Zu Tisch: Im Familienrat gemeinsame Lösungen finden

Längst haben Studien belegt, dass autoritäre Erziehung schaden kann. Viele Familien versuchen deshalb, die Meinung ihrer Kinder einzubeziehen. Auch unsere Autorin. Sie hat sich angeschaut, warum ein Familienrat gute Lösungen für alle bringen kann.

Familienrat: gemeinsam Konflikte lösen

Der Familienrat sollte regelmässig stattfinden. Foto: monkeybusinessimages, iStock, Thinkstock

In den Ferien soll es ans Meer gehen. Sven nörgelt, weil er lieber wie vergangenes Jahr in die Berge gefahren wäre. Schliesslich hatte er gehofft, dort wieder mit seinem Urlaubs-Freund Fussball spielen zu können. Traurig und sauer, ist er aber nicht nur deshalb, weil die Ferien nun anders verlaufen werden als erhofft. Er fühlt sich schlichtweg übergangen. «Ist denn den Eltern meine Meinung gar nichts wert?» Wütend ist er auch auf Schwester Manu: Sie freut sich schon auf die Wellen – ihr Wunsch, in den Ferien viel im Wasser zu planschen, wird in Erfüllung gehen.

Konflikte lösen im Familienrat

Schlecht beendete Konflikte, wie dieses Beispiel zeigt, vergiften die Familienatmosphäre. Doch es ist nicht leicht, innerhalb der Familie alle Interessen unter einen Hut zu bekommen. Ständig fühlt sich jemand benachteiligt. Wie schafft man es nur, zu mehr Gerechtigkeit zu kommen? Ein Familienrat kann weiterhelfen. Hier lassen sich in Ruhe Themen wie Sackgeld, Ferienziele, Verteilung der Hausarbeit, Wochenendpläne und Hausaufgaben besprechen.

Schon Rudolf Dreikurs (1897-1972), österreichisch-amerikanischer Psychiater, Psychologe, Pädagoge, entwickelte ein Modell für den Familienrat. «Kinder wollen mitarbeiten, wenn man ihnen eine Chance dazu gibt, weil sie sich zugehörig fühlen wollen», davon war er überzeugt. «Die Versammlung sollte ein offenes Forum sein, auf dem alle Familienmitglieder offen sprechen können, ohne unterbrochen zu werden, und in dem sie die Freiheit haben, sich auszudrücken, wie sie es wollen, ohne Furcht vor Konsequenzen und ohne Rücksicht auf Alter und Stellung.»

Familienrat: Ablauf

Der Familienrat findet regelmässig zu einem «fest vereinbarten Termin, zu dem jeder Zeit hat, ohne auf etwas zu verzichten, zum Beispiel sonntags nach dem Frühstück» statt, empfiehlt Werner Strubel, Vorsitzender des Verein für praktizierte Individualpsychologie. (VpIP e.V.). Jüngere Kinder brauchen kürzere oder häufigere Konferenzen.

Bei Kindern bis etwa sechs Jahren ist es wichtig, dass die Familienkonferenz nur sehr kurz dauert, zum Beispiel zehn Minuten. Sie sollte jeweils nur ein Thema beinhalten. «Ab Schulalter kann der Familienrat etwas länger dauern, 20 bis 30 Minuten», erklärt Liselotte Braun, Koordination STEP (Systematische Training für Eltern und Pädagogen) Schweiz. Sie rät: «Aber auch da lieber kurz halten, damit sich die Kinder nicht langweilen und nicht die Freude am Familienrat verloren geht.»

«Grundsätzlich können schon kleine Kinder an der Konferenz teilnehmen», erklärt Liselotte Braun. «Sogar das Baby ist schon in der Lage, mit am Tisch sitzen und die wertschätzende Atmosphäre spüren.» Natürlich könne es noch nicht mitdiskutieren, und die Zeit sei sehr beschränkt, in der es ruhig bleiben kann. Aber es gewöhne sich schon an das Ritual des Familienrates. «Kinder ab etwa eineinhalb Jahren können bereits mitsprechen und altersentsprechend ihre Anliegen und Rückmeldungen formulieren lernen.»

Wer bestimmt die Themen im Familienrat? In der Praxis hat sich eine Pinwand bewährt, an die jeder jederzeit eine Notiz heften kann. Sie kann geschrieben oder gemalt sein, Hauptsache, sie erinnert an das, was besprochen werden soll.

Sinnvoll ist es, wenn die ersten Treffen ein Erwachsener leitet. Hat sich der Familienrat eingespielt, gilt es sich abzuwechseln. Frühestens ab Schulalter können Kinder die Leitung übernehmen, oft brauchen sie dann noch Hilfe. Wer durch das Gespräch führt, achtet darauf, dass die Regeln eingehalten werden. Darüber hinaus führt ein Familienmitglied Protokoll – zum Beispiel in einem dicken Familienkonferenz-Buch. Kinder, die noch nicht schreiben können, können die getroffenen Beschlüsse hinein malen. In einigen Jahren macht es viel Freude, das Buch noch einmal durchzublättern!

Gute Stimmung ist wichtig! Zuerst sollten Eltern und Kindern im Familienrat erfreuliche Erlebnisse auszutauschen, empfiehlt deshalb «Step – Das Elternbuch». Punkte, die bei der vorangegangenen Konferenz offen geblieben sind, werden zuerst besprochen. Danach geht es mit neuen Themen weiter. Anschliessend gilt es zu planen, was allen Spass macht. Zum Abschluss lässt sich zusammenfassen und wiederholen, worüber Einigkeit besteht.

Familienrat: Regeln

Eine der wichtigsten Regeln lautet: «Alle Familienmitglieder sind gleichwertig.» Papas Stimme zählt im Familienrat nicht mehr als die der Tochter, die des Sohnes nicht weniger als Mamas. Deshalb ist auch jeder Beitrag es wert, gehört zu werden. Und jedes Mitglied darf ausreden. «Diese Regel ist sehr wichtig, deshalb achtet der Leiter bzw. die Leiterin besonders darauf, dass sie eingehalten wird», erklärt Werner Strubel.
Doch was tun, wenn ein Mitglied besonders viel redet? «Das scheint für Dich wichtig zu sein. Wir müssen jetzt auch hören, was die anderen dazu sagen» schlagen die Autoren von « Step – Das Elternbuch» vor. Wer andere beleidigt, kann mit dem Satz konfrontiert werden: «Wenn ich Beschimpfungen höre, fürchte ich, dass wir keinen Weg finden werden, zusammen zu arbeiten.»

Gemeinsame Entscheidungen finden

Wichtig ist, dass im Familienrat Lösungen gesucht werden, die für alle zufriedenstellend sind. «Jeder soll an dem Zustandekommen einer Entscheidung mitwirken. Die Entscheidung sollte nach Möglichkeit einstimmig sein», rät daher Werner Strubel. Ideen, wie sich Lösungen finden lassen, finden sich hier: Gute Kompromisse für eine entspannte Stimmung in der Familie

Hat sich jemand nicht an die Regeln gehalten, kann das ein neuer Gesprächspunkt für den nächsten Familienrat werden. Vielleicht kann derjenige erklären, warum er von der Regel abgewichen ist? Möglicherweise gab es gute Gründe? Eventuell entschuldigt sich der Betroffene.
Oder hat sich gezeigt, dass die Regel nicht alltagstauglich ist? Dann sollte die Regel neu ausgehandelt werden. Sollte es jedoch sehr häufig geschehen, dass Regeln missachtet werden, hilft eine neue Vereinbarung: «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Sprich: Erst wenn erledigt ist, was erledigt werden soll und vereinbart ist, kommen die angenehmen Seiten des Tages zum Zuge. Das gilt dann für alle Familienmitglieder!

Vorteile des Familienrats

Jedes Familienmitglied ist ein wichtiges! Dieses Gefühl vermittelt der Familienrat. Und er macht stolz auf die Familie: «Wir sind eine Familie, die miteinander redet, die an einem Strang zieht!» Das entspannt und macht den Umgangston fröhlich und freundlich. Die Zeit, die in den Familienrat fliesst, lohnt sich. «Wenn offen darüber geredet wird, welche Arbeiten in einer Familie anfallen, und die Verantwortung dafür geteilt wird, werden diese Arbeiten schneller und effektiver erledigt. Gleichwertigkeit in der Familie führt dazu, dass sich alle für das Funktionieren der Familie zuständig fühlen», so Werner Strubel.

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