«Die Pubertät ist für Eltern anstrengender als für die Kinder selbst»

Die Pubertät ist eine Zeit, in der sich Jugendliche körperlich und kognitiv stark verändern. Im Interview mit familienleben erklärt Beate Schwarz, Fachverantwortliche für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie, weshalb die Pubertät für Eltern anstrengender als für ihre Kinder ist und wie Konflikte gemeistert werden können.

Pubertät: Für Eltern und Kinder anstrengend

Die Pubertät kann für Jugendliche und ihre Eltern eine schwierige Zeit sein. Foto: Creatista, iStock, Thinkstock

Für wen ist die Pubertät schwieriger: Eltern oder Kinder?

Beate Schwarz: Eher für die Eltern. Jugendliche haben in dieser Zeit viele Umbrüche und Herausforderungen zu bewältigen wie beispielsweise die Veränderungen des Körpers, neue Freundschafts- und vielleicht auch erste Liebesbeziehungen. Die Forschung zeigt aber, dass sie mit den Transitionen eher gut zurechtkommen. Auch für Eltern ist diese Übergangsphase prägend, da sich nicht nur ihre Kinder verändern, sondern auch die Beziehung zu ihnen.

In welcher Form?

Aus der Sicht von Kindern stehen Eltern hierarchisch sehr hoch und werden als Vorbilder bewundert. Im Jugendalter werden Kinder langsam selbst zu Erwachsenen. Eltern müssen dies begreifen und sind erst einmal ein wenig hilflos, wenn Kinder beginnen Eigenständigkeit einzufordern. Sie müssen nun mehr Freiheiten zulassen.

Das fällt schwer.

Es handelt sich um eine starke Veränderung, die erst einmal stressig ist. Neue Strategien müssen gefunden und neue Kompromisse geschlossen werden.

Können sich Eltern auf die grosse Umstellung vorbereiten?

Eine gute, vertrauensvolle Beziehung ist eine sichere Basis, die in der Pubertät hilft. Ansonsten sollten Eltern wissen, dass die wachsende Eigenständigkeit der Jugendlichen legitim und durchaus auch wünschenswert ist. Konflikte sind in dieser Zeit ganz normal.

Was sind die häufigsten Streitpunkte zwischen Eltern und Kindern?

Heftige und sehr anstrengende Konflikte können schon bei ganz alltäglichen Dingen entstehen: das Zimmer aufräumen, im Haushalt mithelfen, Schulleistungen, Medienkonsum, Freizeitgestaltung oder Ausgehzeiten.

Wie informiert müssen Eltern über die Aktivitäten ihrer Jugendlichen sein?

So gut wie möglich! Eltern, die wissen, was ihre Kinder ausserhalb der Familie machen, schützen sie vor problematischem Verhalten.

Woher bekommen Eltern dieses Wissen?

Da sie ihre Kinder bei Aktivitäten ausser Haus nicht mehr begleiten, ist die Aufsicht geringer geworden. Die Forschung zeigt sehr deutlich, dass Eltern bei Jugendlichen auf deren Kooperation angewiesen sind. Die Jugendlichen sollten von alleine von sich erzählen und sich öffnen.

Das setzt eine gute Eltern-Kind-Beziehung schon voraus.

Genau. Die Jugendlichen müssen sich sicher fühlen und wissen, dass ihre Eltern für sie da sind. Diese Bindung baut sich schon im Kleinkindalter auf und an ihr muss beständig gearbeitet werden. Sind ihre Eltern eine sichere Basis, sind Jugendliche eher bereit, über ihre Probleme und Beschäftigungen zu reden. Eltern sollten signalisieren, dass sie interessiert sind und trotzdem nicht zu stark kontrollieren.

Und wenn sie klammern?

Eine gewisse Kontrolle ist sicher noch wichtig und Eltern dürfen auch zeigen, dass sie sich Sorgen um das Wohl des Kindes machen. Trotzdem müssen sie Vertrauen zeigen und sollten Regeln immer begründen.

Gibt es einen absehbaren Zeitraum, nach dem die Pubertät wieder zu Ende ist?

Es ist ganz unterschiedlich, wann Jungen und Mädchen in die Pubertät kommen und wie lange sie dauert. Während mehreren Jahren kommen im Teenageralter immer wieder neue Dinge hinzu, die verhandelt werden müssen. Mit 17 oder 18 Jahren haben die meisten Jugendlichen ihre Pubertät überstanden.

Wie verändert sich die Beziehung zwischen Eltern und Kindern dann?

In der Regel wird die Beziehung sehr gut. Jugendliche haben zusammen mit Mama und Papa schwierige Phasen durchgestanden und wissen, dass sie sich auf ihre Eltern verlassen können. Oft holen sie sich auch im späteren Alter noch Ratschläge von ihren Eltern.

Können Eltern und Kinder eine freundschaftliche Beziehung haben?

Die Hierarchie nimmt zwar deutlich ab, trotzdem bleiben Eltern Eltern und Kinder bleiben Kinder. Freundschaften und Liebesbeziehungen sollten auf Augenhöhe sein und können auch beendet werden. Im Gegensatz zu Ex-Freundinnen und Ex-Freunden gibt es aber keine Ex-Eltern. Zu Beziehungsabbrüchen kommt es nur in sehr seltenen Fällen.

Dr. Beate SchwarzPD Dr. Beate Schwarz ist Fachverantwortliche für Entwicklungs- und Persönlichkeitspsychologie am Departement Angewandte Psychologie an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Sie erforscht und lehrt seit vielen Jahren über die Entwicklung von Jugendlichen und über Familien mit Jugendlichen.

 

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