Empathie macht Kinder stark

Selbstwertgefühl, Einfallsreichtum, Intelligenz – es gibt viele Eigenschaften, die es Menschen erleichtern, sich gut im Leben zurechtzufinden. Eine Eigenschaft aber wird von der Wissenschaft immer mehr in den Focus gestellt: Empathie gilt als Voraussetzung für ein erfülltes und erfolgreiches Leben. Hier lesen Sie, wie Kinder Einfühlungsvermögen entwickeln können.

Emphatie macht Kinder stark

Lernen, was in anderen vorgeht, ist wichtig für die Zukunft der Kinder. Bild: Goodshot-Thinkstock

Aus dem Kinderzimmer dringt aufgeregter Lärm. «Das isch miin Bus. De dörf d'Emely nöd ha», brüllt Kai. Und Emely kreischt: «Mami! Dä Idiot hät mich gschupft!» Eine alltägliche Situation, die Eltern so oder ähnlich kennen.

Sind die Gemüter so erhitzt, ist es schwierig, den Streit zu begraben und eine konstruktive Lösung zu finden – unmöglich ist es nicht. Verhandeln und Vertragen lassen sich zum Glück schon im Kindergartenalter lernen. Voraussetzung dafür ist Empathie – die Fähigkeit, die Erlebnisse und Emotionen anderer nachzuempfinden. Menschen brauchen solches Einfühlungsvermögen, um sich gegenseitig zu verstehen und sich nahe zu kommen. Weiss Emely, wie wichtig es für ihren Bruder ist, dass sein Bus auf seinem Spiel-Parkplatz genau neben dem Bagger steht – auch wenn er gerade nicht damit spielt? Kann Kai sich vorstellen, wie Emely sich fühlt, wenn er sie schubst?

Empathie als Voraussetzung für ein erfolgreiches Leben

Empathie wird von der Erziehungswissenschaft seit einigen Jahren immer mehr in den Focus gestellt. Empathie gilt als Voraussetzung für ein erfülltes und erfolgreiches Leben. Der australische Forscher Dr. Brad M. Farrant von der University of Western Australia/Perth drückt es so aus: «Die Fähigkeit, sich in andere ­hineinzuversetzen, spielt in der heutigen Gesellschaft eine Schlüsselrolle.»

Unser ganzes Leben lang brauchen wir andere Menschen, die sich mit uns freuen, an denen wir uns reiben, mit denen wir Schulter an Schulter an gemeinsamen Zielen arbeiten. Das heisst: Ohne andere geht es einfach nicht. Wir müssen Position beziehen, andere Positionen verstehen und nach Lösungen suchen können, die für alle fruchtbar sind. Mit Empathie gelingt dies. Je leichter wir mit anderen zurechtkommen, umso besser trägt uns die Gemeinschaft durch das Leben. «In naher Zukunft werden alle erkennen, dass die Empathie die härteste und wichtigste Währung von allen ist», sagt der Däne Jesper Juul, einer der bekanntesten Familientherapeuten Europas.

Empathie durch einen guten Kontakt zu den eigenen Gefühlen

Wichtig ist es also, dass Kinder lernen, empathisch zu sein, dass sie eine Vorstellung davon entwickeln, was in anderen Menschen vorgeht. Dazu gehört, dass sie wahrnehmen, was in ihnen selbst vorgeht. «Je besser unser Kontakt zu uns selbst ist, desto tiefer kann unser Verständnis für andere sein», so der dänische Familientherapeut Jesper Juul.

Eltern können den Zugang ihres Kindes zu seinen Gefühlen unterstützen, in dem sie sie benennen. «Oh ja, das war kalt», heisst es zum Beispiel, wenn das Kind die Hände vom Wasserstrahl schnell zurückzieht. «Uups, jetzt hast du dich erschrocken», können Eltern sagen, wenn das Kind über seinen eigenen Fuss gestolpert ist und nun überrascht weinend auf seinem Po sitzt. «Da ist das Mami, da freust su dich!» wird gejuchzt, wenn das Kind der Mutter fröhlich die Arme entgegen streckt.

Empathie durch gute Vorbilder

«Einfühlungsvermögen vermitteln – das können Eltern auch, indem sie selbst feinfühlig sind», sagt Uwe Trevisan, Begründer der Kölner Konflikt-Training-Akademie für Kinder, Eltern und Erzieher. Kinder orientieren sich am Verhalten ihrer Eltern. Eltern, die achtsam mit den Gefühlen anderer umgehen, werden Kinder aufwachsen sehen, die ebenfalls die Gefühle anderer wahrnehmen und respektieren. «Eltern sollten versuchen, an den Gefühlen der Kinder dranzubleiben, sie sollten nachfragen, wie sie sich fühlen, und ihre Emotionen ernst nehmen, sie nicht verletzen», so Andreas Schick, Mit-Entwickler von ‚Faustlos’, einem Leitfaden für Schulen und Kindergärten, mit dessen Hilfe Kinder lernen, gewaltfrei miteinander klar zu kommen – eben: faust-los.

Wie schön, wenn Emely und Kai von ihrer Mutter wegen ihres Streits nicht ausgeschimpft, sondern erst einmal getröstet werden. Schliesslich hat der heftige Streit beide aufgeregt und verletzt. Auf diese Weise erleben sie Mitgefühl – und damit genau jene Fähigkeit, die sie brauchen, um ihren Streit zu beenden. Wenn die Mutter ihnen darüber hinaus anbietet, bei der Lösungssuche zu helfen, ist sie auch ein gutes Beispiel für Hilfsbereitschaft.

Viel vorlesen und diskutieren

Kinder können andere Menschen besser verstehen, wenn ihre Mütter und Väter mit ihnen oft über die Gefühle anderer sprechen, etwa beim Vorlesen. Das ergab eine wissenschaftliche Studie des australischen Forschers Dr. Brad M. Farrant. Mit Hilfe von Büchern können Kinder früh üben, sich in andere Rollen hineinzuversetzen und Situationen aus neuen Perspektiven zu betrachten. «Was glaubst du, warum ist der kleine Bär so traurig?» kann zum Beispiel eine Frage lauten. «Was würdest du jetzt tun, wenn du der kleine Bär wärest?»

Buchtipp

Miteinander: Wie Empathie Kinder stark macht. Von Jesper Juul, Peter Høeg, Jes Bertelsen, Stehen Hildebrandt, Helle Jensen, Michael Stubberup. Beltz-Verlag.

Elternsein App

Haben Sie schon von der neuen ElternSein App gehört? Sie vermittelt nützliche Informationen zur Erziehung und dem Familienleben. Eltern und Erziehende erhalten Tipps zu wichtigen Themen, die nach Altersstufen geordnet sind. Fachpersonen vermitteln ganz bequem via kurzen Filmsequenzen bewährtes Wissen und praktische Hilfestellungen zum Ausprobieren. Sie können die App über das Institut für Familienforschung und Beratung kostenlos downloaden. Mehr

Das könnte Sie auch interessieren

Services & Newsletter