Jesper Juul: «Kinder und Jugendliche brauchen kaum Regeln»

Im Interview erklärt Jesper Juul, Familientherapeut und gebürtiger Däne, warum Regeln eine sehr primitive Art der Führung sind, wie Eltern vermeiden, dass ihr Kind sturzbetrunken in der Bushaltestelle liegt und warum Kinder insgeheim nach Lernen gieren.

Jugendliche brauchen in der Erziehung kaum Regeln, findet Jesper Juul.

Viele Eltern sind unsicher, welche Art der Erziehung richtig ist. Foto: ©iStockphoto.com/James Pauls

Herr Juul, in Ihrem Unternehmen «familylab» machen Sie Familien bereit für die Zukunft. Wie wird denn die Familie der Zukunft aussehen?

Jesper Juul: Davon habe ich keine Ahnung. Klar ist jedoch, es muss sich eine komplett neue Beziehung zwischen Mann und Frau, Eltern und Kind entwickeln.

Was ist denn an den jetzigen Beziehungen so falsch, dass sie sich verändern müssen?

Nichts. Beziehung und Erziehung befinden sich lediglich in einem frühen Stadium. Wir alle experimentieren in der Erziehung momentan und versuchen, das Beste zu geben. So muss es weiter gehen, es gibt ja heute kein generelles Erziehungskonzept mehr wie früher. Stattdessen gibt es Prinzipien, Wertvorstellungen und ein Verhalten, das gesünder und besser für alle Beteiligten ist.

Erziehungsratgeber wie Sie haben Hochkonjunktur. Warum suchen Eltern Hilfe bei Experten? Sind sie überfordert?

Ich weiss nicht, ob die Eltern überfordert sind. Aber die meisten sind unsicher. Sie wissen nicht genau, wie sie sich im Umgang mit ihren Kindern verhalten sollen. Sie suchen Informationen und den Dialog. Da kommen wir sogenannten Experten ins Spiel.

Seit es Menschen gibt, erziehen sie ihren Nachwuchs. Warum sind Eltern dann überhaupt noch unsicher?

Im letzten Jahrhundert waren wir noch daran gewöhnt, dass es in der Gesellschaft einen sehr starken moralischen Konsens gibt: So macht man etwas, und so macht man es nicht. Diese Einigkeit gibt es aber nicht mehr. Eltern sind auf sich alleine gestellt, das allgemeingültige Wertesystem fehlt.

Bernhard Bueb, der langjährige Leiter der Eliteschule Schloss Salem, lobt die Disziplin. Michael Winterhoff, Kinderpsychiater und Autor von «Warum unsere Kinder Tyrannen werden», rät, Kinder nach ihrem Entwicklungsstand zu erziehen. Sie wiederum empfehlen den Eltern, ihren Kindern auf gleicher Ebene zu begegnen und ihnen Respekt entgegenzubringen. Wem soll der Erziehungsberechtigte Glauben schenken?

Gott sei Dank sind sich die Experten nicht einig. Die Eltern müssen ihre eigenen Antworten finden. Wir bieten keinen neuen kollektiven gemeinsamen Konsens an. In den Beziehungen zwischen Erwachsenen und Kindern brauchen wir vor allen Dingen Authentizität und persönliche Verantwortung: Ich bin für mein Handeln verantwortlich. Wir können oder müssen sogar wie nie zuvor in unserer Geschichte persönlich wählen. Es gibt keine Autorität mehr, die sagt: Dieses und jenes musst du tun. In diesem Dilemma befinden sich auch die Kinder. Da nützen, meiner Meinung nach Disziplin- und Gehorsamsgeschichten nichts mehr.

Brauchen Kinder und Jugendliche keine Werte, an denen sie sich orientieren können?

Das Ziel oder das Endergebnis der Erziehung soll die optimale seelische und soziale Gesundheit eines Kindes und Erwachsenen sein. So gesehen, war die bisherige Erziehung eine absolute Katastrophe.

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