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Wer ist mein Kind überhaupt? Der Blick durch die «goldene Brille» bringt Klarheit

Ist die Freude am Zusammensein mit Ihrem Kind noch wach? Interessieren Sie sich noch dafür, wer Ihr Kind ist oder glauben Sie, zu wissen, wer es ist? Ein Blick durch die «goldene Brille» bringt neues Licht hinein. Unsere Erziehungsexpertin Maya Risch zeigt Ihnen hier eine gute Übung, die Sie ganz einfach selbst umsetzen können.

Welche Interessen hat mein Kind?

Gemeinsame Gespräche sind der Schlüssel zum Erfolg einer jeden Beziehung. Bild: GettyImages Plus, shapecharge

 «Würde mein Sohn seine Hausaufgaben doch nur selber erledigen. Es ist so mühsam mit ihm.» «Meine Tochter sollte endlich besser rechnen lernen, sie kann das einfach nicht.» «Immer muss ich dasselbe sagen, mein Kind könnte sich doch endlich merken, dass es den Teller abräumen soll.» «Dieses ewige Gemotze, wenn mein Kind etwas mithelfen soll, geht mir auf den Keks.» Haben Sie sich auch schon bei einem solchen Gedanken ertappt?

Sie empfinden das Zusammenleben mit Ihrem Kind oder einem Ihrer Kinder als anstrengend oder mühsam und können die Freude am Zusammensein gerade nicht mehr wahrnehmen? Dann ist es an der Zeit, das Kind wieder einmal durch die «goldene Brille» zu betrachten. 

Am Anfang sind wir neugierig

Wenn ein Kind zur Welt kommt, wollen wir wissen, wer unser Kind eigentlich ist. Wir sind neugierig zu verstehen, warum das Kind weint. Bedeutet sein Schreien, dass es Hunger hat? Weint es, weil ihm langweilig ist oder weil es müde ist? Wir lernen meistens schnell, genau hinzuhören und hinzuschauen. Das Schreien der Kinder hilft uns, ihre Bedürfnisse zu erkennen und zeitnah zu erfüllen. 

«Ach so, du magst nicht, wenn dir die Tante Marina zu nah kommt? Du fühlst dich nicht mehr sicher im Moment? Komm zurück zu Papa.» Durch unser zeitnahes Handeln findet das Kind meistens schnell wieder ins Gleichgewicht. Weil wir uns über jeden kleinen Entwicklungsschritt freuen und sehr wach sind in unserer Beobachtung, entsteht eine sichere Bindung für das Kind.

Es nimmt wahr, dass es gut aufgehoben ist und dass wir es verstehen. Sind seine Bedürfnisse erfüllt, ist es kooperationsbereit und arbeitet mit uns zusammen, lernt täglich dazu und wir auch. Wir freuen uns immer wieder daran.

Erwartungen trüben die Sicht auf das Kind

Später, wenn das Kind so vier, fünf Jahre alt ist, denken wir, dass wir wissen wer unser Kind ist, was es kann und wie es sein sollte. Wir denken: «Silvia ist ein ruhiges Kind.» «Sven ist wild und hört nicht.» «Nora ist eine gute Esserin.» «Salvatore ist ein schlechter Schläfer.» «Isabelle ist eine eifersüchtige Schwester.» «Elio ist ein hilfsbereiter Junge.» Wenn diese Prophezeiungen einmal nicht zutreffen werden wir plötzlich unzufrieden, wie in den Beispielen im ersten Abschnitt beschrieben. 

Indem wir definieren, wie unser Kind ist und Erwartungen aufbauen, verlieren wir den Bezug zum Moment. Dazu, wie es dem Kind wirklich geht und zu dem, was es eigentlich braucht. Oder wir vergleichen unser Kind mit anderen und erwarten, dass es schon selber essen, mindestens schon soundso viele Wörter sprechen oder alleine spielen können sollte. Das führt dazu, dass wir aufhören, uns dafür zu interessieren, wer das Kind gerade in dieser Phase ist, was es gerade jetzt beschäftigt, was es auszeichnet, was ihm gefällt und was nicht.

Dann ist es Zeit, das Kind durch die «goldene Brille» zu betrachten. Diese Übung stammt von Johannes H. Schopp, Lehrausbilder zur Zertifizierung von Dialogprozess-Begleiter*innen und hat sich in der Praxis immer wieder bewährt.

So können Sie durch die «goldene Brille» blicken

Holen Sie Ihre «goldene Brille» hervor. Stellen Sie sich einfach vor, Sie besitzen eine grosse Brille mit einem goldenen Rahmen. Das goldgelbe Brillenglas erlaubt es Ihnen, das Kind als das zu sehen, was es ist und wie es ihm zurzeit geht. 

Im Gegensatz zur «rosaroten Brille», die unseren Blick verklärt, entsteht hier ein möglichst neutraler, wohlwollender Blick auf das Kind. Unser Interesse daran, wer unser Kind gerade ist, ohne es gleichzeitig zu bewerten, hat eine positive Wirkung auf die Haltung dem Kind gegenüber und auf das Miteinander. Diese Haltung hilft uns dabei, das Kind so anzunehmen, wie es ist. 

Zudem weckt dieser Blick oft unsere Freude am Dasein des Kindes wieder, falls diese durch schwierige Zeiten gerade etwas verschüttet ist.

Wir können diesen Blick durch die goldene Brille schärfen, indem wir uns folgende Fragen stellen:

Was macht mein Kind gern? 
Essen mit der ganzen Familie, Ausflüge, in seinem Zimmer allein spielen, unter vielen Leuten sein, malen ...

Welche Eigenschaften hat es? 
Ist es bewegungsfreudig, willensstark, ruhig, fantasievoll, hilfsbereit, an vielem interessiert, schnell, langsam? Achten Sie darauf, die Eigenschaften nicht als positiv oder negativ zu bewerten!

Was mag mein Kind überhaupt nicht? 
Fleisch, viele Leute, Katzen, Gesellschaftsspiele, Fernsehen, Fussball spielen …

Welches sind im Moment seine grössten Bedürfnisse? 
Autonomie, Nähe, Anerkennung, Gemeinschaft, Zeit, Ruhe, Neues lernen …

Was macht ihm gerade Schwierigkeiten, wo ist es herausgefordert?
Laufen lernen, Buchstaben schreiben, Lehrperson, das Tempo in der Familie, dass wir wenig gemeinsame Zeit haben, Tod von Opa …

Was tut ihm gut?
Alleine spielen, sich mit Freunden treffen, ein Wochenende ohne Pläne … 

Was tut ihm nicht gut?
Zuviel Fernsehen, dann ist es danach unruhig, mein dauernder Blick aufs Handy, dass es keine Freunde hat, meine Ungeduld …

Was freut mein Kind besonders?
Mit mir spielen, Eis essen mit Oma, wenn es etwas Schwieriges alleine geschafft hat …

Wenn Sie mögen, schreiben Sie Ihre Erkenntnisse auf. Sie können die Wirkung dieser Übung noch verstärken, indem Sie Ihrem Kind erzählen, was Sie aufgeschrieben haben. Durch das Aussprechen fühlt sich das Kind gesehen und das tut gut im Leben. Und vielleicht hilft es Ihnen sogar dabei, das Bild zu vervollständigen oder zu korrigieren.

Mir tut dieser Blick durch die »goldene Brille» immer wieder gut, vor allem, wenn ich es mit einem meiner Kinder gerade mühsam finde. Ich beobachte dabei allerdings auch, wie schnell ich anfange die Eigenschaften, Vorlieben und Erkenntnisse, mit positiv und negativ zu bewerten, obwohl ich mein Kind neutral wahrnehmen will. 

Wie ist es Ihnen gerade ergangen damit? Wie wäre es, wenn Sie gelegentlich auch Ihren Partner, Ihre Partnerin durch die goldene Brille betrachten, oder sich selber? Ich freue mich über Rückmeldungen in den Kommentaren oder per Mail

Erziehungsberaterin Maya Risch.

Praxis für Beziehungskompetenz, Zürich

Die Familienberaterin, Familylab Seminarleiterin und Waldkindergärtnerin Maya Risch lebt mit ihren zwei Söhnen und ihrem Mann in Zürich-Oerlikon. In einer individuellen Eltern- bzw. Familienberatung oder in Gruppentreffen bietet sie Eltern die Möglichkeit, zu erfahren, wie sie mit Unsicherheiten, Wut und Konflikten umgehen können und zeigt neue Perspektiven im Umgang mit Stolpersteinen im Familienalltag auf. 

«Tut Wut gut?» Umgang mit Aggressionen in der Familie
Impulsvortrag und Austausch
11. März, 19 bis 21 Uhr

Themenabend: Eltern im Dialog, nach Jesper Juul
Maya Risch vermittelt in einem Fachinput wichtige Aspekte zum Thema. Der anschliessende offene Austausch hilft, neue Perspektiven zu finden.
«Mut zu persönlichen Grenzen»: 24. März, 19.30 bis 21.30 Uhr

«Kinder werden Jugendliche – neue Herausforderungen»
Workshop
28. April, 19.30 bis 21.30 Uhr

Weitere Infos unter www.mayarisch.ch und auf Facebook

Anmeldung und Fragen: kontakt@mayarisch.ch