ADHS bei Kindern: Weshalb eine gründliche Abklärung so wichtig ist

Unaufmerksamkeit, Vergesslichkeit, Hyperaktivität – fünf bis sechs Prozent aller Schweizer Kinder sind von der Aufmerksamkeitsstörung ADHS betroffen. Doris Vögeli, Mutter von zwei Töchtern mit ADHS, erklärt, weshalb eine gründliche Abklärung und Offenheit gegenüber der Krankheit so wichtig sind.

Kinder mit ADHS brauchen eine gute Abklärung. Eine Mutter erzählt aus dem Leben mit zwei Töchtern, die unter ADHS leiden.

Leben mit ADHS: Doris Vögeli mit ihren Töchtern Tanya (links) und Claire (rechts). Foto:

ADHS wird bei Kindern oft im Schulalter diagnostiziert. Wie war es bei Ihnen?

Doris Vögeli: Symptome haben mein Mann und ich bei unserer älteren Tochter Claire schon vor dem Kindergarten entdeckt. Sie konnte nie gut schlafen, war unruhig, hektisch und hatte wenig Geduld. Sie fiel oft hin, rannte Sachen um und entsprechend viel ging auch zu Bruch. Sie reagierte auf alles und jedes und konnte nie bei der Sache bleiben. Zum Spielen mit anderen Kindern kam Claire meist gar nicht; viel zu lange wollte sie sich mit ihnen über den Ablauf und die Regeln unterhalten. Wir dachten immer, dass unsere Tochter halt einfach lebhaft ist! Im Kindergarten konnte sie jedoch nie mehr als eine Anweisung am Stück befolgen, weshalb uns die Kindergärtnerin auch bald ans Herz legte, einen Arzt aufzusuchen.

Was ist ADHS?

Der Begriff ADHS bezeichnet eine psychiatrische Diagnose und steht für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung. Meist tauchen bei Betroffenden folgende Symptome auf: Unaufmerksamkeit, Zerstreutheit, Vergesslichkeit (obligatorisch für eine Diagnose), Hyperaktivität und Impulsivität (fakultativ für eine Diagnose). Betroffen sind fünf bis sechs Prozent aller Schweizer Kinder, wobei sich die Krankheit meist im Kindergarten bemerkbar macht. Als Ursache gilt eine neurobiologische Funktionsstörung. Betroffen sind die Hirnabschnitte, welche übergeordnete Steuerungs- und Koordinationsaufgaben übernehmen. Wichtige Reize und Impulse können schlecht gefiltert und gehemmt werden.

Quelle: adhs.ch

Wie haben Sie auf diesen Vorschlag reagiert?

Natürlich wurde ich zuerst richtig wütend, meine Tochter war doch schliesslich wie alle anderen Kinder auch! Vielleicht ein bisschen zappliger und unruhiger, aber doch nicht krank! Ausserdem habe ich im Urteil der Kindergärtnerin einen direkten Angriff auf meine Erziehung gesehen.

Zum Arzt gegangen sind Sie aber trotzdem?

Ja, wir haben unseren damaligen Kinderarzt aufgesucht. Nach nicht einmal einer Stunde Gespräch kam er zum Resultat, dass da vielleicht etwas sein könnte. Er betonte jedoch stark, dass jedes Kind unterschiedlich ist und dass wir uns keine Sorgen machen sollten.

Was haben Sie nach diesem Urteil unternommen?

Vorerst nichts. In der 2. Klasse sind die Probleme jedoch wieder verstärkt aufgetaucht. Claire war langsam und wurde oft ausgelacht, weil ihre Antworten immer zu spät kamen. Sie hatte extreme Schwierigkeiten in Mathematik. Bald hatten wir erneut ein Gespräch mit der Lehrerin. Da wir eingesehen haben, dass etwas nicht stimmen kann, haben wir Claire zu einem Kinder- und Jugendpsychiater geschickt. In drei Sitzungen hat sie unter anderem eine Familienaufstellung gezeichnet und sollte dem Arzt die verschiedenen Familienrollen erklären. Claire kam fast nicht mehr zur Ruhe! Was er unternehmen sollte, wusste jedoch auch dieser Psychiater nicht so recht.

Und dann kam die endgültige Diagnose?

Nein, noch nicht. Mein Mann und ich haben beinahe zeitgleich einen Vortrag zum Thema ADHS im Familienzentrum Reinach (BL) besucht. Ein Psychologe informierte die Zuhörer über ADHS und nach wenigen Minuten schaute mein Mann mich an und fragte «Kennt er unsere Tochter?» Wir haben uns also für eine dritte Abklärung bei diesem Psychologen entschieden und endlich schien uns jemand entgegen zu kommen.

Wie lief die Abklärung ab?

Claire war damals zehn Jahre alt. Der Kinderarzt händigte nicht nur meinem Mann und mir einen Fragebogen aus, sondern auch Claires Lehrerin. In langen Gesprächen sprachen wir über Claires Entwicklung seit der Geburt. Danach wurden neuropsychologische Tests durchgeführt, altersentsprechende Rechenaufgaben gelöst, Sensoriktests und Gleichgewichtsspiele gemacht. Der Kinderarzt war stets sehr liebevoll und ermunternd. Drei Wochen später erklärte er uns im Gespräch, dass es sich bei unserer Tochter um einen sehr klaren Fall von ADHS handle: Die verzögerte Reife, gravierende Probleme in der Feinmotorik und Schwächen in der räumlichen Wahrnehmung wiesen eindeutig darauf hin. Er wunderte sich sehr darüber, dass die klaren Symptome nicht schon von den anderen Ärzten eingeordnet werden konnten.

Eine kanadische Studie hat ergeben, dass Ärzte viel zu voreilig ADHS diagnostizieren, obwohl nur eine Unreife vorliegt.

Da es keine eindeutigen Symptome gibt, werden viele Diagnosen voreilig gemacht. Ob ein Kind ADHS hat oder nicht, wird nicht in mehreren Tests und Gesprächen ermittelt, sondern nach einem einzigen Gespräch mit den Eltern. So wie uns die ersten Ärzte nach einem einzigen Gespräch versicherten, dass unsere Tochter nichts hat. Wichtig sind aber auch die Lehrer und vor allem das Kind selber. Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität sind eben nicht immer Anzeichen für ADHS. 

Claire und Tanya VögeliClaire (links) und Tanya (rechts) im Jahr 2010. «Mit der Zeit haben sich unsere Töchter gut mit der Krankheit arrangiert», erklärt Doris Vögeli.

Wie haben Sie die Diagnose aufgenommen?

Ich habe noch in der gleichen Sekunde zu weinen begonnen. Nicht, weil ich das Ergebnis so erschreckend fand, sondern weil mir bewusst wurde, wie ungerecht ich zu Claire gewesen war. Der Kinderarzt erklärte mir, wie sehr Claire anders sein wollte, es aber einfach nicht konnte. Oft hat mein Mann vor der Diagnose zu ihr gesagt: «Du musst dich nur mehr anstrengen, dann geht das schon!» Danach haben wir realisiert, dass dem leider nicht so ist.

Wie hat Claire reagiert?

Ihre erste Reaktion war: «Ah Mami, ich dachte immer mit mir stimmt etwas nicht!» Sie war erleichtert, eine Erklärung für ihr Verhalten zu haben und machte schnell das Beste daraus: «Dann kann ich also nichts dafür, wenn ich immer schlechte Noten habe?» Nach und nach kam immer mehr Selbstvertrauen. Natürlich müssen auch einem Kind mit ADHS Grenzen gesetzt werden. Wir schimpfen Claire nicht mehr aus, wenn mal wieder Teller oder Gläser am Boden landen, aber beim Auflesen der Scherben muss sie mithelfen.

Wie lief die Behandlung ab?

Wir erhielten Ritalin und eine Tabelle, in die wir verschiedene Mengen und Auswirkungen eintragen mussten. Nach einer gewissen Zeit konnte der Arzt die richtige Dosis abschätzen. Bald zeigten sich jedoch Nebeneffekte, vor allem Schlaflosigkeit und Appetitlosigkeit. Nach einer Weile wechselten wir auf Concerta, was Claire auch heute noch nimmt. Neben der medikamentösen Behandlung arbeiteten wir eng mit dem Kinderarzt zusammen. In der Anfangsphase musste Claire alle drei Wochen zu einem Gespräch, bald alle drei Monate und heute mit 15 Jahren nur noch alle neun Monate.

Wer hat die Kosten übernommen?

Wir. Nach all den Untersuchungen konnte ADHS bei Claire erst im Alter von zehn Jahren bestätigt werden. Die Invalidenversicherung zahlt aber nur, wenn die Abklärung vor dem neunten Lebensjahr gemacht wurde. Auch Ergotherapie bringt nach dem zehntes Altersjahr nicht mehr allzu viel, da sich das Kind bereits so an die Kompensationsmechanismen gewöhnt hat. Als ich das erfuhr, war ich gleichzeitig wütend und verzweifelt. Da war leider nicht viel zu machen.

Wie geht es Claire heute?

Sie ist inzwischen 15 Jahre alt und nimmt ihr Concerta nicht mehr regelmässig. Beim Beginn der Medikamenteneinnahme hat sie sich davor gefürchtet, ein anderer Mensch zu werden. Dies ist glücklicherweise nicht passiert. Natürlich ist sie manchmal immer noch zapplig und ungeschickt: In ihrem kurzen Leben hatte sie bereits 19 Mal einen Gipsverband! Vor kurzem ist sie aber zu mir gekommen und hat gesagt, dass sie es nicht mehr wirklich brauche. Darüber bin ich froh. Wir sehen die Medikamente als gute Unterstützung, sind aber froh, wenn es auch ohne geht. Vor Langzeitschäden haben wir uns nie gefürchtet. Das Medikament hat meinen Kindern so sehr geholfen, ihr wirkliches Potenzial zu erleben. Dafür sind wir alle sehr dankbar.

Sie haben eine zweite Tochter?

Ja, Tanya. Auch bei ihr wurde im Alter von sieben Jahren ADHS diagnostiziert.

Da wussten Sie bereits, was auf sie zukam.

Ja, um dieses Wissen war ich sehr froh. Bei Tanya konnten die Kosten von der Invalidenversicherung übernommen werden und wir haben früh mit Ritalin und Ergotherapie begonnen. Vor der Therapie war Tanya sehr langsam und machte viele Fehler beim Rechnen. Mit den Medikamenten hat sich das stark verbessert. Eines Nachmittags kam sie strahlend nach Hause und erzählte mir mit einem breiten Lachen «Mami, ich bin heute mit meinen Aufgaben fertig geworden und durfte beim Lehrer vorne stehen!» Da ging mir das Herz auf.

Wie reagieren ihr Umfeld auf Claires und Tanyas Diagnose?

Wir haben gelernt, dass es sehr wichtig ist, offen und transparent zu sein. Wenn Lehrer von der Krankheit wissen, können sie sich dem Kind ein wenig anpassen. Auch Menschen aus dem Umfeld zeigen mehr Verständnis und sind nachsichtiger. ADHS ist nichts, wofür man sich schämen muss.

Doris Vögeli lebt mit ihrer Familie in Reinach (BL). Vor der Geburt ihrer ersten Tochter Claire arbeitete sie im Gastgewerbe, gab diesen Beruf jedoch für den Job als «Vollzeitmutter» auf. Heute engagiert sie sich als Präsidentin der Elternbildung Reinach und verbringt viel Zeit mit ihrem Mann und den Töchtern Claire (15) und Tanya (12).

Weiterführende Links

  • Informationen und Hilfestellung von Eltern für Eltern: eltern-hilfe.ch
  • Diskutieren Sie mit anderen Eltern und Betroffenen im ADHS-Forum: adhs-forum.ch

Interview: Jasmine Helbling

Haben auch Sie Erfahrungen mit ADHS gemacht? Schreiben Sie einen Kommentar oder diskutieren Sie im Forum!

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