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Als Au-Pair in England: «Ich wurde ins kalte Wasser geworfen!»

Vor dem Einstieg ins Berufsleben oder Studium interessieren sich viele Jugendliche für einen Sprachaufenthalt im Ausland. Natalie König hat den Sprung ins kalte Wasser gewagt und erzählt im Gespräch mit familienleben, weshalb sie sich nach drei Monaten als Au-Pair dazu entschied, gleich in England zu bleiben.

Auslandaufenthalt in England

Natalie hat mit England eine neue Heimat gefunden. Bild: Privat

«Die Internetverbindung ist manchmal ganz schön schlecht hier», entschuldigt sich Natalie und macht es sich mit ihrem Laptop auf der Couch gemütlich. Wir telefonieren über Skype. Das Bild wird immer wieder unterbrochen, die Stimme rauscht manchmal. Mit «hier» meint sie ein kleines Reihenhaus in Bradley Stoke, einem Vorort der englischen Stadt Bristol. Die Nachbarschaft ist typisch britisch: Rote Backsteinhäuser reihen sich aneinander – mit weissen Türen, schwarzen Schornsteinen und kleinen Gärtchen. Da pflanzt man wetterbeständige Blumen, friert im Winter gehörig und kennt die Nachbarn beim Vornamen. Auch Autos dürfen auf den Parkplätzen der Cottages nicht fehlen, denn ohne fahrbaren Untersatz kommt man in Bradley Stoke nicht weit. «Wir haben keine Läden, Pubs oder Bars in der Nähe, weshalb wir auf ein Auto angewiesen sind», sagt Natalie. Mit einem Lächeln im Gesicht betrachtet sie ihr kleines Reich. «Wir haben hier ein neues Zuhause gefunden.»

Doch weshalb kehrt eine gebürtige St. Gallerin der Schweiz den Rücken und entscheidet sich für das britische Landleben? «Das ist eine wirklich gute Geschichte, die mit einer Entscheidung beginnt, die mein Leben veränderte.»

Au-Pair im Ausland: Eine neue Herausforderung

Im März 2006 entschied sich Natalie dafür, im folgenden Herbstsemester ein Anglistikstudium an der Universität Zürich zu beginnen. Wie sie die Monate bis zum Studienbeginn überbrücken wollte, war sofort klar: «Ich wollte unbedingt als Au-Pair ins Ausland! » Ihre Augen strahlen, während sie das sagt.

Schon ihre Mutter hatte sich im gleichen Alter für einen Sprachaufenthalt als Au-Pair entschieden und konnte ihr nur Positives über die Erfahrung im Ausland berichten. In England würde sie nicht nur ihr Englisch verbessern, sondern auch Lebenserfahrung sammeln und neue Leute kennenlernen. Nach der gründlichen Recherche im Internet konnte die Ortschaft Salisbury das Rennen für sich entscheiden. Im Süden Englands wird ein akzentfreies «Queen‘s English» gesprochen und im Notfall wäre die Schweiz in wenigen Stunden erreichbar.

Familiensuche im Internet

Ihre zukünftige Gastfamilie hat Natalie selbstständig auf aupair-world.net gesucht. Im Nachhinein vielleicht etwas unvorsichtig: «Das Internetportal bietet weder einen Vertrag, noch Rechte bezüglich Arbeitszeiten oder Lohn. Mit meiner Familie hatte ich sehr viel Glück – ich hätte mir keine bessere wünschen können!» Per E-Mail kontaktierte sie ihre zukünftige Gastmutter Kate, die Natalie nur wenig später eine Zusage schickte. Ein unvergessliches Abenteuer sollte beginnen.

Einleben im neuen Zuhause

Vorbereitet habe sie sich wenig, gibt die St. Gallerin zu. Mit im Koffer waren warme Kleider, ein Regenschirm und eine Menge klischeehafter Vorstellungen. «Ich erwartete viel Schwarztee mit Milch und wurde nicht enttäuscht», erzählt sie und nippt dabei an ihrer Tasse mit – raten Sie mal – Schwarztee und Milch. Aber nicht alle Klischees bewahrheiteten sich: «Immer wieder hört man, dass das Essen in England schrecklich ist – eine völlig überholte Vorstellung! An das Frühstück mit Würstchen und Eiern gewöhnt man sich schnell und auch Pubs servieren in der Regel sehr gutes Essen.» Noch heute bereitet Natalie gerne traditionell-englische Gerichte wie  Kedgeree (Reisgericht mit Fisch) zu, welche sie vor Jahren ihren Gastkindern servierte.

Auslandaufenthalt in England

Natalies neues Zuhause in England. Bild: Privat

Das neue Zuhause in Salisbury gefiel ihr auf Anhieb. Das typisch englische Landhaus der Gastfamilie hatte einen riesigen Garten und sieben Zimmer. Die Gästezimmer wurden als Bed & Breakfast umfunktioniert, weshalb auch Natalie vorerst ein schön eingerichtetes Zimmer mit Kingsize-Bett, Pult, Fernseher und eigenem Badezimmer erhielt. Später wurden die wechselnden Gäste aber durch feste Untermieter ersetzt und Natalie zog in ein viel kleineres Zimmer im Estrich. «Da wurde mir zum ersten Mal bewusst, wie kalt es in England sein kann. Da ich keine Heizung hatte, setzte sich das Eis bald sogar auf der Innenseite meines Fensters ab!» Bei der Frage, ob dies ein Problem war, muss sie nur lachen. Das sonnige Gemüt ging auch im regnerischen England nicht verloren.

«Thrown In At The Deep End» - Ein Sprung ins kalte Wasser

Natalies Gastfamilie bestand nicht nur aus den Gasteltern, den Kindern Emily (5) und Kitty (15 Monate), sondern auch aus zwei Labradors, drei Katzen und vier Hühnern. In der ersten Woche als Au-Pair gab es viel Neues zu lernen: die Betreuung der Kinder, das Autofahren auf der linken Strassenseite, die Zubereitung des Frühstücks und viele weitere Hausarbeiten. «In der Schweiz hat das immer meine Mutter gemacht. In England wurde ich ins kalte Wasser geworfen oder ‚thrown in at the deep end‘, wie man hier sagt. Dafür hatte ich wegen der vielen Ablenkung kein Heimweh. Das war für meine Eltern viel schlimmer!»

Probleme gab es am Anfang vor allem mit Emily: «Da mein Englisch noch nicht so gut war, wollte sie mir manchmal einfach nicht gehorchen. Nach ein paar Wochen hatte ich dann aber glücklicherweise genügend Autorität.» Natalie brachte die Kinder zur Schule, kochte und unternahm mit ihnen Wochenendausflüge im Süden Englands. Auch zu ihrer Gastmutter Kate hatte sie eine sehr enge Beziehung. Die beiden gingen zusammen ins Fitnessstudio, borgten sich gegenseitig Kleider und sprachen offen über Probleme. Dies wurde vor allem wichtig, als sich die Gasteltern überraschenderweise trennten. «Ich tröstete Kate und erklärte den Kindern, weshalb ihr Daddy nicht mehr Zuhause wohnt. Das hat uns sehr zusammengeschweisst», erinnert sich Natalie.

Wie drei Monate zu eineinhalb Jahren wurden

Ursprünglich war nur ein dreimonatiger Sprachaufenthalt geplant, aber abgesehen von ihrer Gastfamilie gab es noch etwas anderes, das Natalie am Gehen hinderte: Sie hatte sich verliebt; Rosamunde Pilcher lässt grüssen! Doch auch für dieses Problem gab es eine Lösung. Nach stundelangem Hin- und Herüberlegen und Gesprächen mit ihrer Schweizer Familie entschied Natalie sich, ihren Auslandsaufenthalt um ein Jahr zu verlängern und zwei Sprachkurse zu absolvieren. Auch Kate begrüsste diese Entscheidung und war froh um die zusätzliche Hilfe. Im folgenden Jahr besuchte Natalie an zwei Vormittagen Sprachkurse. Sie absolvierte das First wie auch Advanced Certificate und kehrte erst im Herbst 2007, ein Jahr später als geplant, zurück um ihr Anglistikstudium zu beginnen.

Auslandaufenthalt in England

Natalie und ihr Freund Simon aus England. Bild: Privat

Ein Abschied und ein Wiedersehen

«Der Abschied von meiner Gastfamilie und den neu gewonnenen Freunden aus aller Welt fiel mir extrem schwer. Ich habe während des ganzen Heimflugs geweint, doch wenigstens gab es ein Trostpflaster: Es war bereits geplant, dass mein Freund kurze Zeit später in die Schweiz auswandern würde», erinnert sich Natalie zurück. In den folgenden drei Jahren wohnte sie zusammen mit Simon in einer Wohnung in Zürich und Natalie machte ihren Bachelor. Leider sprach Simon nur wenige Worte Deutsch. Schliesslich war die Sprachbarriere so gross, dass sich Natalie vor einem Jahr dafür entschied, ihren Master in England zu machen. Erneut wurden Koffer gepackt, Tränen vergossen und Abschiede zelebriert.

«Natürlich vermisse ich die Schweiz oft», gibt sie zu, «der öffentliche Verkehr und das Schulsystem sind um einiges besser organisiert und natürlich lebt auch noch der grösste Teil meiner Freunde dort. Am meisten fehlt mir aber mein Fussballteam.» Und trotzdem hat der Umzug auch Vorteile: Die Menschen in England seien entspannter, spontaner und sehr freundlich. «Wenn einem jemand auf den Fuss tritt, entschuldigt sich die Person dreimal und in der Schlange vor der Toilette kommen immer wieder lustige Gespräche mit Fremden zustande.» Obwohl Natalie und Simon sicher noch eine Weile in England bleiben wollen, sehen sie die längerfristige Zukunft in der Schweiz. «Für Simon ist das gar kein Problem. Er vermisst unser Leben in Zürich sogar mehr als ich! Ihm gefällt die Stadt und der vergleichsweise hohe Lohn», sagt  Natalie und lacht. Auf die Frage, welches der beiden Länder sie jetzt als ihr Zuhause bezeichnen würde, zuckt sie nur mit den Schultern. «Muss ich mich denn wirklich entscheiden? Es ist doch viel schöner, sein Herz an zwei Orten zu haben.»