«Es war einmal...»: Warum Kinder Märchen brauchen

Fantastische Welten mit sprechenden Tieren, bösen Hexen, schlauen Helden und schönen Prinzessinnen: Dies sind die Zutaten für ein gutes Märchen. Bis heute sind die fabelhaften Erzählungen bekannt. Aber brauchen wir Märchen eigentlich noch?

«Es war einmal...»: Warum Kinder Märchen brauchen

Rotkäppchen gehört zu den bekanntesten Märchen. (Bild: Photodeti/iStock, Thinkstock)

Wer kennt sie nicht, die berühmten Worte «Es war einmal...», mit denen so viele Märchen eingeleitet werden? Mit gespitzten Ohren und gebannter Miene lauschen wir unglaublichen Geschichten, in denen heldenhafte Taten vollbracht werden, gefährliche Abenteuer locken, Wunder und Zauberei zum Alltag gehören und das Gute meist über das Böse siegt. Märchen ziehen Menschen seit jeher in ihren zauberhaften Bann und werden immer noch gerne gelesen und vorgelesen, obwohl das Repertoire der Kinder- und Jugendliteratur um ein Vielfaches gewachsen ist. Wir lüften das Erfolgsgeheimnis der sagenumwobenen Märchengeschichten.

Die zauberhafte Welt der Märchen

Das Beste am Märchen ist, dass es zeitlos ist, Platz für eigene Fantasien lässt und von jedermann verstanden wird. Das ist möglich, weil Märchen über eine einfache Struktur verfügen, kurz und bündig geschrieben sind und einfach im Gedächtnis bleiben. Sie sind so einprägsam, dass man sie selbst als Erwachsener nicht vergessen hat und sich neu dafür begeistern kann, wenn man sie den eigenen Kindern erzählt oder vorliest. «Oftmals erkennt man später durch seine eigenen Erfahrungen und seinen Wissensschatz neue Seiten an seinem Lieblingsmärchen aus der Kindheit», sagt Märchenexperte, Buchautor und Pädagoge Dr. Oliver Geister gegenüber der Zeitschrift «Kids und Co» im Herbst 2012.

Etwa ab dem dritten Lebensjahr fangen Kinder an, sich für Märchen zu interessieren. Dazu muss man wissen, dass kleine Kinder die Welt anders wahrnehmen als Erwachsene. Für Kinder erscheinen, nach der Theorie des Schweizer Entwicklungspsychologen Jean Piaget, die sie umgebenden Gegenstände und Lebewesen beseelt. Kinder lernen erst in der Schule, wie Naturphänomene und technische Abläufe funktionieren. Vorab erklären sie sich die Welt, wie es ihnen gefällt. Im Märchen verhält es sich ähnlich, denn dort können Frösche oder Kater sprechen, Zwerge Gold spinnen und Zauberspiegel die Zukunft voraussagen. «Durch die sprachlichen Bilder in den Märchen fü?hlen sich die Kinder angesprochen und in ihrer Sicht auf die Dinge bestätigt und verstanden», sagt Geister weiter.

Märchen: Keine Angst vor Wölfen, Hexen und bösen Stiefmüttern

Märchen wie «Rotkäppchen», «Schneewittchen» oder «Hänsel und Gretel» sind stellenweise recht grausig: Der böse Wolf verschlingt das Grosi und Rotkäppchen, die böse Stiefmutter plant gegen ihre hübsche Stieftochter gleich mehrere Mordkomplotte und  eine kannibalistische Hexe will Hänsel und Gretel mästen, um sie später verspeisen zu können.

Im Interview mit «Neue Osnabrücker Zeitung» Ende November 2012 beleuchtet der Märchenkenner Dr. Oliver Geister zwei Aspekte bezüglich der Grausamkeit in Märchen: Zum einen zeige sie, dass Gewalt und Grausamkeiten auch Teil des wirklichen Lebens sind. Zum anderen würden die Grausamkeiten im Märchen fast nie ausgeschmückt. Und so kommt es, dass Rotkäppchen und das Grosi unversehrt aus dem Bauch des Wolfes vom Jäger befreit werden können. Auch Schneewittchen wird ins Leben zurückgeholt und ihre Stiefmutter hart bestraft. Im Hexenhäuschen wendet sich das Blatt ebenfalls zu Gunsten der Kinder, denn statt ihrer landet die Hexe im Ofen. «Die viel gescholtene Grausamkeit im Märchen scheint uns Erwachsene mehr zu beunruhigen als die Kinder. Sie verstehen die Symbolik: Da wird in «Hänsel und Gretel» beispielsweise nicht eine lebende Hexe verbrannt, sondern das Böse vernichtet», erläutert Geister gegenüber taz.de im Oktober 2013.

Figurenspieltherapeutin Brigitte Schäfli bestätigt dies Anfang Januar 2014 gegenüber aargauerzeitung.ch und fügt hinzu: «Kinder können durch Märchen Ängste überwinden, ihr Selbstbewusstsein sowie das Vertrauen ins Leben stärken.» Kinder verstünden auch die Symbolik der bösen Stiefmutter. Denn durch das Stiefmütterliche erlange der Held den Anreiz, der ihn aus seiner Stagnation führt und so sein Vorankommen fördert. Die Märchenstiefmutter sei für Kinder aber nicht gleichbedeutend mit der realen Stiefmutter, die es heute im Zuge der hohen Scheidungsrate häufig geben kann. Schäfli ist der Ansicht, dass das Erzählen von Märchen heute wichtiger denn je sei. «Viele Kinder sind auf sich selbst gestellt und müssen alleine in die Welt hinausziehen.» Ein paar starke Vorbilder, wie wir sie im Märchen finden, können da schon unterstützend wirken.

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