Wenn's im Gesicht zu spriessen beginnt

Die einen haben mehr, die anderen weniger: Der Bartwuchs lässt manche Jugendlichen an ihrer Männlichkeit zweifeln. Eine haarige Angelegenheit, die aber keine zu sein braucht. 

Bartwuchs: Die einen haben mehr, die anderen weniger

Kein Junge mehr, sondern ein Mann: Macht der Bart den Unterschied? Bild: Instagram, sheamus5000. 

Im Jahresrückblick veröffentlichte Google Schweiz eine Liste der beliebtesten Suchanfragen 2016. Überrascht hat dabei vor allem ein Resultat: Nummer eins in der Kategorie der «Wie mache...»-Fragen ist «Wie mache ich es, dass mein Bart gleichmässig wächst?». Offensichtlich beschäftigt der Bart die Schweizer Männer, hat doch die Gesichts-Frisur in den letzten Jahren eine Art Revival erlebt.

Mehr als ein Accessoire

Für viele Männer ist der Bart mehr als ein modisches Nice-to-Have. In ihren Gesichtern wächst er heran als pars pro toto für die Männlichkeit. Eine Studie der deutschen Soziologin Christina Wietig zur Kulturgeschichte des Bartes scheint dies zu bestätigen: Wietig fand bei der Befragung von rund 500 männlichen Studienteilnehmern im Alter zwischen 16 und 29 Jahren heraus, dass der Bart als Symbol von urwüchsiger Männlichkeit wirke. Da mit dem ersten pubertären Flaum auch die sexuelle Triebkraft erwacht, wird hingegen mit spärlich behaarten Gesichtern mangelnde Potenz assoziiert. Folglich leidet das Selbstbewusstsein mancher Männer unter ihrem unregelmässigen Bartwuchs.

Und die Jugendlichen? Sie zweifeln an sich selbst, wenn der Mitschüler bereits einen kratzigen Dreitagebart spazieren führt und bei ihnen selbst gerade mal feiner Flaum zu sehen ist. Sie zweifeln daran, ob ein Bart oder ein glattes Gesicht beim anderen Geschlecht besser ankommt und daran, ob ihnen nicht doch häufiges Rasieren den ersehnten Bartsegen beschert. Um mit dieser Unsicherheit aufzuräumen, hier nun ein paar Fakten.

Wann beginnt bei Jungen der Bartwuchs?

Genau so wie der Umstand, dass wann bei Jugendlichen die Pubertät beginnt, unterschiedlich ist, variiert von Gesicht zu Gesicht, wann der Bartwuchs einsetzt. Während der Pubertät führen männliche Sexualhormone wie das Testosteron bei Jungen zu Wachstumsschüben, prägen die sekundären Geschlechtsmerkmale und sind verantwortlich für die zunehmende Körperbehaarung. Laut dem UNESCO-Paper zur jugendlichen Fortpflanzungsgesundheit, beginnen Gesichtshaare dann zu spriessen, wenn der Wuchs der Achsel- und Schambehaarung einsetzt. In der Regel sei das zwischen dem dreizehnten und achtzehnten Lebensjahr. Zunächst bildet sich ein weicher Flaum auf der Oberlippe, der zunehmend in härtere Bartstoppeln übergeht. Nach und nach verdichtet sich die Behaarung um Kinn und Hals und breitet sich zum Schluss auf den Wangen aus. Erst dann - und bis dahin können einige Jahre vergehen - haben Jugendliche per Definition einen Bart.

Beeinflusst häufiges Rasieren den Bartwuchs?

Jeder 13-jährige, der seinen Flaum mit Papas Rasierer zum Vollbart zu veredeln versucht, wird letztlich enttäuscht. Leider auch alle, die älter als dreizehn sind. Dass häufiges Rasieren den Bartwuchs beschleunigt und die Haare dunkler und dicker macht, ist ein Irrtum, der sich hartnäckig hält. Die nachwachsenden Stoppeln sind zwar auffälliger als die flach anliegenden Härchen vor der Rasur. Dies liegt jedoch daran, dass die mittig abgeschnittenen Haare kräftiger sind und nicht mehr fransig spitz zulaufen. Bei der Rasur kommt man mit der Haarwurzel, die für Wuchs und Qualität des Barthaarhaars verantwortlich ist, gar nicht in Kontakt.

Zunächst die gute Nachricht: Nach Ende der Pubertät verändert sich der männliche Hormonhaushalt wieder. Die Chancen stehen also gut, dass sich anfangs zwanzig noch manche Lücke im Gesichtshaar schliesst. Den Testosteronspiegel dem Bartwuchs zuliebe künstlich zu steigern, ist aber keine gute Idee, wie der Hamburger Hautarzt und Haarspezialist Frank-Matthias Schaart gegenüber «Men's Health» betont. Erstens könnten Hormonpräparate nur die Barthaarstärke beeinflussen, und nicht die Anzahl und Verteilung der Haarfollikel. Und zweites hat der Anstieg des Testosteronlevels im Blut auch einen haarigen Nebeneffekt: den verstärkten Haarverlust auf dem Kopf.

Unregelmässiger Bartwuchs kann aber auch auf die Gene zurückzuführen sein. Die schlechte Nachricht hierbei: «Gegen anlagebedingte, also vererbte Lücken im Bart ist noch kein Kraut gewachsen, da die Haarwurzeln fehlen oder gar nicht erst angelegt sind», sagt Schaart.

Wie mache ich es, dass mein Bart gleichmässig wächst?

Jenen, die letztes Jahr Google fleissig nach der Lösung dieses Problems befragt haben, versuchen wir nun gerecht zu werden. Ist der ungleichmässige Wuchs nicht genetisch bedingt, stören das Bartbild häufig Rasierpickel und eingewachsene Härchen. Jugendlichen mit vielen Mitessern und Pickeln rät das aus Ärztinnen und Psychologinnen bestehende Team des Beratungsportals «lilli.ch», sich trocken zu rasieren. Die Nassrasur reize die Haut eher und begünstige Rasierpickel. Auch sollten Jugendliche nicht an den Barthaaren ziehen. Das irritiere die Haarwurzeln, die schlimmstenfalls die Produktion einstellen. Die Folgen sind die unschönen Lücken im Bart. 

Doch auch beim Rasieren ist es sinnvoll, einige Pflege-Tipps zu beachten:

  • Als Vorbeugung für Rasierpickel schwören viele Männer auf regelmässiges Peelen der Haut. Das fördere einerseits die Durchblutung und entfernt Fett, Talg und abgestorbene Hautzellen, die nach der Rasur zu Entzündungen führen könnten.

  • Oft gehört ist der Tipp, sich direkt nach dem Duschen zu rasieren, da die weiche Haut und geöffneten Poren die Rasur einfacher machen. Die Haut ist dann aber auch empfindlicher. «Lilli.ch» rät deshalb Jugendlichen mit gereizter Haut, sich vor dem Duschen zu rasieren. Dazu das Gesicht mit warmem Wasser und einem milden Gesichtsreiniger säubern.

  • Eine Klinge sollte nur so lange verwendet werden, wie sie wirklich gut schneidet und nicht rupft.

  • Es ist ratsam, bei der Nassrasur zunächst in Wuchsrichtung der Haare zu rasieren, um eingewachsenen Härchen vorzubeugen. Dabei die Haut spannen, damit die Klinge gut an alle Gesichtsstellen kommt. Anschliessend können Jugendliche die Gesichtsstellen nochmal mit Rasierschaum oder Rasiergel einschäumen und vorsichtig in die Gegenrichtung des Haarwuchses rasieren. Nach dem Rasieren das Gesicht mit einem kalten Tuch abtupfen.

  • Weil die Haut durch das Rasieren beansprucht und gereizt wird, rät «lilli.ch», anschliessend ein Aftershave oder Afterbalm auf die Haut aufzutragen.

Ist der Bart ein Must-Have oder Must-Shave?

Diese Frage muss jeder der Herren selbst beantworten. Obwohl die Studie von Wietig nahelegt, dass Bärte die Botschaften der Vergangenheit bis in die Gegenwart hineintragen und der volle Bart momentan so etwas wie eine kulturelle Verallgemeinerung erlebt, sind glatt rasierte Gesichter noch lange nicht von den Strassen und Schulhöfen verschwunden. Und wer will schon anderen bis aufs Haar gleichen? So gibt es mit Stolz getragene Zwischen-Formen - beispielsweise der Moustache, der spärlichen Bartwuchs gekonnt kaschiert.

Und zum Schluss noch dies: Was die Suchanfrage-Liste von Google zutage gefördert hat, ist übrigens nichts Neues. Schon im Mittelalter haben sich Menschen mit dem Bart auseinandergesetzt. Einer berühmten Legende nach stritten sich Gelehrte darüber, ob der Kaiser Karl der Grosse ein Bartträger war oder nicht. Aus dieser Geschichte ist eine heute noch gängige Redensart entstanden. Warum wohl? Ein Blick ins Lexikon schafft Klarheit: «Sich um des Kaisers Bart zu streiten» bedeutet nämlich nichts anderes, als sich wegen einer belanglosen Angelegenheit aus der Fassung bringen zu lassen.

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