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«Es war einmal...»: Warum Kinder Märchen brauchen

Fantastische Welten mit sprechenden Tieren, bösen Hexen, schlauen Helden und schönen Prinzessinnen: Dies sind die Zutaten für ein gutes Märchen. Bis heute sind die fabelhaften Erzählungen bekannt. Aber brauchen wir Märchen eigentlich noch?

«Es war einmal...»: Warum Kinder Märchen brauchen

Rotkäppchen gehört zu den bekanntesten Märchen. (Bild: Myillo, DigitalVision Vectors, Getty Images Plus)

Wer kennt sie nicht, die berühmten Worte «Es war einmal...», mit denen so viele Märchen eingeleitet werden? Mit gespitzten Ohren und gebannter Miene lauschen wir unglaublichen Geschichten, in denen heldenhafte Taten vollbracht werden, gefährliche Abenteuer locken, Wunder und Zauberei zum Alltag gehören und das Gute meist über das Böse siegt. Märchen ziehen Menschen seit jeher in ihren zauberhaften Bann und werden immer noch gerne gelesen und vorgelesen, obwohl das Repertoire der Kinder- und Jugendliteratur um ein Vielfaches gewachsen ist. Wir lüften das Erfolgsgeheimnis der sagenumwobenen Märchengeschichten.

Die zauberhafte Welt der Märchen

Das Beste am Märchen ist, dass es zeitlos ist, Platz für eigene Fantasien lässt und von jedermann verstanden wird. Das ist möglich, weil Märchen über eine einfache Struktur verfügen, kurz und bündig geschrieben sind und einfach im Gedächtnis bleiben. Sie sind so einprägsam, dass man sie selbst als Erwachsener nicht vergessen hat und sich neu dafür begeistern kann, wenn man sie den eigenen Kindern erzählt oder vorliest. «Oftmals erkennt man später durch seine eigenen Erfahrungen und seinen Wissensschatz neue Seiten an seinem Lieblingsmärchen aus der Kindheit», sagt Märchenexperte, Buchautor und Pädagoge Dr. Oliver Geister.

Etwa ab dem dritten Lebensjahr fangen Kinder an, sich für Märchen zu interessieren. Dazu muss man wissen, dass kleine Kinder die Welt anders wahrnehmen als Erwachsene. Für Kinder erscheinen, nach der Theorie des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, die sie umgebenden Gegenstände und Lebewesen beseelt. Kinder lernen erst in der Schule, wie Naturphänomene und technische Abläufe funktionieren. Vorab erklären sie sich die Welt, wie es ihnen gefällt. Im Märchen verhält es sich ähnlich, denn dort können Frösche oder Kater sprechen, Zwerge Gold spinnen und Zauberspiegel die Zukunft voraussagen. «Durch die sprachlichen Bilder in den Märchen fühlen sich die Kinder angesprochen und in ihrer Sicht auf die Dinge bestätigt und verstanden», sagt Geister weiter.

Märchen: Keine Angst vor Wölfen, Hexen und bösen Stiefmüttern

Märchen wie «Rotkäppchen», «Schneewittchen» oder «Hänsel und Gretel» sind stellenweise recht grausig: Der böse Wolf verschlingt das Grosi und Rotkäppchen, die böse Stiefmutter plant gegen ihre hübsche Stieftochter gleich mehrere Mordkomplotte und  eine kannibalistische Hexe will Hänsel und Gretel mästen, um sie später verspeisen zu können.

Im Interview mit «Neue Osnabrücker Zeitung» Ende November 2012 beleuchtet der Märchenkenner Dr. Oliver Geister zwei Aspekte bezüglich der Grausamkeit in Märchen: Zum einen zeige sie, dass Gewalt und Grausamkeiten auch Teil des wirklichen Lebens sind. Zum anderen würden die Grausamkeiten im Märchen fast nie ausgeschmückt. Und so kommt es, dass Rotkäppchen und das Grosi unversehrt aus dem Bauch des Wolfes vom Jäger befreit werden können. Auch Schneewittchen wird ins Leben zurückgeholt und ihre Stiefmutter hart bestraft. Im Hexenhäuschen wendet sich das Blatt ebenfalls zu Gunsten der Kinder, denn statt ihrer landet die Hexe im Ofen. «Die viel gescholtene Grausamkeit im Märchen scheint uns Erwachsene mehr zu beunruhigen als die Kinder. Sie verstehen die Symbolik: Da wird in «Hänsel und Gretel» beispielsweise nicht eine lebende Hexe verbrannt, sondern das Böse vernichtet», erläutert Geister gegenüber taz.de im Oktober 2013.

Figurenspieltherapeutin Brigitte Schäfli bestätigt dies Anfang Januar 2014 gegenüber aargauerzeitung.ch und fügt hinzu: «Kinder können durch Märchen Ängste überwinden, ihr Selbstbewusstsein sowie das Vertrauen ins Leben stärken.» Kinder verstünden auch die Symbolik der bösen Stiefmutter. Denn durch das Stiefmütterliche erlange der Held den Anreiz, der ihn aus seiner Stagnation führt und so sein Vorankommen fördert. Die Märchenstiefmutter sei für Kinder aber nicht gleichbedeutend mit der realen Stiefmutter, die es heute im Zuge der hohen Scheidungsrate häufig geben kann. Schäfli ist der Ansicht, dass das Erzählen von Märchen heute wichtiger denn je sei. «Viele Kinder sind auf sich selbst gestellt und müssen alleine in die Welt hinausziehen.» Ein paar starke Vorbilder, wie wir sie im Märchen finden, können da schon unterstützend wirken.

Apropos Vorbilder im Märchen: Hier werden Kindern keine Individuen zur Identifikation angeboten, sondern Stereotypen. Typisch für Märchen ist die strikte Trennung zwischen Gut und Böse. Auf der Seite des Bösen finden sich Hexen, böse Feen und Zwerge, Stiefmütter und andere Bösewichte, die zwar reizvolle Fähigkeiten wie Zauberkünste besitzen, mit denen sich Kinder aber nicht identifizieren. Auf der Seite der guten Figuren finden wir schöne Prinzessinnen, mutige Prinzen, gute Feen, clevere Bauern und listige Tiere. Ein Angebot also, das Kinder als viel reizvoller empfinden.

Bei der Identifikation mit Märchenfiguren spielt das Geschlecht des Helden für Kinder eigentlich keine Rolle. Denn sie interessieren sich nicht für Männlein oder Weiblein, sondern für bestimmte Eigenschaften des Helden oder der Heldin. Nicht selten ist der Held im Märchen sogar ein Kind, weswegen Kindern die Identifikation mit ihm noch leichter fällt. «Im Märchen werden des Öfteren unbewusste Konflikte und Entwicklungsprozesse des Kindes bildhaft dargestellt. Durch den Helden wird gezeigt, dass Gefahren überstanden und schwierige Aufgaben auch von dem Kind selbst gelöst werden können. Da Märchen immer ein gutes Ende haben, machen sie den Kindern Mut und stärken sie in ihren Vorhaben», erklärt Dr. Geister gegenüber der Zeitschrift «Kids und Co» im Herbst 2012.

Frauen im Märchen

In den traditionellen Märchen ist die starke Frau, die Mädchen sich als Vorbild nehmen könnten, eher selten anzutreffen. Denn die meisten Frauen sind entweder Prinzessinnen, die ausser einer bemerkenswerten Schönheit nichts weiter auszeichnet, oder sie spielen die Böse in Form der Stiefmutter, Hexe oder bösen Fee. Ausnahmen finden sich aber in den Märchen «Die sieben Raben» und «Die sechs Schwäne», wo es jeweils ein Mädchen ist, dass die verwunschenen Brüder vom Fluch befreit. Auch Gretel rettet ihren Bruder, der im Käfig sitzt und von der Hexe zum Sonntagsbraten gemästet wird. Die Prinzessin in «Der Froschkönig» beispielsweise zeigt sogar emanzipatorisches Potenzial, als sie den Frosch gegen den Befehl ihres Vaters nicht in ihrem Bett schlafen lässt und ihn stattdessen gegen die Wand schleudert.

In den heutigen Neuinterpretationen traditioneller Märchen zeichnet sich aber ein Wandel des Frauenbildes ab. So beispielsweise in «Rapunzel – Neu verfönt», wo die Heldin ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt und nicht erst darauf wartet durch einen edlen Prinzen befreit zu werden. 

Der pädagogische Wert von Märchen

Können wir aus Märchen noch etwas lernen? «Märchen sind nicht nur unterhaltsam und erfreuen die Leser und Hörer, sondern sind auch fantasieanregend und allein deshalb pädagogisch wertvoll», sagt Oliver Geister, auf seiner Märchenplattform www.maerchenpaedagogig.de. Dies heisse aber nicht, dass man die im Märchen vermittelten Wertvorstellungen stumpf übernehmen solle: «Ich denke, heute muss eine zeitgemäße Werteerziehung weniger zu bestimmten vorgegebenen Werten als vielmehr zum eigenständigen Werten erziehen», erklärt Geister weiter. Märchen könnten bei der Auseinandersetzung mit Wertevorstellungen sehr hilfreich sein.

Märchen sind nicht nur für Kinder

Märchen sind laut Duden «im Volk überlieferte Erzählungen, in denen übernatürliche Kräfte und Gestalten in das Leben der Menschen eingreifen und meist am Ende die Guten belohnt und die Bösen bestraft werden». Am bekanntesten ist wohl die Märchensammlung der Brüder Jacob und Wilhelm Grimm, die die mündlich überlieferten Erzählungen als Kulturschatz ansahen und in einem Sammelband bewahren wollten. Ihre Sammlung erschien 1812 (Erstausgabe) und 1815 (Zweitausgabe) unter dem Namen «Kinder- und Hausmärchen». Mit dieser feierten sie einen unerwarteten grossen Erfolg, vor allem in wirtschaftlicher Hinsicht.

Märchen als Kulturschatz

Die ältesten märchenhaften Erzählungen sind auf das 12. Jahrhundert v. Chr. datiert. Den Stoff für Märchen trugen vor allem Reisende wie Pilger, Seeleute oder Kaufleute überall in der Welt weiter, bis ins mittelalterliche Europa, wo die wundersamen Erzählungen von umherziehenden Spielleuten verbreitet wurden. Die erste Märchensammlung in Europa legte der Franzose Charles Perrault im Jahr 1697 vor. Die bekannten Märchen «Rotkäppchen», «Der gestiefelte Kater» und «Dornröschen» gehen auf seine Sammlung zurück.

Märchen waren aber nicht nur beim gemeinen Volk in aller Munde, sondern auch bei Wissenschaftlern. So wurden Märchen Anfang des 20. Jahrhunderts Untersuchungsgegenstand der Psychoanalyse. Sigmund Freud beispielsweise beschäftigte sich mit dem Verhältnis zwischen Märchen, Traum und Sexualtrieb. Und auch der Schweizer Psychologe Carl Gustav Jung zog laut der Wissensplattform planet-wissen.de seine Erkenntnisse über «die seelische Grundkonzeption der Menschen einer Kultur» aus Märchen und Mythen. Seit einiger Zeit werden Märchen auch in der Therapie von Kindern eingesetzt, wo «anhand der zauberhaften Figuren und Konstellationen verdrängte Erlebnisse und Traumata der Kinder» bearbeitet werden.