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«Stereotype Männlichkeitsvorstellungen schaden Jungen»

Jungen zeigen schlechtere Schulleistungen als Mädchen. Elisabeth Grünewald-Huber, Professorin an der Pädagogischen Hochschule Bern, hat in ihren Untersuchungen herausgefunden, dass es unter anderem an den stereotypen Männlichkeitsvorstellungen liegt. Mit familienleben.ch sprach sie über die Ergebnisse ihrer Forschung.

Jungen sind in der Schule nicht so gut wie die Mädchen.

Wenn Jungen stereotype Männlichkeitsvorstellungen haben, kann das ihre Schulleistungen negativ beeinflussen. Foto: Wavebreak Media, Thinkstock

Als Gründe für die tieferen Schulleistungen der Jungen nennen Sie in Ihrer Studie «Faule Jungs - strebsame Mädchen?» beispielsweise, dass Buben sich nur schwer mit der Schule identifizieren können, dass sie sich so wenig wie möglich für die Schule anstrengen wollen und sie zu viel Computer spielen. Es scheint ja, als wären die Buben selbst schuld.

Nein, dieser Schluss sollte nicht gezogen werden, auch wenn unsere Projektdaten zu den genannten Ergebnissen geführt haben. Die ungünstigere Haltung der Jungen zur Schule und ihre geringere Motivation für schulisches Lernen sind weder biologisch begründet, noch durch die Jungen selbst verursacht, sondern gelernt. Solange prominente Männer und auch manche Väter sich damit brüsten, dass sie in der Schule viel Blödsinn getrieben und schlechte Noten kassiert haben, um dann beruflich trotzdem zu reüssieren, müssen wir uns nicht wundern, dass Jungen den Zusammenhang zwischen Lerneinsatz und Lernerfolg nicht begreifen. Dazu kommt, dass Jungen Schulerfolg vor allem als Ergebnis von Begabung ansehen, während Mädchen diesen dem eigenen Lerneinsatz zuschreiben.

Zur Studie «Faule Jungs - strebsame Mädchen»

Die Studie der Pädagogischen Hochschule Bern und der Universität Bern befragte 872 Schülerinnen und Schüler der achten Klassen aller Anspruchsniveaus im Kanton Bern. Es wurden zudem 16 Gruppendiskussionen geführt und Unterrichtsvideos von 16 Lektionen Deutsch bzw. Mathematik ausgewertet. Der Projektbericht zur Studie wurde im Juni 2011 veröffentlicht.

Die Ergebnisse

Die Noten der Jungen waren im Durchschnitt 0.2 Punkte tiefer als die der Mädchen. Warum die Buben tiefere Schulleistungen erbringen, liegt unter anderem an folgenden Punkten:

  • Bei Knaben ist Schulentfremdung stärker ausgeprägt. Sie identifizieren sich schwerer mit der Schule und dem Lernen.
  • Die Peergruppen der Jungen haben eine negativere Einstellung zur Schule.
  • Die Jungen haben traditionellere Geschlechtervorstellungen.
  • Die Buben zeigen häufiger deviantes Verhalten (prügeln sich, ärgern Lehrer).
  • Knaben sind weniger bereit sich für die Schule anzustrengen.
  • Die Freizeitaktivitäten von Jungen sind stark medienlastig.

Weitere Hintergründe zur Studie und zum Thema «faule Jungs» lesen Sie im Artikel «Warum Jungen so schlecht in der Schule sind»

Mehr über das Projekt «Faule Jungs - strebsame Mädchen» lesen Sie unter www.faulejungs.ch

Einige Experten behaupten, das Grundproblem liege an der Feminisierung der Bildung: Es gibt zu viele weibliche Lehrer. Weibliche Verhaltensmuster wie still sitzen oder fleissig sein werden gefördert. Sie forderten daher, dass man mehr männliche Lehrer einstellen, die Buben stärker fördern sowie ihre Stärken anerkennen müsste. Wie sehen Sie das?

Es gibt keinen Zusammenhang zwischen dem Geschlecht der Lehrpersonen und dem Schulerfolg der Jungen! Heutige Kinder müssen in der Schule weniger lang still sitzen als dies früher der Fall war. Weil sich die Pädagogik und Didaktik weiter entwickelt haben. So ist der Unterrichtsstil heute auch weniger autoritär als früher und es wird mehr diskutiert. In unserer Studie hat sich gezeigt, dass männliche Jugendliche dies sogar noch mehr schätzen als weibliche. Natürlich sollen die Stärken aller Kinder anerkannt werden, aber daneben soll auch an den jeweiligen Defiziten gearbeitet werden. Kinder sollen auch aus Fehlern und berechtigter Kritik lernen.

Trotzdem behaupten die Kritiker, dass man sich zu lange nur der Mädchenförderung gewidmet und die Jungen vernachlässigt hat. Würden Sie dem zustimmen?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt nicht ein Entweder-Oder. Die Mädchen hatten einen grossen Nachholbedarf, da sie lange gebremst wurden. Sie haben nun aufgeholt, während die Jungen deshalb nicht schlechter wurden. Es sind vor allem ausserschulische Faktoren wie stereotype Männlichkeitsvorstellungen, die den Jungen schaden.

Wie kommt das?

Das kommt vor allem daher, dass Männer bis etwa in die 60er Jahre gegenüber Frauen grosse Vorrechte hatten. In den letzten 50 Jahren haben sich die Rechte und Pflichten der Geschlechter mehr und mehr angeglichen. Männer, die in diesem sozialen Wandel für sich mehr Nachteile als Vorteile sehen, befürworten traditionelle Geschlechterrollen. Diese werden an die heranwachsenden Jungen weiter gegeben. Dabei wird leider übersehen, dass die letzten Jahrzehnte gerade auch Männern neue attraktive Optionen eröffnet haben!

In Ihrer Studie kommen Sie zu dem Schluss, dass vor allem Buben Schulfächer stärker als «männlich» oder «weiblich» wahrnehmen. Was hat das für Folgen?

Wie schon gesagt, führt das bei Jungen zu Desinteresse an angeblich «weiblichen» Fächern. Als Folge hat der Abstand der Jungen auf die Mädchen beim Pisa-Test im Lesen in den letzten Jahren noch zugenommen, während die Mädchen ihren Abstand in der Mathematik verringert haben. Das hat nichts mit Begabung zu tun, aber etwas mit der entsprechenden Fachdidaktik und viel mit der Einstellung der Lernenden diesen Fächern gegenüber. Und, nicht zufällig, hat es mit der Gleichstellung der Geschlechter zu tun: In Ländern mit weit fortgeschrittener Gleichstellung schneiden Mädchen in Mathematik gleich gut ab wie Jungen.

Was sollte sich Ihrer Meinung nach in der Schule ändern, damit auch Jungen wieder besser werden?

Aufgrund unserer Studie sehen wir den Handlungsbedarf mehr bei den Eltern und in der Gesellschaft als Ganzes. Sie sollten sich gut überlegen, welche Signale sie an die heranwachsenden Jungen aussenden. Ermöglichen sie ihnen, ihr ganzes Begabungspotenzial und neue, zeitgemässe Männlichkeitsvorstellungen zu entwickeln? Daneben gibt es auch an den Schulen Verbesserungspotenzial, sowohl was die Förderung der Buben wie der Mädchen angeht. Es braucht neue didaktische Ansätze in den erwähnten Fächern zugunsten des jeweils benachteiligten Geschlechts. Und auch die Lehrpersonen sollten sich regelmässig fragen, ob die Männlichkeit beziehungsweise Weiblichkeit, die sie selbst verkörpern und praktizieren, sich günstig auf ihre Schülerinnen und Schüler auswirkt.

Was müssten Eltern konkret verbessern?

Eltern sollen ihre Kinder interessiert, verständnisvoll und möglichst unvoreingenommen begleiten und mit ihnen im Gespräch sein. Auch sie sollen die Stärken ihrer Kinder wertschätzen und gleichzeitig deren Schwächen nicht aus dem Blick verlieren. Jungen brauchen deutliche Grenzsetzungen und klare Vereinbarungen im Alltag. Vor allem brauchen sie praktische Gelegenheiten, in denen sie ihre Fähigkeiten erproben und steigern können. Kontraproduktiv ist es, Jungen zu Opfern einer angeblich weiblichen Schule zu erklären.

Die wichtigsten Garanten für Schulerfolg

Elisabeth Grünewald-Huber erklärt, dass folgende Punkte die Schulleistungen verbessern können:

  • eine positive Einstellung zur Schule
  • ein breites Interesse und Neugier (was mit Geschlechterstereotypen unvereinbar ist)
  • ein solider Einsatz während der Schullektionen und bei den Hausaufgaben
  • eine abwechslungsreiche Freizeitgestaltung

 

 

Elisabeth Grünewald-Huber ist  Professorin an der Pädagogischen Hochschule Bern.

Elisabeth Grünewald-Huber ist Professorin am Institut Vorschulstufe und Primarstufe der Pädagogischen Hochschule Bern. Zusammen mit Prof. Dr. Andreas Hadjar und ihrem Team hat sie das Projekt «Faule Jungs und strebsame Mädchen? Zusammenhänge zwischen Geschlechterbildern und Leistungsunterschieden zwischen Schülern und Schülerinnen. Eine empirische Studie» durchgeführt.

Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Themenbereichen Genderthematik, geschlechterbezogene Pädagogik und Didaktik, Bildungsforschung und -entwicklung im Genderbereich.
 

Foto: privat