Figurenspieltherapie: Mit Figuren und Märchen Ängste bekämpfen

«Kinder brauchen Märchen», sagte einst der berühmte Kinderpsychologe Bruno Bettelheim. Auch in der Figurenspieltherapie haben Märchen einen wichtigen Stellenwert. Diese Therapiemethode löst die seelischen Nöte der Kinder auf der Ebene des Spiels, der Geschichten und der Kreativität. Und gibt ihnen eine wertfreie Plattform, auf der alles erlaubt ist. Familienleben traf zwei Winterthurer Figurenspieltherapeutinnen zum Interview.

Mit Figuren und Märchen Knoten lösen: Figurenspiel.

Das Figurentheater kann helfen, die Ängste der Kinder zu lösen. Foto: iStock, Thinkstock

An der Klingel zu Brigit Oplatkas und Brigitta Schäflis Praxisräumen steht «Therapie» geschrieben. Die winzigen Räume in der Winterthurer Altstadt haben aber nichts Steriles, nichts Kaltes an sich. Man betritt eine Märchenwelt, die nach alten Textilien und Bastelleim riecht. Diese Welt ist voller Handpuppen, bunten Federn und kleinen Theaterrequisiten. Es fällt leicht, einzusehen, dass diese Praxis für ein Kind  zu einem fremden Königreich, einer Märchenstadt, einer Oase werden kann. Oder, wie die beiden Therapeutinnen Brigit Oplatka, ehemalige Kindergartenlehrkraft, und Brigitta Schäfli, ausgebildete Heilpädagogin, zu sagen pflegen: Zu einer Insel.

Frau Oplatka, Frau Schäfli, die Figurenspieltherapie ist wissenschaftlich kaum erforscht. In der Abteilung der Sonderpädagogik des Zürcher Volksschulamtes war sie vor einigen Jahren, so berichtete der Tages Anzeiger, sogar gänzlich unbekannt. Woran liegt das?

Oplatka: Die Methode ist noch sehr jung. Die psychotherapeutisch orientierte Spiel- und Kunsttherapieform basiert auf den Grundlagen der Entwicklungspsychologie von C.G. Jung und ist erst Ende der Achtziger Jahre durch Käthi Wüthrich entwickelt worden, danach entstanden Pionierlehrgänge.

Schäfli: Da wir von der Wirksamkeit der Figurenspieltherapie überzeugt sind, sind wir Figurenspieltherapeutinnen in der Schweiz in den letzten Jahren sehr aktiv geworden, um uns zu vernetzen und die Methode bekannter zu machen. So konnte 2008 die Höhere Fachschule für pädagogisches und therapeutisches Figurenspiel in Interlaken gegründet werden.

Ist nur in der Schweiz noch Pionierarbeit nötig oder ist die Therapie auch in anderen Ländern noch nicht wirklich verbreitet?

Schäfli: Auch in Deutschland gibt es einen Lehrgang für Figurenspieltherapie, verbreitet ist die Methode aber deswegen noch lange nicht. In Österreich und in den USA gibt es auch verschiedene kleine Zentren, welche die Methode anwenden. Diese sind aber nicht wirklich miteinander vernetzt, da, vor allem in den USA, nicht von einer einheitlichen Therapieform gesprochen werden kann.

Oplatka: Hie und da gibt es aber Lehrerinnen und Lehrer, die sich mit einem Problemkind an uns wenden. Die Methode fruchtet also schon. Was aber nicht heisst, dass die Kosten von der Schule übernommen werden.

Wie läuft eine typische Therapiestunde bei Ihnen ab?

Oplatka:  Jedes Kind entwickelt seine eigenen Rituale. Sobald die Kinder sich wohl fühlen, wollen sie meist gleich mit den Figuren spielen oder ihre ganz persönliche Figur modellieren. Sie stellen sich vor das Gestell mit den vielen Menschen- und Tierfiguren und suchen sich eine aus, mit der wir anschliessend improvisierte Geschichten erfinden oder auch ein Märchen spielen. Oft wählen sie unbewusst die Figur aus, die ihr Problem wiederspiegelt. Da war beispielsweise ein Kind, das sich zuallererst intuitiv die «Kranke»  mit dem Gips aussuchte. Im darauf folgenden Elterngespräch erfuhr ich, dass es in früher Kindheit zahlreiche Notfallhospitalisierungen der Geschwister miterlebt hatte. Seine akute Trennungsangst war darauf zurückzuführen.

Schäfli: Wichtig ist bei allen Kindern, dass sie erst einmal ankommen und wissen, dass alles, was zu ihnen gehört, willkommen ist. Kinder in belastenden Lebenssituationen sind oft verunsichert, müssen sich in ihrem Umfeld stark zurücknehmen oder erleben dauernden Stress durch Ängste, Misserfolg und negative Rückmeldungen. Hier dürfen sie erst mal nur da sein, sich ganz angenommen fühlen, Sicherheit und Vertrauen erfahren. Neben Figurenspiel- und bau ziehen wir je nach Neigungen des Kindes zahlreiche weitere kreative Mittel wie Gestalten mit Lehm, mit Filz, Sandbilder bauen mit Figuren und vielen Requisiten, Malen, Kochen oder Musizieren bei.

Figurenspiel: Auch andere Requisiten werden genutzt.

«Manchmal nutzen wir auch andere kreative Mittel», erklärt Brigitta Schäfli. Wie hier zum Beispiel eine Sandlandschaft. 

Für wen ist Figurenspieltherapie gedacht?

Oplatka: Die Figurenspieltherapie eignet sich eigentlich für die ganze Palette  von emotionalen und sozialen Nöten, die ein Kind betreffen können: Ängste, Trennungen, Entthronung durch ein kleineres Geschwister, Trauer, Missbräuche, Probleme in der Schule, Einnässen, Mobbing, Mutismus. Vermehrt werden in letzter Zeit Kinder von psychisch kranken Eltern angemeldet.

Schäfli: Ja, die Fälle, die wir behandeln sind sehr unterschiedlich. Jedes Kind  hat seine ganz eigene Geschichte. Figurenspieltherapie ist auch für grössere Kinder geeignet: Wir machen immer wieder die Erfahrung, dass Kinder, wenn sie dürfen, sich viel länger in der Fantasiewelt zuhause fühlen, als es die gesellschaftlichen Normen vorschreiben. Heute werden die Kinder viel zu früh des spielerischen Tuns beraubt und auf die Ebene des intellektuellen Lernens gedrängt. Dabei lassen sich im kreativen Spiel, das aus dem Unbewussten genährt wird, viele Probleme angehen. Alltagsprobleme können zuhause im Spiel verarbeitet werden, sofern die Möglichkeit zum Spielen vorhanden ist. Bei schwerwiegenderen Problemen braucht das Kind aber Führung und Begleitung.

Oplatka: Ebenfalls ein gesellschaftliches Problem im Zusammenhang mit Kindern ist heutzutage die Passivität. Ein Kind, das ständig fernsieht, lernt fälschlicherweise, dass es sich nicht aktiv am Lauf der Dinge beteiligen kann. Diese Ohnmacht wiederspiegelt sich im echten Leben dann auch. Mit selbstgespielten Märchen und eigenen Geschichten können Kinder das «Schicksal» ihres Helden und später auch ihr eigenes selbst in die Hand nehmen. Dies zu erleben ist hoffnungsstiftend. Diesen Mut und dieses Selbstvertrauen wollen wir den Kindern mitgeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter