Kind > JugendlicheWenn Angststörungen Jugendliche ständig ausbremsen Sigrid Schulze Angst ist ein natürliches und wichtiges Gefühl, denn sie schützt vor zahllosen Gefahren. Doch wenn Angst sich verselbstständigt, wird sie krankhaft und belastend. Angststörungen können Jugendliche in ihrer Entwicklung stark einschränken. Kommentare Teilen Facebook X / Twitter WhatsApp E-Mail Merken Eltern sind oft mit der Frage überfordert, ob die Ängste ihres Teenagers seinem Alter entsprechen oder krankhaft sind. Bild: jupiterimages, Creatas, Thinkstock. Beängstigende Szenarien spielen sich im Kopf ab. Adrenalin schiesst ins Blut. Das Herz pocht, die Atmung wird schneller, der Körper spannt sich an, Schweissperlen bilden sich. Der Körper ist nun hellwach und – als wäre noch immer Steinzeit – bereit zu flüchten oder zu kämpfen. Angst ist ein Gefühl, das zum Leben gehört. Angst ist sogar lebensnotwendig. Denn sie warnt vor Bedrohungen und spornt an, Gegenmassnahmen einzusetzen. Furcht vor Dunkelheit, vor bestimmten Tieren, vor Fremden, Angst davor, sich zu verlaufen oder verlassen zu werden, hat der Menschheit beim Überleben geholfen. Welche Angst ist typisch – und welche nicht? Entwicklungsängste vs. Angststörung Viele Ängste sind in bestimmten Phasen normal: vor Ablehnung in der Peer-Gruppe, vor peinlichen Situationen, vor Prüfungen oder davor, «nicht zu genügen». Entscheidend ist weniger das Thema der Angst – sondern wie sehr sie den Alltag einschränkt. Als Warnsignale gelten besonders: Dauer: Die Angst hält über Wochen und Monate an, statt in Wellen zu kommen und wieder abzuflauen. Intensität: Die Angst ist sehr stark, tritt häufig auf oder führt zu Panik. Vermeidung: Dein Kind meidet immer mehr Situationen (Schule, ÖV, Treffen), wodurch kurzfristig Erleichterung entsteht, langfristig aber die Angst «lernt»: Vermeidung hilft – und wird stärker. Leidensdruck & Funktion: Schlaf, Konzentration, Leistung, Stimmung oder Familienleben leiden deutlich. Körperliche Symptome Angst zeigt sich bei Jugendlichen oft körperlich – manchmal stärker als über Worte. Häufige Beschwerden sind Herzrasen, Zittern, Enge in der Brust, Schwindel, Übelkeit, Bauchweh, Kopfschmerzen oder das Gefühl, «nicht richtig atmen zu können». Diese Symptome sind real und beängstigend, aber sie bedeuten nicht automatisch Gefahr für den Körper. Wichtig ist: Wenn Beschwerden neu sind, sehr stark auftreten oder dein Kind zusätzlich z. B. Ohnmacht, starke Brustschmerzen oder anhaltende Atemnot hat, lass es medizinisch abklären – parallel zur psychischen Unterstützung. Wenn aus Angst bei Jugendlichen eine Angststörung wird Angst kann sich aber verselbstständigen und so gross werden, dass sie hemmt. «Wenn Ängste besonders stark auftreten, über mehrere Monate anhalten und die normale Entwicklung des Kindes beeinträchtigen, spricht man von einer Angststörung», erklären die Neurologen und Psychiater im Netz. Angststörungen gehören zu den häufigsten psychischen Störungen bei Kindern und Jugendlichen. Vermutet wird, dass etwa zehn Prozent der Kinder und Jugendlichen betroffen sind. Starke Ängste sind ein schwer wiegendes Problem. Sie stören den Alltag erheblich und nehmen viel Lebensqualität. «Von einer Angststörung wird dann gesprochen, wenn die Ängste zu einem erheblichen Leidensdruck führen, die Lebensweise des Kindes stark und anhaltend beeinträchtigen, langfristig die normale Entwicklung des Kindes verhindern oder Probleme in der Familie oder in anderen Lebensbereichen (zum Beispiel Schule) auslösen.» - Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie Phobien Begriffe wie «Spinnenphobie», «Hundephobie» und «Platzangst» hat sicher jeder schon einmal gehört. Und fast jeder kennt einen Menschen, der eine solche spezielle Angst, eine Phobie, hat. Das Krankhafte an extremen Ängsten vor bestimmten Situationen, Gegenständen oder Tieren ist, dass die Angst unbegründet ist. Der Schweizerischen Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie zufolge sind die häufigsten Angstinhalte bei den 12- bis 17-Jährigen Angst vor Blut, Tieren, Naturkatastrophen, engen Räumen und Höhen. «Treten die Ängste in sozialen Situationen auf, wie zum Beispiel vor der Schulklasse sprechen, auf Klassenfeste gehen, handelt es sich um eine soziale Phobie», so die Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie. Dahinter steckt die Angst, sich zu blamieren. Jugendliche, die unter einer sozialen Phobie leiden, sind besonders schüchtern. Ihnen fehlt die Sicherheit im Umgang mit anderen Menschen. Auch die Agoraphobie tritt erst im Jugendalter auf. Sie zeigt sich in Angst vor Menschenmassen, grösserer Entfernung von zu Hause und kann sich in einer Panikattacke bemerkbar machen. Generalisierte Angststörung Oft richten sich Ängste nicht auf einen bestimmten Lebensbereich, sondern sind diffus oder betreffen verschiedene Auslöser, denen der Jugendliche möglichst aus dem Weg geht. Die Schweizerische Gesellschaft für kognitive Verhaltenstherapie erklärt: «Kinder und Jugendliche mit einer Generalisierten Angststörung machen sich übermässig starke oder unbegründete und nicht kontrollierbare Sorgen über verschiedene, alltägliche Dinge.» Typisch seien zum Beispiel Sorgen über Kleinigkeiten wie Unpünktlichkeit, Sorgen darüber, sich richtig zu verhalten, gut genug in der Schule oder im Sport zu sein oder genug Freunde zu haben. Betroffenen Jugendlichen gelingt es nicht, aus sich heraus Kraft zu schöpfen, denn sie haben oft nur ein geringes Selbstwertgefühl. Sie sind angespannt, schlafen schlecht und können sich kaum konzentrieren. Zwangsstörungen Zwangsstörungen entwickeln sich meist schon früh, in der Kindheit oder Jugend. «Die Patienten erleben quälende aufdringliche Gedanken und fühlen sich zu unsinnigen Verhaltensweisen wie exzessivem Waschen, Putzen, Zählen, Wiederholen und Kontrollieren gedrängt», so beschreibt das Klinikum Heidelberg den Leidensdruck der betroffenen jungen Menschen. «Wenn ich mir nicht die Hände wasche, wenn ich den Lichtschalter berührt habe, werde ich eine schlimme Krankheit bekommen», kann zum Beispiel ein Zwangsgedanke sein, der die Zwangshandlung, nämlich das Händewaschen, zur Folge hat. Neben Wasch- und Reinigungsritualen können sich Zwangsstörungen auch in ständigem Kontrollieren, Ordnen und Sortieren, Sammeln und Zählen äussern. Ursachen von Angststörungen Wie Angststörungen entstehen, ist bis heute noch nicht genau geklärt. Verschiedene Ursachen scheinen zusammen zu wirken. Offenbar gibt es eine genetische Neigung. «Als belegt gilt eine familiäre Häufung von Angststörungen, wobei weibliche gegenüber männlichen Angehörigen ein doppelt erhöhtes Risiko für die Entstehung einer Angststörung haben», erklären die Neurologen und Psychiater im Netz. Ob sich eine Angststörung entwickelt, entscheidet auch die Erziehung. Als Risikofaktor gelten Überbehütung, starke Kontrolle und wenig emotionale Nähe. Ergänzend wissen Fachleute heute: Angststörungen entstehen meist aus einem Zusammenspiel von Veranlagung, Lernerfahrungen (z. B. Vermeidung wird kurzfristig belohnt), Stressbelastung (Schule, Schlafmangel, Daueranspannung), sowie körperlichen Faktoren wie hoher Grundanspannung. Das ist wichtig, weil es entlastet: Eine Angststörung ist kein «Charaktermangel» und keine «fehlende Willenskraft» – und sie ist behandelbar. Normal oder nicht normal? Eltern sind oft mit der Frage überfordert, ob die Ängste ihres Teenagers seinem Alter entsprechen oder krankhaft sind. Diese Frage zu beantworten, fällt umso schwerer, je mehr der Teenager versucht, seine Ängste zu verbergen. Körperliche Angstsymptome wie Herzklopfen, Bauchschmerzen und Kopfschmerzen lassen sich nicht von aussen erkennen, genau so wenig wie Angst machende Gedanken. Du kannst daher oft nur das Verhalten deines Teenagers beobachten. Jugendliche, die bestimmte Situationen unbedingt vermeiden wollen, immer wieder aggressiv reagieren, erstarren oder sich zurückziehen, könnten unter einer Angststörung leiden. Schlägt dein Kind Einladungen aus und hält sich am liebsten allein im eigenen Zimmer auf? Dann drängt sich der Verdacht einer sozialen Phobie auf. Ob sich Ängste im normalen Bereich befinden oder nicht, kann aber nur ein:e Fachärzt:in für Psychiatrie oder ein:e Psychotherapeut:in entscheiden. Dafür führt er:sie ein ausführliches Gespräch mit dir und deinem Kind und wertet Fragebögen aus. Eltern-Tools, die wissenschaftlich gut passen Validieren + kleine Exposition statt «Vermeidung mitfüttern» Wenn dein Kind Angst hat, ist der Impuls verständlich: beschützen, beruhigen, rausnehmen. Kurzfristig hilft das – langfristig kann es aber die Angst stärker machen, weil dein Kind lernt: «Ich schaffe es nicht ohne Rettung.» In der kognitiven Verhaltenstherapie gilt deshalb: Gefühle ernst nehmen und schrittweise wieder Handlungsspielraum aufbauen. So kannst du das im Alltag umsetzen: Validieren: «Ich sehe, dass dich das gerade richtig stresst.» (nicht: «Das ist doch nicht schlimm.») Neugierig fragen: «Wovor genau warnt dich die Angst? Was ist das schlimmste Bild im Kopf?» Kleinster machbarer Schritt: Statt «Du musst da jetzt durch» lieber: «Was wäre heute ein 5%-Schritt?» Vermeidung erkennen: Viele Umwege (nicht mehr Bus fahren, nicht mehr in die Pause gehen, nur noch zuhause bleiben) sind oft der Motor, der Angst am Leben hält. Erfolge sichtbar machen: Kurz notieren: Was hat dein Kind trotz Angst geschafft? Das stärkt Selbstwirksamkeit. «Angst-Plan» für Schule/ÖV/Soziales Ein Plan entlastet, weil dein Kind nicht erst im Stress überlegen muss. Wichtig: Der Plan soll unterstützen, aber nicht dauerhaft vermeiden. Beispiele: Schule: Vereinbarung mit Klassenlehrer:in: kurzes Signal, kurzer «Reset» (z. B. 2 Minuten auf den Gang), dann zurück. Ziel ist Rückkehr, nicht Heimschicken. ÖV: Expositionsleiter: 1 Station mit dir → 2 Stationen → allein eine Station, du wartest am Ziel → allein zur Schule. Mit festen Übungszeiten. Soziales: Erst 20 Minuten am Anlass bleiben → 30 Minuten → 45 Minuten. Optional «Buddy» abmachen (eine Person, die Halt gibt). Panikattacke: Schritt-für-Schritt Panikattacken wirken dramatisch, sind aber meist nicht gefährlich. Sie erreichen typischerweise nach einigen Minuten einen Höhepunkt und klingen dann ab. Ziel ist nicht, die Angst «wegzudrücken», sondern dem Körper zu helfen, wieder runterzufahren. Panikattacke – Erste Hilfe daheim 1. Benennen: «Das ist eine Panikattacke. Sie ist unangenehm, aber sie geht vorbei.» 2. Atmung stabilisieren: Ruhig und langsam ausatmen (Ausatmen etwas länger als Einatmen). Kein hastiges «Tief einatmen», das kann Schwindel verstärken. 3. Grounding: 5 Dinge sehen, 4 Dinge fühlen, 3 Dinge hören, 2 Dinge riechen, 1 Sache schmecken. 4. Körper entlasten: Schultern senken, Füsse am Boden spüren, etwas trinken, wenn möglich kurz sitzen. 5. Nachbesprechen (später): «Was hat geholfen? Was war der kleinste Schritt, der wieder Kontrolle gab?» Wichtig: Wenn dein Kind erstmals starke körperliche Symptome hat oder du unsicher bist, ob es «nur» Panik ist, lass es ärztlich abklären. Und wenn dein Kind sagt, es wolle nicht mehr leben oder du Suizidgedanken vermutest, hol sofort professionelle Hilfe. Therapien gegen Angststörungen Psychotherapie und Verhaltenstherapie heissen die üblichen Therapien, die umso mehr Erfolg haben, je früher sie ansetzen. Ziel dieser Therapien ist es, betroffenen Jugendlichen zu helfen, Angstauslöser als weniger bedrohlich zu empfinden. Darüber hinaus sollen sie Strategien entwickeln, die ihnen helfen, sich der Situation, vor der sie Panik haben, erfolgreich zu stellen. Auch gilt es, ungünstige Eltern-Kind-Interaktionen, die Ängste aufrechterhalten, zu verändern. Leiden vielleicht auch die Eltern unter einer Angststörung? Dann sollte auch bei ihnen therapeutisch angesetzt werden. Entspannungstraining wie Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und Atemtechnik kann die Therapie unterstützen. Nach heutigem Stand ist die kognitive Verhaltenstherapie mit Expositionsübungen eine der am besten belegten Behandlungsformen bei Angststörungen im Kindes- und Jugendalter. Je nach Schweregrad können zusätzlich digitale Elemente (z. B. angeleitete Übungen zwischen den Sitzungen) sinnvoll sein. Medikamente können in bestimmten Situationen eine Option sein, insbesondere wenn die Angst sehr schwer ist oder eine Psychotherapie allein nicht ausreicht – das gehört in die Hand einer spezialisierten Ärzt:in und wird gemeinsam mit dir und deinem Kind sorgfältig abgewogen. Hilfe in der Schweiz Abklärung & Therapieformen Wenn du den Verdacht hast, dass dein Kind an einer Angststörung leidet, ist eine frühzeitige Abklärung sinnvoll. Erste Anlaufstellen können sein: Hausärzt:in oder Kinderärzt:in (körperliche Abklärung, Überweisung, Koordination) Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste (KJPD) / Kinder- und Jugendpsychiatrie (Diagnostik, Psychotherapie, bei Bedarf medikamentöse Mitbehandlung) Schulpsychologischer Dienst (Einordnung, Unterstützung im Schulsetting, Triage) In der Behandlung steht in der Regel Psychotherapie im Vordergrund, besonders KVT/CBT mit Exposition, ergänzt durch Arbeit an Schlaf, Stressregulation und familiären Mustern, die unbeabsichtigt Vermeidung verstärken. Wenn dein Kind zusätzlich eine Depression entwickelt oder sich stark zurückzieht, ist rasches Handeln besonders wichtig.