Facebook Pixel
Kind > Jugendliche

«Die Jugend von heute ist weitgehend überfordert»

Faul, wohlstandsverwahrlost, ohne Werte – Vorwürfe an die Jugend gibt es und gab es schon immer viele. Zwei so engagierte wie in ihren Lösungsansätzen gegensätzliche Nachwuchspolitiker von JUSO und JSVP unterhielten sich mit uns darüber, welche Vorwürfe sie für berechtigt halten, welche grossen Herausforderungen auf die Jugendgeneration zukommen und warum sie glauben, dass die Familie dabei immer unwichtiger wird.

Was erwartet die Jugend in Zukunft?

Die heutige Jugend sei überfordert, abgestumpft, aber der Zukunft nicht negativ eingestellt - so die Jungpolitiker von JUSO und JSVP. Foto: iStock, Thinkstock

Gegensätzlicher könnten die Überzeugungen von Nina Kunz (18) und Benjamin Fischer (20) auf der politischen Landkarte kaum sein. Kunz ist Vorstandsmitglied der Jungsozialisten (JUSO) der Stadt Zürich und verantwortlich für den Kontakt zur Mutterpartei SP. Fischer ist engagiertes Mitglied der Jungen SVP und erster Vizepräsident der SVP Volketswil.

Dennoch haben die beiden vieles gemeinsam. Beide kandidierten in der Liste der jeweiligen Jungpartei für den Nationalrat. Nina und Benjamin studieren in Zürich, jeweils Geschichte und Betriebsökonomie im Hauptfach. Sie sind jung, intelligent und sich der grossen Herausforderungen bewusst, die ihre Generation in nächster Zukunft erwartet. Im gemeinsamen Gespräch mit familienleben über die Jugend von heute diagnostizieren sie nicht selten dieselben Generationsprobleme. Wenn es aber um deren Bewältigung geht, geraten sie stark aneinander – besonders, wenn Immigranten und Jugendgewalt im selben Atemzug genannt werden.

Über die Generation, die in den Neunzigern und zu Beginn der Nuller Jahre jung war, sagt man heute, sie sei wirtschaftlich erfolgreich, aber politisch schwach und naiv gewesen. Was zeichnet die Jugend von heute aus?

Kunz: Die Jugend von heute ist weitgehend überfordert mit den vielen Möglichkeiten, die sich ihr, nicht zuletzt durch die Globalisierung, eröffnen. Vor 50 Jahren waren die Lebenswege ziemlich genau definiert. Sei es über das Geschlecht, den sozialen Stand, den Beruf der Eltern. Heute haben wir keine Einschränkungen mehr. Der Balanceakt zwischen der breiten Palette an Möglichkeiten und der damit einhergehenden Überforderung zeichnet unsere Generation aus.

Fischer: Das ist so. Jeder kann sich seine eigene Welt, seine eigene Zukunft zurechtzimmern. In welchen Kreisen möchte ich mich bewegen? Welcher Szene möchte ich angehören? Diese Entscheidungen treffen wir heute individuell. Früher hatte man klare Dogmen, die von Kirche, Familie und Gesellschaft gegeben waren. Viele Sitten und Moralvorstellungen, die früher normal waren, entfallen heute und wurden noch nicht ersetzt.

Müssen alte Moralvorstellungen denn durch neue ersetzt werden? 

Fischer: Das ist die zentrale Frage, die unsere Generation zur Orientierungslosigkeit führt. Negativ muss diese Freiheit gegenüber Normen und Werten nicht sein. Freiheit ist für mich persönlich sowieso ein wichtiger Begriff.  Zudem ist in diesem Zusammenhang gerade die Rolle der Frau äusserst positiv. Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte müssen Frauen, zumindest in Westeuropa, nicht mehr für ihre Rechte kämpfen.

Wie sieht das die Frau der Runde? Ist die Frau heute, was Gleichberechtigung und Rollenverteilung angeht, am Zenit angelangt?

Kunz: Was die Berufschancen in der Schweiz anbelangt: Ja. Aber das ist ein formelles Ja. In der sozialen Praxis gibt es immer noch massive Unterschiede, die sich leider nicht so schnell ändern lassen. Wir Frauen können jetzt arbeiten, wählen gehen, vereinzelt auch Führungspositionen einnehmen. Aber mal ehrlich, Frauen werden immer noch als sensibler, weniger belastbar und ängstlicher als Männer bewertet. Sie wurden zu lange als reine Geburtsmaschinen gesehen, als dass unsere Generation die Rollenverteilung so schnell ändern könnte...

Fischer: Doch, klar. Das ist eine Frage der Zeit. Die Frauenbewegung, man nehme 1968 als Umbruchsjahr, ist noch gar nicht so lange her. Der Frauenanteil an den Universitäten beispielsweise steigt stetig. «Economics and Politics», so heisst mein Studiengang, hat eine sehr hohe Frauenquote.

Welche Werte sind denn euch persönlich wichtig?

Kunz: Genau wie Benjamin Fischer bereits erwähnt hat, ist mir die persönliche Freiheit ganz wichtig. Genauso gegenseitiger Respekt vor Gleich- und Andersgesinnten.

Fischer: Mir ist wichtig, inmitten all dieser Freiheit, meine Stärken zu erkennen und sie optimal einzusetzen. Die Werte, die wir von der Familie oder von der Gesellschaft eingetrichtert bekommen, mögen zwar schön und gut sein, irgendwann muss sich aber jeder Jugendliche selber orientieren.

Kunz: Schön, wenn du das so siehst, aber ist es nicht etwas utopisch? Die meisten Jugendlichen sind nicht so eigenständig und lassen sich zum Beispiel von den Medien beeinflussen. Du kannst noch so behaupten, dass sich Jugendliche irgendwann an eigenen Werten orientieren, meistens ist es doch trotzdem das Ziel, soviel Geld zu haben wie die Fussballstars, um sich das teure Auto aus der Werbung zu kaufen.

Benjamin Fischer, Parteimitglied der JSVP.

Benjamin Fischer, JSVP: «Die Familie wird leider immer mehr zum romantischen Fantasiebild.»

Keiner von euch hat Familie, Liebe oder Geborgenheit als Wert aufgezählt. Das erstaunt.

Kunz: Nun, ich denke, dass soziale Kreise wie die Familie oder die Gemeinschaft in einem Dorf oder im Quartier für die heutige Jugend extrem an Wert verloren haben.

Fischer: Vielleicht hat es damit zu tun, dass die Familie in der Schweizer Mentalität sowieso nicht so sehr als wichtigster Wert gilt wie zum Beispiel in südlichen Ländern. Unabhängig davon, kommt das traditionelle Familienbild in der westlichen Welt sowieso immer seltener zustande. Scheidungskinder gehören regelrecht zur Norm. Interessant ist es jedoch, dass sich Umfragen zufolge viele Jugendliche doch das romantische Bild der Familie zurückwünschen.

Du bezeichnest also einen handfesten, traditionellen Wert wie die Familie als romantisches Fantasiebild?

Fischer: Leider wird sie das immer mehr. Wir sind schliesslich die erste Generation, für die es nicht selbstverständlich ist, dass die eigenen Eltern für immer zusammen bleiben.

Kunz: Das hatte aber eindeutig mit der Repression der Frau zu tun. Früher war es unvorstellbar, dass die Frau den Mann wegen Differenzen verliess.

Fischer: Klar, das wollte ich nicht schönreden. Die grosse Beliebtheit von Telenovelas und Liebesfilmen zeigt jedoch, dass doch ein grosses Bedürfnis nach Geborgenheit vorhanden ist.

Nina Kunz und Benjamin Fischer im Gespräch.

Nina Kunz (18) und Benjamin Fischer (20) über Werte und Herausforderungen der jungen Generation.

Wünscht ihr euch das klassische Familienbild zurück?

Kunz: Nein, überhaupt nicht. Für Stabilität und Geborgenheit braucht es ja nicht zwingend Mami, Papi, Golden Retriever und Einfamilienhaus. Ich bin die Tochter einer Alleinerziehenden und hatte eine viel glücklichere Kindheit als viele meiner Freunde, die in einer wohlbehüteten, traditionellen Familie aufgewachsen sind. Es liegt an unserer Generation, neue Familienbilder zu kreieren und vor allem zu akzeptieren.

Fischer: Ich sehe das anders. Es ist ja kein Zufall, dass sich das klassische Familienbild über Jahrhunderte hinweg bewährt hat. Es wäre schön, wenn wieder vermehrt intakte Familien die Norm prägen würden. Unsere Gesellschaft scheint es aber anders zu diktieren. Für die heutige Jugend ist es realistischer, eine Karriere aufzubauen als eine Familie.

Kunz: Klar, Geld regiert die Welt! Dem Geborgenheitsgefühl kann man aber trotzdem einen hohen Stellenwert einräumen. Mit Betonung auf Gefühl, nicht auf eingeschränkte Rollenbilder. Ich wohne in einer WG und wir stehen uns alle sehr nah. Meine Mitbewohnerinnen sind für mich auch eine Art Familie, ganz ohne biologische Verbindung.

Fischer: Die klassische Familie wird aber auch nicht nur durch die Biologie zusammengehalten! Das geht viel tiefer, es geht um ein Urvertrauen, das nur Familienmitglieder geben können.

Ihr scheint eher sachlich mit dem Thema Familie und zwischenmenschliche Beziehungen umzugehen. Ist eure Generation zynischer als die eurer Eltern?

Kunz: Vielleicht. Wir sind zudem abgestumpfter. Daran sind die Medien bestimmt auch Schuld. Gewisse News in den Pendlerzeitungen lesen sich wie die Beschreibungen von Videogames. Wegen unserer Sensationsgeilheit werden sie aufgebauscht und wir können keine emotionale Verbindung dazu herstellen. Informationen werden kürzer, knalliger, plakativer. Reflektiert und differenziert wird selten.

Fischer: Das ist ein grosses Problem der neuen Medien: Die Kluft zwischen Realität und Wahrnehmung. Mit dem Internet haben wir aber auch eine Menge neuer und positiver Möglichkeiten erhalten: Dank den sozialen Netzwerken wird die Kommunikation gefördert, Blogs und unabhängige Nachrichtenportale informieren uns fernab der Mainstreammedien. Die Gefahr ist, dass sich so jeder seine eigene Wahrheit zurechtsammeln kann – das ist viel zu bequem und oft zu wenig skeptisch.

Nina Kunz, Vorstandsmitglied der JUSO Zürich.

Nina Kunz, JUSO: «Heute können wir uns mit Ausgang und Freunden prima von Problemen ablenken.»

Wieso interessieren sich Jugendliche trotz dem freien Zugang zu Information nur selten für Politik?

Fischer: Kürzer, knalliger und plakativer, wie bereits von Nina Kunz treffend formuliert, erklärt dieses Phänomen. In die Medien gelangen nur die Politiker, die provozieren. Seriöse Politiker, die keine Skandale verursachen und sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, erreichen die Masse selten. Das ist schade...

Kunz: ...und führt zu inhaltsloserer Politik.

Fischer: Ich muss aber auch sagen, dass das fehlende Interesse der Jugend an Politik ein Wohlstandsproblem ist.

Kunz: Klar, es geht uns einfach zu gut! Wer in den Achtzigern jung war, hatte mit Repression zu kämpfen. Entweder die Jugendlichen interessierten sich für Politik oder sie gingen total unter. Heute hingegen kann man sich wunderbar ablenken mit Party, Freunden und dem bequemen Alltag. 

Macht ihr der Jugend deswegen einen Vorwurf?

Fischer: Ja, ich bin manchmal schon sehr enttäuscht. Die Jugend von heute ist nicht verdorben, sie ist nicht unanständig, aber das fehlende Interesse an Politik, System und Hintergründe, das stört mich.

Kunz: So geht es mir auch. Deshalb ging ich in die Politik. Um etwas an diesem Zustand zu ändern. Zukunftsangst und Erfolgsdruck entstehen nur, weil unsere Zukunft zu 99 Prozent von den alten Männern in Bern bestimmt wird. Von Leuten also, die unsere Zukunft nicht miterleben werden. Manchmal denke ich, um mich herum merkt das niemand.

Fischer: Die meisten jungen Leute denken, Politik sei extrem abstrakt. Aber es geht um konkrete Themen, die uns direkt betreffen. Bildung, Berufswelt, Sicherheit...

...also auch das Thema Jugendgewalt?

Fischer: Ja, das ist auch ein zentrales Thema. Der Staat muss der Jugend unbedingt Grenzen setzen und strengere Massnahmen einfordern. Jugendliche wissen gar nicht mehr, was ihre Delikte bedeuten. Da gibt es für mich kein Tabu: Erziehungsanstalten und Arbeitslager für kriminelle Jugendliche müssen eingeführt werden. Nur so überlegt man sich zweimal, ob  eine schwere Straftat begangen wird.

Kunz: Arbeitslager? Jeder Jugendliche will Grenzen austesten, da helfen solche Massnahmen nicht. Bereits im Kindesalter müssen Eltern und Lehrpersonen sensibilisieren und Präventionsarbeit leisten. Gewalt wird romantisiert. So wären wir wieder bei den Rollenbildern. Gewalt ist männlich, stark. Ein Mann der dreinschlägt ist bewundernswert. Dieses Bild müssen wir unseren Kindern zuliebe schwächen. Die Repression, von der du sprichst, ist «Pfläschterli-Politik».

Fischer: Überhaupt nicht. Da muss man schlichtweg härter durchgreifen. Vor allem  Jugendliche mit Migrationshintergrund kennen die Grenzen nicht Diese können sich in Schulklassen oft nicht integrieren und zuhause sprechen die Eltern das Thema Gewalt nicht an, weil das in ihrer Kultur gar keine Problematik ist. Lehrer sind überfordert. Es entstehen kleine Gruppen, die sich abschotten und der Hass wird geschürt. Die Problematik Jugendgewalt geht Hand in Hand mit dem Ausländerproblem.

Kunz: Wie kommt es denn, dass über 50 Prozent der Jugenddelikte von Schweizern ausgeübt werden? Die Ausländerproblematik können wir uns nicht wegdenken, natürlich. Aber du schlägst ja gar keine konkreten Verbesserungsvorschläge vor. Die Schweiz muss einfach mehr Integrationspolitik betreiben. Die gegenwärtige Asylzentren-Problematik zeigt, dass die Leute Angst vor den Fremden haben und wenn sie diese wirklich kennenlernen, das Problem weitgehend verschwindet. In meiner Primarschulklasse war ich die einzige Schweizerin. Ich konnte viel von den ausländischen Kindern profitieren, neue Kulturen und Sitten kennenlernen, Toleranz und Offenheit üben.

Fischer: Nun, ein Schweizer Pass sagt noch nichts über einen allfälligen Migrationshintergrund aus. Zum zweiten Punkt: Da hast du wohl einfach andere subjektive Erfahrungen gemacht. Ich als Schweizer Kind, kam mir zurückgedrängt vor , wo Ausländer,beispielsweise auf Pausenplätzen oder an bestimmten öffentlichen Plätzen das Zepter übernommen hatten. Ich frage mich: Wie tolerant müssen wir sein? Wo ist die Grenze? Und wer muss sich wem anpassen?

Die heutige Jugend läuft in Zukunft also vielen Herausforderungen entgegen. Was wird eure Generation besser oder anders machen als die «alten Männer in Bern»?

Fischer: Unsere Generation wird nicht drum herum kommen, vernetzter zu werden und Probleme in grösseren Zusammenhängen zu betrachten. Die Welt ist durch die Globalisierung kleiner geworden. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass jeder Schritt im einen Bereich in einem anderen gewisse Folgen auslöst.

Kunz: Zum Beispiel der Zusammenhang zwischen Wirtschaft und Umwelt. Wie viel können wir konsumieren, bis uns die Ressourcen ausgehen? Das ist ein Problem, das die Gesellschaft bis jetzt immer aufschieben konnte. Unsere Generation wird gezwungen sein, die zentralen Entscheidungen zu treffen. Ein riesiger Druck ist damit verbunden, Angst aber nicht. Trotz der zuvor angesprochenen Enttäuschung, muss ich sagen, dass ich gleichzeitig auch stolz auf die heutige Jugend bin. Nennt mich idealistisch, aber es wird nun mal an uns liegen, die Welt zu verändern.