«Man tut hier immer so, als hätten Mütter noch nie gearbeitet»

Sie widmen Ihren Blog «Müttern, die Frau geblieben sind». Glauben Sie, dass Mütter in den Medien und der öffentlichen Wahrnehmung gar nicht mehr als Frauen wahrgenommen werden?

Der Fernseher als Babysitter:Typisch Rabenmutter?

«Rabenmutter» Nathalie Sassine-Hauptmann widmete ein Kapitel ihres Buches der Danksagung an den Fernseher. Illustration: © Kati Rickenbach - Walde+Graf Verlag

Ich denke, dass es sich gerade wieder bessert. Als ich vor sieben Jahren Mutter wurde, hatte ich das Gefühl, jetzt bin ich also nur noch Mutter. Von der Werbung und den Medien, wurde ich nur mit Mutter- und Babythemen eingelullt. In keinem dieser Familienmagazine war auch mal ein politisches oder wirtschaftliches Thema drin. Aber selbst nimmt man sich auch so wahr. Ganz oft interessiert einen als Mutter auch gar kein anderes Thema, zumindest am Anfang. Bei mir war das so. Gleich nach der Geburt wieder Arbeiten zu gehen war bei mir überhaupt keine Option. Ich hätte das nicht gekonnt. Mein Gehirn war völlig babylastig. Aber ich glaub schon, mit dem ersten Kind wirst du fast nur noch als Muttertier wahrgenommen. Das Schlimmste ist natürlich, wenn dich der eigene Mann nur noch als Mutter sieht.

Sie haben als berufstätige Mutter durchwachsene Erfahrungen gemacht und sich in Selbstständigkeit verabschiedet. Zum einen beklagen Sie mangelndes Verständnis für den straffen Zeitplan berufstätiger Mütter, zum anderen wollen Sie im Beruf auch nicht ständig auf Ihre Mutterrolle reduziert werden. Gibt es eigentlich einen Platz für berufstätige Mütter in der Schweiz?

Fangfrage! Natürlich gibt es einen Platz für Mütter in der Arbeitswelt. Ich glaube auch nicht, dass die Männer das Problem sind. Es kommt vielleicht auf die eigene Einstellung an. Ich habe damals ein latent schlechtes Gewissen mit mir herum getragen, als ich wieder arbeiten gegangen bin. Und wenn mich dann jemand fragte, was ich eigentlich mit meinen Kindern mache, während ich im Büro sitze, bin ich gleich in die Luft gegangen. Wenn man das schlechte Gewissen aber nicht hat - das ich jetzt übrigens auch überhaupt nicht mehr habe, dann geht das wunderbar. Offen bleibt die Frage der Akzeptanz für Mütter in Kaderstellen. Wobei das auch ein Wahrnehmungsproblem ist. Man spricht ständig davon, dass Frauen in den Führungspositionen unterrepräsentiert sind. Dabei wollen 80 Prozent aller Frauen gar keine Führungsposition. Sie haben aber trotzdem Probleme im Job, weil sie eben immer pünktlich um halb sechs gehen müssen, um ihr Kind von der Krippe abzuholen. Von denen spricht jedoch niemand. Es wird aber wahrscheinlich noch eine Weile dauern, bis berufstätige Mütter so akzeptiert sind wie beispielsweise in Frankreich. Das gehört dort ganz selbstverständlich zum gesellschaftlichen Leben dazu. In der Schweiz befinden wir uns dagegen noch im Mittelalter. Man tut hier immer so, als hätten Mütter noch nie gearbeitet. Dabei ist es noch gar nicht lange her, da war das völlig normal.

Ist die Vorstellung der Frau, die sich um Kinder und Heim kümmert ein Phänomen der Wohlstandsgesellschaft?

Auf jeden Fall. Man redet ja immer nur über Karrieremütter, die sich selbstverwirklichen wollen, aber keiner redet über die, die arbeiten müssen. Dabei gibt es sehr viele Mütter, die einfach keine Wahl haben. Denen wirft man dann auch noch vor, wieso sie überhaupt Kinder haben, wenn sie sich nicht um sie kümmern können. Ich glaube schon, dass es uns in der Schweiz in ganz vielen Dingen viel zu gut geht. Deshalb haben wir den Luxus über bestimmte Dinge diskutieren zu können, anstatt einfach zu funktionieren.

Sie sagen Sie möchten keine Ratgeberin sein. Wenn sie aber einen Ratschlag an Frauen und Mütter formulieren müssten, wie würde der lauten?

Locker bleiben! Versuch erst gar nicht perfekt zu sein, denn das kann keine Ambition sein. Vielmehr geht es darum herauszufinden, was für die ganze Familie passt. Stillen oder nicht, Fernseher immer aus, Süsses fürs Znüni, ob die Mutter arbeiten geht, der Vater arbeiten geht oder eben beide, dass alles sollte keine Rolle spielen Das wichtigste ist, dass die Familie für sich einen Weg findet, der alle glücklich macht.

Zur Person Nathalie Sassine:

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Foto: © Jean-Luc Grossmann - Walde+Graf Verlag

Nathalie Sassine-Hauptmann ist als freie Journalistin unter anderem für das Familienmagazin wir eltern und das Frauen-Onlinemagazin clack.ch tätig. Sie lebt mit ihrer Familie in der Nähe von Zürich. Auf ihrem Blog rabenmutter.ch berichtet sie aus subjektiver Sicht von den Höhen und Tiefen des Mutterwerdens und Mutterseins. Dabei blickt sie auch über den eigenen Tellerrand hinaus und beleuchtet die Sorgen moderner Frauen im Kontext von Politik und Gesellschaft. Im Mai 2011 erschien ihr erstes Buch «Rabenmutter. Die ganze Wahrheit über das Mutterwerden und Muttersein».

Buchtipp: «Rabenmutter»

von Nathalie Sassine-Hauptmann, illustriert von Kati Rickenbach

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Furchtbar witzig, manchmal fast gemein und immer frei von der Leber weg erzählt «Rabenmutter» Nathalie Sassine-Hauptmann vom turbulenten Alltag des Mutterwerdens und Mutterseins. Und ganz allein ist sie dabei auch nicht: Manchmalmacho mit Vaterherz, vollblutitalienische Nonna, Arschlochmutter und babyfreie Singlefreundin wirbeln im Buch kräftig Erzählstaub auf. Und für Rabenmütter nicht zu vergessen, einen prima Sohn, der später mal Polizischt werden will und eine süsse Tochter, die sich so lange im Kreis dreht bis ihr schwindelig wird.

Ein tolles und kurzweiliges Buch, um ein manchmal etwas zu ernst gewordenes Thema vom Kopf wieder auf die Füsse zu stellen. Man könnte auch sagen, kein Ratgeber aber ein guter Rat für den nächsten Bücherkauf. 176 Seiten, Walde + Graf Verlag 2011, ca. 32 Franken

Was glauben Sie, bräuchten manche Mütter mehr Gelassenheit? Diskutieren Sie mit uns im Forum oder schreiben Sie einen Kommentar.

Interview: Nathalie Türk im Dezember 2011

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