«Mir tut es weh, dass man uns Regenbogenfamilien keinen Schutz gewährt»

Die zweijährige Linn wächst ganz selbstverständlich mit zwei Müttern auf. Vera und Judith haben sich vor über fünf Jahren bewusst entschieden, eine Regenbogenfamilie zu gründen. Doch die rechtliche Situation macht dem lesbischen Paar Sorgen. Judith darf die leibliche Tochter ihrer Partnerin nicht adoptieren.

Regenbogenfamilien dürfen keine Kinder adoptieren.

Regenbogenfamilien haben nicht den gleichen Schutz wie andere Familien. Foto: © Jessica Diks - Fotolia.com

Linn ist ein kleiner Wirbelwind. Im Eiltempo führt die Zweijährige ihre Puppe Lorenz im Kinderwagen durch das Wohnzimmer. Gekonnt werden Decken auf dem Boden und Stühle im Raum umkurvt. Ihre Eltern Judith und Vera lassen sich davon nicht aus der Ruhe bringen. Entspannt sitzen sie am Wohnzimmertisch und geniessen ihr Znacht. Es gibt Kartoffeln, Käse und Salat.

Es dauert nicht lange, da sitzt Linn wieder mit am Tisch auf dem Schoss ihrer Mutter Judith, die aber eigentlich gar nicht ihre Mutter ist. Zumindest rechtlich gesehen. Denn die 42-Jährige darf die Tochter ihrer Partnerin nicht adoptieren, weil sie lesbisch ist und mit ihr in eingetragener Partnerschaft lebt. «Es ist doch paradox, dass ich alle Rollen einer Mutter übernehme, aber keinen Schutz habe», sagt Judith.

Linn, Judith und Vera sind eine glückliche Regenbogenfamilie. Sie haben ein hübsches kleines Haus mit Garten am Stadtrand von Solothurn. Ein Teil der Grosseltern wohnt ganz in der Nähe. Auch Freunde leben nicht weit weg. Doch die Gesetzeslage macht den Frauen Sorgen. Gleichgeschlechtliche Paare in eingetragener Partnerschaft dürfen keine Kinder adoptieren, auch nicht die Kinder ihres Partners. Linn ist die leibliche Tochter von Vera. Mit Hilfe eines Samenspenders kam sie auf die Welt. Sie ist ein Wunschkind beider Frauen. Trotzdem verbietet das Partnerschaftsgesetz Judith die Adoption ihrer Tochter.

Als Judith und Vera vor zehn Jahren ein lesbisches Paar werden, sind Kinder kein Thema. Für Judith war immer klar, dass Kinder nicht zur Lebensrealität von Homosexuellen gehören. Auch die heute 37-jährige Vera wünschte sich nicht unbedingt Kinder. Doch als Freundinnen von ihr schwanger werden, verspürt sie den Kinderwunsch immer stärker.

Gründung einer Regenbogenfamilie: Am Anfang stehen viele Fragen

Die Frauen beginnen zu recherchieren. Wie geht es Kindern, die in Regenbogenfamilien aufwachsen? Haben Sie Nachteile? Fehlt ihnen etwas? Eine deutsche Studie lässt Judith aufatmen. Kinder wachsen in Regenbogenfamilien genauso gut auf wie in traditionellen Familien, heisst es da. Vera überzeugen zudem die Aussagen von Kindern aus Regenbogenfamilien, die sie im Buch «Und was sagen die Kinder dazu?» gelesen hat. «Es geht doch nicht um die sexuelle Orientierung», erklärt Vera. «Es geht darum, dass verlässliche Bezugspersonen, Liebe und Zuneigung da sind.»

Dennoch drängt sich eine andere Frage in diesem Zusammenhang auf: Braucht ein Kind einen Vater? Die beiden sind sich schnell einig, dass ihr Kind den Vater kennen sollte und das nicht erst, wenn es in der Pubertät ist. Obwohl Linn erst zwei Jahre alt ist, weiss sie, wer ihr Vater ist. Nicht nur das: Sie sieht ihn mehrmals im Jahr. Kürzlich hat er ihr versprochen im Garten ein Spielhaus zu bauen. Und das Mädchen hat schon angekündigt, dass es ihn selbst einmal ohne seine Mütter besuchen will. Es weiss auch, wie es entstanden ist. Judith und Vera haben ihrer Tochter ihre Entstehungsgeschichte kindgerecht erklärt.

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