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Geschlechtsneutral erziehen – geht das überhaupt?

Typisch Junge, typisch Mädchen? So wollen viele Eltern ihr Kind nicht erziehen. «Doch oft tragen wir ganz unbewusst geschlechtsspezifische Erwartungen an unsere Kinder heran», weiss die Pädagogin Prof. Dr. Franziska Vogt.

Geschlechtsneutrale Erziehung der Kinder soll Klischees vernichten.

Geschlechtsneutrale Erziehung verspricht, Kinder nicht mehr in eine Schublade zu stecken. Bild: Orbon Alija, Getty Images

Jungen spielen mit Autos, lieben es, miteinander zu kämpfen, und möchten Helden sein. Mädchen sind süss, gehen zum Ballett und spielen mit ihren Stofftieren. Nein? Dass diese Geschlechterstereotype zu einfach sind, wissen die meisten Eltern. Sie wollen ihr Kind eher geschlechtsneutral erziehen. Doch das ist nicht immer so leicht.

Geschlechtsneutral erzogen?

«Das Mädchen ist ruhig und puzzelt gern; der Junge ist ein echter Fussballer. Dabei habe ich beide Kinder gleich behandelt», wundern sich Eltern oft. «Eltern erziehen meist geschlechtsspezifischer, als sie denken», weiss Prof. Dr. Franziska Vogt, Leiterin des Instituts für Lehr- und Lernforschung an der Pädagogischen Hochschule St. Gallen. «Da wird leicht verkannt, dass sie sehr subtil geschlechtstypische Verhaltensweisen und Einstellungen verstärken.»

Was Mädchen lernen …

«Wie hübsch du bist», heben Eltern gern hervor, wenn die Kleine ein Kleid trägt oder die Haare zu Zöpfen geflochten sind. Das äussere Erscheinungsbild ist bei Mädchen sehr häufig Anknüpfungspunkt für Gespräche. Mädchen lernen also: «Es kommt darauf an, wie ich aussehe.»

… und was Jungen lernen

«Toll, wie du Fussball spielst!», heisst es dagegen bei den Jungs. Der Junge lernt: «Ich bekomme ein gutes Echo, wenn ich etwas mit den Füssen und dem Ball mache.»

Meist unbewusst: geschlechtsspezifische Erziehung

Aber warum sprechen Erwachsene Mädchen anders an als Jungen? «In der Regel denken sie eher nicht, dass Mädchen vor allem darauf achten sollten, hübsch auszusehen. Und sie denken auch nicht, dass Jungen Fussball spielen müssen», so Prof. Dr. Franziska Vogt. Doch geschlechtsspezifische Erwartungen seien fest in der Gesellschaft verankert. «Erwachsene tragen geschlechtsspezifische Erwartungen also meist ganz unbewusst an Kinder heran.» So erfahren Kinder früh, welche Erwartungen mit ihrem Geschlecht verbunden sind und eingefordert werden.

Vorteile geschlechtsneutraler Erziehung

Dennoch: Dagegen zu halten, ist wichtig. Denn Eltern sollten versuchen, ihre Kinder nicht in eine Schublade zu stecken, sondern ihnen zu ermöglichen, auszuleben, was in ihnen steckt. Sich frei entfalten, sagt man auch dazu. «Kinder sollen Talente auch dann ausleben können, wenn sie dem Geschlechterstereotyp nicht entsprechen. Denn für die Gesellschaft ist es wichtig, dass jedes Mitglied seine Fähigkeiten und Talente einbringen kann», erklärt Prof. Dr. Franziska Vogt.

Geschlechtsneutrale Erziehung: So geht es besser

Eigene Erwartungen reflektieren

«Die Reflexion der eigenen Erwartungen kann helfen», so Prof. Dr. Franziska Vogt. «Wer oft seiner Tochter sagt, dass sie hübsch ist, kann vielleicht auch öfter erwähnen, dass sie eine tolle Sportlerin ist.» Gespräche lassen sich bewusst auch mal auf Interessen des Kindes lenken, die weniger zu althergebrachten Geschlechterrollen passen.

Weniger über das Geschlecht nachdenken

«Er ist ein echter Junge!» – «An ihr ist ein Junge verloren gegangen.» – «Jungs weinen doch nicht.» – «Typisch Mädchen!» Wer das Verhalten seines Kindes weniger auf sein Geschlecht bezieht, stülpt ihm auch weniger Rollenerwartungen über. Natürlich darf ein Mädchen gross, stark und laut sein. Und ein Junge darf zu Hause bleiben und kneten, ohne dass eine Bemerkung über sein Geschlecht fällt.

Rollenspiel ermöglichen

Eine Kiste mit Karnevalsklamotten, Hüten, Tüchern, Mützen, Schals und Laken, Tüll und ausgedienten Schuhen ist für Kinder eine echte Fundgrube für Rollenspiele. Damit können Kinder lustvoll alle Facetten ihrer Persönlichkeit ausleben, mal als Cowboy durch die Wildnis reiten, mal als Königin auf hochhackigen Schuhen herum staksen.

Kinder nehmen, wie sie sind

Eltern sollten damit rechnen, dass das Kind ganz anders ist, als man denkt oder sich wünscht oder erwartet. «Der Apfel kann auch weit vom Stamm fallen», sagt Prof. Dr. Franziska Vogt. Das gelte für die Vorstellungen der Eltern über das Verhalten der Geschlechter, aber auch über sexuelle Orientierung, körperliche Fähigkeiten, Schulerfolg und Interessen. Heisst: Der Junge muss kein Fussballer sein, nur weil Papa Fussball toll findet. Und das Mädchen muss sich nicht für Pflegeberufe interessieren, nur weil die Mutter Krankenschwester ist.

Kinder dürfen anecken

Wer Geschlechtssterotypen nicht entspricht, eckt leicht an. Diese Erfahrung machen nicht nur Frauen, wenn sie versuchen, sich burschikos in der Berufswelt durchzusetzen. Auch Männer spüren oft Verlegenheit im Umfeld, sobald sie sich weich und empfindlich zeigen. Eltern sorgen sich deshalb, wenn ihr Junge zum Beispiel verkündet, im Rock in die Kita gehen zu wollen. Prof. Dr. Franziska Vogt: «Eltern sollen deutlich ausdrücken, dass sie der Meinung sind, dass Mädchen und Jungen anziehen können, was sie möchten. Sie sollen aber auch mit dem Kind darüber reden, dass es Leute geben kann, die es lustig, blöd, ungewohnt oder cool finden, wenn ein Junge einen Rock trägt. So können Eltern und Kind gemeinsam herausfinden, was für das Kind, und vielleicht auch für die Eltern, in diesem Moment stimmt.»