«Meine Grossmutter ist mein Vorbild»: Zurück zu traditionellen Geschlechterrollen

Die Lebensvorstellungen von Mädchen in der Schweiz ähneln mit zunehmendem Alter einem stereotypen Rollenverständnis: Frauenberufe wie Coiffeuse sind in. Viele wollen Hausfrau und Mutter sein. Das hat eine Vorstudie von Plan Schweiz ergeben. Das Kinderhilfswerk fordert unter anderem ein Bundesgesetz gegen Sexismus, um gegen die Renaissance traditioneller Geschlechterrollen anzukämpfen.

Traditionelle Rollen bei Schweizer Mädchen zunehmend beliebt: Ihnen fehlen starke weibliche Vorbilder

Die Grossmutter als Vorbild: Fast alle Mädchen möchten heiraten und eine Familie gründen, der Beruf bleibt auf der Strecke. Foto: Stockbyte, Thinkstock

Mädchen haben weltweit immer mehr mitzureden: Sie werden seltener früh verheiratet, sie haben in vielen Ländern ein Wahlrecht und bessere Ausbildungschancen. Weil alte Geschlechterrollen aufgebrochen wurden, haben Mädchen und Frauen in der Schweiz heute rechtlich alle Möglichkeiten zur freien Lebensgestaltung. Die Türen zur Hochschule und ins Berufsleben stehen ihnen offen. Trotzdem lässt sich in der Schweiz ein widersprüchlicher Trend feststellen, wie eine jetzt veröffentlichte Vorstudie vom Kinderhilfswerk Plan Schweiz zeigt: Obwohl Mädchen in der Schule meist erfolgreicher sind als ihre Mitschüler und an den Universitäten die Mehrheit bilden, können viele ihr Potenzial im Berufsleben nicht umsetzen. Sie besetzen selten Führungspositionen und geben ihren Job auf, wenn das erste Kind da ist. In der Vereinbarkeit von Familie und Beruf sehen sie geringe Chancen. Eine befragte Schülerin (9. Klasse) äussert sich dazu so: «Also, ich denke, wenn die Kinder grösser sind und so, vielleicht mal einen Teiljob oder so, vielleicht nur halt einmal in der Woche ein bisschen».

Grosses Potenzial vorhanden

Insgesamt 55 Schülerinnen verschiedener Altersgruppen sowie 4 Lehrerinnen und 3 Expertinnen haben an der Studie, die von Plan Schweiz gemeinsam mit der Fachhochschule Ostschweiz durchgeführt wurde, teilgenommen. In qualitativen Interviews wurden die Mädchen nach ihren Hobbies, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften sowie Zukunftsplänen befragt. Ziel war es, Hinweise auf die Selbstwahrnehmung und die Möglichkeiten der Lebensgestaltungen der jungen Frauen zu erhalten. Positiv hervorzuheben ist, dass die meisten Mädchen viel in ihrer Freizeit machen: Fast alle Befragten spielen ein Instrument, sind sportlich und künstlerisch tätig oder aktives Mitglied einer Gruppe wie der Pfadi. Dadurch eignen sie sich zahlreiche Fähigkeiten und Kenntnisse an, die ihnen im späteren Leben hilfreich sind. Dennoch lassen sich Hinweise darauf finden, dass dieses grosse vorhandene Potenzial immer weniger genutzt und in der Pubertäts- und Jugendphase ausgebremst wird.

Klassisches Rollenverständnis von Charakter, Vorlieben und Beruf

«Typisch weiblich» sind sowohl die Charaktereigenschaften als auch die Berufswahl, die die älteren Mädchen angeben. «Schlau bin ich, ja, manchmal wenn ich zum Beispiel ein Blatt von Mathe habe, dann  muss ich nicht mehr denken und dann schreibe ich es einfach auf», schätzt sich Isabel (3. Klasse) im Interview ein. Während sich fast alle der Neunjährigen für schlau halten, ist es bei den Zwölf- und Sechzehnjährigen nur noch jede Dritte. Ähnlich sieht es bei der Eigenschaft «hilfsbereit» aus: Lediglich die Hälfte der Zwölfjährigen schätzt sich als hilfsbereit ein, während sich alle Sechzehnjährigen dieses Merkmal zuschreiben.

In Bezug auf die Berufswahl entscheiden sich die Ältesten fast alle für einen sogenannten «frauentypischen» Beruf. Das sind Berufe, in denen mindestens 70 Prozent Frauen tätig sind: Sie machen eine Ausbildung zur Coiffeuse, Erzieherin, Assistentin oder Floristin. Die Jüngeren dagegen können sich Berufe wie zum Beispiel Sängerin, Schauspielerin oder eine Arbeit mit Tieren vorstellen. Auch an Selbstvertrauen verlieren die Mädchen im Alter: «Also ich kann es schon irgendwie, aber meistens ist einfach die Blockierung von mir selber oder ich habe kein Selbstvertrauen», sagte zum Beispiel Lara (9. Klasse). Nur etwa die Hälfte der Zwölf- und Sechzehnjährigen findet sich selbstsicher, dagegen beschreiben sich die Neunjährigen mehrheitlich als mutig und stark.

Job kommt nach der Familie

Nahezu alle Befragten geben an, einmal heiraten und Kinder bekommen zu wollen. Der grösste Teil der Zwölfjährigen möchte nach der Geburt eines Kindes nur kurz aus dem Beruf aussteigen und danach wieder mit einem Pensum von 50 Prozent arbeiten: «Oder umgekehrt, dass der Mann zuhause bleibt und die Mutter geht arbeiten...» meint die Drittklässlerin Antonia. Dagegen würde fast die Hälfte der Sechzehnjährigen höchstens in einem geringen Pensum von unter 50 Prozent arbeiten wollen. Selbst einzelne Mädchen, die sich eine Führungsposition vorstellen können, gaben an, als Mutter ihren Beruf ganz oder teilweise aufzugeben. Auch die Vorstellungen zur externen Kinderbetreuung werden traditioneller. Vielleicht aber auch realistischer: Die älteren Mädchen, die angeben, ihr Kind nicht in eine Krippe geben zu wollen, antizipieren vermutlich die hohen Kosten des Betreuungsangebots. Diese erschweren nach wie vor die Vereinbarkeit von Beruf und Familie für Frauen.

Mädchen beschränken sich – scheinbar freiwillig ­– selbst

Die Ergebnisse der Vorstudie des Kinderhilfswerks und der FHO geben Hinweise darauf, dass sich Mädchen mit zunehmendem Alter stark von traditionellen Rollenmustern beeinflussen lassen. Neben den klassischen Sozialisationsinstanzen wie Schule und Elternhaus sind es die Medien und die Spielzeugindustrie, die auf die Kinder einwirken. Casting-Shows und rosarote Prinzessinnen suggerieren dem weiblichen Geschlecht ein stereotypes Frauenbild. Auch die Frauenfiguren in der Werbung werden häufig mit Familie und Haushalt oder als Schönheit präsentiert. «Ich finde, dass die Medien nicht immer so sexy Frauen oder Models nehmen müssen, es reicht eine ganz normale Frau, die auf ihre eigene Art schön ist», findet die Schülerin Melanie. Solche Darstellungen schränken die Mädchen mehr oder weniger subtil in ihrer Entwicklung ein.

Gründe für die Übernahme traditioneller Rollenbilder

Das mit dem Alter zunehmend traditionelle Rollenverstädnis erklärt sich Gabriella Schmid, Leiterin des Instituts Gender & Diversity von der FHO wie folgt: «Gerade heutzutage, wo sich die Dinge schnell ändern, gibt es Sicherheit, traditionelle Wege einzuschlagen. Ausserdem braucht es Mut, wenn sich ein Mädchen beispielsweise für eine Lehrstelle als Mechanikerin entscheidet. Frauen müssen sich für solche Berufe oftmals vor Freunden und Angehörigen rechtfertigen». Es fehle ihnen an starken Vorbildern. Die Mehrheit der Jüngeren bewundert noch berühmte Sängerinnen und Schauspielerinnen. Jugendliche sehen Vorbilder häufig in der Familie: «Meine Grossmutter ist mein Vorbild. Sie hat 6 Kinder auf die Welt gebracht. Und sie hat so viele Nerven für diese Kinder», sagte Milena (9.Klasse) im Interview. Auch die Spielzeugindustrie beeinflusst die Mädchen massgeblich: In der Schweiz sei es derzeit fast unmöglich, geschlechtsneutrale Spielzeuge und Kleidungsstücke zu finden. Selbst Eltern, die sich bewusst für mehr Wahlfreiheit ihrer Kinder entscheiden, haben kaum eine Chance, den Klischees entgegenzuwirken.

«Wir waren schon einmal weiter»

Was ist nun das Neue an den Erkenntnissen? «Es muss nicht immer neu sein», findet Gabriella Schmid. «Aber ich habe das Gefühl, wir waren schon einmal weiter und sind nun wieder einen Schritt zurück». Problematisch an der Renaissance traditioneller Geschlechterrollen seien die nach wie vor schlechte Bezahlung der Frauenberufe sowie die geringen Aufstiegschancen. «Es ist schwer von diesen Gehältern zu leben und eine Familie durchzubringen. Besonders bei einer Scheidung geraten Frauen häufig in eine ökonomische Abhängigkeit», erklärt die Professorin. Damit Mädchen ihr Potenzial nachhaltig umsetzen können und in ihrer Persönlichkeit und ihrem Selbstbewusstsein gestärkt werden, fordert Plan Schweiz fünf konkrete Massnahmen.

Massnahmen für selbstbestimmte Geschlechterrollen

  • Bundeskampagne zur Förderung eines selbstsicheren und starken Frauenbildes: Plakate und Werbespots sollen landesweit regelmässig selbstbewusste Frauen im Alltag und in verschiedenen Lebensbereichen zeigen, in denen sie unterrepräsentiert sind.  Unter anderem sollen populäre weibliche Stars als Botschafterinnen einer «selbstbewussten Weiblichkeit» auftreten.
  • Flächendeckende Leadership-Programme in Schulen, Vereinen und Freizeiteinrichtungen: Von geschulten Mädchen lernen Gleichaltrige, auf sich selbst zu vertrauen, eigene Meinungen zu entwickeln und dazu zu stehen. Diese wiederum werden zu Vorbildern für Jüngere.
  • Finanzielle und praktische Ressourcen der Gemeinden für Projekte von und für Mädchen: Die Organisation und Durchführung eigener Projekte soll Mädchen ermutigen, sich später an wirtschaftlichen oder politischen Prozessen aktiv zu beteiligen.
  • Bundesgesetz gegen Sexismus: Es soll sich nach dem Antidiskriminierungsgesetz richten und ein Verbot von sexistischen Äusserungen in der Öffentlichkeit und sexistischer Werbung beinhalten.
  • Sensibilisierung der Spielzeugindustrie und des Handels für das Thema «Stereotype»: Sie sollen durch geschlechtsneutrale Kleidung und Spielzeuge mehr Wahlfreiheit fördern. Zudem müssen Händler und Eltern fachlich beraten werden.

Mehr Informationen zur Vorstudie: Mädchen in der Schweiz - Von der Überholspur zurück in den Boxenstopp?

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