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Wenn Angststörungen Jugendliche ständig ausbremsen

Angst ist ein natürliches und wichtiges Gefühl, denn sie schützt vor zahllosen Gefahren. Doch wenn Angst sich verselbstständigt, wird sie krankhaft und belastend. Angststörungen können Jugendliche in ihrer Entwicklung stark einschränken.

Angststörungen können Jugendliche stark ausbremsen.

Eltern sind oft mit der Frage überfordert, ob die Ängste ihres Teenagers seinem Alter entsprechen oder krankhaft sind. Bild: jupiterimages, Creatas, Thinkstock. 

Beängstigende Szenarien spielen sich im Kopf ab. Adrenalin schiesst ins Blut. Das Herz pocht, die Atmung wird schneller, der Körper spannt sich an, Schweissperlen bilden sich. Der Körper ist nun hellwach und – als wäre noch immer Steinzeit – bereit zu flüchten oder zu kämpfen. Angst ist ein Gefühl, das zum Leben gehört. Angst ist sogar lebensnotwendig. Denn sie warnt vor Bedrohungen und spornt an, Gegenmassnahmen einzusetzen. Furcht vor Dunkelheit, vor bestimmten Tieren, vor Fremden, Angst davor, sich zu verlaufen oder verlassen zu werden, hat der Menschheit beim Überleben geholfen.

Wenn aus Angst bei Jugendlichen eine Angststörung wird

Angst kann sich aber verselbstständigen und so gross werden, dass sie hemmt. «Wenn Ängste besonders stark auftreten, über mehrere Monate anhalten und die normale Entwicklung des Kindes beeinträchtigen, spricht man von einer Angststörung», erklären die Neurologen und Psychiater im Netz. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Vermutet wird, dass etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Starke Ängste sind ein schwer wiegendes Problem. Sie stören den Alltag erheblich und nehmen viel Lebensqualität

«Von einer Angststörung wird dann gesprochen, wenn die Ängste zu einem erheblichen Leidensdruck führen, die Lebensweise des Kindes stark und anhaltend beeinträchtigen, langfristig die normale Entwicklung des Kindes verhindern oder Probleme in der Familie oder in anderen Lebensbereichen (zum Beispiel Schule) auslösen.»

- Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie

Phobien

Begriffe wie «Spinnenphobie», «Hundephobie» und «Platzangst» hat sicher jeder schon einmal gehört. Und fast jeder kennt einen Menschen, der eine solche spezielle Angst, eine Phobie, hat. Das Krankhafte an extremen Ängsten vor bestimmten Situationen, Gegenständen oder Tieren ist, dass die Angst unbegründet ist. Der Schweizerischen Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie zufolge sind die häufigsten Angstinhalte bei den 12- bis 17-Jährigen Angst vor Blut, Tieren, Naturkatastrophen, engen Räumen und Höhen.

«Treten die Ängste in sozialen Situationen auf, wie zum Beispiel vor der Schulklasse sprechen, auf Klassenfeste gehen, handelt es sich um eine soziale Phobie», so die Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie. Dahinter steckt die Angst, sich zu blamieren. Jugendliche, die unter einer sozialen Phobie leiden, sind besonders schüchtern. Ihnen fehlt die Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen. Auch die Agoraphobie tritt erst im Jugendalter auf. Sie zeigt sich in Angst vor Menschenmassen, grösserer Entfernung von zu Hause und kann sich in einer Panikattacke bemerkbar machen.

Generalisierte Angststörung

Oft richten sich Ängste nicht auf einen bestimmten Lebensbereich, sondern sind diffus oder betreffen verschiedene Auslöser, denen der Jugendliche möglichst aus dem Weg geht. Die Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie erklärt: «Kinder und Jugendliche mit einer Generalisierten Angststörung machen sich übermässig starke oder unbegründete und nicht kontrollierbare Sorgen über verschiedene, alltägliche Dinge.» Typisch seien zum Beispiel Sorgen über Kleinigkeiten wie Unpünktlichkeit, Sorgen darüber, sich richtig zu verhalten, gut genug in der Schule oder im Sport zu sein oder genug Freunde zu haben. Betroffenen Jugendlichen gelingt es nicht, aus sich heraus Kraft zu schöpfen, denn sie haben oft nur ein geringes Selbstwertgefühl. Sie sind angespannt, schlafen schlecht und können sich kaum konzentrieren.

Zwangsstörungen

Zwangsstörungen entwickeln sich meist schon früh, in der Kindheit oder Jugend. «Die Patienten erleben quälende aufdringliche Gedanken und fühlen sich zu unsinnigen Verhaltensweisen wie exzessivem Waschen, Putzen, Zählen, Wiederholen und Kontrollieren gedrängt», so beschreibt das Klinikum Heidelberg den Leidensdruck der betroffenen jungen Menschen. «Wenn ich mir nicht die Hände wasche, wenn ich den Lichtschalter berührt habe, werde ich eine schlimme Krankheit bekommen», kann zum Beispiel ein Zwangsgedanke sein, der die Zwangshandlung, nämlich das Händewaschen, zur Folge hat. Neben Wasch- und Reinigungsritualen können sich Zwangsstörungen auch in ständigem Kontrollieren, Ordnen und Sortieren, Sammeln und Zählen äussern.

Ursachen von Angststörungen

Wie Angststörungen entstehen, ist bis heute noch nicht genau geklärt. Verschiedene Ursachen scheinen zusammen zu wirken. Offenbar gibt es eine genetische Neigung. «Als belegt gilt eine familiäre Häufung von Angststörungen, wobei weibliche gegenüber männlichen Angehörigen ein doppelt erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Angststörung haben», erklären die Neurologen und Psychiater im Netz. Ob sich eine Angststörung entwickelt, entscheidet auch die Erziehung. Als Risikofaktor gelten Überbehütung, starke Kontrolle und wenig emotionale Nähe.

Normal oder nicht normal?

Eltern sind oft mit der Frage überfordert, ob die Ängste ihres Teenagers seinem Alter entsprechen oder krankhaft sind. Diese Frage zu beantworten, fällt umso schwerer, je mehr der Teenager versucht, seine Ängste zu verbergen. Körperliche Angstsymptome wie Herzklopfen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen lassen sich nicht von aussen erkennen, genau so wenig wie Angst machende Gedanken. Eltern können daher allenfalls das Verhalten ihres Teenagers beurteilen. Jugendliche, die bestimmte Situationen unbedingt vermeiden wollen, immer wieder aggressiv reagieren, erstarren oder sich zurückziehen, könnten unter einer Angststörung leiden. Schlägt der Jugendliche Einladungen aus und hält sich am liebsten allein im eigenen Zimmer auf? Dann drängt sich der Verdacht einer sozialen Phobie auf. Ob sich Ängste im normalen Bereich befinden oder nicht, kann aber nur der Facharzt für Psychiatrie oder der Psychotherapeut entscheiden. Dafür führt er ein ausführliches Gespräch mit Eltern und Jugendlichem und wertet Fragebögen aus.

Therapien gegen Angststörungen

Psychotherapie und Verhaltenstherapie heissen die üblichen Therapien, die umso mehr Erfolg haben, je früher sie ansetzen. Ziel dieser Therapien ist es, betroffenen Jugendlichen zu helfen, Angstauslöser als weniger bedrohlich zu empfinden. Darüber hinaus sollen sie Strategien entwickeln, die ihnen helfen, sich der Situation, vor der sie Panik haben, erfolgreich zu stellen. Auch gilt es, ungünstige Eltern-Kind-Interaktionen, die Ängste aufrechterhalten, zu verändern. Leiden vielleicht auch die Eltern unter einer Angststörung? Dann sollte auch bei ihnen therapeutisch angesetzt werden. Entspannungstraining wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und Atemtechnik kann die Therapie unterstützen.

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