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Psychische Gewalt: So gelingt Erziehung ohne Anschreien

Gewaltfrei erziehen: Das tönt gut. Dass dazu auch eine Erziehung ohne psychische Gewalt gehört, also ohne Anschreien und ohne Zurückweisen, ist vielen nicht bewusst. Wie eine Erziehung ohne seelische Gewalt gelingen kann, erklärt Daniel Barth, Kinder- und Jugendpsychiater, im Interview.

Zur psychischen Gewalt gehört das Anschreien.

Es geht auch ohne Anschreien. Denn eine Erziehung mit psychischer Gewalt kann fatale Folgen für Kinder haben. Foto: Mukhina1, iStock, Getty Images Plus

Kinder bringen ihre Eltern immer wieder an Grenzen. Ist es nicht verständlich, dass Eltern wütend und auch mal laut werden?

Daniel Barth: Das ist absolut verständlich. Aber es hilft nicht weiter und schadet letztendlich den Kindern.

Warum?

Chronische Herabsetzungen, Demütigungen oder drakonische Strafen schädigen das Selbstwertgefühl des Kindes. Das Kind wird in seinen Entwicklungsschritten nicht unterstützt.

Herabsetzungen oder Demütigungen sind Formen psychischer Gewalt. Warum empfinden sie viele als harmlos?

Es wird nicht unmittelbar ersichtlich, welcher Schaden angerichtet wird. Psychische Gewalt kann aber genauso viel Schaden anrichten wie körperliche Gewalt, wenn nicht sogar mehr. Das Kind fühlt sich abgewertet, unverstanden und ungeliebt. Es entwickelt Wut oder Resignation. Kinder können depressiv werden oder gar selbstmordgefährdet. Andere wiederum übernehmen das Muster der Erwachsenen und reagieren mit aggressivem Verhalten.

Was versteht man ausserdem unter psychischer Gewalt?

Die Botschaft wertlos zu sein richtet den Hauptschaden an. Psychische Gewalt kann in mannigfaltigen Formen auftreten. Dauerkritik, Fertigmachen, Anschreien, Zurückweisen, Liebesentzug und Ignorieren gehören dazu. Auch dem Kind eine falsche Rolle auferlegen fällt darunter. Im Rahmen von Scheidungskonflikten, wenn ein Elternteil versucht, das Kind auf seine Seite zu bringen, kommt das häufig vor. Unangemessene Forderungen an das Kind sind eine weitere mögliche Form psychischer Gewalt.

Haben Sie ein Beispiel dafür?

Viele Eltern gehen bei ihren Forderungen von Normvorstellungen und weniger vom individuellen Entwicklungsstand des Kindes aus. Wenn Eltern einen Zweijährigen - obwohl er noch viel zu jung ist für diesen Schritt - zwingen, alles mit den andern zu teilen und ihn mit Vorwürfen überhäufen, wenn ihm das nicht gelingt, wird er voraussichtlich noch nach Jahren in diesem Bereich Schwierigkeiten haben.

Aber jedes Kind braucht doch ein wenig Führung.

Die Frage ist, in welchem Alter es wie viel Führung braucht. Ein Säugling ist ganz auf die Aufmerksamkeit und Lenkung durch seine Eltern angewiesen. Im Verlauf seiner Entwicklung geht es aber darum, dem Kind immer mehr Autonomie zu übergeben. Die Kunst des Erziehens besteht zu einem guten Stück darin, der fortschreitenden Kompetenzentwicklung des Kindes Rechnung zu tragen und die sich öffnenden Entwicklungsfenster zu erkennen.

Was heisst das im Alltag?

Eltern müssen immer wieder überprüfen: Ist das, was ich erwarte, angemessen? Braucht es die Kontrolle noch, die ich ausübe, oder reift mein Kind besser, wenn ich ihm die Möglichkeit gebe zu experimentieren und aus Misserfolgen zu lernen? Wenn Eltern unsicher sind darüber, können sie ihre Kinder einbeziehen und Abmachungen aushandeln. Wenn Eltern einen partnerschaftlich und demokratisch orientierten Erziehungsstil pflegen, erfahren ihre Kinder viel Wertschätzung.

Sie hatten das Beispiel des zweijährigen Kindes angesprochen, dessen Eltern gerne möchten, dass es Dinge mit anderen teilt. Was bedeutet in diesem Fall, Entwicklungsfenster zu erkennen?

Es bringt nicht viel, wenn Eltern diesen Entwicklungsschritt verlangen, solange das Signal dafür von Seiten des Kindes nicht da ist. Kinder entwickeln viele Fähigkeiten ohne unser Zutun oder sogar trotz unseres ungeeigneten Vorgehens. In einem Forschungsprojekt hat man untersucht, wie Kinder am besten windelfrei werden. Eine Gruppe Eltern sollte das Trockenwerden mit dem Kind trainieren, die andere sollte gar nichts unternehmen. Die Unterschiede waren gering. Kinder, deren Eltern nichts unternommen hatten, wurden tendenziell etwas früher trocken. Oftmals überschätzen wir als Eltern schlicht unseren gezielten Einfluss auf die Entwicklung bestimmter Fähigkeiten des Kindes.

Eltern sollten auch bei Kindern in der Trotzphase nicht zu psychischer Gewalt greifen.

Die Trotzphase ist ein wichtiger Entwicklungsschritt. Psychsiche Gewalt hilft nicht weiter. Foto: iStockphoto, Thinkstock

Ich habe zwei Fallbeispiele mitgebracht: Ein Kleinkind bekommt im Supermarkt einen Tobsuchtanfall, wirft sich auf den Boden und schreit unermüdlich. Die Mutter wird wütend und schreit: «Jetzt ist aber mal Schluss! Du gehst mir auf die Nerven.» Würden Sie in diesem Fall von psychischer Gewalt sprechen?

Daniel Barth: Es kommt aufs Ausmass an. Heftiges Anschreien trägt ja sowohl Züge physischer wie psychischer Gewalt. Kinder sind in diesem Zustand aber nicht erreichbar. Weder durch Strenge, noch durch Liebe, weder laut, noch leise.

Wie sollten Eltern in solchen Konfliktsituationen reagieren?

Jedes Kind ist wieder anders. Es kann helfen, das Kind auf den Arm zu nehmen, raus zu gehen und zu warten, bis es sich beruhigt hat. Eltern kommen nicht darum herum das Schreien und die Blicke der anderen einen Moment auszuhalten. Das geht leichter, wenn sie wissen, dass die Trotzphase eigentlich einen Entwicklungsschritt anzeigt, der erfreulich ist. Wenn Kleinkinder trotzen, haben sie frisch entdeckt, dass sie Dinge selbst bestimmen können. Aber sie halten es noch sehr schlecht aus, wenn das nicht jederzeit gelingt. Geduldige Eltern können darauf vertrauen, dass der Schritt dem Kind nach und nach von alleine gelingt.

Dann habe ich noch ein anderes Beispiel: Der Sohn wünscht sich eine Spielzeugpistole. Die Eltern finden das nicht gut, sagen ihm auch warum. Er lässt aber nicht locker und spricht das Thema immer wieder an. Die Eltern ignorieren ihn daraufhin.

Auch hier überschätzen Eltern meist ihren direkten Einfluss und befürchten, Aggressivität oder sogar Kriegslust im Kind zu fördern. Wenn sie auf den Wunsch überhaupt nicht eingehen, besteht ein gewisses, aber wohl nicht allzu grosses Risiko, dass der Wunsch eine überdimensionierte Bedeutung erlangt und somit das Gegenteil der beabsichtigten Entwicklung erreicht wird. Wesentlich für die Entwicklung ist aber weniger die Frage, ob es nun die Pistole haben darf oder nicht, als vielmehr das Modell der Eltern, was den Umgang mit Waffen und Aggressivität anbelangt.

Was sollten sich Eltern in schwierigen Situationen bewusst sein?

In der konkreten Situation ist es oft schwierig, optimal zu reagieren. Eine Erziehung ohne Fehler kann nicht gelingen. Wenn immer wieder kritische Situationen auftreten, empfiehlt es sich, in einem ruhigen Moment mit dem Partner darüber zu sprechen, sich von aussen Rat zu holen, mit Freunden darüber zu reden. Oder je nach Alter auch mit dem Kind selbst. Zum Beispiel mittels der Frage: «Hast du eine Idee, wie wir diese Situationen, in die wir immer wieder geraten, ändern könnten?» Meistens richten wir uns ja bei unseren spontanen erzieherischen Bemühungen nach dem, was wir in der eigenen Kindheit erlebt haben. Das ist aber nicht immer der geeignete Weg. Es ist für Eltern eine grosse Herausforderung allmählich einen stimmigen eigenen Erziehungsstil zu entwickeln.

Eltern sollten sich der eigenen Erziehung bewusst werden.

Eltern sollten sich zusammensetzen und sich über ihre eigene Erziehung austauschen und überlegen, wie sie ihre Kinder erziehen wollen. Nicht selten sind beide der Überzeugung, nur sie - und nicht der Partner - wüssten genau was richtig ist. Aber ohne kreativen Austausch wird es schwierig, gemeinsam Kinder zu erziehen.

Zur Person

Daniel Barth war rund 25 Jahre lang Chefarzt der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Solothurn. Er ist in seinem Arbeitsalltag immer wieder Kindern mit Gewalterfahrung begegnet und hat festgestellt, dass sich die Erwachsenen oft gar nicht Rechenschaft darüber geben, wenn sie zu Mitteln psychischer Gewalt greifen. Sowohl Fachleute wie auch Eltern und Lehrpersonen müssen aus seiner Sicht vermehrt für die Thematik sensibilisiert werden.

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