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Geschwister für immer: Besonderheiten von Geschwisterbeziehungen

Geschwister und deren Beziehungen zueinander können sehr unterschiedlich sein. Worin die Besonderheiten dieser einzigartigen Bindung bestehen, wie Eltern und Kinder das Geschwisterverhältnis beeinflussen können und wie sich die Geschwisterkonstellation darauf auswirken kann.

Geschwister für immer: Besonderheiten von Geschwisterbeziehungen

Erfahren Sie, wie Sie die Beziehung zwischen Ihren Kindern positive beeinflussen können. Foto: iStock, pojoslaw, Thinkstock

Erinnern Sie sich noch, als Ihr Bruder oder Ihre Schwester geboren wurde? Je nachdem, wie alt man als ältestes Kind bei der Einführung des neuen Familienmitgliedes war, erinnert man sich an die Gefühle, die man diesem kleinen Wesen entgegengebracht hat oder man hört es aus Erzählungen. So hat man vielleicht Krokodilstränen vergossen und darum gebettelt, auf den Schoss der Mutter sitzen zu können, eben dort, wo man bisher immer sein durfte und wo jetzt das neue Geschwisterchen liegt. Es ist eben nicht leicht, seinen Platz als Mittelpunkt der Familie an Geschwister abtreten zu müssen. Erst nach und nach lernen wir, die Besonderheit dieser einzigartigen Beziehung zu schätzen.

Geschwister: Das Besondere an der Beziehung

Geschwister sind sich nicht nur räumlich, sondern auch gefühlsmässig sehr nahe. Sie verfügen über eine besondere Verbundenheit zueinander. Diese Intimität ist mit keiner anderen sozialen Beziehung zu vergleichen. Geschwister fühlen sich einander oft verpflichtet und äusseren dies über ihr hilfsbereites, solidarisches und Anteil nehmendes Verhalten. Gleichzeitig kann dieses Verhältnis zwiegespalten sein: Zuneigung und Ablehnung, Liebe und Hass existieren in einer geschwisterlichen Beziehung oft nebeneinander. Ein bekanntes Zitat des Schriftstellers Kurt Tucholsky verdeutlicht dieses ambivalente Verhältnis: «Indianer sind entweder auf dem Kriegspfad oder rauchen die Friedenspfeife. Geschwister können beides.»

Zeitlich gesehen ist die geschwisterliche Beziehung oft die längste im Leben eines Menschen, denn während sich der Freundeskreis ändert und man sich von Partnern trennt, besteht die Beziehung zwischen Geschwistern ein Leben lang. Aber was muss passieren, um eine negative oder positive Beziehung zu seinen Geschwistern zu entwickeln und wodurch wird die Beziehung zwischen Geschwistern geformt und beeinflusst?

Wie Eltern das Geschwisterverhältnis beeinflussen können

Durch Forschungen konnte nachgewiesen werden, dass Eltern einen entscheidenden Beitrag dazu leisten, ob sich das Verhältnis zwischen Geschwistern positiv entwickelt. Die Beeinflussung der Geschwisterbeziehung beginnt schon, wenn das zweite Kind unterwegs ist. Hierbei gilt es, dem erstgeborenen Kind einfühlsam die baldige Ankunft seines Geschwisterchens beizubringen.

Dies gelingt, indem Sie...

  • das erstgeborene Kind an der Entwicklung des Babys teilhaben lassen. Zeigen Sie ihm Kinderbücher, die den Schwangerschaftsverlauf kindgerecht dokumentieren.
  • Ihrem Erstgeborenen Babyfotos von sich selbst zeigen, um ihm zu verdeutlichen, dass es dieselbe Zeit erlebt hat.
  • Ihrem ersten Kind (wenn möglich) den Kontakt zu einer Familie mit einem Neugeborenen ermöglichen. So erlebt es, dass Babys viel Zuwendung brauchen und kann sich mit der neuen Situation langsam vertraut machen.
  • nicht versprechen, dass Ihr Kind bald einen Spielpartner bekommt, denn Neugeborene können noch nicht spielen, weswegen die Enttäuschung beim älteren Kind umso grösser ausfällt.
  • das Babyzimmer zusammen mit Ihrem ersten Kind gestalten und einrichten.
  • Ihr Erstgeborenes fragen, ob und welches seiner Spielzeuge es dem Baby schenken will.

Weitere Infos finden Sie auf diesem Handout und hier.

 

Nach der Geburt des zweiten Kindes ist es Aufgabe der Eltern dafür Sorge zu tragen, dass die Bedürfnisse aller Kinder nicht zu kurz kommen. Das heisst, dass Eltern die Individualität jedes Kindes sehen und wertschätzen und auf Vergleiche zwischen den Geschwistern verzichten sollten. Denn wenn eines der Kinder eine vorbildhafte Darstellung erfährt, fühlen sich die Geschwisterkinder abgewertet, was wiederum das Geschwisterverhältnis negativ prägt: Es fördert Neid und lässt Aggressionen und Missgunst entstehen.

Es ist vorbildlich, wenn Sie als Eltern allen Kindern dieselbe Behandlung zukommen lassen wollen. «Dennoch zeigt der Alltag, dass es Unterschiede gibt und die sollte man sich auch eingestehen», sagt Jugendpsychologin Elke Huber* zum Vortrag «Geschwister – ein Bund fürs Leben».

Wichtig sei auch das Verhalten der Eltern. «Ist das Verhalten der Eltern eher geprägt durch Wettbewerb, gegenseitiges Ausstechen oder Abwerten, darf es nicht verwundern, wenn Geschwisterkinder genau dieses Verhalten an den Tag legen», erklärt die Psychologin weiter. Eltern stellen laut Huber eine Orientierung für Kinder dar, sie zeigen ihnen, welche Verhaltensweisen bei bestimmten Gefühlen, wie beispielsweise Wut, erlaubt sind und wo die Grenzen im Umgang miteinander liegen. Gleichsam ist es wichtig, wenn Eltern ihren Kindern Freiraum im Umgang miteinander geben. Sie sollen sich ruhig streiten können, um so zu lernen, wie man Konflikte untereinander selbst lösen kann.

* Elke Huber ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und SOS-Beratungsstellenmitarbeiterin für Kinder, Jugendliche und Eltern

Wie Geschwister das Verhältnis zueinander beeinflussen

Die zweieinhalbjährige Lina spielt im Sandkasten, während ihre fast zwei Jahre ältere Schwester auf die Rutsche klettert und lachend runtersaust. Lina sieht wie viel Spass ihre ältere Schwester hat und will das Rutschen auch ausprobieren. Denn Geschwister bieten ein Lernfeld für die unterschiedlichsten Lebens- und Persönlichkeitsbereiche, erklärt Huber. Sie verweist auch darauf, dass mit Hilfe von Geschwistern soziale Kontakte leichter geübt werden können: Geschwister lernen untereinander zu teilen, mit unangenehmen Gefühlen (Wut, Trauer, Eifersucht, Hass) umzugehen, Konflikte auszutragen und Kompromisse zu schliessen. Auch die Entwicklung des Selbstwertgefühls und der Persönlichkeit wird durch Geschwister sehr stark beeinflusst. Streitereien und Geschwisterrivalität fördern die Persönlichkeitsentwicklung und den emotionalen Wachstumsprozess des Kindes, bestätigt auch Mag. Christina Schirl-Russegger, Leiterin der Beratungsstelle des Linzer Kinderhilfswerks in der gleichnamigen Vereinszeitung im April 2006.

Da Geschwister die meiste Zeit miteinander verbringen, können sie einander prägen. Der Erfahrungsaustausch zwischen Geschwistern findet auf körperlicher und emotionaler Ebene statt. «Geschwister verständigen sich auf ihre eigene Sprache, die zuerst nonverbal, über Mimik, Gestik, Augenkontakt, kurz über die Körpersprache führt und nach und nach in eine gemeinsame Sprache übergeht, die eine Art Geheimsprache, nur für Geschwister verständlich, ist», schreibt die Psychologin Susanne Stähli-Radelfinger in ihrer Arbeit «Einfluss der Geschwisterkonstellation auf die individuelle Persönlichkeitsentwicklung» (1998). Oft lernt das nachfolgende Geschwisterkind mehr von seinem älteren Bruder oder seiner älteren Schwester, als von den Eltern. Sie lernen zum Beispiel durch Beobachtung und Nachahmung. Das kann Vorteile mit sich bringen: Die jüngeren können von den älteren Geschwistern dazu animiert werden, Neues und Unbekanntes auszuprobieren wie etwa Rutschen, Schreiben lernen und vieles mehr.

Geschwister für immer: Besonderheiten von Geschwisterbeziehungen

Die Geschwisterkonstellation wirkt sich auch auf die Persönlichkeitsbildung aus. Foto: iStock, monkeybusinessimages, Thinkstock

Auch zur Persönlichkeitsentwicklung ist die Geschwisterbeziehung von Nutzen, wie Inés Brock, Erziehungswissenschaftlerin, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin und systemische Familientherapeutin in ihrem Artikel «Die Bereicherung familiärer Erziehung durch Geschwister» schreibt. Um sich von den älteren Geschwistern abzugrenzen, bilden die jüngeren eine eigene Identität. Diese forme sich nach Brock durch die gleichzeitige Abgrenzung und Identifikation mit Geschwistern. Denn durch die Herausbildung besonderer Fähigkeiten erhielten alle Kinder die Möglichkeit, das rivalisierende Verhalten um die Wertschätzung und Aufmerksamkeit der Eltern weitestgehend zu vermeiden, so Brock weiter.

Geschwisterkonstellationen und ihre Auswirkungen

Nicht alle Geschwister verstehen sich gleich gut oder schlecht. Je nachdem wie viele Geschwister es sind, welches Geschlecht sie haben und wie gross der Altersunterschied zu einander ist, unterscheidet sich das geschwisterliche Verhältnis.

Geschwisterkonstellation und Rollenverteilung

  • Das älteste Kind, egal ob Mädchen oder Junge, übernimmt häufig die Funktion eines Betreuers, beispielsweise bei der Pflege des neuen Geschwisterchens oder der Unterhaltung durch Spiele. Mädchen fügen sich durch die Identifikation mit der Mutterrolle mit mehr Freude in diese Rolle als Jungen.
  • Das älteste Kind wird in der Regel strenger erzogen, öfter ermahnt und bestraft als nachfolgende Kinder. Der oder die Älteste ebnet den Geschwistern oft den Weg, so dass diese es später in vielerlei Hinsicht leichter als ihre älteren Geschwister (Schlafenszeiten, Ausgehzeiten, etc.) haben.
  • In der Konstellation grosser Bruder/kleine Schwester fungiert der Bruder oft als Beschützer und Vorbild. Die Konstellation grosse Schwester/kleiner Bruder führt der Schwester die Rolle der Ersatzmutter zu. Bei ihr findet man Trost und Schutz.
  • Das jüngste Kind, egal ob Mädchen oder Junge, wird in die bestehende Rollenverteilung hineingeboren. Oft entwickelt es sich zum «hilflosen Netzhäkchen» mit einem manipulierenden Charme, der die Eltern immer auf seine Seite zieht. Nicht selten kommt den Jüngsten in einer Familie die Rolle des Rebellen zu, da sie sich irgendwann gegen die Anweisungen älterer Geschwister auflehnen.

Mehr zu den Geschwisterkonstellationen finden Sie hier.

Geschwisterbeziehung nach Walter Toman mit Ergänzungen

Im Bezug auf den Altersunterschied stellt der österreichische Psychologe Walter Toman (1920-2003) eine Regel auf: Demnach führe ein geringer Altersunterschied zu einer stärkeren Geschwisterbindung als bei Geschwistern, die durch einen grösseren Altersunterschied getrennt sind. Gleichzeitig ist der Konkurrenzkampf bei einem geringeren Altersunterschied aber stärker ausgeprägt.
 

Altersunterschied Beziehung Tipp/Info
1-2 Jahre Das ältere Kind empfindet eine grössere Konkurrenz im Bezug auf die elterlichen Zärtlichkeitsbekundungen, Aufmerksamkeiten, Anteilnahme und Hilfeleistungen. Ergänzung: Die Geschwister (v. a. gleichgeschlechtliche) neigen zu Vergleichen, weil sie sich sehr ähnlich sind und mehr miteinander zu tun haben. Es empfiehlt sich, Geschwistern mit geringem Altersunterschied ähnlich zu behandeln, z. B. durch kleine Aufmerksamkeiten am Geburtstag des Geschwisterkindes, um Neid zu vermeiden.
3-4 Jahre Das ältere Kind empfindet eine Beeinträchtigung in seiner Machtausübung und Kontrolle über die Eltern, merkt aber, dass ihm für Dienste, die es dem jüngeren Geschwisterchen leistet, Gegenleistungen von den Eltern bekommt. Ergänzung: Nennenswerte Konflikte sind bei diesem Altersunterschied eher selten. Oft ist ein harmonisches Verhältnis zu beobachten. Klare Besitzverhältnisse sind von Vorteil: Ältere Kinder sollten nicht gezwungen werden, etwas mit ihren jüngeren Geschwistern zu teilen.
4-5 Jahre Das ältere Kind lernt sich die Paarbildung (z. B. Eltern vs. Kinder, Mädchen vs. Jungen) zunutze zu machen. Bilden Geschwister eine Einheit, stärkt das ihre Persönlichkeit und das Verhältnis zueinander.
6 und mehr Jahre Bei nur zwei Kindern entsteht so keine volle Geschwisterbeziehung, weil das Jüngere zu klein ist, um mit dem Älteren in Konflikt zu geraten (=Quasi-Einzelkinder). Keine starke Konkurrenz mehr. Ergänzung: Das älteste Kind fungiert als Elternersatz. Ein solch grosser Altersunterunterschied kann entlastend für Eltern sein, da das älteste Kind viel Verantwortung in puncto Geschwisterbetreuung übernehmen kann. Zwingen Sie Ihr ältestes Kind aber nicht dazu.