Kind > ErziehungRichtig erziehen: Wie Sie den passenden Führungsstil für sich finden Dorothea Schulze Mengering Kaum ist das Baby auf der Welt, schreit es nach Aufmerksamkeit. Aber musst du dir schon in diesem frühen Stadium Gedanken über Erziehung machen? Ab welchem Alter fängt Erziehung an und wie verändert sie sich im Laufe der Jahre? Wir stellen Erziehungsstile vor und zeigen dir, wo du Unterstützung bekommst. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken In der Trotzphase ist Erziehung besonders herausfordernd, weil Kinder ihre Grenzen austesten. Foto: Dejdzura, iStock, Thinkstock Erziehung ist ständig im Wandel. Egal, für welchen Weg du dich entscheidest: Erziehung sollte zum Alter, zum Entwicklungsstand und zur Persönlichkeit deines Kindes passen. Denn ein Kleinkind kann nicht auf die gleiche Art begleitet werden wie ein Teenager. Hilfreich ist, wenn ihr als Familie eine klare Haltung entwickelt und sie im Alltag verlässlich lebt – mit genug Flexibilität, um auf Situationen, Temperament und Bedürfnisse einzugehen. Dabei wird klassisch zwischen einem autoritären, antiautoritären und autoritativen Führungsstil unterschieden. Erziehung: Ab wann ist sie möglich und nötig? Wann beginnt Erziehung und ab welchem Alter ist sie wichtig? Erziehung startet dann, wenn ein Baby das Licht der Welt erblickt – nicht als «Training», sondern als Beziehungsgestaltung. Susanna Fischer, Leiterin der Familienpraxis Stadelhofen erklärt, was in diesen ersten Momenten wichtig ist: «Erziehung beginnt damit, dem Kind Halt, Sicherheit und Orientierung zu geben.» In ihrer Praxis bietet Susanna Fischer Beratung und Unterstützung zum Thema Erziehung für Familien an. Wichtig sei, dem Kind nach der Geburt Orientierung zu schenken: «Man muss seine Signale wahrnehmen, diese richtig interpretieren und danach seine Bedürfnisse prompt und adäquat beantworten.» In dieser Anfangsphase geht es vor allem darum, die physischen und psychischen Grundbedürfnisse zu decken, sodass zwischen Kind und dir eine sichere Bindung entstehen kann. Dazu gehört auch, für dein Kind zu entscheiden, wenn es überfordert ist – insbesondere bei Schlaf, Nahrung, Reizüberflutung und Sicherheit. Kinder brauchen klare und unmissverständlich formulierte Informationen, um zu verstehen, welches Verhalten in der Familie in Ordnung ist und welches nicht. Diese Orientierung ist ein Baustein, um später in Kita, Schule und Alltag sozial kompetent zu handeln. Unterstützung oder Erziehungsberatung gesucht? In verschiedenen Kantonen bieten sich für Familien Beratungsstellen für Erziehungsberatung an. Im ganzen Kanton Zürich agiert die «kjz», welche in ihren Zentren für Beratung kostenlose Erziehungsberatung für Familien anbietet. Auch im Kanton Bern leitet die Bildungs- und Kulturdirektion eine Stelle für Erziehungsberatung. Frag bestenfalls bei deiner Gemeinde nach. Die kindliche Entwicklung vorantreiben Die Informationen, die dein Kind von dir bekommt, werden im Hirn nicht «einfach gespeichert und sofort abrufbar», sondern müssen sich über Wiederholung, Emotionen und Reife erst festigen. Susanna Fischer beschreibt es bildhaft als «Festplatte» (Frontalkortex) – und dass es dauern kann, bis Kinder Regeln und Impulskontrolle zuverlässig umsetzen können: «Bis die Kinder die Informationen auf ihrer Festplatte dann auch abholen können, kann es bis zu zwei Jahre dauern.» Das ist ein guter Reminder für Geduld im Alltag. Das heisst: Wenn ein Kleinkind ein anderes Kind schlägt, macht es das meist nicht «böswillig», sondern impulsiv. Trotzdem braucht es von dir eine klare Grenze – ruhig, kurz und ohne Beschämung: «Halt, ich will nicht, dass du andere Kinder schlägst.» Du darfst also nicht davon ausgehen, dass sich dein Kind bereits kontrolliert, organisiert und strukturiert und jeden Impuls unterdrückt. Kindererziehung bedeutet, deinem Kind immer und immer wieder dieselben Kernbotschaften zu geben – bis es sie wirklich abrufen und umsetzen kann. Erziehungsstil: Autoritäre oder antiautoritäre Erziehung? Schon vor der Geburt stellen sich viele Familien die Frage: Welchen Erziehungsstil wollen wir leben? Autoritär oder doch demokratisch? Grob wird unter folgenden Methoden mit Vor- und Nachteilen unterschieden: 1 Der autoritäre Erziehungsstil: Verbote, strenge Regeln und Strafen: Die autoritäre Erziehung ist umstritten. Jedoch war ein autoritärer Führungsstil bis in den 60er Jahren das vorherrschende Modell in vielen Familien. Die Eltern haben in diesem Modell das Sagen, dulden keine Widerworte und übernehmen die Führung. Als Nachteil nennen verschiedene Expert:innen, dass Kindern so die Nähe zu ihren Eltern verloren geht und die autoritäre Erziehung das Verhalten langfristig negativ beeinflussen kann. Als Vorteil wird gesehen, dass Kinder Regeln kurzfristig besser befolgen können. 2 Die antiautoritäre Erziehung: Dieser Erziehungsstil wird oft kritisiert, weil Kindern zu viel Freiheit gelassen wird. Dieser Stil wurde in den 1960er Jahren als Gegenstück zum autoritären Erziehungsstil ins Leben gerufen. Antiautoritär erzogene Kinder bekommen mehr Freiraum, können ihren Wünschen und Vorlieben freier nachgehen und selber bestimmen, welchen Aktivitäten sie nachgehen möchten. Diese Kinder erhalten weniger klare Anweisungen von Mami und Papi, wobei das Modell an den Führungsstil «Laissez-faire » erinnert. Bei diesem Führungsstil verhalten sich Eltern sehr passiv und es werden nur minimale Vorgaben gemacht. Als Nachteil sehen Fachpersonen, dass Kinder dann häufiger Mühe haben, Frust auszuhalten, Regeln einzuhalten oder dranzubleiben, wenn etwas nicht ihren Vorstellungen entspricht. 3 Autoritativ zum Erfolg: Neben dem autoritären Führungsstil und der antiautoritären Erziehung gibt es auch ein Zwischenmodell: die autoritative Erziehung. Hier setzen Eltern klare Regeln und Grenzen, geben aber gleichzeitig viel Zuneigung und Nähe. Im Gegensatz zum autoritären Führungsstil gibt es mehr Verständnis, Erklären und Begleiten – statt Druck und Strafe. Autoritativ erzogene Kinder zeigen gemäss Forschung im Schnitt günstigere Entwicklungsverläufe, etwa bei Selbstregulation, sozialem Verhalten und schulischer Anpassung. Die Erziehungsexpertin Susanna Fischer erklärt, wieso Eltern beim Kind in Sachen Kindererziehung ein «Zwischending» wählen sollten: «Das Erfüllen der psychischen und physischen Grundbedürfnisse ist die Grundlage der Entwicklung der sicheren Bindung des Kindes zu seinen Eltern. Danach geht es darum, dass Eltern Kinder begleiten und anleiten, dass es auch wichtig ist zu lernen, dass Bedürfnisse aufgeschoben werden müssen und dass Wünsche nicht ständig sogleich erfüllt werden oder dass Kinder manchmal erst eine Aufgabe erfüllen müssen, bis sie das tun können, worauf sie gleich Lust haben.» Von «Führungsstilen» zu «Erziehungsstilen» – das gehört zusammen Im Alltag reden viele von «Führungsstil», wenn sie eigentlich «Erziehungsstil» meinen. Beides beschreibt, wie du Orientierung gibst: durch Regeln, Beziehung, Kommunikation und Konsequenzen. Moderne Entwicklungspsychologie betont dabei zwei Achsen, die sich gut merken lassen: Wärme/Beziehung: Wie zugewandt, feinfühlig und verlässlich bin ich? Struktur/Grenzen: Wie klar sind Regeln, Erwartungen und Konsequenzen? Der autoritative Stil liegt typischerweise dort, wo viel Beziehung und viel Struktur zusammenkommen. Wichtig: «Viel Struktur» bedeutet nicht Härte – sondern Vorhersehbarkeit, Sicherheit und klare Zuständigkeit. Was die Forschung nahelegt In den letzten Jahren hat sich in vielen Familien ein Wertewandel gezeigt: weniger Gehorsam um jeden Preis, mehr Fokus auf Beziehung, Mitbestimmung und kindliche Bedürfnisse – gleichzeitig bleibt der Wunsch nach klarer Orientierung gross. Für die Praxis heisst das: Kinder profitieren nicht von «alles ist erlaubt», sondern von verlässlichen Erwachsenen, die freundlich führen. Einordnung, die Eltern oft entlastet: Bedürfnisorientiert zu handeln bedeutet nicht, jedes Bedürfnis sofort zu erfüllen. Es bedeutet, Bedürfnisse ernst zu nehmen – und trotzdem Grenzen zu setzen (zum Beispiel: «Ich sehe, du willst noch spielen. Es ist trotzdem Schlafenszeit.»). Schweizer Daten zeigen, dass viele Familien heute stärker auf eine Mischung aus Zuwendung und klaren Regeln setzen. Wenn du dich manchmal zwischen «zu streng» und «zu nachgiebig» fühlst, ist das kein persönliches Scheitern, sondern spiegelt genau diese gesellschaftliche Verschiebung: Weg von harten Strafen, hin zu Begleitung – ohne Führung zu verlieren. CH-Faktenblock: Wertewandel: In Schweizer Familien werden Respekt, Beziehung und das Ernstnehmen kindlicher Gefühle häufiger betont als früher, gleichzeitig wünschen sich viele Eltern praktikable Strategien für klare Grenzen im Alltag. Stil-Mix ist die Realität: Viele Eltern ordnen sich nicht «rein» einem Stil zu, sondern kombinieren Elemente – entscheidend ist, ob daraus verlässlich Wärme und Struktur entstehen. Konsequenz schlägt Strafe: Was langfristig hilft, sind nachvollziehbare, vorher bekannte Konsequenzen und Wiederholung – nicht Drohen oder Beschämung. Übersetzung in den Alltag: Was «autoritativ» konkret heisst Autoritativ klingt theoretisch. So kann es sich in typischen Situationen anfühlen: Mit Baby (0–12 Monate): Du reagierst prompt auf Weinen, hältst dein Baby, fütterst und beruhigst. Gleichzeitig gibst du Struktur: wiederkehrende Abläufe (Wickeln, Schlafritual), Schutz vor Überreizung, klare Entscheidungen, wenn dein Baby überfordert ist. Du «verwöhnst» damit nicht – du baust Sicherheit auf. Mit Kleinkind (1–4 Jahre): Du benennst Gefühle («Du bist wütend, weil du noch bleiben willst.») und hältst eine Grenze («Wir gehen jetzt.»). Du bietest Wahlmöglichkeiten innerhalb des Rahmens («Willst du die rote oder die blaue Jacke?») und hilfst bei Eskalation (ruhig bleiben, Nähe anbieten, Kind sichern). Mit Teenager (ab ca. 12 Jahren): Du verhandelst mehr, aber nicht alles. Regeln werden begründet (Sicherheit, Gesundheit, Respekt), Verantwortlichkeiten klar verteilt (Schule, Haushalt, Medien). Du bleibst ansprechbar, setzt aber Limits bei Risiken (Alkohol, Verkehr, Gewalt, Online-Sicherheit) und greifst ein, wenn es nötig ist. Moderne Varianten: bindungs-/bedürfnisorientiert, Gentle Parenting & Co. Begriffe wie «bindungsorientiert», «bedürfnisorientiert» oder «Gentle Parenting» werden oft unterschiedlich verstanden. Wissenschaftlich anschlussfähig sind sie dann, wenn sie Folgendes meinen: Feinfühligkeit: Signale wahrnehmen, passend reagieren, nicht beschämen. Co-Regulation: Du leihst deinem Kind deine Ruhe, bis es sich selbst beruhigen kann. Klare Verantwortung: Du übernimmst die Führung bei Sicherheit, Gesundheit und Respekt. Wenn ein Ansatz hingegen «keine Grenzen», «keine Konsequenzen» oder «Kind bestimmt alles» bedeutet, ist das nicht mehr bindungsorientiert – sondern im Kern permissiv. Gentle Parenting ist nicht permissiv Mythos: «Wenn ich mein Kind nicht bestrafe, lernt es nichts.» Praxis-Check: Lernen passiert über Wiederholung, Vorbilder, klare Regeln und passende Konsequenzen. Strafe kann kurzfristig stoppen, löst aber das eigentliche Problem (Überforderung, Impuls, fehlende Fähigkeit) oft nicht. Mythos: «Bedürfnisorientiert heisst: Das Kind kriegt immer, was es will.» Praxis-Check: Bedürfnisse ernst nehmen heisst auch: Frust begleiten, Wünsche aufschieben lernen, Sicherheit vor Lust. Mythos: «Grenzen setzen ist unfreundlich.» Praxis-Check: Grenzen sind Beziehungsarbeit: Du schützt, strukturierst und bleibst dabei zugewandt. Grenzen setzen ohne Drohen Viele Eltern wollen weg von Drohungen («Wenn du nicht…, dann…!»), weil sie die Stimmung kippen lassen und oft eskalieren. Was besser funktioniert, ist eine Kombination aus kurzen Sätzen, klarer Handlung und Wiederholung. Hilfreiche Prinzipien: Erst Verbindung, dann Führung: kurz Blickkontakt, Name, ruhige Stimme. So wenig Worte wie möglich: Kinder hören in Stress wenig – du führst mit wenigen klaren Sätzen. Konsequenzen statt Strafen: logisch, angekündigt, umsetzbar (z.B. Spielzeug wird weggeräumt, wenn geworfen wird). Sicherheit zuerst: Bei Gefahr stoppst du sofort, notfalls körperlich (Kind schützen), danach erklärst du. 5 Satzstarter für klare, respektvolle Grenzen Diese Formulierungen kannst du an Alter und Situation anpassen: «Ich stoppe dich.» (bei Hauen, Wegrennen, gefährlichen Situationen) «Ich sehe, du willst … Es geht jetzt trotzdem nicht, weil …» «Du darfst wütend sein. Du darfst nicht …» (Gefühl ja, Verhalten nein) «Du hast zwei Möglichkeiten: … oder …» (Wahl im Rahmen) «Ich helfe dir.» (wenn dein Kind überfordert ist: Jacke anziehen, Zähne putzen, Abschied) Wichtig ist vor allem, dass du die Signale, die du von deinem Kind erhältst, möglichst passend deutest. Susanna Fischer betont: «Dabei sollten Eltern jedoch beachten, dass sie ihr Kind so gesellschaftsnah wie möglich erziehen.» Dazu gehört auch eine Führungskraft mit Regeln und Grenzen – und gleichzeitig Beziehung, Respekt und Entwicklung im Blick. Neben den oben genannten Führungsstilen befolgen einige Väter und Mütter auch den demokratischen Führungsstil. Bei dieser demokratischen Erziehung hat ein Kind die Möglichkeit, viele Dinge selbst zu bestimmen und zu erproben. Wichtige Entscheidungen werden dabei von den Eltern mit dem Kind besprochen. In der Praxis ist demokratisch besonders dann hilfreich, wenn der Rahmen klar bleibt: Mitbestimmung ja, Verantwortung und Sicherheit liegen bei dir. Wo es in der Schweiz Unterstützung gibt Erziehung ist Teamarbeit – und es ist absolut legitim, dir Unterstützung zu holen. Frühzeitige Beratung kann entlasten, bevor sich Konflikte verfestigen (zum Beispiel bei Schlaf, Trotz/Wut, Medien, Geschwisterstreit oder Belastung in der Partnerschaft). Kantonal (KJZ/Erziehungsberatung) Viele Kantone und Gemeinden bieten Erziehungsberatung an (teils kostenlos oder kostengünstig). Im Kanton Zürich kannst du dich an die «kjz» wenden. Auch andere Kantone haben vergleichbare Angebote – frag am besten bei deiner Gemeinde, beim schulpsychologischen Dienst oder bei der kantonalen Fachstelle nach passenden Anlaufstellen. 24/7: Elternnotruf & weitere Hotlines/Online-Beratung Wenn du dringend jemanden brauchst, der zuhört und mit dir sortiert (auch abends oder nachts), können telefonische Angebote helfen – besonders in akuten Überlastungssituationen oder bei eskalierenden Konflikten. In der Schweiz ist unter anderem der Elternnotruf eine bekannte Anlaufstelle. Je nach Kanton und Region gibt es zusätzlich Familien-, Mütter-/Väterberatung sowie Online-Beratungen über kantonale Stellen oder Fachorganisationen. Kleinkind erziehen: anstrengend, aber wirkungsvoll Die Erziehung eines Kleinkindes empfinden viele Eltern als besonders grosse Herausforderung. Zwischen dem vollendeten ersten Lebensjahr und dem vierten Geburtstag durchlaufen Kinder in der Regel die sogenannte Trotzphase, die auch «Autonomiephase» genannt wird. In dieser Phase beginnen Kinder, sich mehr und mehr von ihren Eltern zu lösen: Sie werden mobiler und können sich immer besser verständlich machen. «Diese Zeit überfordert die meisten Familien, weil sie mit Kindergefühlen konfrontiert werden, die ihnen Mühe bereiten, sie emotional zu ertragen», erklärt Susanna Fischer. Kinder wissen in dieser Phase, was sie wollen, können Gefahren aber noch nicht gut einschätzen und stossen immer wieder an eigene Grenzen. Das frustriert – und es kann zu Wutausbrüchen kommen, die Eltern gerade in der Öffentlichkeit besonders fürchten. Versuch in dieser Phase, nicht trotzig zu reagieren, sondern dein Kind zu begleiten: ruhig bleiben, Sicherheit geben, Gefühle benennen und trotzdem führen. Gleichzeitig lässt sich nicht verhindern, dass es Situationen gibt, in denen dein Nein für dein Kind nicht nachvollziehbar ist. Genau dann entstehen die starken Gefühle von Kleinkindern. Schwörst du auf eine autoritäre Erziehung? Welchen Umgang pflegst du in deiner Familie? Erzähl es uns im Kommentarbereich.