Facebook Pixel

«Ich zähl jetzt auf drei, sonst ...» Wie Drohungen auf Kinder wirken

Drohen bringt Kinder nur kurzfristig zum Gehorchen, langfristig kosten es den Respekt. Wie eine Erziehung ohne falsche Druckmittel aussehen könnte.

Wer Kindern droht, ängstigt sie und verliert langfristig jeden Respekt. Wie Kinder auch ohne Druckmittel hören.

Bild: Unsplash

Noch einmal rutschen? Sie sind schon ewig auf dem Spieli und wissen, dass es trotzdem nicht bei einem Mal, auch nicht bei dreimal bleiben wird, wenn sie jetzt nicht bald ein Machtwort sprechen. Sie warten noch eine Anstandsminute für die umliegenden Eltern bis der Geduldsfaden reisst und sie machen es, auch wenn Sie sich dabei unwohl fühlen: «Wenn du nicht sofort mitkommst, dann gehe ich allein nach Hause. » Damit Ihr Kind auch glaubt, was sie ihm androhen, aber nie in die Tat umsetzen werden, gehen Sie schon mal ein paar langsame Schritte voran. 

Aber sicher nicht nur Sie nehmen diese Abkürzung nach Hause. Welches Elternteil hat diese falsche Behauptung nicht schon mal aufgestellt? Wahrscheinlich haben sie viele von uns sogar längst nicht nur einmal benutzt. Denn allzu oft funktioniert’s: Die Drohung wirkt, das Kind kommt weinend angerannt und geht mit. Die Frage ist nur wie? 

Leere Drohungen kosten Respekt

Ein Beispiel, das auch der Familientherapeut Jesper Juul häufig ähnlich anführt, um zu verdeutlichen, was in der Beziehung zum Kind passiert, wenn man ihm droht: Stellen Sie sich vor, Ihr Partner kommt zu Ihnen und sagt: «Wenn du nicht sofort den Abwasch machst, dann brenne ich mit der jungen Sekretärin durch. Ich zähl auf drei. Eins zwei, drei...» 

Und, wie reagieren Sie? Mit Spott und Gelächter, weil Sie ohnehin wissen, dass er seine Drohung nicht wahrmacht? Oder springen Sie auf, laufen zur Spüle und machen aus Angst verlassen zu werden sofort den Abwasch? 

Respektverlust oder Angst, das sind die beiden wahrscheinlichsten Reaktionen auf Drohungen. Denn auch wenn Drohungen bei Kleinkindern vielleicht noch ganz gut funktionieren mögen, kommt der Tag, an dem die Hebelwirkung versagt. Der Tag, an dem die Kinder wissen, dass Mami oder Papi nie alleine nach Hause gehen würden. Sie ohnehin nicht bei strahlendem Sonnenschein nachmittags um 17 Uhr sofort ins Bett gehen müssen. Oder die angedrohten vier Wochen Hausarrest nicht durchgezogen werden. Drohungen sind dann nichts anderes als Blablabla. 

«Drohungen sind ein Ausdruck von Hilflosigkeit»

In seinem Buch «Nicht mehr über Tyrannen reden» erklärt der Familientherapeut Peter Bandali, dass Drohungen immer Situationen beschreiben, in denen Eltern ihrer selbst nicht sicher seien. Obwohl sich die Eltern bewusst wären, dass sie nur leere Drohungen aussprechen, «erhoffen sie sich doch immer wieder, dass die Kinder ihre Reaktionen ändern. Sie wollen nur, dass die Kleinen entsprechend des Willens der Erwachsenen ihre Handlungen gestalten, ohne ihnen wirklich Negatives zuzuführen.»

Aber wo soll diese Einsicht zur Verhaltensänderung herkommen? Drohen fördere genau nicht das Verstehen, sagt die Elterntrainerin Gabriele Grunt und beruft sich dabei auf das Ideal der gewaltfreien Erziehung nach Marshall Rosenberg. Auch wenn die angedrohten Konsequenzen nie folgen, sind Drohungen eine Form der Gewalt. Bandali schreibt, leere Drohungen seien letztlich «das Einsetzen der kindlichen Ängste als Druckmittel zum Erreichen eines Ziels.» 

Ein Spiel mit der Trennungsangst

Kehren wir zum Ausgangsbeispiel zurück. Warum sind wir uns gerade bei kleinen Kindern so sicher, das unser Bluff, alleine nach Hause zu gehen, klappt? Weil wir damit unterbewusst eine «Urangst» des Kindes ausnutzen, glaubt die Autorin Nicola Schmidt. Sie plädiert dafür, bei der Erziehung auch die Perspektive des Kindes aus entwicklungsbiologischer Sicht einzunehmen. «Die Kinder haben Bindungsstress. Zurückgelassen zu werden ist eine Urangst von Kindern. Deshalb tun sie alles, um auf den Arm genommen zu werden. Das ist für sie der sicherste Ort.»

Schmidt teilt die Auffassung vieler Erziehungsexperten, nämlich dass Kinder grundsätzlich mit den Eltern kooperieren wollen und das überwiegend auch tun, weil ihnen eine gute Bindung das Wichtigste ist, und weil es ihnen auch das Überleben sichert. Wenn sie es aber nicht tun, stecke oft ein wichtiges Grundbedürfnis dahinter, wie Hunger oder Müdigkeit.

Für gravierender als die Angst an sich, hält Familientherapeut Bandali die Folgen wiederholter, leerer Drohungen. Kinder erlebten, dass Eltern nicht halten, was sie sagen. Dadurch lernten sie, dass sie sich nicht auf ihre Eltern verlassen können.

Wie eine Erziehung ohne falsche Drohungen aussehen könnte

Leichter wird Erziehung mit dieser Erkenntnis allerdings nicht. Die Frage ist doch, wie man Kinder respektvoll erzieht, ohne ihnen jene Verantwortung über ihr Handeln zu übertragen, die sie noch nicht übernehmen können. Ein Kind kann je nach Alter mit logischen Erklärungen unterschiedlich viel anfangen. Warum es mit rutschen aufhören soll, wenn es gerade doch so viel Spass macht, kann ein Kind sicher nicht verstehen. Ob es morgen müde ist, ist ihm völlig egal. 

Der Elternnotruf Schweiz empfiehlt «Grenzen zu setzen, indem man das Kind motiviert, kooperativ zu sein. Wenn dies nicht klappt, kann man Konsequenzen aufzeigen, aber möglichst ohne Drohung.»

Motivieren statt Ermahnen

«Wenn wir jetzt losgehen, haben wir noch Zeit, deinen Bauernhof fertig zu bauen» wäre beispielsweise ein positiver Anreiz, der ein Kind überzeugen könnte. Aber Sie merken, diese Art der Motivation ist eine Gratwanderung. Denn sie ist eigentlich eine Manipulation, die auf der Annahme aufbaut, dass Kinder häufig schlechte Entscheidungen treffen und einen Schubs in die richtige Richtung brauchen. 

Wichtig dabei ist deshalb, dass der positive Anreiz auf Freiwilligkeit beruht und es einfach möglich sein muss, sich auch dagegen zu entscheiden. Ein berühmtes Beispiel für den Erfolg von dieser Methode kommt aus der Ernährung.
Beispielsweise konnten die Forscher Richard Thaler und Class Sunstein darlegen, dass sehr viel mehr Früchte gegessen werden, wenn sie griffbereit platziert werden. Eine andere erstaunliche Untersuchung aus dem Buch der Verhaltensökonomen: Männertoiletten würden sehr viel sauberer gehalten, wenn man ins Urinal einen Aufkleber mit einer Fliege klebe. Diese würde die Männer dazu spielerisch auffordern, die Fliege zu treffen.

Logische Konsequenzen statt Strafen

In der Regel spricht man in der Pädagogik von sogenannten «logischen Konsequenzen», wenn sich Folgen natürlich aus einem Verhalten ergeben, sie daher gerade nicht Drohungen oder Strafen sind. Zum Beispiel:  «Wenn du jetzt nicht losgehst, kommst du zu spät zur Schule.» In diesem Fall müssen es Eltern aber auch aushalten können, dass das Kind im Fall vermehrt tatsächlich zu spät kommt.

Aber alle Tricks aus der Erziehungskiste nutzen nichts, wenn das Kind mit seinen Bedürfnissen nicht ernst genommen wird. Wenn Kinder nicht folgen wollen, hat das meist einen Grund. Beispielsweise könnte hinter dem Wunsch Kaubonbons zu kaufen, auch das Bedürfnis stecken mitbestimmen zu dürfen, was gekauft und gegessen wird. In diesem Fall könnte man eine Alternative vorschlagen. Zum Beispiel, dass das Kind aussuchen darf, was es zum Abendessen haben will. «Kinder sind es oft gewohnt, ignoriert oder angeschrien zu werden. Aber nicht, dass jemand kommt und sich für sie interessiert», sagt die Elterntrainerin Gabriele Grunt. 

Kompromisse einzugehen helfe, unnötige Frustrationen und Eskalationen zu vermeiden, rät auch der Elternnotruf Schweiz. «Zahlreiche Eltern fühlen sich gezwungen beim Streiten das letzte Wort haben zu müssen». Eine Autorität könne nur entstehen, wenn auch eine gegenseitige Akzeptanz vorhanden sei und bestimmte Regeln gemeinsam erarbeitet werden. «Konstruktive Autorität hat mit Führung, Klarheit, Stabilität und Halt zu tun, aber auch mit Zuwendung, liebevoller Fürsorge und eigener Gelassenheit.» 

Steigen wir aus dem Machtspiel aus und lassen das Kind doch noch einfach dreimal rutschen. Und dann gehen wir selbstverständlich los, ohne zu drohen.