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Gehirndoping mit Ritalin: Mediziner warnen vor langfristiger Wirkung

Ritalin ist ein Medikament, das zur Behandlung von Kindern mit ADHS eingesetzt wird. Bei gesunden Menschen soll es leistungsfördernd wirken. Nachdem bekannt wurde, dass viele Studenten mit Ritalin Gehirn-Doping betreiben, fürchten Experten, dass der Trend auch auf Schulen übergehen könnte.

Ritalin kann auch Doping für Kinder sein.

Wirkt Ritalin als Gehirndoping, um die Leistungsfähigkeit von Kindern zu verbessern? Bild: iStockphoto-Thinkstock

Viele Kinder leiden vor allem während Klassenarbeiten in der Schule unter Konzentrationsschwierigkeiten. Die Folgen der mangelnden Aufmerksamkeit sind bei Kindern allenfalls durchschnittliche Noten. Kein Wunder, dass Schüler und Eltern manchmal von einem Wundermittel wie Methylphenidat zur Steigerung der Leistungsfähigkeit ihres Kindes träumen, einem Doping fürs Gehirn.

Wirkung von Ritalin auf Gesunde: höhere Konzentration?

Längst sind Psychopharmaka im Umlauf, die das Gehirn dopen sollen. «Umfragen haben gezeigt, dass bei Studierenden in Prüfungssituationen beispielsweise das Medikament Ritalin beliebt ist, das eigentlich zur Behandlung von Kindern mit ADHS eingesetzt wird», heisst es auf einer Internetseite der Universität Zürich. «Vom darin enthaltenen Methylphenidat erhoffen sie sich eine erhöhte Konzentrationsfähigkeit.»  Und so stellt Viviane Strebel, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Abteilung Forschung und Nachwuchsförderung der UZH, sogar einen «Trend» fest, der sich auch in der Schweiz immer stärker bemerkbar macht: «Cognitive Enhancement» wird er genannt. Darunter werden alle Eingriffe verstanden, die eine Wirkung auf die intellektuelle Leistungsfähigkeit haben.

Explosionsartig gestiegener Verbrauch von Ritalin

Im Jahr 2011 bestellten deutsche Apotheken 1.791 Kilogramm Methylphenidat – 1993 waren es nur 34 Kilogramm. «Dieser gewaltige Anstieg lässt sich auch damit erklären, dass Eltern den Wirkstoff für sich und ihre Kinder nutzen, um die geistige Leistungsfähigkeit zu steigern», folgerte daraus die Zeitschrift «Focus». «Experten gehen davon aus, dass jedes vierte Kind im Lauf seiner Schulzeit mindestens einmal mit Ritalin und dem darin enthaltenen Methylphenidat in Kontakt kommt.» Auch in der Schweiz alarmieren die Zahlen: Gemäss der Heilmittelbehörde Swissmedic hat sich der Ritalin-Verbrauch seit 1996 nahezu verzehnfacht. «Es wird wahrscheinlich nicht mehr lange dauern, bis besorgte Eltern an Elternabenden die Frage aufwerfen, ob sie ihren Kindern leistungssteigernde Medikamente geben können bzw. sollen», folgert die Suchtpräventionsstelle der Stadt Zürich in ihrem Bericht «Neuro-Enhacement».

Sicher, Ritalin (Methylphenidat) ist apothekenpflichtig. «Doch wer seinen Arzt davon überzeugen kann, dass er ein verschreibungspflichtiges Medikament benötigt, um eine Störung der Konzentrationsfähigkeit wie ADHS zu beseitigen, kann mit dem Rezept seinen ganz persönlichen Brainbooster legal aus der Apotheke holen», so locker formulierte die Zeitschrift P.M., wie viele Gesunde an Ritalin kommen. Davon abgesehen ist Ritalin ohnehin in vielen Haushalten vorhanden – zur Behandlung eines an ADHS erkrankten, hyperaktiven Kindes. Ritalin entfaltet seine Wirkung, indem es in den Gehirnstoffwechsel eingreift und dort Aufmerksamkeit und Bewegungsimpulse kontrolliert.

Langfristige Nebenwirkungen nicht abzuschätzen

Von Folgen des Medikamenten-Missbrauch sollten Eltern nicht absehen. Nebenwirkungen des Medikaments können ein erhöhter Blutdruck, Herzrasen, Appetitmangel, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit, Übelkeit, Hautreaktionen und starke Angstzustände sein. Das grösste Problem: «Niemand weiss so genau, wie die Substanzen zum Beispiel Methylphenid, die eigentlich für Kranke entwickelt wurden, bei Gesunden wirken», darauf weist Dr. Claus Normann hin, Oberarzt in der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapie der Freiburger Universitätsklinik. Durchaus denkbar erscheint der Fachwelt, dass Gehirndoping bei Gesunden langfristig Tumore verursachen kann.

Wer sich mit Ritalin dopt, um leistungsfähiger zu werden, begibt sich darüber hinaus in Suchtgefahr. Denn schnell kann der Eindruck entstehen, nur mit der Tablette den Anforderungen des Alltags gerecht werden zu können. «Dabei besteht das Risiko, Warnsignale des Körpers zu ignorieren – mit unabsehbaren Folgen für die Gesundheit», so Dr. Normann.

Gehirndoping ist juristische Grauzone

Ob Kinder überhaupt mit leistungssteigernden Medikamenten behandelt werden dürfen, untersucht derzeit Tanja Trost im Rahmen ihrer vom Forschungskredit der UZH geförderten Dissertation. Genauer: Sie will herausfinden, ob sich der Einsatz von Neuro-Enhancern anhand der allgemeinen Bestimmungen zum Schutz der Persönlichkeit, die im Schweizerischen Zivilgesetzbuch (ZGB) festgeschrieben sind, vollständig und befriedigend klären lässt. «Kinder sind besonders verletzliche Personen. Sie können weder auf die gesellschaftliche Entwicklung Einfluss nehmen, noch entscheiden sie selber über den Konsum von Psychopharmaka», erklärt sie. «Da ist es wichtig, frühzeitig die nötigen rechtlichen Grundlagen für den Umgang mit Enhancement-Massnahmen zu schaffen.»

Gehirn-Doping: Gefahr für die Gesellschaft

Ob Hirndoping tatsächlich den gewünschten Effekt bringt, ist bis heute wissenschaftlich nicht belegt. Sollten Studien künftig allerdings die leistungssteigernde Wirkung bestimmter Psychopharmaka belegen, stehen Fairness und Chancengleichheit auf dem Spiel. Denn wer seine Leistungsfähigkeit dopt, verschafft sich – wie im Sport - künstlich Vorteile. Alle anderen haben das Nachsehen.

Weiterführende Links zu Ritalin und Gehirndoping: