Nägel knabbern und Nase bohren: Was tun gegen Ticks?

Die einen knabbern an den Nägel oder bohren in der Nase, andere schnullern noch als Vorschulkind oder lutschen am Daumen. Angesichts der lästigen Ticks ihrer Kinder sind Eltern besorgt. Doch mit Hilfe verschiedener Tricks verschwinden die meisten Marotten von alleine.

Nägel knabbern und Nase bohren: Was tun gegen Ticks

Manche Kinder bohren aus Langeweile in der Nase, oder weils ihnen verboten wird. Foto: iStock, Mark Fairey, Thinkstock

Schon wieder knabbert das Kind an den Nägeln, bohrt in der Nase, hat den Schnuller oder den Daumen im Mund! Ein Bild, das Eltern nicht gerne sehen, denn oft vermuten sie eine psychische Ursache hinter der lästigen Angewohnheit ihres Kindes. Jedes Mal, wenn das Kind wieder seine Marotte zeigt, beginnen sie zu grübeln: Worunter leidet es? Bekommt es zu wenig Aufmerksamkeit? Wird es von Konflikten geplagt?

Experten raten zur Gelassenheit

Experten lassen Eltern aufatmen: Sie raten zur Gelassenheit angesichts der lästigen Ticks des Kindes. «Nägelkauen ruft bei den Eltern meistens einen grösseren Leidensdruck hervor als bei den Kindern», sagte die Psychologin Antje Hunger in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ). «Man sollte nicht sofort mit Kanonen auf Spatzen schiessen, bei den meisten Kindern ist es nur eine harmlose Angewohnheit.»

Tatsächlich können Stress und Ängste einer Marotte zu Grunde liegen, doch meistens sind sie leichterer Natur als Eltern fürchten. Auslöser seien «diffuse Spannungszustände, kleine Ängste, die sich so durch den Tag ziehen», sagt Jürgen Hoyer, Professor für Psychologie an der Technischen Universität Dresden im FAZ-Interview. Nägelkauen sei ähnlich wie Fusswippen eine evolutionär tief verankerte Möglichkeit, um sich zu beruhigen, um Spannung abzubauen und sie auf etwas zu lenken, das vertraut und harmlos ist. Auch das Saugen am Daumen oder Nuggi wirkt entspannend. «Ist Ihnen schon einmal aufgefallen sein, dass ein Baby schneller nuckelt, wenn es aufgeregt ist? Durch das Nuckeln baut es überschüssige Energien ab und beruhigt sich wieder», erklärt Paul Suer, Autor verschiedener Erziehungsratgeber.

Nägel knabbern

Sicher, abgeknabberte Nägel sind unappetitlich und Eltern oft peinlich. Doch gesundheitliche Gefahren gehen mit dem Nägelknabbern nicht einher. Kinder, die ständig an den Nägeln kauen, riskieren allenfalls eine schmerzhafte Entzündung des Nagelbettes.

Bitterextrakt auf die Nägel zu pinseln, ist oft keine Lösung. Meist ist das Nägelknabbern bereits so automatisiert, dass sich das Kind auch vom bitteren Geschmack nicht von seiner Marotte abhalten lässt. Effizienter ist es, locker zu bleiben, den Alltag zu entschleunigen, dem Kind Anreize geben, weniger zu kauen und seine Nägel gut zu pflegen.

In der Nase bohren

Völlig versunken stehen Kinder oft da – mit dem Finger in der Nase. Gesundheitliche Gefahren sind mit dieser Angewohnheit meist nicht verbunden. «Steckt der Finger aber ständig in der Nase, können kleine Blutgefäße der Nasenschleimhaut verletzt werden, so dass es zu Nasenbluten kommt», warnt Dr. Michael E. Deeg, Sprecher des Deutschen Berufsverbandes der Hals-Nasen-Ohrenärzte. Zum Glück verliert sich dieser Tick in der Regel ganz von selbst.

Schnullern und Daumen lutschen

Nuggi und Daumen helfen den Kleinen über manche Widrigkeit des Lebens hinweg. Wie beruhigend das Saugen ist! Sinnvoll ist es, mit der Nuckel-Leidenschaft des Kindes feinfühlig umzugehen, obwohl es dem Kiefer schaden kann. «Nuggis oder Daumen haben, über einen längeren Zeitraum verwendet, Einfluss auf die Zahnstellung. Sie beeinflussen, ähnlich wie kieferorthopädische Apparaturen, die Entwicklung des Kieferknochens», warnt Dr. Christoph Weber aus Schindellegi im Kanton Schwyz. Beim Daumenlutschen oder Benutzen von Nuggis bis über das fünfte Lebensalter hinaus werde das Wachstum des Kiefers gehemmt. «Dellen im Knochen und eine Lücke zwischen Oberkiefer- und Unterkieferzähnen sind die häufigsten Folgen.»

Gut, wenn Eltern dennoch positiv bleiben und weder Daumen noch Nuggi schlecht machen – die Freunde des Kindes. Mit dem Kind zusammen lassen sich Ziele aufstellen, die zur Abgewöhnung führen. «Sag mir, wann du bereit bist, deinen Nuggi abzugeben. Dann geben wir der Zahnfee Bescheid, sie holt nachts alle Nuggis ab und tauscht sie ein gegen ein schönes Geschenk», mit einem solchen Angebot haben viele Eltern sehr gute Erfahrungen gemacht.

Dem Kind das Daumenlutschen abzugewöhnen, ist schwieriger – schliesslich hat das Kind seinen Daumen immer dabei. «Gehen Sie auf jeden Fall behutsam mit Ihrem Kind um. Ein Kind, das an seinem Daumen lutscht, will Sie nicht ärgern», so Paul Suer. «Möglicherweise befindet es sich in einem scheusslichen Teufelskreis: Je mehr Sie sich über das Daumenlutschen aufregen, umso mehr sucht das Kind nach Entspannung.»

Spricht das Kind mit dem Daumen im Mund? «Nimm bitte den Daumen heraus, sonst kann ich dich nicht verstehen», ist ein gerechtfertigter Einwand. In einem Nuckelkalender kann jeder Tag ohne Daumenlutschen mit einem Smiley markiert werden. Sinnvoll kann es auch sein, das Kind auf den Nuggi umzugewöhnen – von ihm kann sich das Kind zu einem späteren Zeitpunkt leichter lösen.

Lästige Ticks nicht verbieten

Je mehr über eine lästige Angewohnheit gesprochen wird, desto grössere Bedeutung und Gewicht gewinnt sie. Schön, wenn Eltern ihr Kind nicht ständig zurechtweisen, sondern für mehr Ruhe im Alltag sorgen und für schwelende Konflikte Lösungen suchen. Verbote helfen ohnehin genauso wenig wie Schimpfen und Vorwürfe. Besser ist es, dem Kind kurz zu erklären, warum es sich die lästige Angewohnheit abgewöhnen sollte. Kleine Zwischenziele wie den Nagel einen Millimeter zu wachsen lassen oder den Nuggi nur abends zu nutzen, können dann fröhlich gefeiert werden.

Die meisten lästigen Angewohnheiten verflüchtigen sich von selbst, vor allem dann, wenn Eltern wenig Aufheben von ihnen machen. Ob Nägelkauen oder Daumenlutschen – «erst einmal abwarten», raten die Experten.

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