Grossfamilien in der Schweiz: «Wir sind viele und das ist gut so!»

Mehr als zwei Kinder zu haben, ist für viele unvorstellbar. Nicht so für Grossfamilien, die sich bewusst für mehr als zwei Kinder entscheiden. Mit welchen Problemen Grossfamilien sich auseinandersetzen müssen, warum ihre Kinder als Teufelsbrut beschimpft werden und wo kinderreiche Familien Unterstützung finden, erzählt Käthi Kaufmann-Eggler, Präsidentin von IG Familien 3plus, im Interview.

Grossfamilie

Es ist nicht immer leicht für eine Grossfamilien in der Schweiz. Käthi Kaufmann-Eggler und ihre Interessengemeinschaft geben zusätzlichen Halt. Foto: Comstock, Jupiterimages, Thinkstock

Grossfamilien haben es in der heutigen Gesellschaft oft nicht leicht. Von Staat und Politik werden sie zu wenig unterstützt und ihre Mitmenschen reagieren ihnen gegenüber oft mit Abneigung und Unverständnis. Die Interessengemeinschaft für Familien mit drei und mehr Kindern, kurz IG Familie 3plus, engagiert sich seit 1996 für eine Verbesserung der Situation von Grossfamilien. Mittlerweile zählt die Gemeinschaft rund 1‘800 Familien zu ihren Mitgliedern.

Laut Bundesamt für Statistik hat eine Schweizer Frau durchschnittlich nur 1.52 Kinder. Warum entscheiden sich so wenige Paare dafür, mehr als ein oder zwei Kinder zu haben?

Käthi Kaufmann: Das hat in erster Linie finanzielle Gründe. Wenn der Mann plötzlich Alleinverdiener ist, muss ein Paar mit weniger Geld für mehr Personen auskommen. Familien mit vielen Kindern müssen sich entscheiden, ob sie finanziell einbüssen wollen und können. Nicht viele sind dazu bereit, weswegen sie nicht mehr als zwei Kinder wollen.

Oft entscheiden sich die Frauen gegen einen Job und für die Rundumbetreuung ihrer Kinder. Können es sich Grossfamilien überhaupt leisten, dass die Mutter Zuhause bei den Kindern bleibt?

Ja, denn Krippen sind meist so teuer, dass es in Grossfamilien finanziell keinen Unterschied macht, ob die Mutter arbeitet oder nicht. Denn von dem Geld, das sie verdienen würde, könnte sie gerade mal die Krippe bezahlen. 

Macht es den Müttern nichts aus nur Mutter zu sein?

Der Grossteil geht in der Mutterrolle voll auf. Sie sehen ihre Berufung als Mutter als den tollsten Job überhaupt und sind gerne mit ihren Kindern zusammen. Aber es gibt auch welche, die Teilzeit arbeiten.

Wie reagieren die Mitmenschen auf Grossfamilien?

Wenn die Kinder noch klein sind, finden sie viele einfach nur herzig. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite, beispielsweise beim Bahnfahren, sind sie nur so lange süss wie sie auch still sitzen. Ich musste mir schon anhören, wie meine Kinder als Teufelsbrut beschimpft wurden, wenn wir irgendwo unterwegs waren.

Warum reagieren viele so negativ auf Grossfamilien?

Die meisten finden es altertümlich, viele Kinder zu haben. Manche finden es nicht angebracht, wenn Frauen nur Mütter sind und deswegen nicht arbeiten gehen. Wieder andere betrachten das mit Blick auf die Umwelt und können nicht verstehen, warum bei der aktuellen Umweltbelastung immer noch mehr Menschen zur Welt gebracht werden.

Neben den gesellschaftlichen Problemen müssen sich Grossfamilien auch mit politischen auseinandersetzen. Wie kommt es, dass die Politik kinderreiche Familien nicht ausreichend unterstützt?

Die Politik ist ein ziemlich mühsamer Apparat. Wir haben zwar auch Politikerinnen und Politiker in der Gemeinschaft, aber sie bilden immer noch keine Mehrheit im Parlament, um unsere Ziele durchzusetzen. Deswegen ist auch unsere Familieninitiative gescheitert, mit der wir erreichen wollten, dass Mütter, die Zuhause bleiben, dies steuerlich absetzen können.

Welche Unterstützung bietet hingegen die IG Familie 3plus?

Wir unterstützen die Familien hauptsächlich finanziell. So können sich auch Grossfamilien Ferien, neue Kleidung und genügend Lebensmittel leisten. Wir helfen aber auch, wenn die Eltern beispielsweise einfach mal eine Pause brauchen, um sich zu erholen. Dann organisieren wir eine Haushaltshilfe.  Zudem fördern wir den Austausch zwischen den Familien, so dass sie sich untereinander helfen und austauschen können.

Familientag und Familienessen

Jedes Jahr im August veranstaltet die IG Familie 3plus einen Familientag. Hier treffen sich die Familien, die Mitglied in der Gemeinschaft sind und feiern zusammen. Vor allem die Kinder haben dabei grossen Spass. Ruhiger geht es auf dem Familienessen zu, das sich jedes Jahr im Januar ereignet. Hierbei sind die Eltern unter sich und können sich bei einem gemütlichen Essen im Restaurant von der Kinderschar erholen.

 

Käthi Kaufmann, Präsidentin von IG Familie 3plus

Käthi Kaufmann-Eggler, Präsidentin ig3plus

Käthi Kaufmann ist 1964 geboren und ist selbst Mutter von fünf Kindern. Ende 1996 gründete sie zusammen mit anderen kinderreichen Vätern und Müttern die Interessengemeinschaft für Familien mit drei und mehr Kindern. Ihre Intention: Sie wollte Grossfamilien ein Netzwerk geben in dem sie sich austauschen können und merken, dass sie nicht allein sind.

 

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