zusammen das Lied «Heile, heile Segen». Heute hat Max sich an der Tischkante gestossen. Emma läuft los, um ein Kuscheltier zum Trösten zu holen. Sie ist sehr stolz, als er bald wieder fröhlich lacht.

Leitziel: Sachkompetenz

Sachkompetenz bedeutet:

  • Mit Materialien experimentieren und gestalten
  • Werkzeuge, Geräte und Musikinstrumente kennenlernen und sachgerecht einsetzen
  • Kulturelle Erfahrungen erweitern und verarbeiten
  • Naturvorgänge wahrnehmen und differenzieren

Ein Beispiel für den Punkt «Mit Materialien experimentieren und gestalten»:
Emma ist ganz still. Hochkonzentriert beugt sie sich über den Webrahmen und bewegt den Webstock hin und her. Emma will eine Decke für ihre Puppe weben. Dabei lernt sie das Material Wolle kennen und macht die Erfahrung, dass sie aus eigener Kraft bereits mit Wolle arbeiten kann.

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