Starke Mädchen: Wie Eltern ihre Töchter sinnvoll fördern können

Mit zwei Jahren die ersten Ohrringe, mit vier Ballett-Unterricht, mit fünf Jahren Barbiepuppen. Wollen das tatsächlich die Mädchen selbst so oder erziehen wir sie dazu? Familientherapeutin Gisela Preuschoff hat ein ganzes Buch darüber geschrieben.

Eine Mutter bringt einen Sicherungsknoten am Klettergurt ihrer Tochter an

Vorbild sein, damit Mädchen zu selbstbewussten jungen Frauen werden: Eine Mutter geht mit ihrer Tochter Klettern. (Bild: AlexBrylov/iStock, Thinkstock)

«Wir werden nicht als Mädchen geboren, wir werden dazu gemacht», so lautete in den 70er Jahren ein viel diskutiertes Buch von Ursula Scheu. Hat sich diese These gehalten?

Gisela Preuschoff: Die Wissenschaft weiss heute: Es gibt angeborene Unterschiede. Aber es werden auch Unterschiede gemacht.

Worin bestehen die genetischen Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen?

Mädchen entwickeln sich schneller als Jungen. Tendenziell bekommen sie eher Zähne und lernen früher zu laufen. Darüber hinaus sind die meisten Mädchen kleinen Jungen in der Sprachentwicklung deutlich voraus. Im Alter von 18 Monaten verfügt die Hälfte der Mädchen über einen Wortschatz von 56 Wörtern, während die Hälfte der Jungen erst 28 Wörter benutzt.

Sie sagen, dass gewisse Unterschiede antrainiert werden. Was meinen Sie damit?

Es gibt eine spannende Untersuchung mit Babys, die rosafarbene und hellblaue Kleidung tragen. Eine Gruppe von Vätern wurde aufgefordert, die Babys zu beschreiben. Die rosafarbenen Säuglinge wurden als «zerbrechlich», «hübsch», «süss» und «niedlich» beschrieben, obwohl auch Jungen darunter waren. Die hellblauen Babys dagegen wurden als «gesund», «robust», «stark» und «aufmerksam» beschrieben – darunter waren auch etliche Mädchen. Die Art und Weise, wie Erwachsene ein Kind wahrnehmen, hat Konsequenzen darauf, wie wir mit ihm umgehen – und entsprechend wird es sich entwickeln.

Was für Konsequenzen sind das?

Indem wir unseren Töchtern ein bestimmtes Rollenverhalten vorleben und ihnen durch Medien, Verhalten und Erziehung zeigen, was es heisst, eine Frau zu sein, wirken wir an diesem Rollenverständnis aktiv mit. Wer seiner Tochter mit zwei Jahren Ohrlöcher machen lässt, sie mit vier Jahren beim Ballett anmeldet und sie mit fünf nur noch in Rosa kleidet und ihr Barbie-Puppen schenkt, muss wissen, dass er ihre Entwicklung in eine bestimmte Bahn lenkt. So werden Mädchen tatsächlich zu typischen Mädchen gemacht.

Was raten Sie Mädchen-Eltern?

Ob man einen Jungen oder ein Mädchen bekommt, macht für Eltern einen Unterschied. Die entscheidenden Fragen, die wir uns deshalb stellen sollten, lauten: Was schliessen wir aus dem Geschlecht unseres Kindes? Und: Wie gehen wir damit um? Zu welcher Art Frau darf oder soll sich die Tochter entwickeln? Eltern sollten ihre Vorstellung von dem, was sie sich unter einer Tochter vorstellen, kritisch hinterfragen. Was fällt ihnen spontan zum Thema «Mädchen» ein? Locken, Stöckelschuhe, rosafarbene Pullover und Baumwollkleidchen oder Hexen, Pippi-Langstrumpf, Grossmütter, Präsidentinnen, Weltraum- und Taxifahrerinnen?

Was können Eltern für das Selbstbewusstsein ihrer Mädchen tun?

Eltern können viel tun! Sie können Stärken unterstützen - egal, ob es sich um weibliche Stärken handelt oder nicht. Es gilt aber auch, typisch männliche Eigenschaften, die bei Mädchen vielleicht schwächer ausgeprägt sind, zu fördern: Durchsetzungsfähigkeit ist zum Beispiel etwas, was Mädchen oft fehlt. Schön ist es, wenn Mädchen – wie Jungen – früh lernen, sich im Mannschaftsspiel durchzubeissen. Natürlich lässt sich nicht jedes Mädchen für Fussball begeistern. Dennoch werden die Vorstellungen der Eltern sie begleiten und entscheidend prägen.

Wie lassen sich Mädchen vor sexueller Gewalt schützen?

Ein ausgeprägtes Selbstwertgefühl ist der beste Schutz, den Eltern ihrer Tochter mitgeben können. Selbstwertgefühl heisst, sich selbst wertvoll zu finden, unabhängig von Aussehen, Können und Leistung. Wer sich selbst wertvoll fühlt, tritt für sich ein und verteidigt seine Rechte und seinen Körper. Natürlich: Jede Frau kann Opfer eines Gewaltverbrechens werden, aber die Gefahr ist statistisch gesehen sehr gering. Wenn irgendwo ein Mädchen ermordet wird, ist es eine Top-Meldung. Dass jedoch jeden Tag viele Mädchen bei Autounfällen ums Leben kommen oder an Krebs sterben, ist kaum eine Nachricht wert. Das heisst: Die Realität wird in den Medien verzerrt dargestellt. Es hilft, sich das bewusst zu machen.

Warum reiten Mädchen so gern?

Pferde symbolisieren und transportieren Sehnsüchte und Ängste von Mädchen, schreibt Dörte Stolle, Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie. Ihr zufolge lassen sich Mädchen von Pferden begleiten, trösten, tragen und ermutigen. Mädchen erleben mit Pferden, dass Verhaltensweisen wie Einfühlen und Behutsamkeit und deren Gegensätze wie Machtsausüben und Durchsetzen miteinander möglich sind.

Zum Schluss noch eine generelle Frage: Was bedeutet für Sie Weiblichkeit?

Weiblichkeit bedeutet für mich, leben zu geben, leben zu hüten und zu begleiten und leben vergehen zu sehen. Es heisst, einem Rhythmus unterworfen zu sein, zu wissen, dass zum Leben auch der Tod gehört, dass es immer wieder Abschied und Neuanfang geben muss. Zeigen wir unseren Töchtern den Mond. Wenn wir ihn beobachten, wissen wir ein wenig davon, was es heisst, auf der Erde zu leben.

Zur Person:

Brigitte Saurenmann beschäftigt sich mit der Erziehung von MädchenGisela Preuschoff ist ausgebildete Familientherapeutin und lebt in der Nähe von Flensburg (DE). Die 1950 geborene Psychologin ist als erfolgreiche Autorin von Erziehungs- und Familienratgebern weithin bekannt. Einer ihrer bekanntesten Ratgeber ist das Buch «Mädchen! Wie sie glücklich heranwachsen» (Neuauflage 2013 im Beltz-Verlag).

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